Eintrag · Mittelhochdeutsches Wb. (MWB)
gelücke stN.
1.1 allg.
1.2 von ~ ‘durch Zufall, zufällig’
1.3 etw. an (ein) ~ lân ‘etw. dem Schicksal anheimstellen’
1.4 jmds. ~ ist guot u.ä.
1.5 übertr., ‘vom Geschick zugewiesene Lebensstellung’
2 ‘günstiges Geschick, glückliche Fügung, Glück’
2.1 allg.
2.2 ûf/nâch ~ ‘auf gut Glück, aufs Geratewohl, in der Hoffnung auf Gelingen’
2.3 gelückes vunt ‘Fund durch glücklichen Zufall’
2.4 häufig guot ~ (vgl. 1.4 )
2.5 zusammen mit bedeutungsverwandtem heil , (ge)linge , sælde u.ä., teilw. formelhaft
2.6 im Ggs. zu arebeit , ungelücke , unsælde u.ä.
2.7 in Verbindung mit best. Verben;
2.8 im Anschluss an die mittelalterliche Vorstellung des personif. Glücks, der vrou Sælde (vgl. de Boor, Fortuna S. 311 Anm. 1 [Lit.] und S. 314-320), teilw. sprichw.
2.8.1 gelückes rat (vgl. gelückrat ), das sich drehende Rad des Glücks ( rota Fortunae )
2.8.2 gelückes bal, schîbe u.ä.
2.8.3 ~ ist sinewel, walzet
2.9 personif.
1 ‘Schicksal, Geschick, Zufall’ 1.1 allg.: der hêre unde sîn here / fûren dô uber mere / dar si gelucke sande En 3743; gelücke iuch müeze sælden wern Parz 431,15; gelücke iu heil / gebe ebd. 450,25; KvWSchwanr 1534; des helfe mir gelücke, daz si uns genædic müeze sîn NibB 1154,4; mit gelükke, daz dâ heizet sors, / gewan her Heinrich drîzik ors DietrGlesse 701; Parz 322,19; Wig 1382. – wan hete ich zu der stete pflicht, / so hieze ich ouch gelücke nicht Frl 5:51,14; gelücke ist underscheiden. [...] / daz ein ist gut [...]. / ouch wizzet, daz gelücke ist böse ebd. 5:52,1.7. – vom Ausgang, Erfolg einer Sache: der abbet [...] warte der vischære, / welh ir gelücke wære. / [...] er sprach: ‘wie ist ez ergangen? / habet ir iht gevangen?’ Greg 982 1.2 von ~ ‘durch Zufall, zufällig’ von gelücke daz geschach LBarl 6201; bî Rôme ein hûs verborgen [...] stêt [...]. / wer ez suochet und wil ez vinden, / vor dem kan ez verswinden. / von gelücke man dar komet UvEtzAlex 12519; er [Christus] trug [...] / sin cruce; von gelucke / Simon quam und half im train [vgl. Mc 15,21 ] TvKulm 4504; Wh 8,19; RvEBarl 2108; DvASchr 356,26 1.3 etw. an (ein) ~ lân ‘etw. dem Schicksal anheimstellen’ daz ir iu kieset einen man [...], / der ze kampfe sî getân / und an gelücke welle lân, / weder er genese oder entuo Tr 6118; Eracl 4872; ähnl.: daz gluͦck sich / vnderwijlent verkeret, / vnde danne den man vneret, / der sich so an es verlat [sich ihm ausliefert] Krone 21513. – vgl. andererseits: nu muͤste [...] / Gedeon [...] an got sin gelúcke lan [seinen Erfolg oder Misserfolg Gott anheimstellen] RvEWchr 18578 1.4 jmds. ~ ist guot u.ä.: [Turnus:] ich wolde ê selbe sterben [im Zweikampf gegen Aeneas] . / iedoch trouwe ich wol genesen, / sal mîn gelucke gût wesen En 8734; swaz man dem unsæligen [zum Unheil Bestimmten] tuot, / sîn gelücke wirt doch nimmer guot Er 6007; UvZLanz 8504; Iw 5517; sie wolde baz ir gelucke sehen Herb 15809 1.5 übertr., ‘vom Geschick zugewiesene Lebensstellung’ her [...] vregete si wi si hizen und wannen si wêren und waz ir glucke wêre. dô sageten si iz ime: ‘wir sint erzte und sint kristen.’ HvFritzlHl 206,2 2 ‘günstiges Geschick, glückliche Fügung, Glück’ 2.1 allg.: ich hân gehœret jehen, / daz schade nâch gelücke kumet Bit 2925; wir haben Gaschiere / gevangen einen grâven abe [...]