wut,
wüte,
f. (
m.),
heftige seelisch-leibliche erregung und ihre äuszerungen. herkunft und form. zur idg. wurzel *et-,
*ot- (
*at-) '
blasen, inspirieren'
in aind. apivátati, apivātayati,
lat. vātēs '
weissager, seher',
gall. οὐάτεις (
οὐάτεις δὲ ἱεροποιοὶ καὶ φυσιολόγοι Strabon 4, 4, 4),
air. fāith '
seher, prophet' (<
*āti-)
s. Thieme in:
Asiatica f. Weller (1954) 656—666,
zs. d. dt. morgenl. ges. 107 (1957) 86; Pokorny 1, 1113; Walde-Pokorny 1, 216
stellen sich (
neben den auf eine germ. grundform *wōþa-,
*wōþō
weisenden abstraktbildungen an. ōðr,
m., '
seele, vernunft, geist' [
in dieser bedeutung nur Vlospá 18, 1], '
dichtkunst, dichtung' [
vgl. de Vries
zs. f. dt. phil. 73 (1954) 344
f.],
ags. wōþ,
f., '
ton, schrei, stimme, gesang, dichtung, beredsamkeit'
; dazu wōþcræft '
dichtkunst')
über germ. *wōða- (
anders Kluge,
s. u.)
die adjektive got. wōþs (
bezeugt: wōds
δαιμονισθείς Mk. 5, 18; þana wōdan
τὸν δαιμονιζόμενον 5, 15,
vgl. 16;
zur normalform s. Braune-Helm
got. gramm. § 74
anm. 2);
an. ōðr '
besessen, rasend; heftig'
; ags. wōd '
besessen, rasend; tollwütig' (
daneben wēde, Kluge
setzt daher —
also ohne zureichenden grund —
als urgerm. ausgangsform u-
stamm *wōðu-
an, nom. stammbildungslehre § 181
f.);
ahd. wuot (
insanitis uuuaten [9.
jh.]
ahd. gl. 1, 763, 20
St.-S.),
auch ferwuot,
s. teil 12, 1,
sp. 2412.
die frühen adj.-ableitungen ahd. wuotac
und wuotan (
hierzu der göttername Wodan)
s. unter wütig
bzw. Wutesheer.
weitere bezeugung in den nordgerm. sprachen bei de Vries
an. etym. wb. 416,
fürs engl. s. Murray
s. v. wood.
von diesen adjektiven werden im nord- und westgerm. femininabstrakta abgeleitet: an. œði '
besessenheit, heftige erregtheit'
; ae. wōd '
rabies' (
in zwei hss. als glosse zu Aldhelm 40, 24
belegt: 'wodnesse
is undoubtidly meant' Napier
old English glosses 80
anm. zu 2983), ellen-wōd '
eifer' (
nur im Pariser psalter 68, 9);
mnl. woet (
junge nebenform woede) '
besessenheit, raserei, leidenschaftliche erregung, begierde'.
im dt. konkurrieren zwei bildungsweisen: ahd. allein sicher belegt ist der -în-
stamm, früheste belege: nom. sg. vûti (
um 1070)
ahd. gl. 2, 256, 70
St.-S.; wuote (12.
jh.)
anhang z. d. Windberger psalmen, zs. f. dt. altert. 8, 120;
akk. wüt (:gemüt)
liederb. d. Hätzlerin 1, 62, 2
Haltaus; nom. wtty (1491) Österreicher
Columella 2, 56
L. (
neben schwach flektiertem akk. wyttin 2, 103);
nom. wüt (1569)
Amadis 1, 352
lit. ver.; wüte Frischlin
nomencl. (1586) 81
b. i-
stamm (
angesichts der geringen belegdichte in der älteren sprache möglicherweise rückbildung aus den umgelauteten zweisilbigen formen nach dem muster kraft: krefte,
vgl. auch Wilmanns
dt. gr. 31, 376;
nimmt man dagegen einen alten fem. -i-
stamm an, so kann der nicht vom adjektiv aus erklärt werden):
nom./akk. wuot meister Eckhart
dt. w. 1, 393, 2
ff. Quint; dat. wut (
md., ende d. 15.
jhs.)
Alsfelder passionsspiel 6748
Grein; dat. wuott (: guott) (
Ulm 1549)
bei Fischer schwäb. 6, 1014;
nom. wuet
Zimmer. chron. 23, 511
Barack: dat. wut Gäbelkover
artzneyb. (1595) 2, 302;
weitere buchungen durch mhd. wb. 3, 535
b f. und Lexer 3, 1004
f. sind konjekturen gegen die hss. zu beiden stämmen können gestellt werden: dat. uuoti (9.
jh.)
ahd. gl. 1, 117, 1
St.-S.; gen. uuoti (9.
jh.) 2, 223, 31;
dat. wute (: blvte) (1170)
Linzer antichrist, in: fundgr. 2, 124
H.; dat. wüete (: gemüete) (1293) Hugo v. Langenstein
Martina 54, 54
K.; dat. wt (
hs. d. 15.
jhs.) Heinrich Wittenwiler
ring 2372
W.; dat. wuete (
Augsburg um 1460)
städtechron. 5, 64;
akk. wuet (
neben hochmuet, grues
aber auch verhueten, guetlich
Bregenz 1525)
dt. bauernkrieg, aktenbd. 175
Franz. im 17.
jh., für das mit umlautenden formen eines i-
stammes ahd. *wuot
im sg. kaum noch zu rechnen ist (Paul
dt. gramm. 2, § 42),
überwiegt die umgelautete, meist zweisilbige form aus dem în-
stamm noch leicht gegenüber wut (
vgl. ähnliche verhältnisse bei grimme : grimm
teil 4, 1, 6,
sp. 346
u. 352).
dabei streuen beide formen übers ganze sprachgebiet, doch scheint wüte
von md. und nd., wut
von obd. (
bes. schwäb.-elsäss.)
autoren bevorzugt zu werden. seit ende d. 17.
jhs. setzt sich wut
gegen wüte
allgemein durch. die neueren maa. weisen (
vielfach unter dem einflusz der hochsprache)
ausnahmslos auf ahd. *wuot (
im obd. mit in abgeschwächter form erhaltenem diphthong, vgl. wuεt Schatz
Tirol 713; wuəd Schmeller-Fr.
bayer. 2, 1056; wūət Fischer
schwäb. 6, 1014; wỳət [< wuet] Martin-Lienhart
elsäss. 2, 884).
gelegentliche bezeugung als mask. scheint im obd. (
bes. schwäb.-els.)
auf fester tradition zu beruhen (
dieses m. kann als adjektivabstr. wie der gesund, grimm, gram
aufgefaszt werden).
zwar darf durch wort-für-wort-übersetzung erklärt werden: in furore meo in wuote mineme
anhang z. d. Windberger psalmen, zs. f. dt. altert. 8, 133;
durch anlehnung an ein mask. begleitwort in paarformeln: ein unmäsziger zorn und wüth Heilbrunner
v. d. Augsp. confession (1598) 132; seinen wüt und grimm (1676) Hesenthaler in:
dt. evang. kirchenlied 5, 186
Fischer-Tümpel; im wuth und heldenmuth
nach älterer vorlage bei Morhof
unterr. v. d. dt. spr. (1682) 1, 344; ausübung des grims und wuths Rieger
böhm. brüder (1734) 1, 149;
doch es bleiben fälle wie: wanne al min bluot recht wuotes wuot zart frowe zu dir (
um 1464)
bei Fischer
schwäb. 6, 1014; vom wut ubereilt (1591) Bauhin
hist. 118 (
entspr. 53, 124)
bei Fischer
a. a. o.; der erste wuth Moscherosch
gesichte 2 (1650) 679; den teufflischen wuth desz fluchens
ebda; auch für die moderne ma. ist wut
als mask. im schwäb.-els. noch gebietsweise bezeugt, s. Fischer
a. a. o., Martin-Lienhart
els. 2, 884.
