Wossidia
pissen harnen: 'dar du in gepisset hefst' Rost. Arzn. 26
b I.
eig. 1. Wortgebrauch: pissen gilt allgem.; gegenüber den Syn. migen und seichen wird es als weniger grob, als feiner empfunden: ierst (im Eheleben) heit dat piß, Leiwing, piß, nahst heit dat mig', Düwel, mig' Wo. Sa.; seichen wird von weiblichen Personen gesagt SchwSchwerin@PampowPamp; mehrf. für männl. œwern Dumen pissen: wat nich œwern Dumen pissen kann, möt von Buurd bliben Frauen gehören nicht aufs Schiff RoRostock@WustrowWustr; dei (ein Bezechter) döggt nich mihr œwern Dumen tau pissen Ribn. 2. sprachl. Belege; intrans. ohne Dativergänzung a. Rdaa.: lat em (den trotzigen Jungen) man roren, denn bruukt hei nich tau pissen Schö; holt still, Kutscher, Madamm will pissen SchöSchönberg@CordshagenCordsh; ji sünd mi nette Christen, wenn ji bäden sœlt, willn ji pissen HaHagenow@BesitzBes; wenn ein Mäkelbörger pißt, denn pissen s' all' RoRostock@RibnitzRibn; du sühst ut as din Mudder, œwer pissen deist grad' as din Vadder Wa; lat mi an Land, seggt de Fohrgast tau 'n Schipper, an Buurd kann ick nich pissen SchwUelitz; Wi; Jung' (zum Schiffsjungen gesagt), wat wist to Luwsit pissen, hest du up 'n Manewoor fohren? (Schippsjungens pissen jo an de Leesit) RoRostock@WarnemündeWarn; hest ok all eins in gräun Water pißt? Abfertigung des Großsprecherischen durch den erfahrenen Seemann Ribn; nah 'n Glas Bier pißt man bäter as nah ne Köst drög' Brot Wi; dei (der Geizige)
pißt up 'n Sneeball un süggt denn' ut Wa Waren@LehstenLehst; dei (jem., der mehr will als er kann) will ok ümmer mit de groten Hunn' pissen un kann 't Bein nich hochkrigen GüGüstrow@BützowBütz; Abfertigung: büst so klauk, kannst in 'n Düüstern in de Stuw pissen, kannst bloß de Midd' nich finnen Wo. Sa.; he is bannig schlau, dee kann in 'n Bagen pissen StaStargard@NeustrelitzNStrel; dei pissen beid' in einen Pott spielen unter einer Decke, sind von gleicher Art GüGüstrow@GülzowGülz; im Neckreim: Hinnrich, Pinnrich, Smäd'gesell, Stig' up 'n Aben, piß in de Kell Wo.
V. 4, 90; Krischan, Pischan, Pöttergesell, Stig' up 'n Aben un piß inne Höll 151. Zss.:
in-,
utpissen. b. Vergleiche: dat klœtert, as wenn de ollen Wiwer in 'n Stahn pissen RoRostock@RibnitzRibn; dat is jüstement, as wenn ick in de Bäk piß un denk, nu sall 't œwer un dœwer driben MaMalchin@Groß MethlingGMethl; wenn ick denn' (der kein Geld nützlich anzuwenden versteht) 'n Daler gäw, dat is, as wenn de Mügg' int apenbor Meer pißt WaWaren@MalchowMalch; dat (eine geringe Regenmenge)
is, as wenn de Meiw an 'n Strand pißt RoRostock@RibnitzRibn; dat (ein schlecht schmeckendes Getränk) is grad', as wenn de Voß upt Ies pißt Wa; von etwas Schwierigem: dat is all' nich so as piß du man, dat sall ok natt sin RoRostock@WarnemündeWarn; dat (eine krumme Furche) süht ut, as wenn dei Bir pißt GüGüstrow@GülzowGülz; ..., as wenn dei Bull pißt hett Nd. Jb. 48, 37. c. bildl. von feinem Regen, Ähnliches
s. unter b: dor pissen de Müggen all wedder PaParchim@Neuhof bei DobbertinNeuhD; dei œwerlandschen Müggen pissen RoRostock@KörkwitzKörkw; nu (bei Regen, während die Sonne scheint) pissen de Wülw Wa;
vgl. utpissen; mit unpersönl. Subj.
