fluchen ,
maledicere, imprecari, ein wort, dessen form noch nicht gehörig auseinander gesetzt ist. zwar herscht schon ahd. die schwache vor fluochôn fluochôta,
und mhd. nhd. gilt keine andere, vluochen vluochete, fluchen fluchte.
allein ahd. lehren die participia erfluahhan, farfluahhan
malignus, maledictus (Graff 3, 760),
dasz ein starkes fluochan
bestand, dessen praet. nicht anders als flîah, flîeh
gelautet haben kann. desgleichen läszt das alts. farflôcan
maledictus Hel. 135, 7
zurückschlieszen auf flôkan flêk,
eben in der formel farfluochan, farflôcan
maledictus hatte sich die ursprüngliche wortgestalt statt des späteren farfluochôt, farflôcôd
bewahrt. nun ist auch nnl. vloeken vloekte
vorgedrungen, doch begegnet mnl. das wichtige vliec: si vliec haer selven ende den vader mede. Willems
belg. mus. 10, 53.
warum sollte nicht auch irgendwo ein mhd. vluochen vliech
auftauchen? das alts. flôcan, flêk, giflôcan
steht auf gleicher reihe mit gibruocan
Hel. 167, 15
flexus, welchem part. wiederum ein bruocan
oder brôkan brêk
unterliegen musz, das von brëcan brac gibrocan
absteht, obgleich ihm verwandt ist. mhd. lesen wir mîn hërze muoʒ ich brouchen ( : bouchen) in iuwer aller rât.
Mar. 173, 33; ich brouche mîniu chnie zuo gote. Kelle
spec. s. 164
und noch anderwärts erscheint dies brouchen (
mhd. wb. 1, 265
a),
es liegt auf der hand, dasz es für bruochen
eingetreten und dem fluochen
analog sei. allerdings ist das alts. ô
zweideutig und bald dem ahd. ou,
bald dem uo
gleich, doch steht hier gerade gibruocan
und nicht gibrôcan.
dem grammatischen gesetz gemäsz müssen sowol flêk
als brêk (
ahd. flîah, prîah)
für verengung gothischer reduplicationen faiflôk
und baibrôk
gelten. kein baibrôk
begegnet bei Ulfilas,
wol aber Luc. 8, 52 gaigrôtun jah faiflôkun
und man hat das letzte wie gaigrôt
aus grêtan
aus flêkan
abgeleitet. richtiger scheint aber flôkan
anzusetzen auf den fusz von hvôpan hvaihvôp
und anzuerkennen, dasz die goth. reduplicierenden verba sowol das ai
und au
als ê
und ô
im part. praet. behalten. ohne den laut ô
bliebe die ganze entfaltung in der that unvollständig. faiflôkun,
in der angezognen einzigen stelle, drückt aber plangebant, ἐκόπτοντο aus, nicht maledicebant, und zu plangere,
πλήσσειν stimmt das lautverschobne flôkan
genau, plangere
ist = plâgere,
selbst das lat. â,
gr. η verhält sich der gebühr nach zum goth. ô,
ahd. uo.
den bündigen einklang der formen plangere, flôkan, fluochan
kann niemand verkennen, wie soll nun die bedeutung des fluchens
aus der von plangere
entwickelt werden? plangere,
πλήσσειν ist eigentlich schlagen, stoszen und πληγείς,
der geschlagene, der verschlagene, verstoszene wäre der verdammte, verfluchte, κατάρατος. verdammen
geht unmittelbar über in verwünschen,
wie goth. vargjan,
alts. waragian
damnare in ags. vergian
maledicere, exsecrare. se verega gâst,
malignus spiritus ist jener farfluachan.
unserm flehen
steht fluochen
fern, jenes hat h,
dieses ch,
und flehen
ist, wie sp. 1749
angesetzt wurde, das goth. þlaihan, þaiþlaih,
was von flôkan, faiflôk
ganz abweicht. sonst liesze sich die bedeutung flehen,
precari mit der von fluchen
imprecari vereinbaren, da auch wünschen ein bitten, verwünschen ein fluchen ist. das goth. faiflôk
und þaiþlaih
stehn von einander, ahd. könnte für beide flîah
gelten. nicht unmöglich wäre auch berührung mit dem altsl. kljati
exsecrari, böhm. kleti,
poln. klć,
wovon kljatva
exsecratio, böhm. klatba,
poln. kltwa,
und das nasale
mahnt an plangere,
vgl.flecken und klecken sp. 1744.
das heutige fluchen
hat nun 11)
gewöhnlich den dat. der person bei sich, maledicere alicui: mhd. si begunden alle vluochen dëm sëlbem spilman.