auffällig ist die buchung wutt
als mask. bei Steinbach
dt. wb. 2 (1734) 1062.
vgl. auch das schwanken des genus im mnl., s. Verwijs-Verdam 9, 2755
und die dort angegebene literatur. —
vereinzelt bezeugte formen: schwach flektierter akk. sg. wyttin (1491) Österreicher
Columella 2, 103
L. sehr selten ist der plural: nom. höllewuhten Rompler v. Löwenhalt
erstes gebüsch (1647) 12;
gen. wuthen Arndt
schr. (1845) 2, 457;
dat. wüten Rilke
ges. w. (1927) 6, 63.
bedeutung und gebrauch. wut, wüte
ist bis ins frühnhd. nur relativ schwach zu belegen. häufiger wird das wort erst in der barock- und aufklärungsliteratur. die hist. wbb., die wüten, wüterei, wüterich, wütig, wütung
usw. regelmäszig verzeichnen, nehmen wut
nur zögernd auf: Frischlin
nomencl. (1586) 81
b; Kilian (1605) 677
a; Becher
nov. org. phil. (1674) 88
u. 229; Stieler
stammb. (1691) 2588; Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1411
c. —
seit dem ahd. ist wut
bezeichnung verschiedener dämonistisch gedeuteter krankheitsbilder (A).
der aspekt krankhafter entartung, der auch in den anderen bedeutungsbereichen bis heute betont werden kann, hat hier seinen ursprung. dem schlieszen sich verschiedene, teilweise durch gelehrte bildung antiken vorstellungen entnommene anwendungen an, in denen das wort in lat. furor, rabies u. ä. entlehnter bedeutung bestimmte, nicht physiologisch, sondern psychisch bedingte, doch ursprünglich ebenfalls dämonistisch gedeutete erregungszustände bezeichnet. zur frühen bedeutungsentfaltung vgl. das nebeneinander von griech. μάντις '
weissager, prophet'
und μαίνομαι '
in übermächtigem zorn rasen'.
nhd. hauptbedeutung ist '
zornige erregung',
die mit ihrer auf äuszere wirkung gerichteten bedeutungskomponente '
rücksichtslose aggressivität'
in wechselndem, verschieden starkem hervortreten die anwendungen des bedeutungsbereichs '
maszlose gegnerschaft' (C)
bestimmt. zwischen A
und C
vermittelt die anwendung auf bestimmte, zwar zielgerichtete, aber nicht aggressiv-feindliche erregungszustände (B),
die nur von der mitte des 18.
bis zur mitte des 19.
jhs. gut bezeugt ist. übertragene verwendungen, in denen sich die grundvorstellungen aus A
und C
mischen, sind unter D
zusammengefaszt. die darstellung einiger fester fügungen mit präpositionen, substantiven, adjektiven und verben, die vorwiegend (
aber nicht nur)
für den bedeutungsbereich '
maszlose gegnerschaft'
bezeugt sind, wurde dort (C)
angeschlossen. AA.
zustand des der lenkenden willkür entzogenen leiblich-seelischen auszersichseins. die ursprünglich dämonistische auffassung der grundsituation als einwirkung übermenschlicher mächte auf eine bestimmte person oder gruppe bleibt spurenweise bis in die neuzeit auch in anderen bedeutungsgruppen wirksam. A@11)
von verschiedenen krankhaften (
vorwiegend manischen)
gemütsveränderungen des menschen, bes. vom akuten stadium '
raserei, wahnsinnsanfall'.
vgl. die oben genannten germ. parallelen. 'wut ...
in engerer bedeutung eine krankheit, welche bei dem menschen mit beraubung des bewusztseyns und des verstandes verbunden ist, und dem leben desselben unfehlbar ein ende macht' Hübner
zeitungslex. (1824) 4, 985
b: (
Greg. cura 3, 2,
mit bezug auf 1.
reg. 18, 10:
quia ... furor insanorum saepe ad salutem medico blandiente reducitur ... [
et] ...)
languor insanie suth dera uuoti (
mitigatur) (9.
jh.)
ahd. gl. 2, 223, 31
St.-S.; wie aber hernach die wuet an im (
einem zeitweise geistesgestörten) wider nachgelasen, hat er ein newen handel bekommen
zimmer. chron. 23, 511
Barack; (
der arzt sah) aus allen zeichen, dasz ihm das gehirn schon verrückt wahr, auch nach geendigtem schlaffe er eine tobende wuht würde sehen lassen Bucholtz
Herkules (1666) 1, 349
b; eine ... erschütterung des schönen gesichts (
einer wahnsinnigen) kündigt nun den eintritt der wuth an Thümmel
reise (1791) 8, 102; über die burschen war eine art wut gekommen. sie stampften, stierten, von schweisz berieselt Kahlenberg
Eva Sehring (1901) 57; vor der tieferen sorge, den mann regiere die wache wut Stehr
d. heiligenhof (1926) 1, 54; aber nun schwamm es eigentümlich über sein (
d. gemütskranken) gesicht. die mienen spannten sich, die lippen wurden gepreszt, die augen krampfhaft geschlossen. und langsam formte sich hier ein böser, bissiger ausdruck, der mit angst, namenloser angst, wechselte. und nun durcheinander wut und verzweiflung. die arme wurden schützend vor das gesicht geschoben. der mann knirschte, er fletschte die zähne (1946) Döblin
Hamlet (Bln o. j.) 12.
bezogen auf personifiziertes: die hitz und wuht des unsinnig-krancken Teütschlands ist zwar noch zu gros Rompler v. Löwenhalt
erstes gebüsch (1647) 00 3
b.
selten und nicht ursprünglich stille wut '
melancholie' (
vgl. auch unter 2): das giebt die stille wuth, die man mit jammern und betrübnisz an so vielen sogenannten tugendbildern wahrnimmt C.
F. v. Moser
beherzigungen (
31763) 108; schwermut, wahnsinn, tollheit, stille wut, raserei Schubart
leben 2 (1793) 96.
den bedeutungsübergang von krankhafter seinsart zu feindlicher sinnesart (
s.C)
verdeutlichen folgende belege: kann der reizende gesang ... euch für diese wuth nicht bürgen, dasz die menschen euch (
die lerchen) erwürgen? C.
F. Weisze
lieder f. kinder (1767) 50; ich mein es gut mit gott und aller welt, natürlich ausgenommen meine feinde und wann die böse wuth mich überläuft Raupach
dram. w. ernster gattung (1835) 7, 40. A@22) '
tollwut' (
zur sache und synonymik sowie zum eindringen der heute herrschenden bezeichnung tollwut
s. teil 11, 1, 1,
sp. 648),
eine auf den menschen übertragbare infektionskrankheit bes. der hunde, die sich als rasende (laufende) wut
in tobsuchtsanfällen (
verbunden mit krämpfen, angstzuständen, wasserscheu)
oder als stille (schlafende) wut
in melancholischem verhalten (
mit rasch eintretender lähmung)
äuszert; s. Höfler
dt. krankheitsnamenb. 836/8; Döbel
jägerpractica (1754) 2, 110: die siedig (
speise) gepürtt (
bei den hunden) die unsinkaitt und wyttin (
fervens rabiem creat 7, 12) (1491) Österreicher
Columella 2, 103
Löffler; ihr (
der hunde) aller gefährlichste kranckheit wirdt die wüt genannt
jag- u. weidwerckbuch (1582) 1, 17
a; für wütender hundsbisz: ... gibs (
das pulver) dem menschen nüchtern ein ..., so würdt er vor der wut erhalten Gäbelkover
artzneyb. (1595) 2, 302; für die wüte oder das rasen ist ein gutes präservativ, wann man den jungen hunden den wurm nimmt Hohberg
georg. cur. 2 (1682) 605; (
die vögte) gehen auch meistens finster, mürrisch, melancholisch daher, und hängen den kopf wie die hunde, die die stille wuth haben (1782) Pestalozzi
s. w. 7, 167
B.-Spr.-St.; thiere werden nicht wahnsinnig; wiewohl die fleischfresser der wuth ... ausgesetzt sind (1844) Schopenhauer
s. w. 3, 75
Hübscher; die zeitungen meldeten, dasz in Wien eine epidemie der hundswuth herrsche, und hunde die wuth aus miasmen der luft bekommen (1862) Stifter
briefw. 4 (1925) 85; unter den jagdhunden späterer zeit hat die wut oft grosze verheerungen angerichtet Wimmer
gesch. d. dt. bodens (1905) 455.
