erwinden ,
ein früher sehr geläufiges wort, dessen entfaltung der von erwerben
ähnelt. nemlich das einfache goth. vindan,
ahd. wintan,
ags. vindan,
altn. vinda
drückt, gleich unserm heutigen winden,
aus torquere, vertere, woher die bedeutung des wendens, wandelns, umdrehens, umkehrens entspringt. bei Stieler
fehlt das wort in allen seinen bedeutungen und Adelung
thut die vierte ganz kurz ab. 11)
das goth. usvindan
hält noch ganz den sinn von plectere, flechten, winden fest, doch usvandjan
wird schon zu abwenden,
avertere, so wie gavandjan
wenden, kehren, zurückkehren, reverti ist. 22)
ahd. irwintan
hat meistentheils die intransitivbedeutung von redire, reverti (Graff 1, 749),
d. h. umkehren, umdrehen. ër ës êr io nirwant. O. IV. 20, 25
heiszt aber er liesz nicht davon ab, unterliesz nicht, fehlte nicht, und iro leid irwindit an iro houbet.
N. ps. 7, 17
ihr leid geht an ihr haupt, trift ihr haupt. 33)
mhd. erwinden
begegnet häufig, hat aber 3@aa)
nur selten die bedeutung von redire: dër gebûre begund erwinden,
reversus est. Reinh. 475; daʒ dër sweiʒ niht erwinde,
zurücktrete. Bon. 48, 101;
doch die unter c angeführten imperative erwindet!
lieszen sich auch erklären: redite! revertimini! 3@bb)
da der sich zurückwendende nur einen bestimmten punct erreicht hat, von welchem er nicht weiter schreitet, so drückt erwinden
dieses räumliche ziel des vordringens und stehen bleibens oder endens aus: sie sniten abe îr gewant, daʒ iʒ an den knien erwant (
al. wider want).
kaiserchr. Maszm. 6764. Diemer 207, 2,
dasz es nicht über die knie gieng, an den knien aufhörte; unt dës lîbes ente, dâ diu vërse erwinte.
Diut. 3, 52,
wo die ferse aufhört, bis ans ende der ferse; lînhosen, die ob ir enkeln wol einer hende erwunden.
Trist. 68, 3; obene dâ diu brust erwant. 76, 25; daʒ hâr im bî dër ërde erwant.
Lanz. 469,
die mähne reichte dem pferd bis auf die erde, hörte erst da auf; daʒ im daʒ swërt ze tal wuot, unz ëʒ im an den zenen erwant. 2103,
drang ihm bis an die zähne; wan ir daʒ sëlbe gewant ob den enkeln erwant. 5860,
es reichte ihr nicht tiefer als bis an die fuszknöchel, hörte schon oberhalb der knöchel auf; ich wolt im sicherlich die zende schinden, daʒ mîn munt durch den sînen ûf dem gebeine smatzend muost erwinden. Hadamar 94.
dazu erwäge man die berührung der begriffe des gehens, endens und wendens. 3@cc)
hiernach ist auch in andern fällen erwinden
soviel als aufhören, ablassen, zurückbleiben, ruhen: done wolder niht erwinde, ër ne quëme zu dem here.
gr. Rud. 19, 13; dër morgen niht erwinden wil.
MS. 1, 90
b; daʒ fiur erwindet niht, ê ëʒ ersuoch sîn zil. Haupt 1, 125; erwindet noch!
haltet ein, lasset ab! Iw. 6152; erwindet!
Nib. 2119, 1; unde wil du niht erwinden. 54, 1; sît du niht wil erwinden. 64, 1; nune wil ich niht erwinden. 107, 1; dô ër niht wolde erwinden. 618, 1; end ich erwinde,
priusquam omitto. 801, 1; ër sold erwinden niht. 1959, 1; sâ ze hant als ëʒ geschiht, sô ne mag ëʒ danne erwinden niht. Ulr.
Trist. 156; dâ von gër ich bî dirre frist, daʒ iuwer bëte erwinde.
tr. kr. 21809; und alliu sorge erwindet.
Engelh. 54; wil wîbes güete sus an mir erwinden.
