weisheit,
f. gebildet aus weise,
adj. und -heit, '
der zustand des weiseseins',
ags. as. und nord. nur wīsdō
m. eine got. substantiv-bildung fehlt. ahd. mhd. wîsheit,
mnd. wîsheit,
mnl. wijsheit,
nl. wijsheid.
ein verhältnismäßig junges und auf das deutsche und niederl. beschränktes wort. das dem adj. weise
in den german. sprachen entsprechende substantiv ist weistum (
s. d.);
im ahd. steht vereinzeltes wîsheit (
s. den Otfrid-
beleg weiter unten und die belege aus Notker
unter G 2 a
u. H 3)
neben geläufigerem wîstuom (wîsduam). weisheit
erscheint erst, nachdem weise
und weistum
den übergang vom gebiet sachlichen wissens (
vgl. weise,
adj. A)
in den von christlich-antiker bildung beeinflußten bereich vernunftmäßigen und ethisch - religiösen wissens bereits vollzogen haben. von ihnen übernimmt es bei seinem auftreten alle bedeutungsmöglichkeiten, die diese entwickelt haben. es läßt sich bei weisheit
keine grundstufe, etwa '
wissen von einer sache'
wie bei weise,
adj., als ausgangspunkt einer bedeutungsentwicklung feststellen. von den frühesten belegen scheint die isolierte stelle bei Otfrid II 4, 13
in der bedeutung '
kenntnis'
eine spontane bildung zu sein, die ein mehr sachliches wissen von dem durch weistum
ausgedrückten geistigen abheben soll: war imo (
dem teufel) sulih man thihein (
Christus)so quami wisheiti heim (
in die welt), thia luchun wolt er findanjoh gerno nan giwinnan (
woher ihm ein solcher mann mit dieser kenntnis [sc. des eingangs in sein reich] in sein reich käme).
die belege bei Notker
gehören bereits dem bereich sittlich-religiöser weisheit
an. weisheit
hat demnach keine eigentliche bedeutungsentwicklung. es erscheint seit der zusammenhängenderen bezeugung im frühmhd. gleich in allen bezirken und anwendungsbereichen seiner bedeutung, zu denen in späterer zeit keine neuen hinzutreten. wie das adj. weise
ist auch weisheit
infolge der ausbreitung auf das gesamte gebiet des wissens und erkennens und über alle schichten vom volkstümlichen bis zum philosophischen mit spannungen erfüllt. es schlieszt bedeutungen in sich, die (
nicht nur in gelegentlicher ironischer entwertung)
in einem gegensätzlichen verhältnis zueinander stehen und einander ausschlieszen und aufheben: weisheit
als '
einsicht' (A)
und '
klugheit' (B); weisheit A
gegenüber der negativen betonung (F
u. G); weisheit A 2
gegenüber weisheit
als '
wissen' (C);
vgl. die einleitung zu weise,
adj., das auch sonst zur ergänzung und verdeutlichung heranzuziehen ist. weisheit
ist seiner grundbedeutung nach ein '
wissen um etwas, wissen von etwas',
sowohl als form, habitus ('
das weisesein'),
wie als inhalt ('
das gewuszte').
diese grundbedeutung des wortes ist bis in alle zweige seiner entfaltung noch lebendig und bestimmend, theoretisches und praktisches, erkenntnismäsziges und ethisches, die einsicht, das wissen und die verwirklichung dieses wissens sind meist ungeschieden in weisheit
enthalten; gelegentlich ist das eine (
das wissen),
oder das andere (
das handeln danach)
deutlicher betont. weisheit
ist wie weise
ein wertendes wort; es setzt eine rangstufe, vornehmlich in ethischer und religiöser hinsicht: weisheit
ist ein hohes, bedeutendes wissen oder sein. AA.
einsicht (=
sapientia),
vgl. wisheit
sapientia Diefenbach
gl. 511
c; wiszheit, weisheit
sophia 542
c; '
wissen um den sinn des lebens',
dem ganzen des lebens zugewandt, das 'weise-
sein' (
vgl. weise,
adj., C 1).
neben der religiösen weisheit,
die eine erhöhung, steigerung dieser mehr allgemein menschlichen weisheit
darstellt (
s. unten G),
ist dies die eigentliche und kennzeichnende bedeutung, durch die weisheit
von verwandten begriffen (
klugheit, wissenschaft)
sich abgrenzt, erkennen und seinsweise in eins begreifend: denken und thun, thun und denken, das ist die summe aller weisheit, von jeher anerkannt, von jeher geübt, nicht eingesehen von einem jeden Göthe 25, 1, 30
W. A@11)
zum menschen als form, als weise-
sein gehörend: A@1@aa)
ohne besondere prägung als auszeichnendes merkmal des menschen, weisheit
in seiner allgemeinsten anwendungsmöglichkeit: dîn (
gottes) geist berihtet al die kunst die menschlîchez leben treit: einem gît er wîsheit, bî witzen wîslîchiu wort; dem andern kunstrîchen hort, der doch an im verborgen ist. dem dritten manegerhande list; er gît dem bescheidenheit genuogen machet er bereit mit triuwen tugende rîche site Rudolf v. Ems
Barlaam 3, 16
Pfeiffer; under dussen tiden ... hefft de hillige Carolus ... den edelen und hilligen Ludtgerum, von geborth uth Freshlandt, edels geslechtes unde levendes, hillich van seden unde groit van wisheit, mit dem bisschopdomp belenet (16.
jh.)