Nib. 1954, 2; swër dir fluoche, dër sî verfluochet. Walth. 11, 14; dër Wunsch vluochet im sô.
Iw. 7066; gevluochet wart dëm tage. Wolfr.
lieder 8, 22; verflucht sei wer dir flucht, gesegnet sei wer dich segnet. 1
Mos. 27, 29; wer vater und mutter flucht, der sol des tods sterben.
2 Mos. 21, 17; den göttern soltu nicht fluchen. 22, 28; du solt dem tauben nicht fluchen.
3 Mos. 19, 14; welcher seinem gott fluchet, der soll seine sünde tragen. 24, 15; sihe, ein volk ist aus Egypten gezogen und bedeckt das angesicht der erden, so kom nu und fluch im.
4 Mos. 22, 11; lieber kom und fluche mir diesem volk. 22, 17; ich hab dich holen lassen zu fluchen meinen feinden. 23, 11; ich sahe einen tollen eingewurzelt und ich fluchet plötzlich seinem hause.
Hiob 5, 3; segenet die euch fluchen (
goth. þiuþjaiþ þans vrikandans izvis,
ahd. tuot thên wola thie iuwih haʒʒônt).
Matth. 5, 44; wer vater und mutter fluchet, der sol sterben (
ahd. dêdar fluochôt sînemo fater inti muoter, dôde arstërbê).
Matth. 15, 10; wer vater oder mutter fluchet (
goth. saei ubil qiþai attin seinamma aiþau aiþein seinai).
Marc. 7, 10; da fluchten sie im (
goth. þanuh lailôun imma).
Joh. 9, 28; segenet die euch (
vobis) fluchen (þiuþjaiþ þans vrikandans izvis).
Röm. 12, 14; ich will dir fluchen und kann nicht.
Messias 10, 142; wenn ich mit flammender rache dir fluchte. 10, 144; ein weib, das ihrem manne fluchet. Lessing 1, 86; auch fluche nicht der alten muhme, man musz ihr brummen, sich zum ruhme, mit stiller sanftmuth übergehn. die tochter ist ja schö
n. 1, 73; er fluchte den bauern die ihn geschlagen. Göthe 40, 29. 22)
absolut, diras voces mittere, ohne casus: mhd. ouwê daʒ ich niht fluochen kan. Walth. 73, 26; der gieng eraus und fluchet.
2 Sam. 16, 5; geben gute wort, aber im herzen fluchen sie.
ps. 62, 5; ir mund ist vol fluchens und bitterkeit.
Röm. 3, 14; segenet und fluchet nicht (
goth. þiuþjaid jah ni unþiuþjaiþ). 12, 14; er fluchet aus leibeskräften; Zeus wälzt im bette sich und fluchte mörderlich. Bürger 21
b; ins weite feld hinein fluchen. Mestwert 101; fluchen und wünschen, das sich die sonne dafür entferben möcht. Friedrich
saufteufel C 2
a; er seufzt schon recht herzlich nach ihnen und flucht, dasz das haus einfallen möchte. Lessing 2, 410; fluchen und schweren, dasz es donneren möcht.
Garg. 149
a; dasz die balken krachen (
vgl. 1, 1089),
wie es auch umgekehrt beim heil wünschen
heiszt: got des geve en jummer hêl, dat (= dat et) kraket. Wizlaw
s. 45. 33) in, auf etwas, über etwas fluchen: die bibel flucht zwar drein. Günther 530; itzt spielt sie mit dem weiszen tuche, itzt jagt sie sich die mücken fort. sie niest, ach schönste, halt ich fluche, doch nicht auf dich, nur auf den ort. Rost
im taschenb. für dichter 6, 117; das hör ich sechzig jahre wiederholen, ich fluche drauf, aber verstolen. Göthe 3, 112.
selten steht in diesem sinn ein gen. der person: ob sie des wütrichs flucht und seinen tod doch hasset. Lessing 3, 348. 44) fluchen
mit dem acc. der sache: sie fluchten donner und wetter. Wieland 4, 43; was flucht er seinen morgensegen durch die beschneiten wilden höhn? Göthe 1, 210; bei aller verschmähten liebe! beim höllischen elemente! ich wollt ich wüste was anders, dasz ichs fluchen könnte. 12, 144. alle zeichen fluchen,
alle verwünschungen aussprechen. Stalder 2, 468; flucht alle zeichen, dasz der boden kracht. Hebel 44. einem arm und bein abfluchen. Serz 2; flucht dem teufel das link horn vom kopf.
Garg. 232
a (
wie Grôa dem Thor den stein vom haupte segnet); flucht ihm die nase aus dem gesicht. Gotthelf
schuldb. 27.
s. verfluchen.