verfluchen,
verb. mit dem fluche, d. i. anwunsch alles üblen belegen; mhd. vervluochen,
ahd. farfluohhôn (firflôchan, uerfluochon, uirulucchon) Graff 3, 759,
nd. vorvlôken,
alts. farflôkan,
altfr. urflôka,
schwaches zeitwort, doch haben sich formen erhalten, die auf starke flexion hinweisen, so die part. prät. altfr. urflôkin and urmalediad werthe thi olle thine kata. Richthofen
altfr. wb. 1112;
alts. 'nu gi fan mînun skulun' quiðit he, faran sô farflôkane an that fiur êwig.
Heliand 4421;
ahd. farfluahhan,
malignus Graff 3, 760;
auszerdem bis jetzt keine nachweise. verfluchen,
zusammensetzung zum einfachen fluchen,
dessen bedeutung es verstärkt; ver
gibt dem einfachen fluchen
meist transitive bedeutung, denn fluchen
ist nur höchst selten transitiv (
s. theil 3, 1830, 4); verfluchen
heute durchaus transitiv. 11)
mhd. auch intransitiv, also wie fluchen: wê dir, snœder hellebarn! dir ist alsam dem veigen Kâm verfluochet. Walther 149, 39
Lachmann; ich enwil vort nicht mer deme ertreiche noch den lewten vorfluchen noch enwil sie nimme alszo gemeinlichen plagen. Rothe
dür. chron. 25
Liliencron u. ähnl.; der intransitive gebrauch ragt noch in das früheste nhd. hinein: vormalediet sie der sonne und deme mone, die mich uff erden erluchtet hane! ich vorfluchen mit groisszen schalle den sternen und den planeten alle.
Alsfelder passionssp. 3640; mer wollen uns unsre alde ee gebruchen und woln dem bosen christen alwege vorfluchen. 4544. 22)
transitiv, mit einem fluche belegen, besonders unter androhung der strafen des himmels verwünschen: abhominari, verfluchen, verflüchen. Dief.
nov. gloss. 2
a;
detestari, virfluchin. Dief. 177
b;
maledicere, verfluchen. 344
c;
mit persönlichem objecte: mhd. er vervluochet in an der stunt.
genes. 31, 13
Diemer; vrou Minne, getiuret sî dîn nam! du bist genennet sueʒe. vervluochet sî, der dir ist gram, daʒ in got veigen mueʒe.
minnes. 3, 454
Hagen; er ward schamrot umb syn karghait und sprach: verfluochet sye, der dem hund solt das eszen geben und es nit getan hat. Steinhöwel
Äsopus 221
Öst.; nhd. da macht sich auff Balak .. und sandte hin und lies ruffen Bileam dem son Beor, das er euch verfluchet.
Jos. 24, 9; darum spricht auch Isaak: verflucht sei, wer dich verfluchet, als wolt er sagen: rüste dich nur darauf
e, du wirst leiden müssen .. aber den trost soltu dagegen haben, das wer dich verflucht, soll wider verflucht sein. Luther 4, 154; verflucht sei, wer verfluchet dich! gesegnt aber sei ewigklich, wer dir, mein sun, gibet den segn! H. Sachs 1, 21 (1, 97, 25
Keller);
passivisch: verflucht ist der mensch, der do macht irren den blinden an dem weg.
bibel (1483) 46
a (
5 Mos. 27, 18); verflucht ist der, der da gibt Benjamin ein weib von seinen tochtern. 122
b (
richter 21, 18); denn ob wol die sünde ein grausamer und unuberwundlicher tyrann ist, weil aber Christus an unser stat trit, .. und das urteil uber sich gehen leszt, als sei er für gott verflucht .. verlieret die sünde all jr recht. Luther 7, 23; wenn ein engel vom himel ein andres leret, weder jr empfangen habt, der sei verflucht.
Hans Worst 44; verflucht sei, wer ein götzen oder gegossen bild macht ... verflucht sei wer seim vater und mutter flucht ... verflucht sei, wer seines nehesten grentze engert
u. s. w. 5 Mos. 27, 15; verflucht ist der man, der sich auff menschen verleszt und helt fleisch fur seinen arm.
Jerem. 17, 5; verflucht seist du, dasz du mich dran erinnerst! verflucht ich, dasz ich es sagte! Schiller
hist.-krit. ausg. 2, 33 (
räuber 1, 2).
mit sächlichem objecte: deszgleichen .. der jahrkuchen oder scharrkuchen sudelei verflucht er, wie die bauren den büttel. Fischart
Garg. (1590) 82; was ist dir floh, das so verfluchst das gmach, darinn dein speis doch suchst. Fischart
dicht. 2, 24, 823
Kurz; kan niemand leugnen, das wir mit der alten kirchen leren und halten, man solle die weltlichen herschafft ehren und nicht verfluchen noch zwingen dem bapst die füsze zu küssen. Luther
Hans Worst 15
neudruck; Statilius verflucht die anmuth seiner gärte, für die ich einen dolch zum kauffgeld ihm gewehrte. Lohenstein
Agripp. 76; ich verfluchte das gewäsche, rannte meinen alten lauf. Göthe 1, 157; alsdann wird die arme seele sagen: verflucht seist du, welt! weil ich durch dein anstifften gottes und meiner selbst vergessen.