Osnabr. gesch.-qu. 2, 10
Runge; dann ob gleich alle thaten eins menschen absterbend, so wirdt doch sein weiszheit allweg in frischer gedechtnüs bleiben Boltz
Terenz (1539) 1
a; weil du nicht weist, dasz nach unsern ersten eltern unterschiedliche leute gelebet, die durch seltene tugenden, als weiszheit, mannliche heldenthaten, und erfindung gute künste, sich und ihr geschlecht dermaszen geadelt haben Grimmelshausen
Simpl. 117
Kögel; du bist ihm fast in allem gleich: war er an gnad und weisheit reich, so weist du beydes auch vollkommen zu verbinden Gottsched
ged. (1751) 1, 37; ... dem sein gott von allen gütern dieser welt das kleinst und gröszte so in vollem masz erteilet habe ... das kleinste: reichthum.und das gröszte: weisheit Lessing 3, 51
M.; hör auf doch mit weisheit zu prahlen, zu prangen, bescheidenheit würde dir löblicher stehn: kaum hast du die fehler der jugend begangen, so muszt du die fehler des alters begehn Göthe 3, 234
W.; Friesen war ein aufblühender mann in jugendfülle und jugendschöne, an leib und seele ohne fehl, voll unschuld und weisheit, beredt wie ein seher Fr. L. Jahn
w. (1884) 2, 5. A@1@bb)
diese menschliche weisheit
gilt als eine gabe gottes, als ein abglanz der göttlichen weisheit,
in dem masze geringer als menschliches von göttlichem unterschieden ist (
s. auch unten die theologische fassung der weisheit
als tugend und gabe des hl. geistes, G 1 b): wan alliu diu wîsheit der engele und aller crêatûren daz ist ein lûter niht vor der wîsheit gotes, diu gruntlôs ist meister Eckhart in:
mystiker 2, 280
Pfeiffer; und als kleine als ein wörtelîn ist wider al der welte, als kleine ist alliu diu wîsheit, die wir hie lernen mügen, wider die blôzen lûtern wârheit 2, 98; won swie wise der mentsch wAere, so wAere er ze tump doch wider der wishait dú an got ist. und da von sol der mentsch erkennen, swaz er wishait oder beschaidenheit hat, daz er die von gOetlicher wishait habe und nit von im selben
St. Georgener prediger 232, 6
Rieder; dich (
Adam) erschuff ich (
gott) nach meinem bild, zu leben in aller weyszheit, reyn von aller unsauberkeyt Hans Sachs 1, 21
Keller; er (
gott) hat in (
den menschen) auch gemacht vol weiszhait, das er got, sich selbs und alle geschöpft erkant Geiler von Keisersberg
granatapfel (1510) F 4
a; weiszheit kompt von gott, witz ausz listigem kopff Lehman
floril. polit. (1662) 2, 919. A@1@cc)
deutliche ausprägung '
einsicht',
erkenntnis seiner selbst und der welt, wissen um die hintergründe des lebens, lebenserfahrung, überlegene haltung der welt gegenüber: die eigentliche weisheit ist etwas intuitives, nicht etwas abstraktes. sie besteht nicht in sätzen und gedanken, die einer als resultat fremder oder eigener forschung im kopfe fertig herumtrüge: sondern sie ist die ganze art, wie sich die welt in seinem kopfe darstellt Schopenhauer
w. 2, 87
Grisebach; in dieser bedeutung von klugheit
als dem geringeren unterschieden: willst du freund die erhabensten höhen der weisheit erfliegen, wag es auf die gefahr, dasz dich die klugheit verlacht. die kurzsichtige sieht nur das ufer, von welchem du scheidest, jenes nicht, wo dereinst landet dein mutiger flug Schiller 11, 73
G.; du giltst für klug, und klugheit ist ja doch ein notbehelf für weisheit, wo sie fehlt Grillparzer
s. w. 8, 175
Sauer; dann würde er in der wahl zwischen klugheit und weisheit keinen augenblick schwanken dürfen Karl Barth
Lutherfeier (1933) 10. — wilche weisheit ist nicht anders, denn gründlich sein selbs erkennen Luther 18, 493
W.; (
die mich) nach und nach geschickt gemacht, das, was wir die weisheit nennen, gott, die welt und mich zu kennen Gottsched
ged. (1751) 1, 195; wie viel mehr noch werdet ihr bey reifem verstand einsehen lernen, wie gut es euch war, diese und keine andre mutter zu haben! betet auch dieszfalls um frühe weisheit, und sie wird euch gegeben werden U. Bräker
s. schr. (1789) 1, 268; Heraklit, wie würdest du jetzt das leben beweinen, kämst du wieder zurück in die geplagtere welt! und Demokritus du, wie würdest jetzo du lachen, kämst du wieder zurück in die bethörtere welt! ich steh vor euch beyden und sinne, wie ich mit weisheit jetzt bedauren und jetzt könne belachen die welt Herder 26, 17
S.; ich hielt ihn deshalb für einen weltüberlegenen geist, ... ich dachte es mir köstlich, seines umganges gewürdigt zu werden und von seiner weisheit vorteil zu ziehen H. Seidel