MS. 1, 26
b; blîb alhie unde erwint!
pass. K. 247, 33; daʒ wir niht erwinden (
ruhen, ablassen) unz wir in dâ vinden. 99, 23. 3@dd)
die sache steht im genitiv oder nach der praep. von: dës solt du erwinden!
fundgr. 2, 88, 46; ich ne wils niht erwinden.
Nib. 112, 1; hei, wan wær sis erwunden.
Tit. 155, 2,
hätte sie es unterlassen, gemieden; daran gedenke, und erwint dîner tumben beginnen.
Flore 3774; dô wolde ouch nicht erwinden Megecius von deme gebëte.
pass. K. 45, 76; von den muste erwinden alle ir pînliche nôt. 60, 24.
vgl.erwenden 3. 3@ee)
meist mit der praep. an,
für person und sache: swære diu mîn hërze treit ob diu an mir erwunde. Hartm.
erstes büchl. 1668; an dînem muote niht erwint.
Winsbeke 63, 7; und erwint lange an dirre verte niht.
Silv. 783; wære ich an den stunden an der verte erwunden.
Otto bart 712; so sol ich doch erwinden an alsô grôʒem meine.
Engelh. 5517; an in mac niht erwinden.
pass. K. 261, 1; dor an den vîenden niht erwant, dô solt ër an den vriunden sîn erwunden.
MSH. 2, 234
a. 44)
nhd. entsprechen in der früheren zeit noch groszentheils die bedeutungen. 4@aa)
räumliches erwinden = 3,
b: da erwindet der Rhätier landmarch. Stumpf 5
a; der Römer gleich man nindert find, ir rum an einem berg erwind, der berg wirt Caucasus genant und Scithia dasselbig lant. Schwarzenberg 159, 1; er (
der mantel) sol kurz sin ... do sol er ufhören und erwinden. Keisersberg
bilg. 46
d; neme das rechte ohr und ziechs herab an den hals, das es erwindt beim wangen (
bis zur wange reicht). Sebiz 153; denn was nach der geburt den gliedern noch erwindet (
mangelt), das setzt zeit und natur, des schöpfers dienstmagd bei. Lohenst.
Hyac. 19. 4@bb)
aufhören, unterbleiben, unterlassen, ermangeln, fehlen = 3,
c: darinne sol die gehorsam bei inen nicht erwinden. Chmels
Maximil. s. 3 (
a. 1493); dieweil auch in vorigen reformationen und ordnungen genugsam versehen, wie den gesprochen urtheilen execution beschehen soll, damit die ungehorsamen hohen und niedern stands zu gehorsam bracht (
werden), und aber allein in dem erwindet, das den vor aufgerichten ordnungen vestiglich nachkommen, gelebt und darin niemands verschonet werd. deshalb die obgemelte commissarien sonder bevehl haben sollen, ob deshalb einig mangel wer, dermasz einsehens zu thun, dasz gesprochen urtheil fürderliche execution erlangen mö
gen. reichsabsch. von 1530 §. 36,
wo neuere ausgaben fehlerhaft 'erwendet'
lesen; darbei ichs dismal lasse erwinden (
bleiben, beruhen, vgl. bewenden). G. Nigrini
Jesu und Jesuwider 1581. E 8; fromm, bider und notfeste lüt, die sich des ganz versehen nüt, das der baw solt einsmals erwinden. Berchtold
rediv. 108; denn ich je nicht erwinden wil, ich hab dann den schändlichen marschalk überwunden.
Galmy 297. 4@cc)
oft mit der praep. an = 3,
e, ermangeln, an einem liegen, durch einen liegen bleiben: an im erwindet nit das Ruland todt bleib.
Fierabras g 4; aber darneben und damit sich die von Worms nit zu beclagen hetten, noch verhöre und handelung der billichkeit an mir erwünde, hab ich mich ... vorzuokommen erbotten
u. s. w. Franz von Sickingen
warhaftiger bericht. 1515 B 2; sonst wist ich bessers nit zu finden, ich glaub an hülf wurds nit erwinden. Berchtold
rediv. 28; daran auch an uns in keinem gar nichts erwinden solle.
churf. Johann
bei Luther 3, 51
b; als doch an uns nicht erwinden sol. 5, 108
a; sollte an uns billigkeit nicht erwinden. 108
b; als doch an uns in keinem, das mit gott und gewissen zu christlicher einigkeit dienstlich sein kan oder mag, erwinden sol.
conf. aug. bei Luther 6, 362
b; sol an mir nit erwinden.