Simplic. 2, 116, 27
Kurz; verflucht sei der tag und verlorn, darinn ich ward ein mensch geborn! die nacht sei auch verfluchet gar, darinn ich mensch empfangen war. H. Sachs 2, 1, 6 (6, 44, 16
Keller); täuschet mein traum mich; und kam er noch mehr den gehaszten zu quälen; o so sei sie verflucht die stund', in welcher ich einschlief! Klopstock
Mess. 3, 721; .. verflucht sei der ort, wo ich lag und einschlief! 3, 725; lehret mich ein gesandtes gericht den Messias verrathen, und ich sündige dran; seist du auch unter den tagen schrecklichster tag verflucht, da mich der Messias erwählte. 3, 732; verflucht voraus die hohe meinung, womit der geist sich selbst umfängt, verflucht das blenden der erscheinung die sich an unsre sinne drängt, verflucht was uns in träumen heuchelt des ruhms, der namensdauer trug! verflucht, was als besitz uns schmeichelt, als weib und kind, als knecht und pflug, verflucht sei mammon, wenn mit schätzen er uns zu kühnen thaten regt ... Göthe 12, 82;
mit angabe der strafe: was uns von jeher zum bösen versucht, von jeher unsre ruh vergiftet, und alles übel angestiftet, wozu ein gott die erde verflucht .. ein weib ist meines jammers quelle. Wieland 18, 256;
durch strafbare handlung eine sache dem fluche aussetzen: ein dominicanermönch .. stieg zuerst auf ihren .. thron, gründete ihre statuten und verfluchte mit diesem vermächtnisse seinen orden auf ewig. Schiller 790 (
vgl. hist.-krit. ausg. 7, 70
anm.). 33)
unter verwünschungen abschwören, entsagen: uber welchen so groszer zorn gottes komen ist, das er mus seinen gott und herrn schenden und verfluchen, der wird freilich nichts ungeschendet und unverflucht lassen. Luther
Hans Worst 47
neudruck; darumb thu ich euch kund, das niemand Jhesum verfluchet, der durch den geist gottes redet.
1 Cor. 12, 3; ihr wisset wol, dasz ihr für dieser zeit ein götzenvolck und blind gewesen seid: drumb sollet ihr ja Jesum nicht verfluchen, der durch den geist euch will zum glauben suchen. Opitz 3, 135; wie machen wirs, dasz wir kommen in Abrahams schoosz? .. wenn ihr niemanden schindet und plackt .. niemand verlästert, auf niemand lügt .. und verflucht jede böse angewöhnung. Schiller
hist.-krit. ausg. 12, 36 (
Wallenst. lager 8). 44)
reflexiv, verwünschungen auf sich häufen, für den fall, dasz man betrügerisch handele: da hub er an sich zu verfluchen und schweren, ich kenne des menschen nicht.
Matth. 26, 74;
oder als strafe für ein verbrechen: nun kehrt' er (
Kurl) gegen sich die wuth ... verfluchte sich und den gefährten allen höllengeistern. Schiller
hist.-krit. ausg. 12, 575 (
M. Stuart 5, 13). 55)
das part. prät. wird oft substantivisch gebraucht, so: abhominatus, ein verfluchter (15.
jahrh.) Dief. 2
c; gehet hin jr verfluchten in das ewige hellische feuer. Luther 7, 46
b;
in älterer zeit wird verflucht
noch in der alten bedeutung gebraucht, worüber ein fluch ausgesprochen ist und wird, noch als participium gefühlt: das ist die sprache des stuels zu Rom ... wenn sie den keiser einen son der kirchen nennen, das es also viel sei, als der verfluchtest man auff erden, welchen sie wolten, das er in der helle were und sie hetten das reich. Luther 8, 211; die alle stende, so gott gestifftet und geordent hat verdamnen und verdamlich halten und machen dagegen jren selberwehlten verfluchten stand also preisen, das auszer jm niemand müge selig werden. 6, 10; ich will dasz mein herz annehme nur allein, was von dir kömmt. was der satan will und sucht, will ich halten als verflucht. P. Gerhard 78, 59
Gödeke; Europa tritt herfür und schaue wie so gahr dein volck verderbet ist durch die verfluchte schaar der laster, welch es liebt und ihnen folgt mit freuden. Philander
vorw. an d. eur. völker; heute noch mundartlich, z. b. verfluchte alpen Stalder 1, 385, '
alpen, die von gletschern oder gebirgfällen verwüstet worden sind'
; von denen die gebirgsleute glauben, dasz ein fluch über sie ausgesprochen sei. meist aber hat verflucht
seine passive bedeutung verloren, wird adjectiv und heiszt erschrecklich, verabscheuenswert, widerwärtig; von menschen und thieren: zu dem Simson hätte ich im augenblicke kein zutrauen; die alte mythe ist eine der ungeheuersten. eine ganz bestialische leidenschaft eines überkräftigen gottbegnadeten helden zu dem verfluchtesten luder, das die erde trägt. Göthe
an Zelter 179; sie raubten nun das kleiderbündel und wollten auch den mantel noch, wie nur so viel verflucht gesindel sich in dem engen haus verkroch.
