Eintrag · Mittelhochdeutsches Wb. (MWB)
kinne stN.
1.1 als Ort des Bartes in Wendungen zu Alter, Reife und Mannheit
1.2 Tränen, die über das Kinn laufen, als Merkmal großer Trauer
1.3 das Kinn in die Hand legen, als Teil einer betrübten und nachdenklichen Haltung
1.4 die Hand am Kinn eines anderen als Geste der Vertrautheit
1.5 oft im Rahmen idealtypischer (höfischer) Schönheitsbeschr. (von Männern und Frauen)
2 ‘Kinnlade, Unterkiefer’ , hier vom Esel (vgl. kinnebacke , kinnebein , kinnebracke )
1 ‘Kinn’ dâ das gollier [der Kragen] unz an daz kin / gereichte, unz an die rinken [Gürtelschnalle] hin / diu knöpfel wâren silberwîz Helmbr 185; eyn blattere an deme kynne OvBaierl 72,7; dem vih sol ein knecht nachgan, der sol tragen ein partholz [langstielige Barte] vnd soll das isen zu berge keren an syn kinne, ob er schlieffe das er [l. es] in steche, das das vih nit gestigen in keines mannes matte WeistGr 4,164 (a. 1343); UrkCorp (WMU) N815,7; er stach mir mit der tyoste sîn / den helm dâ an daz kinne mîn, / daz mir daz kinne wart bluotes naz UvLFrd 226,10 (vgl. kinnebein ); Herb 4407 1.1 als Ort des Bartes in Wendungen zu Alter, Reife und Mannheit: sô junc ein man, / daz sîn kin noch nî granen gewan Crane 3591; ich gewinne [...] ein grawez kinne als ein bok Walth XVII,40; bartlôser muot, nu birc daz kinne! KLD:LvS 8:2,7 1.2 Tränen, die über das Kinn laufen, als Merkmal großer Trauer: ir wâren wengelîn ind kin / begozzen gar mit trênen naz Crane 3421; NibB 2257,4 1.3 das Kinn in die Hand legen, als Teil einer betrübten und nachdenklichen Haltung: wie wart hie undersetzet ir kinne mit den handen? / an vreuden unergetzet begunde siz den ougen lieht enblanden [schwer zu machen] JTit 4518,1; Herb 10594; ich saz ûf eime steine / und dahte [bedeckte] bein mit beine. / dar ûf sazte ich den ellenbogen, / ich hete in mîne hant gesmogen / mîn kinne und ein mîn wange. / dô dâht ich mir vil ange [bedrückt] , / wes man zer welte solte leben Walth 8,8 1.4 die Hand am Kinn eines anderen als Geste der Vertrautheit: in triutelîcher wîse dô was der megede hant / an ir vater kinne Kudr 386,3; dô er in gruozte und an sîn kinne / im greif in valscher [geheuchelter] friundes minne Renner 6249. 6256; er nam si bî ir kinne / unt kuste si an iren munt DietrGlesse 100; sie ging zu Lancelot und nam yn by dem kinne; des schampt sich Lancelot ußermaßen sere Lanc 462,29; Neidh (S) 2,131 c48:6,4; Loheng 7226; UvLFrd 365,8; den künic si bî der [La. dem ] kinn gevie EnikWchr 14172 1.5 oft im Rahmen idealtypischer (höfischer) Schönheitsbeschr. (von Männern und Frauen): din [Christus] wolstendes kinne Seuse 552,6; ir [der toten Maria] enwas ouch niht entwichen / ir varwe noch erblichen / ir nase, ir munt, ir chinne KvHeimHinv 577; er hett eynen großen munt und einen großen langen hals, die zene wiß und ein hohes kinne Lanc 26,22; Herb 3197; ir kinne, ir kel, ir goltvar hâr, / [...] / sol ich daz lange mîden, / so muoz ich kumber lîden SM:WvH 4: 1,9; MF:Mor 25: 2,1; KLD:GvN 48: 3,2; SM:KvA 2: 4,1; Herb 2927; MinneR 3 44; wichtig auch das Grübchen: die kunst wil, daz man prise / ein kinne von guter wise. / daz mezseclichen sie getan / und sol ein grubelin mitten han Physiogn 266; sunder an dem kinne was her ein wenic gezweigespeldit EvBeh Einl. 15; KvWTroj 19985; HvNstAp 13213. 15059; Lanc 35,5; sinwel was der kinne sîn, / und ein kleinez gräbelîn, / als ez wol dem kinne zan, / was enmitten dar an WvRh 6342 2 ‘Kinnlade, Unterkiefer’, hier vom Esel (vgl. kinnebacke , kinnebein , kinnebracke ): uf einim velde das geschah / da Sampsonis manheit / ê mit des esils kinne streit / den sig RvEWchr 30942. 30945. – ‘Kiefer, Rachen’ (vgl. kinnebacke 2): dem [Fisch] brich ûf sînes mundes kinne [ aperto ore eius Mt. 17, 26(27)] , / dâ vindest du zwên phenninge inne Philipp 5960
MWB 3,1 250,11; Bearbeiterin: Baumgarte