gefälle,
n. subst. zu fallen
und gefallen,
in mehrfacher bedeutung des zeitworts; ahd. gifelli
mit nebenform gifellidi (
vgl. sp. 1616. 1610),
s. bei Graff 5, 465. 466 kefelle
ruinas (
s. auch 1,
d a. e.), in givellide
in ruinosis; mhd. gevelle
in vielseitiger verwendung, mnd. gevelle Sch.
u. L. 2, 91
a.
nhd. nur noch in resten. 11)
zu fallen
in seinem eigentlichen sinne, kräftiger als fall,
ein groszer fall, fall in masse o. ähnl. 1@aa)
mhd. der einsturz z. b. eines thurmes, sowol das stürzen wie das stürzende oder gestürzte (
vgl. franz. ruine
das gestürzte aus lat. ruina
sturz): dô viel der turn zur erden und der burc daʒ halbe teil. diz wart genûger unheil, die daʒ gevelle tôt slûc.
pass. K. 562, 21.
nhd. z. b. ein gefälle
im walde, durch sturm oder schnee herbeigeführt, wodurch stämme zu fall kommen: were es das duft oder wind kämen, das ein gefälle auf dem wald würde, wer da in diesen zweien dörfern gesessen ist (
angesessen), der mag es ufhawen.
weisth. 5, 477.
mhd. waltgevelle
Iw. 7821,
Wig. 85, 9,
stelle mit gefallenen bäumen, die unwegsam ist, dann auch eine durch gefällte bäume künstlich unwegsam gemachte stelle (
vergl.gebücke verhau),
wie sie sich zumal im gebirge, in engpässen u. ä. von natur darboten, die denn auch kurz gevelle
hieszen, zugleich wol mit der bedeutung hinterhalt oder falle in die man den feind lockte (
z. b. Jeroschin 139
b).
der windbruch im walde hiesz auch wintfelle
f. mhd. wb. 3, 223
b,
weisth. 2, 11,
gewiss auch windgefälle
n. nach dem steirischen namen Windgföller,
den Weinhold
bei Fromm. 4, 201
hierher zieht, wie Gföller
auch. s. auch d. 1@bb)
ähnlich dem waltgevelle
von bäumen das mhd. gevelle
von streitern in der schlacht, wie ahd. gival
strages (
s.gefall 1),
z. b.: ain gevelle hiwer (
hieb er) umbe sich, daʒ er selbe chûme ûʒ gebrach.
Rol. 210, 26; Turpîn .. mahte ein grôʒ gevelle. Stricker
Karl 7944.
das ward dann übernommen aufs turnier und den einzelkampf, auch ein grôʒ gevelle
Er. 5519
vom falle eines einzelnen. und so noch im 16.
jahrh., vielleicht eben der ritterliche ausdruck in spöttischer anwendung, von einem alten weibe, die der teufel auf einen baum nach feigen steigen sieht, und stelt sich eben zu den sachen (
so ungeschickt), als obs ein grosz gefäll wolt machen. Waldis
Es. II, 64, 12,
d. h. er sieht, dasz sie dabei stürzen musz, vgl. v. 15 bald fiel das weib ein harten fall.
dazu vielleicht folgendes, in der vogelhochzeit, etwa vom falle beim tanze: der staar und auch der taucher schnell machten bei der hochzeit ein gefell. Uhland
volksl. 43. 1@cc)
die bedeutung unter a lebt noch in dem bergmännischen gefälle,
die gebirgsmassen die sich von der decke (
dem himmel)
der sinkwerke losgelöst haben und herabgestürzt sind, was gefälle machen
heiszt (
wie im 13.
und 16.
jh. unter b),
s. Veith 226;
schon mhd.: eʒ was zeimâl ein bercman, der .. nâch silbere grûb .. seht, dô gewan der selbe schacht ûf sie ein grôʒ gevelle.
pass. K. 588, 31.
aber auch das abgebaute oder gebrochene gestein, das der aufbereitung wartend am boden liegt, heiszt das gefälle, grubengefälle,
theils als gutes, edles gefälle
bezeichnet, das die aufbereitung lohnt, theils als taubes,
das sie nicht lohnt, s. Scheuchenstuel 97.