hierher der fluch: sie tummelt, wuth und tod! ihr pferd maler Müller
w. (1811) 1, 249;
auch 3, 87.
die zunächst nur steigernde fügung tolle wut
kann auch andere sachverhalte bezeichnen. dabei ist wohl erst seit dem 19.
jh. im einzelfall übertragener gebrauch des krankheitsnamens zu erwägen (
vgl. die belege unter tollwut
a. a. o.): wie hoch die tolle wuth der barbarey gestiegen J. J. Schwabe
belust. (1741) 1, 387; die frau aber leugnete die that rundweg und behauptete, der mann habe in seiner tollen wut die suppenschüssel für seine pelzmütze angesehen und sich auf den kopf stülpen wollen G. Keller
ges. w. (1889) 6, 228; narren waren wir im leben, und mit toller wut ergeben einer tollen liebesbrunst H. Heine
s. w. 1, 24
Elster. A@33) '
leidenschaft', '
verzückung'. A@3@aa)
vom erotischen affekt: zwar ist es uns beederseits gut das unsre wuht in der lieb so fein sanft mag bleiben (1619) Weckherlin
ged. 1, 267
Fischer; und als sie einst mit ihr betrübt im grünen sitzen, wird ihre liebe wuth Gellert
s. schr. (1839) 1, 237; hätt' ich nicht so viel macht ihm über mich gegeben, er würde glücklicher, und ich zufriedner leben. versuch ihm diese macht durch kaltsinn zu entziehn! doch, wie wird seine wuth bei meiner kälte glühn Göthe I 9, 20
W. mit stärkerer betonung krankhaft anmutender übersteigerung: nebenbei steht der birkhahn ... in dem übeln rufe einer zügellosen geilheit, welche ... an wuth und tollheit grenzt Naumann
vögel (1822) 6, 343. A@3@bb)
gelegentlich '
zustand gesteigerter lust, überschwenglicher begeisterung' (wut
in übertragener verwendung als ausdruck der heftigkeit bestimmter leidenschaften s. unter E): wilde krieger singen, hasz und rach und blut in die laute singen, ist nicht lust, ist wut Lessing 1, 61
L.-M., Mignon ward bis zur wuth lustig Göthe I 22, 208
W.; er warf seinen hut mit fröhlicher wuth hoch in die luft Eichendorff
s. w. (1864) 2, 90;
auch 96; es gab weiber und männer, welche sich dem gefühl von entsetzen und untergangsnähe mit einer art wut und wollust hingaben H. Hesse
glasperlenspiel (1943) 2, 283. A@3@cc) '
leidenschaftliche erregtheit'
als wesensimmanente triebhaltung: alszbald seine tag nu blühen kan sein muht sich der wuht seiner jugent nicht entziehen Weckherlin
ged. 1, 492
Fischer; sie (
d. wissenschaften) zähmten seine (
d. Deutschen) rohe wuth, sie stärkten ihm verstand und muth
anmuth. gelehrsamk. 8, 735
Gottsched; ich bin betäubt durch die grosze wuth der menschen in Neapel, und durch das unglaubliche geräusch Winckelmann
bei Justi
Winckelmann (1866) 2, 1, 161; aber schon bei Michelangelo fühlt man eine eigentlich spätzeitliche wut, will sagen, man spürt die wut eines urtümlichen, in eine spätwelt versetzten riesen, wenn er den körperlichen kampf mit dem steine so leidenschaftlich durchkämpft Pinder
kunst d. ersten bürgerzeit (1937) 156.
auch: der neid, dem wuth und herze fehlet, ... schreyt: Carl ist wirklich grosz Stoppe
Parnasz (1735) 12.
gelegentlich mit festem beiwort zur typisierenden charakteristik von völkern und volksangehörigen. dabei geht deutsche wut
auf deutende übersetzung des '
furor Teutonicus' (
zuerst in Lucanus' de bello civ. 1, 256;
vgl. Dümmler
über d. furor Teutonicus, sitz.-ber. d. Bln. akad. [1897] 112
ff.)
zurück; der sinn tendiert deutlich zu '
feindliche erregung' (
s.C): allwo sie vermeinten ... der portugiesischen wüte zu entgehen
O. Dapper Asia (1681) 1, 278
a; die (
betrogene französ.) nonne, voll von welscher wuth, entglüht in ihrem muthe und sann auf nichts als dolch und blut, und schwamm in lauter blute (1773) Hölty
ged. 23
Halm; es giebt einen göttlichen strom des lebens und der liebe, der als der innigste und heiligste durch ein ganzes volk flieszet ... und ... als feuerseele des ganzen zuweilen herausschlägt. dieses ... alles deutsche von innen her beseelende und verbindende kann man wohl die deutschheit nennen ..., die von so vielen eine deutsche wuth genannt wird ... ich wollte, diese wuth wäre stark genug, die letzten spuren der französischen wuth und englischen wuth und aller mancherlei wuthen, die uns besessen haben, aus den deutschen marken zu vertreiben E.
M. Arndt
schr. (1845) 2, 457; hier aber sah und hörte ich, ... was holländische wuth heiszen wolle ... der doctor seinerseits fühlte auch in sich eine niederländische begeisterung erwachen und schimpfte den patienten aus Immermann
w. 2, 96
Hempel. A@3@dd) '
unsinnig gesteigerte, schwärmerische begeisterung durch religiöse werte'.
vorwiegend im 18.
jh.; wo die sinnkomponente der unbeherrschten entrücktheit durch die des ungezügelten, brutalen religionseifers gegen andersgläubige überdeckt wird, geht die bedeutung als '
religiöser fanatismus'
in die unter C
dargestellten anwendungen über: sein (
des fürsten) weiser arm erstickt in ihrer ersten brut verfolgung, hasz und krieg, die früchte frommer wuth Gottschedin
br. 2, 320
Runkel; erkranket ist der grosse Chrysostomus von aller heiligen wuth, mit der er, als ein feuervoller jüngling, in den mönchsstand trat Zimmermann
einsamkeit (1784) 1, 384; und seine (
Mahomets) jünger, zwischen stadt und wüste, verbannt, verfolgt, geächtet, eingekerkert, verbreiten ihre wuth als götterlehre. Medina wird von ihrem gift entzündet Göthe I 7, 161
W.; glücklich genug, wenn sich diese theologische wuth an dem gemeinschaftlichen religionsfeind erschöpft hätte, ohne gegen die eignen religionsverwandten ihr gift auszusprützen Schiller 8, 20
G.; der heilige, der die welt flieht, den die welt seiner religiösen wuth ruhig überläszt, ruft am ende den teufel selbst zu hülfe Klinger
w. 11 (1809) 210; die zelle war offen — bleich, hager und mager lag bruder Medardus auf kärglichem lager, die hände gefaltet in betender wuth
moderne dichtercharaktere 246
Arent-C.-H. A@3@ee) '
schöpferische begeisterung des dichters'.