s. unt. II. 3. intrans. mit Dativergänzung: hei lacht, dat hei sick lank de Beinen pißt HaHagenow@LankLank; dei (die ausgelassen Lachenden) wullen sick all' in de Bücks pissen RoRostock@KessinKess; hei hett all väl taulihrt, hei pißt sick nu blot noch up dei Stäwelspitzen, früher pißt hei sick inne Bücks WaWaren@KraaseKraase; derbe Aufforderung: so, nu pissen S' sick in de Hand un denn drinken S' up min Gesundheit! Pa; ähnl. Wi; Zuruf an jem., der dem andern im Wege steht: lat di man nich in de Tasch pissen StaStargard@FeldbergFeldb; lat di nich an 'n Wagen pissen paß auf, daß sie dich nicht betrügen NStrel; wer kein Geld hett, piß mi nich an 'n Wagen komme mir nicht zu nahe Ha; hei pißt di anne Baud' beleidigt dich HaHagenow@BoizenburgBoiz; Abfertigung: gah nah Hus, piß din Mudder up 'n Kes' WaWaren@Groß FlotowGFlot; von einem bösen Weib sagt man: dee hett den Düwel an 'n Stäwel pißt, dat ward min Dag' nich wedder drög' Ro; Vergleich: dat is so schön, as wenn einen 'n Engel upt Hart pißt MaMalchin@SchwinkendorfSchwink. 4. substantivierter Infinitiv und imperativische Bildungen a. Pissen geiht vör 't Danzen das Notwendige geht vor RoRostock@GresenhorstGres; mit dem bei Erntefesten oft gesagten Zusatz ..., wenn 't ok mit de Brut is Wi; wenn dei (eine überfleißige Frau) bi 't Pissen is, denn sammelt sei Spön MaMalchin@GielowGiel; dorvon kennst du (jem., der gänzlich sachunkundig ist) ok grad' so väl as 't Hauhn von 't Pissen RoRostock@BastorfBast. b. Piß-an-'n-Tun Buchweizengrütze LuLudwigslust@Groß LaaschGLaasch; WaWaren@SchorssowSchorss; Ro Rostock@Nienhagen bei DoberanNHagD; dünner Kaffee GüGüstrow@SchwaanSchwaan; Abfertigung auf die Frage wat gifft 't tau äten? Hack un Plück un Piß-in-'n-Pott Wa; als Kindername im Hausstandsreim: Piß-vör-de-Dör Heit min Gör mehrf.; Spottname: Johann Piß-an-de-Wand RoRostock@RibnitzRibn; erfundener ON.:
Piß-œwer-'n-Tun StaStargard@WulkenzinWulk. 5. trans.: ne
Glitsch pissen
s. Glitsch (
Bd. 3, 190); denn' (dem Vater reicher Töchter) pissen sei noch 'n Gäwel, ne Eck von 't Hus Wa;
vgl. die Zss. an-, be-, natt-, ut-, vull-, wegpissen; sick hen-, natt-, ut-, ver-, wegpissen; Scherzaufforderung an jem., der hinausgeht: piß man klor Luft bewirke, daß die Luft klar wird Wa. 6. Volksglaube; Segenszauber: in 'n Krüz pissen über neu geworfene Ferkel WaWaren@SchloenSchloen; über neue Fischernetze RoRostock@WarnemündeWarn; um Glück beim kommenden Fischfang zu haben, haute ein alter Fischer im Winter ein Loch ins Eis un pißt dor œwer ebda; beim Füttern soll man morgens up dat Hackels pissen, dann gedeihen die Pferde NHagD; wenn die Hausfrau morgens bei der ersten Fütterung int Emmer pißt, bekommen die Schweine keinen Rotlauf Börg; Schaden wird abgewendet: wenn der Fischer vor der Ausfahrt einer alten Frau begegnet, muß er, um dies Unglückszeichen nichtig zu machen, dreimal œwer 'n Weg pissen Warn; man bleibt beim Holzdiebstahl unentdeckt, wenn man gleich nach dem Sprung über den Graben nah 't Revier rin pißt MaMalchin@DargunDarg; Heilzauber: bleichsüchtige Frauen sollen an drei Freitagabenden nach Sonnenuntergang dörch 'n Twölftenbessen (einen in den Twölften gebundenen Besen)
pissen WiWismar@NeuklosterNKlost; um einen Schnurrbart zu bekommen, muß ein Jüngling dörch 'n Tun kiken, wo ne Jumfer dörch pißt hett Wa; ein Jäger, der viel Wild krank schießt, muß eine Jungfer durchs Rohr seiner Flinte pissen lassen WaWaren@MalchowMalch; an de Wittenburger Kirch pissen macht vernünftig HaHagenow@RedefinRed; Ro; œwer 'n Dumen pissen hilft, wenn ein Kartenspieler Unglück im Spiel hat WaWaren@EldenburgEld; Jab; MaMalchin@BrudersdorfBrud; StaStargard@GrammertinGramm; wenn eine Kuh blaue Milch gibt, läßt man sie in einen Sack pissen und schlägt diesen dann tüchtig WiWismar@PepelowPep; Verbote: man darf nicht gegen den Wind pissen, süs kriggt man sniden Water Harnzwang RoRostock@RövershagenRöv; nicht in de Wagenläus' pissen, sonst bekommt man
sniden Water MaMalchin@GnoienGnoi, oder ein Gerstenkorn Wa; wenn man zum Melken geht, soll man nicht im Stall pissen, sonst tun die Kühe dasselbe während des Melkens LuLudwigslust@LaupinLaup; Strafe durch einen Dämon: einer faulen Spinnerin, dee bet Lichtmissen de Heid' noch nich upspunnen hett, pißt Fru Goden in de Heid' PaParchim@Wendisch PribornWPrib. II. übertr.: pissen regnen: dat pißt 'n ganzen Dag SchöSchönberg@WarnowWarn; wenn 't Anna (am Tag der heiligen Anna, dem 26. Juli) pißt, pißt 't vier Wochen ganz gewiß Wi;
vgl. ob. I 2 c; stark schwitzen:
he pißt dörch de Ribben StaStargard@NeustrelitzNStrel; Gramm; in a. Spr. als Fachausdruck der Goldschmiede pissen mit dünnem Strahl nässen (Wi 1470—1491) Festschr. Wo. 56
b; herausschleudern, ausspucken: ick heff Lifsniden int Gesicht, kann kein Wuurt pissen Wa. — Mnd. pissen aus dem Franz. Teu. Sprachreste 312. — Br. Wb. 3, 323; Dä. 351
a; Da. 156
a; Kü. 2, 543; Me. 3, 1037.