Leberecht Hühnchen (1899) 27; eingeboren auf dem grund seines (
des dichters) herzens wächst die schöne blume der weisheit hervor, und wenn die andern wachend träumen und von ungeheuren vorstellungen aus allen ihren sinnen geängstiget werden, so lebt er den traum des lebens als ein wachender, und das seltenste, was geschieht, ist ihm zugleich vergangenheit und zukunft. und so ist der dichter zugleich lehrer, wahrsager, freund der götter und der menschen Göthe 21, 129
W.; schwierigkeit irdische maschinen in gang zu sezzen, auch zu erhalten. lehrbuch und geschichte sind gleich lächerlich dem handelnden. aber auch kein stolzer gebet als um weisheit, denn diese haben die götter ein für allemal den menschen versagt III 1, 77. A@22)
absolut, als wesenheit und wesensform; kompt kunst gegangen für ein hausz, man sagt, der würth sey gangen ausz: kompt weiszheit auch gegangen für, so ist verschlossen ihr die thür: kompt zucht,
lieb, treu und wär gern ein, so will niemand der pörtner seyn: ... kompt aber pfennig hergeloffen, sind thür und thor ihm allzeit offen Moscherosch
gesichte (1650) 1, 192; hier, dacht ich, wird die tugend wohnen, hier wird man tapferkeit belohnen, da wird das gastrecht heilig seyn, und weisheit sich der fülle freun Kretschmann
s. w. (1784) 1, 67; wenn du nur einen jedes jahrhunderts nimmst, und ihn der weisheit lehrlingen zugesellst Klopstock
oden 1, 17
M.-P.; diesz ist der sichre grund, auf den zu aller zeit der preis der edlen schaar, die sich der weisheit weiht die ewigkeit der welt und ihrer dauer gegründet Wieland I 1, 27
akad.; der baum des lebens und der weisheit im paradiese Herder 12, 17
S.; und wie alle wahrheit weisheit ist, ... so gibt auch jeder handlung nur die form den wert fürst Pückler
briefw. u. tageb. (1873) 1, 127,
vgl. die weisheit ist nur in der wahrheit Göthe 42, 2, 116
W. personifiziert: da Aristoteles kommen was, vor yr sagete er sinen grusz, dar nach sprach er in solicher masze: 'frauwe Wiszheit, zu uch hait Nature mich gesant zu reden und uch zu sturen und uch der ubergriffe zu underwijsen
pilgerfahrt des träum. mönchs 2797
Bömer; o weisheit! komm, erscheine meinem herzen, geusz deinen balsam über meine schmerzen: nur du allein kannst mit dem schicksal ringen und es bezwingen! Pfeffel
poet. versuche (1812) 1, 9; die betrachtungen ... lehrten mich, wie geringhaltig auf der wage der weisheit alle diese schimmernden güter sind Wieland
s. w. (1794) 2, 126; ich bin so stolz in dir weil du oft mich anredest, als ob es die stimme der weisheit sei, auf die ich lange gehorcht habe Bettine
Cl. Brentanos frühlingskranz (1844) 98. A@33) weisheit
als inhalt des weise-
seins: '
lebensweisheit, erkenntnis, wissen'. A@3@aa)
allgemein als inhalt dessen, was jemand an einsicht ins leben, besitzt, hinaufsteigend bis zum höchsten, was menschen vom leben wissen; auf dieser stufe sich berührend mit religiöser weisheit (G)
als dem wissen um den letzten sinn des lebens: wie kommts, dasz im altertum die weisesten ... nationen an der lehre der seelenwanderung, ..., so lange gehangen haben? ... es war kindheit der welt und ihrer weisheit über das menschenschicksal Herder 15, 297
S.; und von seinen lippen flos weisheit wie honig herunter Wieland I 1, 141
akad.; weise denn sei das gespräch! uns lehret weisheit am ende das jahrhundert; wen hat das geschick nicht geprüft? Göthe 1, 294
W.; man steigere alles, was sich zu gunsten des classischen studiums sagen läszt, noch höher, ein zug von unnatur liegt darin, dasz ein vaterlandliebendes, ich will hoffen, einmal stolzeres volk seine erste anschauung und späteste weisheit aus dem gefäsz einer fremden sprache, und sei sie die herrlichste, schöpfen solle Jac. Grimm
kl. schr. 1, 231; in die germanistische wissenschaft findet alles zugang, von der erhabensten weisheit des tiefsten denkers bis hinab zu den unverstandenen verslein W. Scherer
kl. schr. 1, 23; ich war so ein eifriger und stiller leser, der sich eine weisheit ausbildete, von der er nicht recht wuszte, ob sie in der welt galt oder nicht galt G. Keller
ges. w. 4, 36; wenn ich je einige weisheit gelernt habe, so habe ich sie nicht aus den eigentlichsten weisheitsbüchern, am wenigstens aus den neuen — gelernt; sondern ich habe sie aus dichtern genommen oder aus der geschichte Stifter
nachsommer 315
Inselausg.; wo dein vater dir die lehren der weisheit und des christentums ins herz grub, da ist deine liebe, da ist dein vaterland E.