Livius, Mainz 1557
bl. 35; es solt an keinem gelt erwinden. Wickram
rollw. 88; es erwindt an deinem guten willen nit.
kl. weise reden 234
a; wiewol ich nun, dasz an euch und ewer redlichkeit nichts hierin erwinden werde, nichts zweifelhaftiges spüre. Kirchhof
mil. disc. 74; es erwindt nit an uns,
nulla est in nobis mora; es sol weder in dem noch in anderen dingen an mir erwinden. Maaler 120
a; nichts sol auch erwinden an mir, ich will euch allzeit früh und spat versorgen mit gutem vorrath. Fronsp.
kriegsb. 3, 3
a; solle an mir nichts erwinden noch unterlassen werden. Schweinichen 3, 192; an im ist warlich nichts erwunden. Schmelzl
zug ins Ungerl. 8
b; wenn ich euch wol zu halten west, solt es an mir je nichts erwinden. Ayrer 358
b; und wenn es denn hieran alleine noch erwindet und sich zu seinem heil kein ander mittel findet, so wil mit frewden ich es geben für ihn hin. Werders
Ar. 9, 50; könnt ihr bei Gibeon und gott versöhnung finden, geht hin, ich schwer es soll an mir auch nichts erwinden. Gryphius 1, 573; wenn die sach nur an denen 5000 fl. erwindet, so will ich alles gar gern hergeben. Abele 5, 148; das urtheil hast du einmal gegeben und erwindet jetzo nur an deme, dasz auch dasselbe unverschont vollzogen werde.
gerichtsh. 1, 10; dasz ich sein schreiben aber nicht beantwortet, hat an den vilfältigen geschäften, damit ich überheuft, erwunden (
gelegen). Butschky
kanzl. 70; es hat mir an mitteln erwunden (
gefehlt). Schm. 4, 170. 4@dd)
lang in gebrauch blieb noch die redensart 'nichts erwinden, an nichts erwinden lassen',
d. i. fehlen, ermangeln lassen: was wir denn dazu fördern köndten, wolten wir an uns auch nicht erwinden lassen.
herzog Fridrich
zu Sachsen bei Luther 1, 141
a; wir wolten an allem dem unserthalb nichts erwinden lassen.
bei Luther 5, 106
a; darzu wir dann unsers teils bisher nichts erwinden lassen.
statsp. Karl V. s. 409 (
a. 1547); daran wolten wir an unser vermöglichheit nichtzit lassen erwinden.
s. 413; aber an irem vleisz nichts erwinden lassen.
s. 527 (
a. 1554); ritterspil, daran er keinen kosten hat erwinden lassen.
kl. weise reden 258
b; denn fürwar solt ir mir glauben mein herr kein gut wird lassen erwinden.
Galmy 31; so sollen wir doch an unserm fleisz nichts erwinden lassen. Uffenbach 2, 19; was ich aber mit schreiben, reisen thun mochte, liesz ich nicht erwinden (
s. l.). Schweinichen 1, 284; und liesz also an meinem fleisz nichts erwinden. 2, 38; das sei weit von euch, dann fürwar solt ihr mir glauben, mein herr kein gut an euch wird lassen erwinden.
buch d. liebe 46, 3; des Gargantuvalch vatter sahe wol, das sein schöner filius an ihm nichts liesz erwinden allen fleisz fürzuwenden und kein stund hinschleichen liesz, darin er nit ein lini zog.
Garg. 143
b; wil es an mir nicht erwinden lassen.
herz. Jul. von Br. 346; dann er ja an seinem kundschaft sagen nichts an ihme erwinden lassen. Ayrer
proc. 1, 15; dasz er niemals an seinem fleisz icht was lassen erwinden.
das.; damit sie auch geleicher maszen an ihnen nichts erwinden lassen. Spreng
Il. 134
b; wil meins theils nichts lassen erwinden. Ayrer 126
a; er hielt sich bei mir auf, wir lieszen nichts erwinden, und kont er ohne müh sich in die sprache finden. Opitz 2, 144; sie rudern allesampt und lassen nichts erwinden, in meinung, einen weg dem hafen zu zu finden. 3, 55; wollte es an ihm nicht erwinden lassen.