zunächst für den zustand der weltentrückten anteilnahme des poeten am göttlichen (
inspiration).
nach griechischer vorstellung eingegeben von Apollon oder auch Bacchus (
über die griech. [
Plato: μανία]
und röm. [
Cicero: furor]
tradition und ihre einwirkung auf die spätere poetik s. R. Meissner
in d. Walzel
-festschr. [1924] 21
ff. sowie E. R. Curtius
europ. lit. u. lat. mittelalter [1948] 469
f.). wut
ist (
neben rasen
teil 8
sp. 136; wahnsinn
teil 13
sp. 678)
in dieser zum ausgangspunkt zurückführenden verwendung seit dem 8.
jh. belegt, zunächst in gelehrter beziehung auf antike verhältnisse: er (
Horaz) jauchzt daher von Bacchus gantz erfüllt; die macht der feuerreichen gottheit treibt ihn in neuer wuth durch felsen, wald und kluft. er singt, was nie ein mund gesungen (1739) Pyra
freundschaftl. lieder 18
ndr.; das, was ihr hört, sind meine fantasieen. — nun, herr poet! frisch! setz er sich in wut! denn macht er's gut — je nun! — so macht er's gut! Goekingk
ged. (1780) 2, 188; dennoch hatten fast alle mühe, das lachen zu verbeiszen, wenn einmal in anderer gegenwart die wuth des gesanges sie befiel Storm
s. w. (1899) 4, 185; wahrscheinlich haben sie (
die sterblichen) aus diesen überresten des gottes (
der zerbrochenen flöte Pans) einen unbändigen geist eingesogen oder sich angesteckt mit eingeweihten wüten Rilke
ges. w. (1927) 6, 63.
formelhaft ästhetische wut: derjenige zustand des gemüths, in welchem so grosse kräfte geschäftig und lebendig sind, dasz dadurch die erfoderte schönheit der gedanken hervorgebracht werden kan, heiszt die ästhetische wuth, raserey oder begeisterung G.
F. Meier
anfangsgr. d. schönen wissensch. (
21754) 569. poetische wut (
furor poeticus): man hat dadurch, dasz man ein bischen witz und die gabe zu reimen ... hat, nicht gleich einen freybrief, ... sich alles für erlaubt zu halten, was einem die poetische wuth eingibt Wieland
ausgew. br. (1771) 3, 74; es fähret die poet'sche wuth in unsrer freunde junges blut Göthe I 4, 215
W. A@3@ff)
von der ekstase der am kult des Dionysos (
Bacchus)
teilnehmenden und der verzückung der priesterin des dionysisch-apollinischen orakels in Delphi, bes. heilige wut: die delphische priesterinn wahrsagte nicht eher, als bis sie durch genugsame opfer, geschenke und belohnungen, in ihre heilige wuth gerieth Rabener
s. schr. (1777) 2, 167; also der gott. sein mund schäumt für prophetscher wuth; doch nach und nach senkt sich sein aufgebrachtes blut Zachariä
poet. schr. (1763) 1, 66; ein ... haufen von ... thracischen weibern war es, welche von der orphischen wuth begeistert, sich versammelt hatten Wieland
Agathon (1766) 1, 7; der strom ihrer rede ergiesst sich mit der heiligen wuth, die keine Venus hetäre gewähren kann Fr. Schlegel
pros. jugendschr. 1, 52
Minor; die bacchantin aber, voll bacchischer wuth mit fliegenden haaren H. Meyer
gesch. d. bild. künste (1824) 1, 277. BB. '
leidenschaftlich heftiges, zielgerichtetes bestreben'
; der vorstellung des dämonischen besessenseins (A)
noch fühlbar nahestehend, bleiben die folgenden gebrauchsweisen den anwendungen der gruppe C
dadurch fern, dasz ihnen der sinnbestandteil der feindseligen erregung weithin fehlt (
den festen gebrauch '
kampfsucht'
s. unter C 2 b): B@11)
vereinzelt und unfest, aber schon relativ früh bezeugt, gilt wut
für '
leidenschaftliches verlangen', '
ungestüme gier': (
anrede an die geliebte:) als mein gemüt hatt sämlich wüt nach deiner güt. mein hort, mein trost
liederbuch der Hätzlerin 1, 62
Haltaus; die kriegsüchtige wüte und tobende blutlust der menschen (1648) Schottel
friedenssieg 66
ndr.; in verbindung mit dieser wuth nach excentrischen vergnügungen kann sich auch die bühne einen groszen theil der schuld beimessen Gutzkow
ges. w. (1872) 11, 159. B@22) '
leidenschaftliches, auf ein bestimmtes handeln gerichtetes bestreben',
häufig im 18./19.
jh. überwiegend negativ gewertet als '
lächerlicher (
oder auch gefährlicher)
übereifer', '
fixe idee', '
krankhafte sucht' (
vgl. wut-komposita 3): (
der Deutschen) wuth in übersetzung französischer bücher (1759) Winckelmann
w. 1 (1808) 280; ich kenne einen bildhauer von Sicyon, der die wuth hat, lauter liebesgöttinnen zu schnitzen Wieland
s. w. (1796) 19, 76; es gibt menschen, die ... eine art von wuth haben, alle grossen physischen revolutionen auf der erde durch die astronomie erklären zu wollen
F. Th. v. Schubert
verm. schr. (1823) 2, 84; diese wut des sogenannten bauernlegens E.
M. Arndt
s. w. (1892) 1, 85; allmählig nimmt ... die wuth der nachahmung wieder ab Ranke
s. w. (1867) 30, 18.
seltener in neutraler wertung: (
er) bekam, da er das zeichnen über alles liebte, eine wuth das herrliche land zu sehn Wackenroder
herzenserg. (1797) 217; seine (
des groszstädters) wuth nach änderung seiner lage Gutzkow
ritter v. geiste (1850) 8, 40; und ich dachte mir, dasz, wenn diese wut (
der pflanzen) zu leben und zu wachsen für unsere ohren vernehmbar wäre, sich ... ein gebrüll erheben würde, das auch die gröszte schlacht der menschen übertönen müszte E. Jünger
das wäldchen 125 (1928) 65. CC. '
maszlos gesteigerte, der verstandeskontrolle entzogene gegnerschaft'
mit den bedeutungskomponenten '(
krankhaft heftige)
zornige erregung'
und '
zerstörerische aggressivität',
deren wechselndes hervortreten die folgenden anwendungen bestimmt. C@11) '
krankhaft heftige, ihren träger völlig beherrschende zornige erregung, zügellose aufgebrachtheit'.
ahd./mhd. vereinzelt bezeugt. seit der mitte des 18.
jhs. wird diese verwendung unter wesentlicher beteiligung des schrifttums der aufklärungszeit zur hauptgebrauchsweise des wortes. zugleich verschwindet die bis dahin verbreitete umlautende form wüte. C@1@aa) '
heftigster zorn',
vor allem in den älteren belegen mit dem nebenbegriff des übermächtigen, der jedoch als zumindest eingebildete äuszere oder innere überlegenheit (
hybris)
auch später gelegentlich spürbar bleibt: ih uergihe dir herro wande zornich worden bis du mir. becheret (uerwantelet) ist wuote din unde getrostet has du mih (
conversus est furor tuus, Isaias 12, 1) (12.
jh.)