M. Arndt
schr. f. u. an s. l. Deutschen (1845) 1, 271; ach, jungfer, so lange er reden konnte, hat er weisheit ausgesät. viel wuszte er, aber das meiste wuszte er vom leiden P. Dörfler
die lampe der tör. jungfrau (1933) 299. A@3@bb)
besondere formen der weisheit,
bestimmt durch die eigenart ihrer träger: volkstümer, volksschichten, stände; allein es sey uns diese fremde weisheit überflüssig, denn, sagt er, wir haben kürzlich ein bürgerliches gesetzbuch in Österreich erhalten, welches dem französischen wenigstens an die seite gesetzt werden kann Savigny
v. beruf uns. zeit (1814) 110; der major aber, von jeher gewohnt, die anmuthige weisheit römischer schriftsteller und dichter zu schätzen und ihre leuchtenden ausdrücke dem gedächtnis einzuprägen Göthe 24, 295
W.; die weisheit der alten welt theilte nämlich die früchte ihres nachdenkens lange zeit hindurch nur in solchen einfachen sprüchen mit Körte
sprichw. (1837) vi; es ist recht sehr leicht, glücklich ... zu sein mit seichtem herzen und eingeschränktem geiste. gönnen kann mans euch; ... nur müszt ihr euch bescheiden, lieben leute, müszt ja in aller stille euch wundern, wenn ihr nicht begreift, dasz andre nicht auch so glücklich, auch so selbstgenügsam sind, müszt ja euch hüten, eure weisheit zum gesetz zu machen, denn das wäre der welt ende, wenn man euch gehorchte Hölderlin
s. w. 2, 133
Hellingrath; erwerben, erhalten, erweitern, mittheilen, genieszen gehen gleichen schrittes (
in der familie der Medizäer), und in diesem lebendigen ebenmasz läszt uns die bürgerliche weisheit ihre schönsten wirkungen sehen Göthe 44, 343
W. (
der drud zum menschen) du bist nur mensch ... wo deine weisheit endet beginnt die unsre Stefan George
das neue reich 74; weisheit
als lehrinhalt, besonders von alter überlieferung und kunde der vorzeit: einst kam Odin zum Mimer, dem besitzer des brunnens der weisheit Gerstenberg
schlesw. literaturbr. 21, 237; wenn er dem sänger in der halle lauscht, hört er kunde, die von den göttern stammt, uralte weisheit, wie ein gott die erde aus dem zerstückten leib eines riesen zusammengefügt G. Freytag
ges. w. 17, 210; alles, was den namen höherer bildung verdient in jener zeit, wird ihm (
Siegfried) zu teil. die kunstreichen zwerge erziehen ihn, er lernt die schmiedekunst; eine göttliche frau weiht ihn ein in geheimnisvolle weisheit Scherer
literaturgesch.7 (1894) 11.
in diesen zusammenhang gehört die weisheit des volkes,
auch volksweisheit (
s. d., teil 12, 2;
sp. 503), weisheit der gasse,
als inbegriff volkstümlicher lebensauffassung und lebensdeutung, wie sie namentlich in redensarten und sprüchen überliefert ist: was uns vom höchsten alterthum übrig geblieben ist, sind
unter andern sinnreiche sprüche, lehren, maximen ... viele dieser sprüche wurden weisheit des volkes, sprüchwörter; den gröberen oder verfeinten genius einer nation erkennt man an ihnen Herder 23, 233
S.; die weisheit des volkes suchen wir in seinen sitten, sagen, liedern und gebräuchen W. H. Riehl
d. dtsche arbeit (1861) 477; die 'weisheit auf der gasse' hat er (
Joh. Veghe) voll und ganz in sich aufgenommen, stets ist er (
in seinen predigten) mit einem 'ghemeinen sproke' bei der hand Frz. Jostes
Joh. Veghe (1883) xliii;
als titel einer sprichwörtersammlung: Petri der Teutschen weisheit (1604);
ebenso Henisch teutsche sprach und weisheit (1616)
titel. vgl, noch: geschichtsverständnis ist ein fortgesetztes ... gespräch zwischen der weisheit von gestern und der weisheit von morgen, die eine und die selbe ist Karl Barth
Römerbrief (1926) v. A@3@cc)
eine erkenntnis als zusammenfassender ausdruck der betrachtung und erfahrung des lebens in seinem gesamten umfange oder einzelnen bereichen wird weisheit
genannt oder ausdrücklich als lehre angeboten, '
lebensregel, lebenslehre, lebensweisheit'
; dieser gebrauch macht den plural möglich und nähere kennzeichnungen wie hohe, höchste, letzte, alte weisheit: gieb, blanker bruder, gieb mir wein, und lasz die hand mich sehn, so will ich wahrhaft prophezein, was sicher wird geschehn. merk auf, es ist ein hohes wort, und liegt viel weisheit drin: sind vier und zwanzig stunden fort, so ist ein tag dahin v. Erlach
volkslieder d. Deutschen 3, 88; woher dies wort mir schallt, ob es ganz leer, obs ganz gewichtig ist, das ist die frage! hier giebts kein mittleres. die höchste weisheit gränzt hier so nahe an den höchsten wahn. wie soll ichs prüfen? Schiller 12, 207
anm. G.; nicht vorirrthum zu bewahren, ist die pflicht des menschenerziehers, sondern den irrenden zu leiten, ja ihn seinen irrthum aus vollen bechern ausschlürfen zu lassen, das ist weisheit der lehrer Göthe 23, 122
W.; ein sicheres brot zu bekommen, das ist die höchste weisheit, freund Tieck
schr. (1828) 1, 339; dasz von der sorge für das körperliche leben und wolsein des einzelnen sie zur sorge für das gleiche wolbefinden aller sich erheben ... das ist ihnen das ende aller weisheit Schleiermacher
s. w. III 1, 383; 'feistes land, faule leute' ist eine alte weisheit W. H. Riehl
d. deutsche arbeit 119; 'verzeih', das war immer die letzte weisheit meiner mutter P. Dörfler
abenteuer des Peter Farde (1929) 253;
im plural: auch gute lehren, weisheiten, wurden noch als persönlicher erwerb betrachtet, den man kaufen konnte. ein fahrender händler verkaufte einem herrscher drei kluge lehren, jede um 300 gulden G. Freytag