in salzbergbauen auch die salzhaltigen abfälle die sich ansammeln, s. daselbst. 1@dd)
steil abfallender berg, fels o. ä.: precipitium, ein gevelle. Schröers
voc. von 1420
s. 28
b;
prerupta, ruhcsche (
mhd. rütsche)
vel gevelle. Dief. 456
b aus der gemma, im 14.
jh. gevel
abrupta 4
c;
so mhd., auch für geklüfte (
vergl. unter a),
selbst als gegensatz zum berge überhaupt, s. berg und gevelle Ebernand 589,
gleich abgrund, tiefe, kluft: des (
wassers) val gap michelen dôʒ (
vgl. gedösz), wan eʒ durch ein gevelle lief (
vgl. nachher e, β). daʒ selbe tal was alsô tief, swer ûf die zinnen sitzen gie und er ze tal diu ougen lie, den dûhte daʒ gevelle, sam er sæhe in die helle.
Erec 7875
ff.; vergl. vom wege nach der unterwelt: die eileten fast zu der hell durch manig tief und sorglich gfell. Wickram,
Albr. v. Halberst. metamorph. bei Haupt 8, 405.
auch die hölle selbst hiesz schlechtweg daʒ underste gevelle,
wie nhd. der abgrund (
schon mhd. daʒ abgründe,
wie umgekehrt hölle
von felsenthälern): du hâst beide uns und dich gezogen in daʒ underste gevelle.
evang. Nicod. 1120 (Pfeiffers
übungsb. s. 18),
und dabei ist an das fallen, den sturz in den abgrund gedacht (sich ze valle geben,
in die hölle Walther 33, 24),
von dem auch das gevelle
von steilen felsen den namen hat (
vgl.gähe 2,
a).
auch mit dem un-
das nicht verneint, sondern etwas schlimmes steigert, im 15.
jh. ungevelle
abrupta Dief. 4
c und im Erec 7876
in der handschr. statt Haupts ein gevelle;
auch ungefellig
steil Dief. 4
c,
bair. noch gfellig (
s. unter gefällig I, 1).
ein ahd. zeugnis in dem ortsnamen Walderâdagivelle Förstem. 2
2, 1543. 1@ee)
vom fall des wassers. 1@e@aα)
z. b. von der dachtraufe: und süllen darzuo die rafen (
dachsparren) .. nit anders laiten .. denn daʒ der tachtrouf gefelle an dem tach halb als ferr (
so weit) ausschiesze.
Ulmer bauordnung von 1427, Mones
anz. 4, 372; und süllen ouch die tachtrouf-gefelle also gerichtet werden .. daʒ si fürbaʒ (
gerade vor sich) zur erde fallen.
das. 1@e@bβ)
das gefälle
eines flusses u. ä., mhd.: ey wie man sie vlieʒen sach wol drâte in ir gevelle (
dat.).
pass. K. 4, 15; (ein bach) von krankem gevelle.
Pilat. 191.
noch jetzt bei mühlen, '
die höhe des wasserfalles vor dem mahlgerinne' Adelung (
aus dem öcon. lex. 784),
auch im bergbau das gefälle,
im Chemn. bergwerkslex. 239
b '
eine höhe, so hoch man ein wasser tämmen oder grabenweise hoch führen kan, dasz es auf ein rad fallen könne'
; vgl. Scheuchenstuel 97. 1@e@gγ)
in der kunstsprache, begrifflich, »
die weite, um wie viel die obere fläche eines flieszenden wassers an einem ort von dem wasserpasz oder der wagerechten linie abweichet. je mehr ein flusz oder bach risch
hat, d. i. je geschwinder er läuft, je mehr hat er auch gefälle«.