anhang z. d. Windberger psalmen, zs. f. dt. altert. 8, 120; (
gott spricht:) fiur enzuntet ist in wuote mineme unde brinnit unze ze der helle lecistiu (iungistiu) (
ignis succensus est in furore meo, deut. 32, 22)
ebda 133; Alexander wande krenkin, der keisir, ir (
d. christen) gemüete:
in siner tobinden wüete hiez er die maget (
Martina) ziehin für sich (1293) Hugo v. Langenstein
Martina 54, 54
Keller; der zorn verkert sich in wütte Stosch
polit. staatsgarten (1676) 10; der zorn, der bis zur wuth aufschwillt, hat den höchsten grad der lebhaftigkeit erreicht Ramler
einlt. i. d. schönen wissensch. (1758) 7, 14; dort (
im jenseits) psalmodeyt kein wohlgenährter bonze, im kopfe nebel, in dem herzen bronze, dir seiner wuth ergrimmten widerspruch Seume
ged. (1804) 97; ach, dieser Opitz! als ich mich jeden tag noch über ihn wüten konnte, das war doch was, wenns auch bloss wut und hass war Fontane
ges. w. (1905) I 6, 64; nie wird dem seher dank ... er trifft auf hohn und steine, ruft er unheil — wut und steine, wenn es hereinbrach Stefan George
d. neue reich (1928) 29; bis er, Karl gegenübergestellt, ihm seine wut ins gesicht speien könnte Bergengruen
Karl d. kühne (1930) 59.
häufig mit dem nebenbegriff des unsinnig heftigen, unverständigen (
s. blinde wut
unter 5 b
α):
in amentia in uuoti (9.
jh.)
ahd. gl. 1, 117, 1
St.-S.; vnd ausz vnsinniger wüht vermeinet er den Galaor zuerwischen
Amadis 1, 127
lit. ver.; er (
der mann) giebt gute worte, wenn er der that überführt ist; das weib dagegen ist voll wuth, wenn es sich nicht mehr durch auswege helfen und retten kann Hippel
über d. ehe (1792) 193; die art, wie er (
Rask) in dem buch meine arbeit behandelt, ärgerte mich, überhaupt seine verbissene wuth gegen alles hochdeutsche (1826) J. Grimm
an Lachmann in: briefw. 2, 480
Leitzm. maszlose, aber ohnmächtige empörung (
die sich gelegentlich am falschen objekt austobt): (
Wilhelm) faszte in seiner wuth ein paar hefte an, zerrisz sie und warf sie an den boden Göthe I 51, 129
W.; (
wenn gott) die empörer ... hinunterschleudert in der höllen gluth, dasz durch entsetzenvolle nächte sie brüllen ihre wuth Schubart
sämtl. ged. 1 (1787) 7; jetzt beiszt er in den bettpfosten! so wahr ich lebe, bester freund, er beiszt vor wut in den bettpfosten W. Raabe
s. w. I 6, 272
K. C@1@bb) '
vernichtungssucht'
stehen nahe: (
der tod) brennet vor höllischer wuth Lenz
ged. 8
Weinhold; bald tritt dagegen, wie jene bilderstürmende, so hier eine schriftstürmende wuth ein Göthe II 3, 147
W.; unkriegerisch und unfähig den stärkeren amerikanischen wilden widerstand zu leisten, sind sie (
die Eskimos) nur in jenen nordwestlichen gegenden elend und beklagenswerth, wo die wuth dieser unerbittlichen sie verfolgt, und ihnen am äuszersten rande des eismeers kaum eine stätte vergönnt J. G. Forster
s. schr. (1843) 4, 171; in Burkhard ... entbrannte hierüber die wilde wuth eines verfolgers, er sagte ... kopfabhauen sei die gerechte strafe der Lutherschen bösewichter Ranke
s. w. (1867) 2, 117. C@1@cc)
erregung und aggressive haltung von tieren gegenüber der beute oder dem angreifer als anlagebedingte ständige möglichkeit: zende dere tiere anesente ih an sie. mit wuote ziehenter iouh dere slangen (
dentes bestiarum ..., cum furore trahentium [
super terram],
atque serpentium, deut. 32, 24) (12.
jh.)
anhang z. d. Windberger psalmen, zs. f. dt. altert. 8, 133; sie kletterten auff die bäume, der wüte dieser und andrer wilden thiere zu entweichen Francisci
d. alleredelste unglück (1670) 132; da giengen alle thiere in das sündliche land, veränderten ihre vorige natur, freundlichkeit und zuneigung zu dem menschen, ja ein jedwederes thier geschlechte war in wüte und bitterkeit gleichsam verwandelt (1674) Widmann
Fausts leben 186
Keller; (
Homer) beschreibet ... mit poetischen farben die wuth eines verwundeten löwen Breitinger
crit. dichtk. (1740) 1, 38; nur die wuth des tiegers und nicht seine täuschende bunte fleken kennend Schubart
leben (1791) 1, 18; (
der wolf) würgt und würgt über die heide in heiszer wuth maler Müller
w. (1811) 1, 361; der landfahrer ... fängt bären, weisz ihre wuth zu bändigen und verkauft sie (1872) G. Freytag
ges. w. 8 (1887) 228. C@22) '
aggressive gesinnung und betätigung (
anti-)
religiöser fanatiker' (
vgl.A 3 d): alse vierdehalp iar irgât an so getaner wute (
rasen des Antichrists) an der heiligin blvte, so hat der vvtgrimme (
der Antichrist) vollelebt (1170)
Linzer Antichrist in: fundgruben 2, 124
Hoffmann; Joseph (
von Arimathia) dicit Marie: wan das selbe kind zu geneme und es zu driszigk jaren queme, so solde das selbe reine kint von der Juddescheit wut blint liden unzelich pin (15.
jh.)
Alsfelder passionsspiel 212
Grein; solcher vermeinte eyffer in denen, so einer jrrigen oder falschen religion anhängig, kan kein masz halten vnd ist vielmehr ein vnmäsziger zorn vnd wüth als ein eyffer Heilbrunner
v. d. augspurg. confession widerw. censur (1598) 132; nein, heilge zeugten dich (
ketzereifer), du gährst in priesterblut, sie lehren nichts als lieb und zeigen nichts als wuth (1730) Haller
ged. 64
Hirzel; eh Ferdinand mit frommer wuth die Mauren von sich stiesz, flosz Omars junges heldenblut Ramler
fabellese (1783) 3, 43. C@33)
auf kriegerische akte bezogen. C@3@aa) '
kriegerische erregung', '
unbeherrschbare kampfsucht': (
Milesius reizte Alexander,) das er im wuth und heldenmuth, fast schild, schwert und kriegswaffen im grim die feind zu straffen Morhof
unterr. v. d. dt. spr. (1682) 1, 344; eine melodie, welche die helden des alterthums auf den höchsten grad der grossmuth erhub, wann sie eine schlacht antraten, und ihnen an statt der wuth eine gesezte dapferkeit einblies Bodmer
slg. crit. poet. schr. (1741) 1, 33; also läszt er einen hund zu der heyden füssen werfen: sie erblassen! spott und hohn suchen ihre wuth zu schärfen Schönaich
Heinrich d. vogler (1757) 17; die italienischen truppen, mehr noch die deutschen, ... glühen voll wut gegen den allgemeinen feind (
Napoleon) (1807)
mon. Germ. paed. 37, 221. C@3@bb) '
rasendes ungestüm im kampfgetümmel', '
verbissenheit': seine sanfftmuth man hat erfahren in seiner feinden wuth (
ansturm) vnd flucht (1624) Weckherlin
in: Zinkgref
auserles. ged. 38
ndr.; die Skythen meyneten ihrer gewöhnlichen wuht nach, alsbald festen fusz auf unsern schiffen zu gewinnen Bucholtz
Herkuliskus (1665) 403; wann dort der Türken wuth zur linken und zur rechten bey Belgrad festgesetzt den wohlverschanzten fusz Heräus
ged. u. lat. inschr. (1721) 10; die feinde ... stürzten einander selbst, indem sie unsrer wuth wichen Gessner
schr. 2 (1778) 97; die räuber glauben leicht sich meines knaben zu bemächtigen; doch nun erneuert sich der streit. wir ringen voller wuth, den schatz vertheidigend Göthe I 11, 19
W.; man kämpfte in den straszen und kirchen mit solcher wuth, dasz an einem tage in einer basilica 137 leichen von erschlagenen gefunden wurden Döllinger
akad. vortr. (1888) 1, 64. C@3@cc)
allgemeiner gefaszt: '
zerstörerisches wirken, grausame härte seitens feindlicher mächte'.