ges. w. 17, 413; mit der weisheit kommt man zu nichts. es gibt nur zwei weisheiten, alles zwischen drin ist geschwätz. ... entweder ist die welt schlecht und lumpig, wie es die buddhisten und christen sagen. dann musz man sich kasteien. ... oder aber ist die welt und das leben gut und recht, dann kann man nur eben mitmachen H. Hesse
Gertrud (1910) 293. A@3@dd)
philosophische weisheit,
auf bewuszter, schulmäsziger bemühung beruhend (
vgl. weise,
adj., C 1 d);
allgemein, oder als weisheit
einzelner philosophen, schulen und völker, teilweise ins gebiet allgemeiner lebensweisheit oder das religiöser einsicht hineinreichend, vgl. lieb der weiszheit (1521)
philosophya Diefenbach
gl. 235
b;
philosophia, philosophi oder lust und lieb zur weiszheit Zehner
nomencl. (1645) 7;
instructus a philosophia der philosophy oder der weyszheit wol bericht, in der weiszheit wol geleert Frisius
dict. (1556) 2
b: philosophia, acker der weisheit, in twirche und in naturlicher erkantnusse und in guter siten wurkunge geackert und geseet Joh. v. Saaz
ackermann a. Böhmen 26, 10
B.; ob du junckfrawen wilt hofieren, darffst ja nicht mit in disputieren von weiszheit und philosophey, und was die leer Platonis sey Scheit
Grobianus 1100
ndr.; nun kam ich auf eine schule, wo weder ... wissenschaften, künste, weisheit (philosophie) noch religion, sondern weiter nichts als — theologie gelehrt wurde Heinse
in: Gleim
briefw. 1, 6
Körte; in der denkwürdigen stelle, ... in welcher Aristoteles von 'den trümmern einer früher einmal gefundenen und dann wieder verlorenen weisheit' spricht A. v. Humboldt
kosmos (1845) 3, 27; und ich, der ich die künste und wissenschaften, ja die weisheit des Plato, Cato, Solon ... in meine seele gefasset v. Petrasch
s. lustsp. (1765) 1, 279; weil sie von kantianischer weisheit durchdrungen, von nichts als ihrer moral wissen wollen Schleiermacher
s. w. I 5, 21; die Pythagoräer, welche ihre neue weisheit gern in alte priesternamen hüllten, um sie geltend zu machen Fr. Schlegel
s. w. (1846) 3, 36; merkwürdig ... erscheint die verwandtschaft der weisheit des alten westens mit der ... wissenschaft, in deren ... besitz die Mexikaner sich noch befanden Niebuhr
röm. gesch. 1, 90. A@44)
geläufig in dem bilde brunnen, quelle der weisheit,
dessen herkunft wohl in der biblischen vorstellung von gott als brunnen der weisheit
zu suchen ist (
vgl. unten G 1 b).
in zweifacher form. einerseits: du hast nicht aus der weisheit brunnen getrunken, das prufe ich an deinen worten Joh. v. Saaz
ackermann a. Böhmen 10, 1
B.; weisheit, sage, wo du bist, wo dein reicher kwel aufsteiget und sich zeiget, tränke mich mit deiner fluht, höchstes guht Zesen
verm Helikon (1656) 2, 91; und diesen (
Epimenides) lass ich euch an meiner stelle, der früher schon, geheimnisvoll belehrt, als mann, der weisheit unversiegter quelle und ihrem schaun sich treulich zugekehrt, nun freigesinnt beinah zur götterhelle die wunderbarsten bilder euch erklärt Göthe 16, 337
W.; anderseits: Homerus (
wird) ... von allen gelehrten ... ein unerschöpffliches meer aller weiszheit genannt Xylander
Polybius (1574)
vorr. 3
a; (
es) wissen alle gelerten, ... dasz man die poeten eine heimliche zusammenkunfft und verbüntnusz mit den göttern zu haben geargwohnet, und ihre schrifften als orackel und propheceyungen gehalten hat. item, dasz Homerus der brunnenquell und ursprung aller weiszheit zu sein geschetzet worden Opitz
t. poemata 6
ndr.; in ähnlicher vorstellung: die poesie ist zu allen zeiten ... vor eine lehrerin der weiszheit und tugend angesehen worden Breitinger
crit. dichtkunst (1740) 1, 103. A@55) weisheit (weise-
sein und wissen, form und inhalt als gegensatz zu gelehrtsein und wissenschaft empfunden; daneben wird aber auch gerade die gelehrsamkeit mit weisheit
bezeichnet (
s. unten C 1 a): dasz diejenige (
gelehrten), die sich um die wissenschaften mehr als um die weiszheit bekümmern, dieses grosze lob nicht halb verdienen, das man ihnen insgemein beyleget
discourse der mahlern 1, 119
V.; dasz all unsre wissenschafft und erreichte erfahrenheit so weit von der wahren weiszheit entfernt seyn als der himmel von der erde Laurentius v. Schnüffis
mirantische waldschallmey (1688) 12; gehörte nicht auch jenes erste ... patriarchenleben
dazu, um die menschheit in ersten neigungen, sitten und einrichtungen zu wurzeln und zu gründen? was waren diese neigungen? ... weisheit statt wissenschaft, gottesfurcht statt weisheit Herder 5, 479
S.; ihrer viele wissen viel, von der weisheit sind sie weit entfernt. andre leute sind euch ein spiel; sich selbst hat niemand ausgelernt Göthe 2, 245
W.; gelahrtheit, kind, das heiszt: mehr sagen, als du weiszt. weniger sagen als wissen, das heiszt der weisheit beflissen Wilh. Müller
ged. 356
Hatfield; wie der wisser, der vielwisser, der besserwisser, der alleswisser das wesen der weisheit schuldig bleiben, keinen hauch davon spüren lassen kann Th. Häcker
schönheit (1936) 98.
als gegensatz zu bewuszter denkübung: die weisheit musz natürlich sein, was braucht sie doch solcher widerlicher werkzeuge (
wie die philosophie), um in gang zu kommen, sie ist ja lebendig Bettine
die Günderode (1840) 1, 16;
in philosophischer zuspitzung steht weisheit
im gegensatz zu wissenschaft,
jene als '
persönlichkeitslehre' (
Plato)
und daraus hervorgehende '
selbstverwirklichung',
diese als '
geistnaturlehre' (
Aristoteles)
und darauf ruhende '
selbsterkenntnis'.
