schnüren,
verb. vincire, vinculo adstringere, denominativ zu schnur,
mhd. snüeren,
prät. snuorte Lexer
mhd. handwb. 2, 1044,
ahd. *snuorjan (
belegt dero fersnuorton,
defixorum) Graff 6, 849.
vgl. mnd. snôren Schiller-Lübben 4, 279
a,
nnd. snren
brem. wb. 4, 898. Woeste 246
b. Schambach 200
b. Danneil 200
a. ten Doornkaat Koolman 3, 248
a,
mndl. snoeren,
stringere, contrahere funiculo Kilian,
ebenso nndl., darnach als mischform bei Schottel 1406: schnoeren, schnoren,
filo trajicere, fädemen,
enfiler. in bestimmtem intransitiven gebrauch (
s. unten 9)
begegnet schnuren,
das sich durch die umlautlosigkeit des stammvocals als eine andere bildung zu schnur
darstellt. die allgemeine bedeutung von schnüren
ist '
eine schnur handhaben, mit einer schnur behandeln'. 11)
mit einer schnur umwinden, zusammenziehen. 1@aa)
allgemein, zur befestigung: die selben (
bauernsöhne) ouch vil baʒ snüeren kunden ir salzsecke, denn si die îsnîn flecke ûf diu wambîs kunden tuon. Ottokar 26184
Seemüller; der bote schnürt den mantelsack und das reff. Göthe 21, 12.
wie hier die vorbereitung zum fortgehen bezeichnet wird, so auch in den verbindungen sein bündel, den ranzen schnüren,
die häufig den allgemeineren sinn des anschickens zur wanderschaft, abreise gewinnen: der alte hatte also sein bündel in wenig augenblicken geschnürt, und zog .. in der nehmlichen viertelstunde ab. Wieland 8, 294; er konnte mir zu jeder zeit das consilium abeundi ertheilen, und ich muszte dann auf der stelle den ranzen schnüren. H. Heine 10, 176; sobald aber die wiesen grün wurden und die wege gangbar, sagten sie (
die gesellen): es ist doch sauerkraut! und schnürten ihr bündel. Keller 4 (1894), 216; heute noch schnürst du deinen ranzen. Ludwig 1 (1891), 158; wer's mit der welt nicht lustig nehmen will, der mag nur [gleich] sein bündel schnüren. Göthe 15, 2, 219
Weim. ausg.; Piran vernahm es mit verdrusz, dasz wieder den bündel er schnüren musz. Rückert
Firdosi 2, 376; und sein bündel schnürt er wieder. Lenau 1, 381
Koch. etwas auf, an, in etwas anderes schnüren: den mantelsack auf das pferd Adelung; einen rock in eine decke; reich' uns des erzes kraft spitzig, nach hinten breit, dasz wir es schnüren fest an unsrer stäbe schaft. Göthe 40, 385. einen strick, faden um etwas schnüren.
bildliche wendungen: kain wort sol nymer mer usz deinem munde kommen, es sey dann vor gesigelt und geschniert in der vernunfft, das alle umbstend gehalten werden, die dartzuo gehörn. Keisersberg
pred. (1510) 51
b; wüszt' ich nur zu schreiben, ein buch zu schnüren, eine dedication zu wenden, einen narren recht von seinem verdienste trunken zu machen, mich bei den weibern einzuschmeicheln. Göthe 36, 130; ich möchte
dieses buch wohl gern zusammen schürzen, dasz es den andern wäre gleich geschnürt. allein wie willst du wort und blatt verkürzen, wenn liebeswahnsinn dich ins weite führt? 5, 173; als des geschickes dunkle hand, was sie vor eurem (
der künstler) auge schnürte, vor eurem aug' nicht auseinander band. Schiller 6, 272. 1@bb)
von tracht und kleidung, das haar schnüren: diu ander ûʒsetzikeit diu ist an der leien hâre, die ir hâr windent unde snüerent. Berth. v. Regensburg 1, 114, 25.
kleider: die schnürbrust lockerer schnüren. Adelung; es ist itzo die mode, schnallen an den beinkleidern zu tragen, womit man sie nach belieben weiter und enger schnürt. Schiller
räub. schausp. 1, 1; er (
der henker) stund in seinen geschnürten schuhen bis zu den enkeln in dem blute. Liliencron
hist. volksl. 1, 213 (
nr. 44), 25. die glieder, einen, sich in ein kleid, eine rüstung schnüren: ich liesz ihn in seinen harnisch schnüren. Hauff 6, 93; worinne gieng sie ihm entgegen? in einem seiden hemdlein wol genäjet, das war so fein, darinn gieng sie geschnüret, das wacker megdelein. Uhland
volksl.2 143 (
nr. 88), 5; denn jetzund kan ich stündlich sein bey der hertzallerliebsten mein, umb deren gunst und lieb ich han dise weibskleider geleget an, mich darein geschnüret und gesteckt. Ayrer 967, 13
Keller; in rauhes erz sollst du die glieder schnüren. Schiller
jungfrau prolog 4.