die antike personifikation '
Furor, im gefolge des Mars' (
s. Georges
lat.-dt. hdwb. 81, 2887)
scheint gelegentlich literarisch nachzuwirken: Mars: was ... meiner kriegerischen wüte zuwidrig ist, habe ich ... aus meinem Teutschlande vertrieben (1648) Schottel
friedenssieg 18
ndr.; damit nun Johannes dem siege ... weiter nachjagte, fiel er seinem mitbewerber ... ins land, und liesz alle wüte daselbst, wie einen durchreissenden strom, aus Francisci
traursaal (1669) 2, 156; also muszten sie ... ein opfer der wuth im kriege werden Gellert
s. schr. (1839) 9, 152; auch sah man theile eines tempels, in welchem die wuth gefesselt war. umher stand die inschrift: clauduntur belli portae Göthe I 43, 202
W.; trotzig gleich der meeresfluth ... ergoss sich grimmer feinde wuth E.
M. Arndt
s. w. (1892) 4, 13; ihr (
d. söldner) feuer hat die trümmerhaufen geschwärzt, ihre wuth speicher und kisten geleert, allen hausrath zerschlagen G. Freytag
ges. w. 17 (1888) 7; aber wer vermöchte die wuth und ihre gräuel zu schildern, die sonst weit und breit ... über die unbeschützten und waffenlosen hereinbrachen ... die elementaren kräfte ... erhoben sich in wilder ungebundenheit Ranke
s. w. 16 (1875) 75.
auch übertragen auf mittel der zerstörung: als der granaten wut, nach tiefgeführten wühlen, zertheilet um sich warf mit kirch- und predigtstühlen Besser
schr. (1732) 1, 56; und ihr heroen, die uns leitetet, gnädig wollt das heer empfangen, das der lanzen wuth verschont Droysen
Äschylus' werke (1841) 60; ein tropfen ist die welt in seinem lauf, ein kurzer ton in seines säbels wut Paul Ernst
d. kaiserbuch (1923) 1, 1, 14. C@44)
zügellose aufgebrachtheit, zerstörerische willkür (
tyrannei; rebellion)
politischer und militärischer parteiungen innerhalb einer bestehenden ordnung oder gegen eine ordnungsmacht: sy wellen mit 30 oder 40000 manen komen und mir vogt antwort geben. daby e.
f. dt. (
eure fürstl. durchlaucht) der puren hochmuet und wuet erkent (
Bregenz 1525,
ber. an erzhz. Ferdinand)
d. dt. bauernkrieg, aktenbd. 175
Franz; so waren sie (
d. rebellischen soldaten) doch nicht eher von ihrer wüte zu bringen, bis Otto ... sich beqwemete, sie selber in das gastgemach hinein kommen zu lassen A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 3, 1164; ich untersuche nicht die thaten wilder fürsten, die schon nach menschenblut im mutterleibe dürsten, ... wer wollte dieser wuth durch sittensprüche wehren Neukirch
ged. (1744) 114; die bürgerliche wuth wird bey ihm (
im staat eines gerechten königs) keine statt haben
anmuth. gelehrsamk. 1, 106
Gottsched; was wuth und frevel lange mit bürgerblut erworben und tyrannen säten, erntetest du Herder 27, 61
S.; alles ist blinde, leidenschaftliche wuth, rasender parteigeist und schnelles aufbrausen, das nie zu vernünftigen, ruhigen resultaten gelangt J. G. Forster
s. schr. (1843) 9, 7; mit jener unwiderstehlichen wuth, einer mischung von enthusiasmus, begierde und schrecken, ... ergoss sich die revolutionäre gewalt auch über die französischen grenzen Ranke
s. w. (1867) 39, 147.
formelhaft wut des pöbels: ach! so hatte sich das blatt plötzlich gewendet. und mich Tiberius greiffen, in stücke hauen, und dess unsinnigen pöbels wuth hingeben lassen Moscherosch
gesichte (1650) 1, 560; die wut des pöbels Schiller 7, 117
G.; des pöbels wuth
bei Bismarck
ged. u. erinn. 1, 58
volksausg. wut des volkes: W. Raabe
s. w. I 3, 88
K. wut der parteien: der sekten feindschaft, der partheyen wuth, der alte neid, die eifersucht macht friede Schiller 12, 226
G.; auch 13, 201; die wut der parteien durchzuckt uns Herman Grimm
Michelangelo (1890) 1, 4. C@55)
besonders für die bedeutungsgruppe C
haben sich feste syntaktische und redensartliche verbindungen herausgebildet. auszer den üblichen präpositionalen verbindungen (wut auf, gegen, über; aus, in, mit, vor, zur wut;
beispiele s. ob.)
sind zu beachten: C@5@aa)
substantivische reihenformeln. häufig sind angst und wut Holtei
erz. schr. (1861) 14, 62; wut und angst H. Mann
a. w. 1 (1955) 464
Kant. ein bild äuszerster, menschlicher wut und ohnmächtigster empörung W. Raabe
s. w. I 6, 286
K.; eine welle von wut und empörung A. Zweig
einsetzung e. königs (1950) 464. ein solcher grimm vnd wüt
Amadis 1, 352
Keller; grimm und wuth Rückert
ges. poet. w. (1867) 1, 52. hasz und wuth Göthe I 43, 370
W.; IV 20, 85; wut und hass Fontane
ges. w. (1905) I 6, 64. schmerz und wut Platen
w. 1, 54
Hempel; Feuchtwanger
Simone (1950) 181. wut und verachtung S. v. Laroche
frl. v. Sternheim (1771) 1, 338; Gerhart Hauptmann
bahnw. Thiel (1892) 21. wut und verzweiflung
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen (1778) 4, 17; Fontane
ges. w. (1905) I 4, 125.
auch: ein übermannendes gefühl von rache, verzweiflung, wuth, schrecken, grausen Herder 5, 7
S.; jetzt bewältigten ihn schreck, angst, wuth, verzweiflung Holtei
erz. schr. (1861) 5, 90; die kaserne war voll von angst, wut, verbissenheit, verzweiflung Feuchtwanger
d. falsche Nero (1947) 130. C@5@bb)
zugeordnete adjektive. C@5@b@aα)
in attributiver stellung. das unbesonnene der erregung und ihrer auswirkungen kennzeichnet blinde wut: denn wild' und blinde wuth macht warlich keinen held J. Chr. Günther
ged. (1735) 730; einmal sah ich einen mann in blinder wut jeden niederschlagen, der in den bereich seiner waffe kam Ratzel
völkerkde (1885) 2, 61.
auf das vorherrschen unbewuszter gemütstriebe deutet auch: so sasz er und wühlte sich in eine dumpfe wut hinein Polenz
Grabenhäger (1898) 1, 301; die dumpfe wut der oberen, die geduckte angst der unteren macht die polizei in diesen wochen besonders gefährlich A. Zweig
einsetzung e. königs (1950) 310.
die heftigkeit der erregung und ihrer äuszerungen charakterisieren rasende wut (
o. ä.): eine wilde rasende wüthe Opitz
Sidneys Arcadia (1643) 67; in eine rasichte wuht Bucholtz
Herkuliskus (1665) 9. wilde wut: in seiner wilden wuth, da er was hinterm teppich rauschen hört reiszt er die kling' heraus, schreyt: eine ratte!