derselbe gegensatz wiederholt sich in religiöser sphäre als gegenüber von weisheit gottes
und weltweisheit, fleischlicher weisheit (
s. unten G 2 f): er (
Kierkegaard) hatte aber damit (
mit seiner forderung zur verwirklichung der persönlichkeit) die philosophie halbiert, indem er nur ihre bessere hälfte, die weisheit, bestehen liesz, die andere hälfte aber, die wissenschaft, verwarf A. Dempf
Kierkegaards folgen (1935) 75; nach Platon aber ist dieser versuch zur wissenschaftlichen erkenntnis der geistnatur gemacht worden, auf Platons weisheit folgte die wissenschaft des Aristoteles, die andere hälfte der halbierten philosophie
ebda. 77; das schöne aller stufen und ordnungen, ..., ist ein überflieszendes sein, das eben darum von einer selbstgenügsamen beschränkten wissenschaft ohne weisheit, ..., für überflüssig gehalten wird, während doch im elend dieser welt es gerade das ist, was nottut Th. Häcker
schönheit (1936) 43. BB.
lebensklugheit (=
prudentia); (
vgl. weise,
adj. B);
auf weniger hoher ebene als das vorige und nicht so sehr auf das ganze des lebens, dessen sinn und wert, als auf seine zustände und wirklichkeiten bezogen. klares, richtiges erkennen, durchschauen, schluszfolgern und urteilen, oft auf sehr naheliegende zwecke und absichten zielend. weisheit
entfernt sich hier von seinem eigentlichen gebiete und nähert sich dem von klugheit,
bezeichnet häufig geradezu dasselbe wie diese (
s. klugheit 3
teil 5,
sp. 1285
und klug 3,
sp. 1272
u. 4,
sp. 1274
f.),
vgl. prudentia kluckheit, wyszheit, fursichtigkeit (15.
jh.) Diefenbach
gl. 469
a;
sagacia wiszheit (
obd. 15.
jh.) 507
a,
auch mit wissentheit, klugheit
wiedergegeben ebda; weyszheit, fursichtigkeit, syn
genium voc. theut (1482) n n 4
a B@11)
allgemein lebensklugheit, wissen um die naheliegenden, praktischen gegebenheiten des lebens: so sende dinen boten dare, der uns rehte ervare, waz die heyden wellen tuon ... wele dir uz in allen der dir beste gevalle der durch sine guote (—
vortreffliche eigenschaften), daz riche behuote. er bedarf grozzer wisheit
Rolandlied 46, 1
Grimm; och sol ich mich des wol bewarn, diz bette kan sô umbe varn, daz ich dran sitze oder lige, ob ich rehter wîsheit pflige Wolfram v. Eschenbach
Parzival 572, 30; er (
Morolt) hæte in sîner wîsheit also gedâht und ûf geleit, so er wider zorse kæme, daz er den helm ûf næme und rite aber Tristanden an Gottfried v. Straszburg
Tristan 7037
B.; darumb ist von nöten, das er verstendig sey und nicht sicher hingehe in seiner weisheit. niemand gleube und verlasse sich zu weit auff seine weisheit, sondern examinire wol alle umbstende. so ist nu klugheit eine wackere weisheit, die auff die schantze sihet Luther 28, 529
W.; und durch seine weiszheit und grosze mühe und arbeit ist er ein reicher bürger worden
buch der liebe (1587) 11
a; durch das man desto fürer witze und wiszheit zu Zürich an einem rat finden möge Äg. Tschudi
chron. helvet. (1734) 1, 343; aber auch dies gebeut uns die weisheit: die tage des festes musz er nicht sterben, dasz ihn sein sclavischer pöbel nicht schütze Klopstock
Messias (1780) 95; 'würdiger herr, nun helft mir aus dieser besorgnis schnell, und löset den knoten, vor dessen entwicklung ich schaudre ... eilet und zeiget auch hier die weisheit, die wir verehren Göthe 50, 259
W.; ... dasz er für die träume seiner jugend soll achtung tragen, wenn er mann seyn wird, nicht öffnen soll dem tödtenden insekte gerühmter besserer vernunft das herz der zarten götterblume — dasz er nicht soll irre werden, wenn des staubes weisheit begeisterung, die himmelstochter, lästert Schiller 5, 2, 387
G. wir haben also unsre weiland schwester ... zur eh genommen, haben auch hierin nicht eurer bessern weisheit widerstrebt, die frey uns beygestimmt (
nor have we herein barred your better wisdoms)
Shakespeare 3, 150; doch alle weisheit half ihm jetzt nicht, den holzhändler und den wirt zu einer verständigung zu bringen G. Keller
ges. w. 1, 381;
als redensart der weisheit letzter schlusz =
ultima ratio: eine reiche heirat ... das war seine ultima ratio, der weisheit letzter schlusz v. Ompteda
drohnen (1892) 207.
häufig im bereich des öffentlichen lebens (
vgl. auch den folgenden abschnitt): ok verbunden sik de stede to anderen groten saken unde leten de van Lübeke dar buten. dat underfongen se mit groter wisheit, umme dat men provede der stede endrachtigcheit (
v. j. 1310)
stadtchron. v. Lübeck bei Nitzsch
dtsche studien (1879) 249; Konrad habe die ihm rebellischen fürsten ... theils durch seine weisheit, theils durch tapferkeit überwunden
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen (1778) 2, 13; solange uns ... mit dem revanchekriege gedroht wird, dürfen wir nicht vergessen, dasz für uns abrüstung krieg ist, der krieg, ... der hoffentlich durch die weisheit der französischen regierung vermieden werden wird Moltke
ges. schr. u. denkw. (1892) 7, 117. B@22)
die weisheit
des fürsten und herrschers, der obrigkeit, als fähigkeit des entscheidens (
recht oder unrecht),
unterscheidens und ordnens (
vgl. weise,
adj., B 3).