werke 1, 212; frosch im leib und grill' im gras, verfluchte dilettanten! fliegenschnauz und mückennas', ihr seid doch musikanten. 12, 230; verfluchtes volk! was untersteht ihr euch, hat man euch lange nicht bewiesen, ein geist steht nie auf ordentlichen füszen? 12, 216; verdammtes thier, verfluchte sau! versäumst den kessel, versengst die frau! verfluchtes thier! 12, 126; so sagt mir doch, verfluchte puppen, was quirlt ihr in dem brei herum? 12, 122; die wenigen nachtigallen, die uns alljährlich besuchen, sollen mir nicht von der verfluchten katze aufgefressen und verscheucht werden. Tieck 19, 139;
von sachen und begriffen: auff dieszen verfluchten teuffelischen grund bauen sie zu Rom und meinen, man sol ehe alle welt zum teuffel lassen faren, den ihrer buberei widderstreben. Luther
adel 12
neudruck; das dritte und aller verfluchtest geschlecht der gifften ist derhalben das dieses stilschweigent und langsam einschleicht. L. Thurneiszer
von probierung des harnen (1576) 75; da war der verfluchte brief angekommen, der die nachricht von deinem tode brachte. Göthe 11, 51; nun mueszen mir (
wir) leiden ungemach umb den verfluochten veiol.
fastn. sp. 420, 9; selbst als im sturm mich seine hand in diesz verfluchte erz verschlossen (
ehernen kasten), fühlt er noch meinen widerstand! Wieland 18, 224; ach der verfluchte brief bringt mich um schlaf und ruh. Göthe 7, 77; er liebte nur das allzuviele wandern, und fremde weiber und fremden wein und das verfluchte würfelspiel. 12, 155; weisz der künstler ja zum garten die verfluchtesten ruinen umzubilden. 47, 214; wenn ich nur diese abscheuliche verfluchte krankheit nicht am hals hätte.
Simpl. 1, 379, 14
Kurz; ihre munterkeit ängstigte mich nicht wenig, da sie sich über den tollen spektakel und über die verfluchte komödie fast zu tode lachen wollte. Göthe 19, 280; ho! ho! was für ein verfluchter lärm da drauszen? 33, 289; ich fing an geld zu verdienen, nahm zugleich täglich meine lectionen in der musik und in kurzer zeit brachte ich es weit genug in dem verfluchten blasen. 34, 28; dasz der tod deine verfluchte zunge versiegle! bist du hieher kommen unserm vater den todesstosz zu geben? Schiller
hist.-krit. ausg. 2, 243 (
räuber 2, 2); ich will dir das herz aus den rippen stampfen! mit deinem verfluchten: ich weis nicht! 2, 175 (
räuber 5, 1); Engeltrut kam in gesegnete umstände, Siegwart dadurch fast in verfluchte. J. Paul 54, 20; er hat mirs aber auch gedacht, und mir einen verfluchten streich gemacht. Göthe 13, 60; sackerment! ich habe schon von der neuen religion eine verfluchte indigestion. 13, 93;
über verfluchte pflicht und schuldigkeit,
d. i. schuldigkeit, zu der ich verflucht, gezwungen bin, gegen die man sich nicht auflehnen kann, s. verdammen sp. 193: ich dank euchs mit dem henker, sagt' er sanft, es ist eure verfluchte schuldigkeit. J. Paul 22, 30;
prädicativ: es ist doch ganz verflucht! man soll zu gar nichts kommen. Göthe 7, 65; im grund ists doch verflucht — ihr schicksal drückt mich sehr. 7, 75; findts verflucht, dasz ohn' ihn zu fragen die sonn sich auf und ab kann wagen. 13, 73;
verkürzt: je verflucht! da verrathen sie mir ja meine ganze politik. Lessing 1, 229; verflucht! warum tritt auch keiner in zeiten auf, und sagt einem so etwas? Göthe 8, 202; zu viel! zu viel! o schön gesprochen, verflucht! zu viel, zu viel! 7, 56; o doch verflucht! verflucht! was musz begegnen! 10, 233; sagt verflucht! das sind mir schwein'! wie alles durcheinander steht! 13, 59;
in ähnlicher weise wie verdammt (
s. sp. 193)
wird das, worauf eigentlich ein fluch ruht, daher eigentlich strafbar ist, als bewundernswert wegen seiner ungewöhnlichkeit aufgefaszt: ein verfluchter kerl, eine verfluchte geschichte,
jemand den, etwas das man eigentlich bestrafen sollte, worüber aber man sich wundert wegen seiner auszerordentlichkeit; weit verbreitet in der volkssprache. adverbial, als kräftige, volksthümliche verstärkung: sie thun auch verflucht geheimniszvoll. Lenz 1, 220; der war auch verflucht gut bei ihr angeschrieben. 1, 310; barbaren hatten versucht sich götter zu machen, allein sie sahen verflucht garstiger als drachen. Göthe 3, 262.