ähnlich in den folgenden bildlichen wendungen: ich soll meinen leib pressen in eine schnürbrust, und meinen willen schnüren in gesetze. Schiller
räuber schausp. 1, 2; in seufzer wird die schöne brust geschnürt. Uhland (1864) 458. eine, sich schnüren,
prägnant, vom schnüren der brüste, zusammenziehen der schnürbrust, contrahere pectorale muliebre Frisch 2, 217
c: das weib hat sich geschnüret. Schottel 1407; sich lockerer, sich fester schnüren. Adelung; ich werde mich nicht erst dir zu gefallen schnüren. Günther 1102; das fräulein war geschnürt. Lessing 1, 210; und herr Pygmalion fieng an ... sie anzukleiden, sie zu schnüren — (nicht schnüren, wie man itzo spricht; so schnüren that man damals nicht; man wuszte sich wohl sonst zu zieren!) ich wollte sagen: sie zu gürten. Crome
im Göttinger musenalm. auf 1771 88 (188)
Redlich; freilich geh' ich nie geschnüret, noch gepudert und frisiret. Voss 2, 109.
daher bildlich ein geschnürter styl, '
bei den neueren kunstrichtern, eine art des gezwungenen styl, der gleichsam so steif wie ein geschnürtes frauenzimmer' Adelung.
ähnlich geschnürte tugend,
wie in eine schnürbrust eingeengte: auch meine sorge für deine jugend, recht geschnürt- und gequetschte tugend erreicht nun hier das höchste ziel.
der junge Göthe 3, 496. 1@cc)
fesselnd und folternd: hände auf den rücken schnüren,
manus post terga illigare, vincire Stieler 1908, zusammen schnüren: die furstin clar und reyn hies mich von dannen füern, die hend zu samen schnüern, als ob ich wer verteylt.
der spiegel in Holland und Kellers meister Altswert 182, 28. einen schnüren,
fesseln, binden: der hencker in do snûrte, an ein seil er in do bant.
Dioclet. 2368; herre Jhesus, loisz din obel sehen! unser wille sail doch geschehen und wel dich nu zu recht snoren und mit dir den reien furen.
Alsf. passionssp. 5348.
mit näheren bestimmungen: du leszt dich wol zu diesen schnuren und dich mit andern narren furen.
fastn. sp. 233, 7
Keller; am brunn dort schnürt ihn feste, dem wurfgeschosz ein ziel. Ludwig (1891) 1, 126; auf die folter schnüren,
bildlich: das leben ist ein joch, das uns mehr drückt als zieret, ach ungemach! und auf die folter schnüret. Günther 106.
dichterisch heiszt es auch bande schnüren einen,
halten ihn gefesselt, bildlich: mancher wähnt sich frei, und siehet nicht die bande, die ihn schnüren. Rückert (1841) 331. einen schnüren
weiter von einer art des folterns, wobei schnüre um die arme gelegt und zusammengezogen wurden Adelung,
primum gradum tormentorum adhibere; funiculo torquere Frisch 2, 217
b. das schnüren mit vollen banden
ist nach Adelung
der höchste grad dieser tortur. schnüren heisset auch
pendere, brancher, henken, mit dem strikke umbringen. er ist geschnürt,
suspensus est, estre pendu Schottel 1407. Avé-Lallemant
gaunerth. 4, 602. 1@dd)
im anschlusz daran, wie mit einer schnur zusammenziehen, zusammenpressen, einengen: unglüklicher alter mann — traue der schlange (
Fiesko) nicht. sieben farben ringen auf ihrem spiegelnden rüken — du nahst — und jählings schnürt dich der tödtliche wirbel. Schiller
Fiesko 5, 1. krampf, angst, schreck, schmerz schnürt einen, einem die kehle, die brust zusammen: kann ich diesen krampf nicht abschütteln, der mich so schnürt? Mörike
maler Nolten (1890) 2, 43; der reue schmerz schnürt heftig ihm die kehle, er bringt kein wort aus stummbewegtem munde. Lenau 2, 145
Koch. ähnlich, mit auslassung des objects: die welt ist kalt und rauh, ihr anhauch schnürt zusammen. Rückert (1881) 1, 491. 1@ee) ein thier männliches geschlechtes schnüren,
castriren Adelung,
hämmeln öcon. lex. (1744) 2635. 22)
auf eine schnur reihen, vgl. schnur 5. perlen, corallen
etc. schnüren,
filare, filzare perle, coralli Kramer
deutsch-ital. dict. 2 (1702), 635
b, tobaksblätter (
obersächs.) Adelung. 33)
mit einer schnur besetzen, von kleidungsstücken: dy manne trugen jopen forne uffene mittenander unnd wisse adder von gewande kostliche brost tuchere unnd uber her gesnuret mit syden snuren adder mit breiten senckeln. Stolle
Erf. chron. Haupts
zeitschr. 8, 319; der treit eine hûben, diu ist innerthalp gesnüeret, und sint ûʒen vogelîn mit sîden ûf genât. Neidhart 86, 7
Haupt; der rothe latz erhebt den gewölbeten busen schön geschnürt. Göthe 40, 284. eine wage schnüren,
mit schnüren versehen Adelung. Jacobsson 4, 33
a. 44)
mit der schnur messen, mit der richtschnur zeichnen, vgl. schnur 6. bey den zimmerleuten,
amussis linea notare, bey den maurern,
ad perpendiculum exaequare Frisch 2, 217
b. Jacobsson 4, 33
a: den einen heiszet er (
der meister den knecht) ein holtz absegen. dem andren befihlt er eines zeschnieren, dem dritten zuobehouwen. Keisersberg
seelenpar. (1510) 55
c; der ein astronomus ist, und versteht die artzney nicht, dem ist eben als ein zimmerman, der nichts kan dann zimmern, aber nicht schnüren. Paracelsus 1 (1616), 371 A.