seit dem 12.
jh. vgl. weisheit
als titel städtischer obrigkeiten (15.
jh.)
unter B 3;
im mhd. auch in der die allgemeine höfische art und bildung bezeichnenden wîsheit (
s. unten D 2)
mit enthalten: sin wishait in (
den kaiser) do lerte, daz er danne cherte
Rolandslied 256, 31
Grimm; ouch wâren kuninge creftich hêr unde mehtih, uber manige diet gwaldich ir hêrheit manicfaldich; michel was ir wîsheit ir list unde ir cundicheit
Straszburger Alexander 57
Kinzel (sâlicheit
Vor. Alex. 53,
rey furent sapi et prudent Alberic de Briançon 21); fürsten und herren sollen weisheit und gerechtigkeit lieben Friedrich Wilhelm
s sprichw.-reg. (1577) r 2
b; ein gelarter (
mann), ... der da müge im regiment mit geschicklichkeit, fürsichtigkeit und weisheit allen den seinen nützlich fürstehen Thym
Thedel v. Wallmoden 6
ndr.; ja es wird nächst diesem erhellen, wie grosze weisheit und klugheit zum regieren erfordert wird, wenn man in allem vernünftig regieren soll Chr. Wolff
vernünft. gedanken v. d. gesellsch. leben (1721) 587; allein mit weisheit, die männlicher, mit vaterliebe, die edler, als muth zu kriegen, ist, hält Friedrich sein schwert zurück Klopstock
oden 1, 149
M.-P.; es lebe der kaiser! ... weisheit seiner krone, seinem scepter macht! Göthe 13, 1, 298
W.; er (
der könig) braucht nicht masz und gewicht, seine weisheit wägt mit einem blick Bettine
d. buch gehört d. könig (1843) 2, 316; wenn aber einer (
in der gemeinde) durch weisheit bekannt war, gehorchten ihm die anderen freiwillig, wie einem fürsten und er hatte die väterliche macht A. Stifter
Witiko 138
Inselausg.; lauszen uns flyszlich mit ernst gott den allmächtigen ... bitten für den löblichen bunt desz landes Schwaben, dasz der barmhertzig gott ihm woll verlyhen wyszheit
urk. z. gesch. d. schwäb. bundes 1, 24
lit. ver.; die obrigkeit würde in ihrer weisheit schon erkennen, wenn wirkliche gefahr vorhanden sei A. v. Humboldt
kosmos (1845) 1, 444.
daraus entwickelt auch von der weisheit
einer verwaltung, verfassung u. s. w.: die tohrheit der neuen staatsverwaltung wird die weisheit der deinigen am besten rechtfertigen Wieland
Agathon (1766) 2, 248; ... indes du (
Florenz) stolz freiheit genieszest, ruhm genieszest unter der milden gesetze weisheit Platen
w. 1, 190
Redlich; ein tanzender staatsmann fand in seinen vorstellungen nur in fürstlichen ehrenquadrillen platz; im raschen walzer verlor er bei ihm an vertrauen auf die weisheit seiner rathschläge Bismarck
gedank. u. erinn. 1, 102
volksausg.; die weisheit der verfassung und gesetze, das ideal der männlichkeit ... erregen gewisz in uns eine ehrfurcht Niebuhr
röm. gesch. 1, 12; in diesen alten deichordnungen herrschen oft eine weisheit, umsicht und klarheit, eine solche der wichtigkeit des gegenstandes angemessene strenge, dasz sie uns ... mit bewunderung ... erfüllen müssen H. Allmers
marschenbuch (1861) 26. politische weisheit
als form '
klugheit in staatsdingen',
und deren inhalt bezeichnend: wie schön solt sich aber das leimen oder reinem, wann ich Platonis und Solonis politische weiszheit und regimentische bestellung ... bey einem kurtzweiligen abentheurer und Diogenischen spottvogel ... wolt anwenden Fischart
Eulenspiegel 17
Hauffen; schon glaubte er (
der bürgermeister) den schöppen völlig aus dem sattel gehoben zu haben, als dieser seine politische weisheit und heldenkraft sammelte und ... vorschlug Klinger
w. (1809) 3, 69; diese seltsame magistratur ist kein beweis politischer weisheit, sondern ein schlechtes compromisz Mommsen
röm. gesch. (1865) 1, 279. B@33)
als anrede und titel hauptsächlich städtischer obrigkeiten, des gesamten rates wie einzelner ratsherren (
vgl. weise,
adj. B 3);
seit dem 15.