öcon. lex. 784.
jetzt noch mathematisch-begrifflicher ausgedrückt: '
der senkrechte abstand zwischen zwei an verschiedenen punkten gezogenen horizontallinien' Scheuchenstuel 97. 1@e@dδ) Adelung
nahm die gestutzte form (gefälle
als plur.): der flusz hat auf hundert ruthen vier fusz gefäll, das gefäll finden, hohe gefälle erfordern oberschlächtige mühlen. 1@e@eε)
im scherz von einem trinker und seiner kehle, er hat ein gutes gefälle; 'der Dürr ist erwacht und begehrt zu trinken'. ei, was hat der schliffel ein gefäll, rief Kernbeiszer. Immermann
Münchh. 2, 139 (4, 4). 1@ff)
vom wasser übertragen auf das land, beim feldmessen u. ä. 'gefäll,
die höhe um welche ein jeder gegebener ort tiefer liegt als ein anderer, welche höhe vermittelst der wasserwage gefunden wird' Adelung.
bei anlegung von eisenbahnen wird das gefälle
oder die steigung
der bahn berechnet. schon im Teuthonista wird begrifflich unterschieden gevelle op den lande
descensus, gevelle op den water
decursus 106
a. 22)
zu fallen
vom zufall, eigentlich vom fall der würfel, dann von glück und schicksal; s. ebenso gefall 2.
bei Henisch 1414 gefäll,
casus, accidens, eventus, sors, fortuna. 2@aa)
mhd. galt guoter val
vom glück im spiele (
Greg. 1863),
eigentlich im würfelspiele, wie franz. chance,
d. i. eigentlich fall; ebenso guot gevelle
Trist. 9928,
pass. K. 407, 80, spilgevelle
Trist. 16442 (
var. guot gevelle).
daher dann für glück überhaupt: guot gevelle gebe dir
got. Apoll. 8187 (Lexer 1, 959); de rede behagede den herren allen wol unde bâden ime gûdes gevelles.
deutsche chron. II, 197, 44,
baten gott für ihn um glück zu seinem vorhaben, vergl. mnd. bei Sch.
u. L. 2, 91
a; gut gelucke und gefelle. J. Rothe
thür. chron. 162.
als zeitwort dazu mir vellet eʒ wol,
s.gefallen I, 3,
b. 2@bb)
aber auch gefälle
für sich gleich glück, wie franz. chance
und wie eben glück,
das genauer noch jetzt gutes glück
heiszt, wie eben bei Rothe;
so noch schweiz. das gefell ha Gotthelf
schuldenb. 65. 98, Fromm. 3, 83
a, ma mos au sgfell ha,
man musz auch vom schicksal begünstigt sein Tobler 219
a, Seb. Brant
spricht, den sinn eines gefallenen donnersteins (
meteors)
auslegend, den kaiser ermutigend an: treib umb das rad, Maximilian, in deim gevell das gluck iez stat. Liliencron
hist. volksl. 2, 308
a,
d. h. das rad der Fortuna (glück)
steht jetzt zu deinen gunsten, nach deiner seite geneigt, treib es also mutig weiter. unglück dagegen mhd. ungevelle,
im 15. 16.
jahrh.: ab ungefelle dir komit zu. Rothe
rittersp. 476.
nd. auch guât gevelle Sch.
u. L. 2, 91
a.
s. auch gefällig I, 2,
glücklich. 2@cc)
aber auch im eigentlichen sinne des wechselnden glücks mit seinen launen (
der Fortuna)
noch nhd.: so du ein mensch bist, so gedenk das du menschlichem
gefel bist underwürfig. Steinhöwel
Es. 22, gefell 69
Öst. auch mit gedanken an das glücksrad, wie bei Brant
vorhin: lîchte of (
vielleicht dasz) sich sîn gevelle durch des luckes louf sô snelle (
schnellen umschwung) an ein ander grât (
sprosse) hât gewant.
deutsche chron. II, 501
a.
auch mîn gevelle,
schicksal das mir fällt, ein vater z. b. klagt von seinem sohne, den er verloren: van sînem gevelle ik nicht en wêt.
van sunte Mariem 52; is dirs nicht vordrossen (
verdrieszt es dich nicht), so sage mir dîn gevelle unde dînen namen.