Shakespeare 3 (1798) 282; er war seiner wilden wut nicht erlegen Wittek
bewährung d. herzen (1937) 202. helle wut: neben dem jähzorn das phlegma, neben der hellen wut die salbungsvolle ruhe des geriebenen Dehio
gesch. d. dt. kunst 3 (1926) 92; eine helle wut fällt ihn an über sich selber, über die völkischen Feuchtwanger
geschw. Oppermann (1948) 209.
von körperlichen begleiterscheinungen gehen aus (
entsprechendes häufiger bei prädikatsadjektiv und verb s. u.): (
regieanweisung:) Golo (will sich erheben, aber starre wuth fesselt ihn an die bank) Hebbel
w. I 1, 266
Werner; mit heiszer wuth A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. (1878) 2, 199; meinen sie etwa den brief, voll blasser wuth und blasser dinte? Bauernfeld
ges. schr. (1871) 2, 220.
durch typische situationen bedingte zurückhaltung oder machtlosigkeit: (
regieanweisung:) v. Gröningseck mit verbissener wuth H. L. Wagner
theaterstücke (1779) 41; man kann wohl machen, dasz das kind stille sei, es friszt aber die galle in sich und hegt desto mehr innerliche wuth Kant
w. (1838) 10, 406; da trieb mich die heimliche wuth zur beiszenden rede Körner
w. 2, 73
Hempel; Friedrich, sagte er mit dem ton unterdrückter wuth, meine geduld ist zu ende A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. (1878) 2, 282; wie Unrat vor die schranken trat, ward gelacht. er war in beängstigender aufregung, leidende wut verzerrte ihn (1905) H. Mann
a. w. 1, 549
Kant.; zugleich verebbt jene kalte erstickende wut in ihm, die ihm fast das herz abdrückte
M. Jelusich
d. löwe (1936) 34; enttäuschung und hilflose wut im bauch Feuchtwanger
geschw. Oppermann (1948) 185.
besonders ohnmächtige wut: euch, präconen des pfuschers, des meisters verkleinerer, wünscht ich mit ohnmächtiger wuth stumm hier am ufer zu sehn Göthe I 1, 359
W.; die entwicklung, die er (
Hitler) durchgemacht hat, ging nur ... vom hetzer zum gehetzten, vom krampfhaften eifern über wut und ohnmächtige wut zur verzweiflung Klemperer
l. t. i. (1949) 60. stille wut (
anders A 1
u. 2): nachdem ... sie in stiller wut über dem erlittenen schimpfe gebrütet hatte Schiller 3, 541
G.; seine stille wuth wurde nur in kaltem spott sichtbar Hauff
w. 7, 213
Hempel; und ich wäre zehnmal unterlegen, wenn mich nicht eine stille wut beseelt hätte, dass ich aushielt G. Keller
ges. w. (1889) 1, 157.
selten sind positive werturteile: wie wenig paszt die damals gerechte wuth gegen die fliehenden feinde, zu den jetzigen erklärungen der krieg führenden mächte Göthe IV 24, 119
W.; maszlose entrüstung, die sich zur ehrlichen wut steigert St. Zweig
Marie Antoinette (1932) 223. C@5@b@bβ)
appositive adjektive; die charakterisierenden beiwörter bezeichnen in dieser stellung gern die gesichtsfarbe des wütenden, weisz, blasz, gelb
sowie rot, braun, blau
vor wut,
so: nun höret diesen schändlichen bauer! rief Salomon, blasz vor wuth
dt. volksbücher 1, 42
Simrock; zum zweitenmal schlug er auf den tisch und schrie, rot, braun und blau vor wut im gesicht W. Raabe
s. w. I 6, 187
K.; schneehagelweisz vor wut, entrisz da der bauer dem einen den degen Watzlik
pfarrer v. Dornloh (1930) 83. C@5@cc)
verbale fügungen. nur feststellend jmdn zur wut, in wut bringen, in wut (ver)setzen: was bringt uns in diese wuth? ein punct, ein strich Schwabe
belust. (1741) 3, 61; der ankläger ärgerte sich, dass es ihm nicht gelungen war, den ruhigen vater in wuth zu setzen Langbein
s. schr. (1835) 31, 37; darum konnte ihn ein ausgesprochener zweifel an seiner geistigen gesundheit in helle wut versetzen Winnig
frührot (1926) 129. in wut geraten, kommen: allein so gerieht er in die äuszerste wut Liscow
slg. sat. u. ernsth. schr. (1739)
vorr. 18; er kam wieder in wut O.
M. Graf
unruhe (1948) 222.
gelegentlich negativ wertend: seine wut auslassen (
überwiegend an jmdm,
doch in älterer sprache auch ohne oder mit anderem anschlusz): wie würde ich mich freuen, wenn sie ihre ganze wut an mir auslassen ... müszten Lessing 2, 103
L.-M.; Agamemnon wird gantz wütend, doch gehorcht er und läszt seine wut wider den Achill allein aus Ramler
einl. i. d. schönen wissensch. (1758) 2, 135; lasz mich schreiben. besser ich lasse hier meine wuht aus, als dasz ich mich mit dem kopf wider die wand renne (1767) Göthe IV 1, 139
W.; ein gassenjunge, der eben geprügelt worden ist und seine wut nun an einem unschuldigen kätzchen ausläszt (1856) G. Keller
br. u. tageb. 2, 406
Ermat. auf die körperlichen äuszerungen der wut als eines ihren träger beherrschenden krankhaften affekts gehen folgende im neueren sprachgebrauch oft uneigentlich aufzufassende charakterisierende wendungen (
dabei steht wut
in dichterischer sprache gelegentlich als inneres objekt):
selten finden inchoativa und perfektiva verwendung: zur wuth entflammt Bürger
s. w. 168
Bohtz; der kaiser ist sicher von wuth entbrannt A. v. Arnim
s. w. (1853) 6, 49; ich zerspring' vor wut und eifersucht Nestroy
ges. w. (1890) 1, 11; man möchte vor wut platzen
qu. a. d. j. 1934.
meist werden imperfektive verben verwendet: zu rächen jeden tropfen blut, der unter Bevern flosz, war alles feuer, schäumte wuth, schnob rache mann und rosz Gleim
pr. kriegsl. 32
ndr.; nur der gedanke macht mich vor wuth zittern W. A. Mozart
bei O. Jahn
Mozart (1856) 3, 28; (
regieanweisung:) Miller (... tritt hervor in bewegung, wechselweis für wut mit den zähnen knirschend) Schiller 3, 415
G.; Hairaddin schnob vor wuth: hinweg, du hündische seele Pyrker
Tunisias (1832) 5, 155; die königin bebt vor wut über den niederträchtigen miszbrauch ihres namens St. Zweig
Marie Antoinette (1932) 221.
aus der vorstellung des fieberhaften affekts folgen auch: zur wuth erhitzt und funken sprühend aus rothem auge fodert er Gerstenberg
ged. eines skalden 363
lit.-denkm.; ich brannte vor wuth Bräker
s. schr. (1789) 1, 262.
dabei kann das charakterisierende verb in abhängigkeit von wut
gesetzt werden: dann funkelte die wut in seinen augen Göthe I 45, 7
W.; meister Reinold errötete; es blitzte in seinen augen auf wie gefesselte wut, und gerade diesen blick fing Hildegard auf Ph. Spiesz
Kurt Hartmuts glück u. ende (
31928) 144.