Argenis 2, 302; lösch armen ihren durst, lasz nichts an dir erwinden! du wirst in jener welt bei gott vergeltung finden. Rompler 37; lassen auch mit fressen, saufen, huren, buben, raszlen, spielen und mummereien mir zu ehren an sich nichts erwinden. Phil.
lugd. 5, 268; und ungeachtet Grotius an klugheit in der kriegsanstalt, an tapferkeit in den schlachten nichts erwinden liesz, wurden doch alle seine anschläge krebsgängig. Lohenst.
Arm. 1, 879; der feldherr liesz abermals an versorgung der verwundeten, an beschenkung der tapfern nichts erwinden. 2, 1227; weisz nit, noch mags entrichten, wo, wann, womit und wie an meinem fleisz und pflichten ichs liesz erwinden ie? Spee
trutzn. 59 (64); wofern ich aber in einigerlei weg ihrer zaarischen majestät ohne beschwerung meines gewissens würde dienen können, würde ich an meinem äuszersten vermögen nichts erwinden lassen.
Simpl. K. 795; wiewol der feind an sich nichts erwinden lassen. Chemnitz
V. 1, 42
b; wiewol die belagerte an sich ihm widerstand zu thun nichts erwinden lassen. IV. 2, 111
a; so lässet es denn auch der herr Jesus an sich nicht erwinden und stellt sich mit der ruthe des creuzes ein. Scriver
seelensch. 1, 802; worinnen ich dir angenehme dienste, rath, hülfe erzeigen kan, wil ich solches an mir im geringsten nicht erwinden lassen. Butschky
kanzl. 253; an seinem fleisz in irgend einem stück niemahls etwas erwinden lassen. Hahn 3,
vorr.; sie glaubten, sie müsten an sich nichts erwinden lassen, sondern auf die ausrüstung einer neuen flotte bedacht sein. Heilmans
Thuc. 1031.
dasz hin und wieder entwinden
statt dieses erwinden
begegnet, wurde sp. 660
angemerkt. 55)
wie doch ein so lebendiges, eingewohntes wort in allen von 1—4
entfalteten verwendungen unsrer hd. sprache seit dem 18
jh. absterben konnte! wahrscheinlich hat Luther
dazu mitgewirkt, der es nirgends gebraucht, denn in allen unter 4,
c. d. aus ihm angezognen stellen gehört es andern, bei ihm eingeschalteten verfassern. irre ich nicht, so enthalten sich des ausdrucks auch schon Fleming, Günther, Gellert. Rädlein 259
a, Steinbach 2, 1046
geben noch erwinden lassen, Heynatz
antib. 1, 393
als kanzleimäszig, Stalder 2, 453
aus dem Berner oberland erwinden,
nichts ausrichten. es lag mir an, bei einer für die sprachgeschichte merkwürdigen erscheinung die belege nicht zu sparen. 66)
wol aber zeigt sich bei Luther
und anderwärts sparsam erwinden
im sinne von überwinden, erweisen: mit gerichte erklagt, erfolget oder mit urteil erwunden.
weisth. 3, 568 (
a. 1410),
wo nicht zu lesen 'erwonnen',
s. erwinnen; die seelen im fegfeuer sind nicht sicher irer seligkeit von allen zureden. es ist auch nicht erwunden mit schrift oder vernunft, das sie nicht mehr verdienen, noch die liebe gottes mehren. Luther 1, 431
b; über das so hab ich in siben köpfen den Luther aus eignen worten überzeugt und die wandlung erwunden. Cocleus
von der mess und priesterweihe. Lp. 1534. B 4; han wir den rauchsten weg erwunden, der weitest wird auch wol gefunden. Fischart
gl. sch. 489. 77) erwinden,
trochlea elevare, aufwinden, in die höhe winden. 88)
refl. sich erwinden,
audere, sich unterwinden: erwinde dich nicht kampfs.
buch der liebe 80, 1; gebet, herr, die schuld dem brauche, wenn wir diener uns erwinden, wir, die wir euch selbsten pflichtbar, euch noch dennoch anzubinden. Logau 3, 229, 62; durch was thörichte gedanken war ich dümmer als ein rind, dasz ich was du gut gefunden zu beklügeln mich erwunden? Canitz 33 (175).