. / sölch gelücke kumt uns selten Parz 31,26; UrkCorp N746,9; mir was gelückes dâ verzigen Iw 748; owê, dâhte der künec dô, / wie wenket mir gelücke sô? / waz ist der gote râche ûf mich? RvEAlex 342; JTit 5081,1. – als Prädikativum: sie [die Menschen] [...] vielen in mangen irretuom. / daz gloupten sumelîche / daz al daz ertrîche / ein gelücke wære LBarl 2400; dâ stuont ein wol gewahsen eich, / diu was im ein gelücke. / an si kêrt er den rücke / und hete von ir schirmes gnuoc, / sô daz in nieman hinden sluoc KvWTroj 34753; LivlChr 11054; von einer Person: dô der süeze Anfortas / dîn wirt unt dîn gelücke was [d.h. derjenige, der dich glücklich machen konnte] Parz 441,24 2.2 ûf/nâch ~ ‘auf gut Glück, aufs Geratewohl, in der Hoffnung auf Gelingen’ [Kaiser Eraclius will mit der Kreuzreliquie nach Jerusalem einziehen:] barvuz mit grozer armekeit / nam er do uf den rucke / daz kruze uf gelucke / und quam alsus zu der stat. / seht, wa die mure [die sich ihm zuvor verschlossen hatte] entzwei trat / und lie wesen als da vor / an ir ein gerumez tor! PassIII 282,68; ubir dî brucke / sach man ûf gelucke / dî brûdre loufin NvJer 12322. – den ein tuot waffen vrei [macht seine Bewaffnung unbekümmert] , / so vert der [andere, Unbewaffnete] nah gelüke Krone 2933; Jeisbût intsebete, / daz er hatte des tôdis stich [...]. / îdoch slûg er zurucke / nach wânis gelucke NvJer 19667 2.3 gelückes vunt ‘Fund durch glücklichen Zufall’ quecsilber wart nie wilder dan gelückes vunt RvZw 264,3; dich mag wol betowen / gelúkes funt vnd selden [= sælden ] regen MinneR471(Pf) 2,47. – von einer Person: mîn trût, [...] du bist gelükes vunt SM:KvL 2: 4,4. 10:2,11 2.4 häufig guot ~ (vgl. 1.4 ): und wirt er danne des gewert, / daz sîn ein guot gelücke pfliget / und er den lewen an gesiget UvZLanz 1741; der man hât guot gelücke, / swer den stein [einen achât ] bî im hât: / swâ er rîtet oder gât, / er wirt nimer gevangen Volmar 206; Herb 1653; KLD:RvR 2,47; LivlChr 11970; Tauler 189,3 2.5 zusammen mit bedeutungsverwandtem heil, (ge)linge, sælde u.ä., teilw. formelhaft: durch vnser sele giluͤke vnd haîle UrkCorp (WMU) 473,19; PrGeorg(Sch) 15,283; Tristan [...] seite im, alse ez was geschehen, / sîn gelücke und sîne linge Tr 16193. 10593. 18455; KvWTroj 27546; gesuntheit, sælde und allez guot, / gelücke, vreude rîchen muot / enbiutet dir [...] der vater dîn RvEBarl 13818; Herb 6770; Athis C 152; Eckh 5:55,19 2.6 im Ggs. zu arebeit, ungelücke, unsælde u.ä.: nu er im hæte geseit / sîn gelücke und sîn arbeit Tr 10746; daz unglück und glück peidiu ungewis sint und unstæt BdN 203,26. 203,21; JTit 2211,1; Eckh 1:276,2 u.ö.; leider tac, [...] / du wære ie mînes heiles diep, / der mîn gelücke stôrte / mit unsælden kumberlich KvWLd 15,35; dis betrahten [...] truket mich in gelúcke und haltet mich in widerwertikeit [ me erigit in adversis, in prosperis deprimit Seuse, Horologium 493,15f.] Seuse 255,4; MarlbRh 3,27 2.7 in Verbindung mit best. Verben; ~ waltet: daz her den lip ie behielt, / groz gelucke des gewielt GrRud H 56; gelücke müezes walden! Parz 678,17. 351,22. 701,27; SAlex 6292; UvZLanz 4464. – jmdm. geschiht ~ : da ime daz gelucke geschach / daz her den heiligen man sac Ägidius 902; Troylus des genoz, / daz er im [dem Diomedes] daz ros erstach. / svlich gelucke im geschach Herb 6378. vns enkan gluckes niht geschen ebd. 11926; Tr 7464; LivlChr 9318. 11217. – jmdm. volget ~ : daz dem wirte nie / an deheinem dinge missegie, / wan daz gelücke volget im ie Wig 1052; MNat 17,20; so bit ich got, das [...] dir alles gelúck und heil volg Seuse 483,5. 394,7; ähnlich: hôch gelücke mit im vert, / manlich heil ist im beschert RvEAlex 4757. – ~ wächst, geht auf, schwindet: sô möhte ime gelücke, heil und sælde und êre ûf rîsen Walth 29,31; von sældenrîchem manne / gelücke wahset mit genuht KvWTroj 5691. 