in bildlichen wendungen: ob er mir etwaʒ zeiget dar an ich ze laʒ bin gewesen und vergaʒ der mâʒe und eʒ unrehte maʒ, so snüer ich gern ein anderʒ baʒ. Konr. v. Fuszesbrunn
kindh. Jesu 102, 70; sin (
des rechts) art so gesnüeret ist, swâ gewalt mit rehte vert, reht wird wol gevüeret, swenn aber daʒ reht vert mit gewalt, sân ist sîn name verworden. Frauenlob 96, 4; man kan die rede nu anders snüeren und in manege kluppen spalten. Hugo v. Trimberg
renner 21702. 55)
mit der schnur, die sie zum messen brauchen, pflegen die bauhandwerker auch besichtiger des baus zu schnüren,
sie durch vorhalten derselben zur auslösung mit einem trinkgelde zu veranlassen, vgl. in die schnur nehmen, kriegen
unter schnur 6,
extenso funiculo retinere, et impedire aliquem donec quid nummorum solvat Frisch 2, 217
c. Adelung. Frischbier 2, 308
b. 66)
von hier oder von 1,
c aus hat sich wol die in niederer sprache weit verbreitete bedeutung '
prellen, einen durch list um sein geld bringen',
meist vom übertheuern der gastwirte, entwickelt. Kluge
studentenspr. 123 (
belege von 1721. 1747. 1764). Adelung ('
im gemeinen leben üblich'). Klein 2, 137 (
Baiern, Pfalz, Jülich und Berg). Höfer 3, 109. Schöpf 642. Hügel 143
b. Hunziker 229. Spiesz 224. Albrecht 205
b. 77)
die bedeutung '
leiten',
die in folgender stelle vorliegt, setzt entweder eine verwendung des wortes als '
leiten mit, an der schnur'
voraus oder knüpft an schnur,
richtschnur, an (
s. dieses 6): ir begirde âne luge suochte der demuot luoder mit menger tugende ruoder die ir herzen schif fuorten und eʒ so ebin snuorten ab disem wilden mere zuo dem himelschen here. Hugo v. Langenstein
Martina 149, 57;
daran schlieszt sich ein mhd. gebrauch als '
sich begeben, sich wenden': mit der gesiht er snuorte hin und lieʒ eʒ also sî
n. Reinfried von Braunschweig 3934; zuo dem frônen gotes grabe der bote eben snuorte. 23445; hin für den künc er snuorte mit sîner reise snelle. 26183. 88)
von schnur 6
geht sicher ein waidmännischer gebrauch aus, schnüren heiszt wenn ein wolf stets den trab lauft und mit den hintern klauen jedesmal accurat in die fördersten tritte eintritt. Flemming
vollk. jäger (1749) 110, schnüren thun die wölfe, füchse, wilden katzen und dergleichen indem sie im trabe mit dem hintern laufte allermal wieder in den tritt treten, den sie mit dem vordern gemacht haben und also alle tritte in gerader linie fort setzen. Heppe
jagdlust (1784) 3, 804. Behlen 5, 546: denn sie (
die füchse) schnüren so gerade, wie der wolff, weil sie meistentheils traben. Döbel
jägerpr. 1, 39
b,
auch schnuren
öcon. lex. (1744) 2638. Eggers
kriegslex. 2 (1757), 833. Adelung. 99)
dasselbe gilt für das bergmännische intransitive mit einander schnüren,
markscheiden, angrenzen Veith 426 (
mit belegen vom ausgange des 17.
jahrh. an), wann die zechen im bergwerk neben einander liegen,
vicini sunt in fodinarum meatibus Frisch 2, 217
b. Adelung. Jacobsson 4, 33
a.
auch mit anderem schnüren: in beyseyn derer mit dem feld schnürenden gewercken.
quelle von 1698
bei Veith 426. 1010)
in der forstsprache heiszt schnüren,
dasz ein zu beschlagender holzstamm sich auf zwei entgegengesetzten seiten nach der schnur in gerader linie behauen läszt Behlen 5, 546.