Apoll. v. Tyrus h. v. C. Schröder 37, 32; do hub he an unde sagete ir da alle sîn bœse gevelle unde alle sîn ungelücke. 38, 5. 2@dd)
aber für böses gefelle
auch blosz gefelle,
unglück, also im geraden gegensatz zu b (ungefelle): ach (
leid) an ende, wee on unterlasz, immeriges versinken und gefelle sei euch, Tot, zu erbe eigen gegeben.
ackerm. aus Böhmen 7, 14,
als formel der verwünschung. da ist aber der begriff in den des sturzes übergetreten, mit einmischung von 1,
d, sturz in die hölle, daher auch ewiger val
in einer hs. dort. aber wirklich auch fall
gleich unglück überhaupt, unfall: malfasier und confects het er genug (
der versteckte liebhaber), und was sein gröszter fall, das kain heimblich gemach vorhanden.
Wilw. v. Sch. 62,
wie gegensätzlich glück und fall (
s.fall 2,
c). 33) gefälle,
fälliger zins u. ähnl., einkommen, vergl. gefall 4
ebenso. s. gefallen I, 4,
e. 3@aa)
ursprünglich im sing.: gefell,
reditus. Dasyp. 337
a; und hette (
der papst) von dem zolle und ungelte zuo Rome one ander schatzunge und gefelle me denne hundertwerbe tusent gülden alle jor. Königshofen
Straszb. chr. 601, 28; darvon er wochentlich bisz in zwölftausent goldgülden zu seinem
gfel bekommen. Mathesius
Sar. 15
a; mit vierzig tausent ducaten järlichen gefälls. Fischart
bienk. 1588 244
b; der het doch in der daat gewiss nit, so wie ich, an gfäll dreidausig gulde. Arnold
pfingstm. 51;
s. auch angefälle,
von erbe, und dazu gefallen 4,
c. 3@bb)
später nur im plur.: dasz ein herr solche gefälle allein vorher aufhebt. Zinkgref
apophth. 1, 121; wolte ich dir es von meinen zöllen und gefällen, wenn sie einkommen, wieder geben. Olearius
pers. ros. 3, 20; die sporteln des richteramts und andere gefälle. Schiller 1035
a; gefälle der krone. Schlosser
weltg. 15, 196.
die wbb. des 18.
jh. nennen nur den plur., auch Adelung: die gefälle,
was von einem grundstück fällt, der ertrag, die einkünfte, in engerer und gewöhnlicher bed. die abgabe die man dem grundherrn oder der obrigkeit von einem gute oder einer sache entrichtet, herrengefälle.
älter nd. vorfalle
pl. Brem. wb. 1, 340,
vgl. vorfallen. 3@cc)
zusammensetzungen auszerdem z. b. fruchtgefell
weisth. 6, 532 (
plur.), korngefälle Immermann
Münchh. 1, 138, kirchengefälle Henisch 1414, Weber 329
a, landesgefälle.
auch ingefelle
weisth. 2, 232,
mnd. angevelle Scherz 46 (
von da ins mhd. wörterbuch gekommen).
vgl. auch mnd. gefelle
für erbantheil Frisch 1, 244
a (Leibniz
scr. brunsw. 3, 103),
woraus der ursprüngliche allgemeine begriff noch deutlich ist: das was bei der vertheilung einem zufällt, s. gefallen I, 4;
so noch bei Henisch 1414 gefäll
obventio, occursus (
vgl. gefallen
obvenire sorte das.). 44)
erwähnenswert ist doch auch ein mhd. gevelle
gleich gefallen,
gefälliges wesen, thun u. dgl. (
s. wb. 3, 221
b),
z. b.: ir zürnen hat ain besser gefell, denn ainer ander lachen. Laszberg
lieders. 1, 383.
man sieht, wie es ursprünglich lebendig war als subst. zu gefallen
und fallen
überhaupt. s. auch gefall 3
so. 55)
aber auch zu fällen, vellen
gehörig mhd.: swaʒ vleckecht mit sunden is, daʒ stêt in ir gevelle.
pass. K. 4, 73,
wird von ihr (
der gerechtigkeit)
zu fall gebracht; es mag eigentlich ein jagdwort sein, gleich schuszbereich o. ä.