12449; des vater guot gelücke swein RvEBarl 13725; sie slûgen manchen rischen man, / die sich wol mochten hân gewert, / wêr ir gelucke nicht verzert LivlChr 1468. – jmd. hât ~ : den Crichen gebristet niht. / ez ist ein harte riche dit. / sie han gelucke vnde heil Herb 2154; waz haben wir wider got getan, / daz wir gluckes niht enhan? ebd. 11684; swer wænet hân gelücke ân in [ got ] , / daz ist ein tœrlîcher sin RvEAlex 4801; NibB 249,3; Wig 1883; NvJer 19915; subst.: der on al buß / wirt von diser welt begraben / mit dem boͤsen gluͤck haben, / das ist ain versichtlich sach, / er kom doͤrt ze ungemach Teichn 577,48. – jmd. versuochet sîn ~ : dô versuochte unser herre sîn gelücke dannoch baz PrBerth 2:209,11; Ammenh 17943; mit folgendem indir. Fragesatz: ich wil vürebaz / mîn gelücke noch versuochen, / ob dâ vrouwe Sælde mînes heiles welle ruochen Neidh WL 35:3,12; Walberan(L) 2782; Seuse 12,12; ähnl. RvEWchr 18370. – etw. stât an ~ : ieglich ellenthafter degn / muoz al sîne manheit lân / an sælde und an gelücke stân RvEAlex 7138; vil dinges an gelu̇cke stat UvZLanz(K) 7518b; RvEBarl 11864 2.8 im Anschluss an die mittelalterliche Vorstellung des personif. Glücks, der vrou Sælde (vgl. de Boor, Fortuna S. 311 Anm. 1 [Lit.] und S. 314-320), teilw. sprichw. 2.8.1 gelückes rat (vgl. gelückrat ), das sich drehende Rad des Glücks (rota Fortunae): daz stât an des glückes rade Freid 110,17; daz glüches rat / jst vertig vnd sinewel Krone 4144; wolde geluckes rat / uf minen gewin sich schiben MinneR210 222; jô walzet ir [der sælde ] gelückes rat / vil stæteclîche ûf unde nider KvWTroj 2350; im diente des gelückes rat, / daz im nach êren umbe lief ebd. 7244; KvFuss 1620; RvEAlex 2407; SM:Wi 9:12,3. – bezogen auf das Bild / die Vorstellung menschl. Figuren, die mit dem Glücksrad auf- und absteigen: gelückes rat daz treit vier man: / der eine stîget abe, der ander stîget an, / der dritte ist obe, der vierde der ist under Sigeher 7,1; Wig 1047; SM:JvR 1:13,1. – jmd. sitzet / vert / stîget ûf gelückes rade u.ä.: wer hât ir [der Frauen] gunst, der sitzet ûf dem glükes rade SM:JvR 1: 10,13; sie vuoren ûf gelückes rade Flore(S) 845; sie wâren hôhe gestigen / ûf des gelückes rat, / nû müezen sie von der stat / aber nider rucken ebd. 6149; er [Georg] ist komen ûf gelückes rat, / daz muoz im immer stille stên [d.h. sein Glück nimmt kein Ende] Georg 194; RvZw 91,4; JTit 5277,2; Neidh WL 25:6,13. – got werfe in von gelückes rat Freudenl 698; ich muoz iemer ligin under glükes rade, / mirn helfe ûf mîn frowe sældebære SM: Had 30: 1,9; KvWLd 1,128. – seltener stellt das Rad selbst das Glück dar: sô vürhte ich, daz gelückes rat noch vor dem rîche [dem Kaiser] stille stê [d.h. nicht bis an ihn herankommt] WernhSpr 10,9; zuo slîchet dir gelückes rat / und setzet dich ûf sich enbor Georg 2360; gelückes rat ist sinewel, / im loufet maneger nâch, doch ist ez vor im gar ze snel / unt lât sich doch erloufen williclîch, den ez beswîchen wil RvZw 91,1. – Bez. einer wie ein Rad gebauten Brücke, die nur tugendhafte Leute über sich lässt, andere herabwirft: dar nach rayt der Printzel / [...] uber deß geluckes rad / [...] durch das tor in di stat HvNstAp 11335. 11206(La.). 13433 2.8.2 gelückes bal, schîbe u.ä.: geluckes balle [...] het inz geweltzet bazzer JTit 2418,2; die [Krieger] hetten sich gelazzen / zv tode vnde zv libe, / dar nach daz die schibe / des gluckes leuffet vnde get Herb 13167; ûf gelückes schîbe / stên ich nû ze stunden SM:Ro 3: 3,5; Martina 218,28; Erlös 2820. – gelücke ist rehte als ein bal: / swer stîget, der sol fürhten val Freid 114,27 2.8.3 ~ ist sinewel, walzet: gelücke daz ist sinewel dicke alsam ein bal Kudr 649,2; gelücke ist oft sinewel, / hiute nider, morgen hôch Gauriel 4982; Wh 246,28; Krone 5965; Renner 17270; auch Pl.: gelücke diu sint sinewel KLD:Namenlos h 8,6. – gelücke ist gar ein wildez lôz, / daz dicke walzet an und abe KvWTroj 18400 2.9 personif.: gelücke daz enhœret niht / und selten ieman gerne siht, / swer triuwe hât Walth 90,19; mir hât gelücke dich / gesendet, herzen freude mîn Parz 801,6; dô kêrte von in unde vlôch / gelücke, daz in wonte bî KvWTroj 5755. 12608. 18960. 22844; Krone 11192. 11344; RvZw 248,4
MWB 2 386,38; Bearbeiter: Bohnert