fest ist: eine innerlich kochende wut Raumer
gesch. d. Hohenstaufen (1823) 4, 28; dabei kochte eine wut in ihr (
d. jungen frau) auf gegen ihren mann, der so verschlafen dasasz Cl. Viebig
die vor d. toren (1949) 21. DD.
in übertragenem gebrauch bezeichnet wut (
vorwiegend in genitivischer oder [
bei adverbialer fügung]
präpositionaler verbindung durch mit)
den höchsten grad menschlicher leidenschaften, körperlicher und gesellschaftlicher nöte und elementarer naturgewalten. der sinnbereich umfaszt (
in vielen verwendungen den menschen als träger oder objekt der wut noch einbegreifend) '
heftiges austoben'
und —
substanzarm, nur die intensität messend — '
heftigkeit'. D@11)
höchste steigerung von leidenschaften und gemütsbewegungen: idoch vergisst er (
gott) bey solcher allgemeiner wütte seines grimms (
wenn er krieg, hunger, pest, erdbeben sendet), der seinigen nicht gar Butschky
Pathmos (1677) 205; sie sind sicher für flammen und der noch schädlichern wuth des neides Bodmer
slg. crit. poet. schr. (1741) 1, 60; o liebe! sagt' er, deiner wut weih ich den mordstahl und mein blut: und fing an brodt zu schneiden Hagedorn
poet. w. (1769) 3, 22; indem er noch in seines zornes wut die peitsche schwingt Schiller 11, 21
G.; ich spotte seiner (
des hasses) wuth und seiner dauer
M. Beer
sämmtl. w. (1835) 7; die wuth der leidenschaften, ... die ganze endlichkeit des menschlichen daseyns überhaupt specifizirt sich zur zufälligkeit ganz partikulärer physiognomien Hegel
w. (1832) 10, 1, 194; (
die menschen) werden von der wuth ihrer triebe gejagt Stifter
s. w. 9 (1932) 204.
sünden, laster, vgl. die zuss. sündenwüt (1648) Betulius in:
dt. ev. kirchenlied 5, 54
Fischer-Tümpel: nach dem sie das gewülck, land, wasser, gar bedöcket mit rauch, gebein und blut, und schier den himmel selbs, gleichwie die erd, beblöcket durch ihrer sünden wuht Weckherlin
ged. 1, 419
lit. ver.; ihr (
der tugend) gab ich den beflammten muht in meinem tuhn zu eigen, und lies die erden-wilde wuht der laster mich nicht beugen Knittel
poet. sinnenfrüchte (1677) 52.
schmerzliche empfindungen: brach damm und ufer losz, wodurch die hoffnung noch die wuth der wehmuth hemmte, nun aber auf einmahl die ufer überschwemmte Henrici
ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 1, 197; denn sie (
Epikaste) knüpft' an das hohe gebälk, in der wut der verzweiflung, selbst das erdroszelnde seil J. H. Voss
Odyssee 11, 278
Bernays. D@22)
von persönlichen und gesellschaftlichen nöten; krankheit, entbehrung: ihr deren grob verdörbtes blut sich gleichsam ab des fiebers wuht, ab meiner schrift erhitzet und gefrüeret (1619) Weckherlin
ged. 1, 270
lit. ver.; des königs heldenkrafft der wuth des schmerzens weicht (1727) König
ged. (1745) 112; allein die schönheit ist vergangen. da kam der blattern wuth Chr.
F. Weisze
lieder f. kinder (1767) 31; viele trieb die wuth des hungers sich sogar mit todten körpern zu nähren Wieland
s. w., suppl. 6 (1798) 57; der allgemeine tumult der maschine (
des körpers), wenn die krankheit mit offener wuth hervorbricht (1780) Schiller 1, 167
G.; gleich dem kranken, wenn nach fiebers wuth ihm schlafend durch die adern schleicht das blut (1832) A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. (1878) 2, 111.
von zank, zwietracht: des streites zorn, des zanckens wuht vermehret sich durch Bacchus güter Hagedorn
versuch einiger ged. 29
ndr.; warum verzehret uns der zwietracht strenge wuth Gottsched
dt. schaubühne (1741) 1, 14; ganz bestürzt war Luther, dasz der alte hader, der durch die einführung der evangelischen lehre gehoben zu sein geschienen, nun doch in aller seiner verhaltenen wuth hervorbrach Ranke
s. w. (1867) 4, 197.
kampf, (
bürger-)
krieg (
vgl. jedoch die anwendungen unter C): ihr kinder freuet euch und preiset gottes gühte der euch so gnädiglich aus dieses krieges wühte gerissen Rist
neuer teütscher Parnasz (1652) 599; dasz der sturm der schlacht mich faszte, speere sausend mich umtönten in des heiszen streites wuth (1802) Schiller 13, 284
G. (
vgl. 14, 23); sie lässt auf eine wuth und einen umfang der unruhen schlieszen Niebuhr
röm. gesch. (1811) 2, 57; (
Heinrich IV.) hat ... die brücken wieder aufgerichtet, welche durch die wuth des krieges zerstört worden waren Ranke
s. w. (1867) 9, 85. D@33)
von naturkräften, bes. vom wetter, wasser, feuer, '
entfesseltes wirken', '
heftige bewegtheit': dar zuo hiet die selbig chilch ein se umb sich mit hönk und milch. der was vil michel und auch gross; in sälder wuot (
hs. wt) er umb sei floss (1410) Heinrich Wittenwiler
ring 2372
Wieszner; ein daumendikker baum der wellen wut besieget S. v. Birken
forts. d. Pegnitzschäferey (1646) 2; im winter schnaubt der nord mit stürmerischer wuth, zerschneidet uns die haut, durchdringet marck und blut Brockes
ird. vergnügen in gott (1721) 4, 27; (
der Ätna) dessen öligtes ... eingeweide, wenn es in brand kömmt, mit einer mineralischen wuth in die höhe schlägt Bodmer
slg. crit. poet. schr. (1741) 1, 15; wenn nach den scharfen nordenwinden, und nach des winters strenger wuth, sich laue zephyrs wieder finden Triller
poet. betracht. (1750) 1, 153; aber als nun die wuth nachliesz des fressenden feuers (1799) Göthe I 50, 271
W.; in fremdem leben, es umklammernd, ruht des weibes leben: keiner stürme wuth raubt ihm den halt Freiligrath
ges. dicht. (1870) 5, 21; die Armada ... scheiterte keineswegs bloss durch die wuth der elemente Moltke
ges. schr. und denkw. (1892) 6, 23; in rasenden strudeln, in kochender wut, gelbgrau und schäumend rauschte die flut Agnes Miegel
balladen u. lieder (1922) 12. D@44)
auch auszerhalb der hier genannten verwendungen gibt besonders die fügung mit wut,
wenn sie adverbial gesetzt ist, in übertragenem gebrauch den intensitätsgrad eines geschehens an ('
heftigkeit'),
doch bleibt sie, sofern sie subjektbezogen verstanden wird, dem eigentlichen gebrauch der bedeutungsgruppen B
und C
verhaftet: wiederholet, politisch und zwecklos, jegliche meinung, die den wandrer mit wuth über Europa verfolgt. so verfolgte das liedchen Malbrough den reisenden Briten Göthe I 1, 234
W.; man kann denken, wie ich (
Voss), sobald mir in büchern einiger verstand dämmerte, mit wut alles lesbare verschlang J. H. Voss
antisymb. (1824) 2, 185; da ich so gegen andere losziehe, darf ich selbst nicht leer ausgehn. was mich besonders hindert, ist ein fahriges wesen, bei dem ich mich auf alles mit wut stürze — der erste gedanke ist meistens gut, aber dann hängt sich allerhand unrath an; gehörig sammeln und excerpieren fällt mir auch schwer (1820) Lachmann
an J. Grimm in: briefw. 1, 100
Leitzmann.