jh., auch im plural, vgl. eur weisheit, diese salomonische titulatur geben die bürger ihren rathherren, wenn diese nicht gnädige herren sind Zaupser
versuch (1789) 82: (
der rat von Nürnberg an den von Pilsen) was wir ewer weisheit bisher in denselben sachen zu furdrung haben tun mugen, das sey wir willig gewesen (
v. j. 1428) Palacky
urk. beitr. z. gesch. d. Hussitenkr. 1, 633; wir schützenmaister und schieszgesellen gemainglichen der stat Nürnberg ... fügen ewer erbergen weishait (
d. bürgermeister v. Augsburg) zu wissen (
v. j. 1457)
städtechron. 10, 231; und sollen demnach wir arme, im gewissen hochbedrängte leuthe ... ihr fürstl. gn., hochwürden, gnaden, gestrengen, ehrenvesten und weiszheiten unterthänigst nicht verhalten
acta publica 2, 326
Palm; e. ehrsam weiszheit undertheniger Theophrastus von Hohenheim, beyder artzney doctor Paracelsus
opera (1616) 1, 357
Huser; es fällt mir aber unmöglich, hochweise weisheiten! meine wiederklage so rechtsförmig einzurichten, als sie wohl seyn sollte Gottsched
deutsche schaubühne 5, 305;
scherzhaft: da ich nun eine so bedeutende angelegenheit nicht für mich entscheiden (
möchte) ..., so wünschte (
ich) ew. weisheiten gutachten darüber zu vernehmen (
an seinen sohn) Göthe IV 28, 325
W. B@44)
selten in der zugespitzten bedeutung '
schlauheit, gerissenheit': sie (
die Juden) flicken sich ummer myt weyszheit, sie forchten sich vor dem todten und begrabnen Luther 34, 1, 260
W.; es ist ein allgemeiner grundsatz, ... dasz die weisheit darinnen bestehe, wie man seinen vortheil mit eines andern schaden suchen möge Chr. v. Ryssel
von dem seelenfrieden (1685) 307; wenn einer durch betrug hat etwas zu sich gezogen, sie achtens nit als wers abgelogen: sie nennens weisheit, vorsichtigkeit und listen, rümen sich auch frome christen O. Schade
satiren u. pasqu. a. d. reform.-zeit 1, 158; (
der hofkapellmeister) besasz, was Bacon crooked wisdom (die weisheit der krummen wege) nennt O. Jahn
Mozart (1856) 4, 188. B@55)
gelegentlich verliert weisheit
den wertenden charakter und bedeutet nicht mehr klugheit als einen besonderen grad verstandesmäsziger begabung, sondern einfach '
verstand, vernunft',
kraft der vernunft und des verstandes ist im allgemeinen auch dort gemeint, wo weisheit
mit vernunft, verstand, witz
zusammengestellt wird; auch manche der belege unter 1
nähern sich dieser bedeutung: das lieb kind daz gieng schier gen schuol und lernet mit groszer weiszheit
der heyligen leben summerteil (1472) 2
a; ... ir habt guten verstand und seid begabt mit vernunft und weisheit genug
Teuerdank 27
Goedeke; hier sieht man sie (
die wahrheit) mit neuen stralen der weisheit und vernunft verstärkt Gottsched
ged. (1751) 1, 151; hingegen aber seyn derer mannsbilder häupter viel gröszer und darümb haben sie auch mehr gehirn, verstandes und weiszheit Prätorius
Blockesberges verricht. (1668) 132; was groszen verstand, hohe weiszheit und erfarenheit in allerley sachen er gehabt Xylander
Polybius (1574)
vorr. 2; wenn ich mir ... die höchste menschliche weiszheit, die hoheit von verstand, die Adams character ausmacht, an ihm vorstelle, so düncket mich, dasz diese sich allzu leicht habe überwältigen lassen Bodmer
v. d. wunderbaren (1740) 192; weisheit, witz und Deutschland lieben, das war unsrer freundschaft gnug Gottsched
ged. (1751) 1, 206. B@66)
selten vom tier: waz gab der wiseln die wîsheit? daz si kraft an dem krûte wiste
mystiker 2, 31
Pf.; wise nu also der slange wisheit hat Tauler
pred. 95, 7
V.; die biene in ihrem korbe bauet mit der weisheit, die Egeria ihrem Numa nicht lehren konnte Herder 5, 23
S.; scherzend: und wie die gösseln wuchsen, so nahmen sie auch zu an weisheit und weiszheit Sohnrey im
grünen klee (1903) 105. CC.
das wissen von einer bestimmten sache und die auf solchen wissen beruhende erfahrung. fertigkeit, geschicklichkeit (=
scientia) (
vgl. weise,
adj. A). weisheit
hat, wer eine sache kennt, versteht, mit ihr umgehen kann. im heutigen sprachgebrauch liegt diese bedeutung von weisheit
am rande des von ihr umfaszten gebietes, da der eigentliche und besondere sinn der weisheit (
lebenserkenntnis, religiöse weisheit)
als etwas anderes, wenn nicht geradezu als gegensatz zu wissenschaftlicher einsicht, erkenntnis und gelehrtsein empfunden wird, s. oben A 5
und unten F 2;
vgl. kunstrich wiszheit
scientalis sapientia (15.
jh.) Diefenbach
gl. 518
b; wyszheit, wissen(t)heit (
md. 15.
jh.)
scientia ebda; wyszheit (
md. 15.
jh.)
gnaritas 266
c; C@11) weisheit
als '
theoretisches wissen, wissenschaft'
; kenntnis und erkenntnis wissenschaftlicher gegebenheiten und verhalte, als form und inhalt; im ganzen ungeläufig. C@1@aa) weisheit
als form des wissens; gelehrtsein, im besonderen das auf studium beruhende wissen: nieman mach geduten mit neheiner wisheite die geburt der goteheite Hartmann
rede vom glauben 197
bei Maszmann
ged. d. 12. jhs.; er war nit gereist, die weiszheit in der frembde zusuchen noch sie und sein vollkommenheit in den ausländischen sprachen zu ergreiffen Grimmelshausen
teutscher Michel (1673) 16; so sie halb geleert sind, mässen sy inen zu bereit alle weyssheit, kunst und wüssenschafft Stumpf
Schweizerchron. (1606) 12
b; er (
der heiland) sagt: habt saltz bey euch und friede unter einander. wir haben ja wohl irrdisch saltz in dieser halle (
universität Halle), und das saltz der weiszheit kan man nunmehro auch allhier aus reichlichen quellen bekommen; aber was wäre dieses, wo kein friede noch einigkeit wäre? Chr. Thomasius
kl. t. schr. (1707) 670; die ganze noblesse wundert sich, lieber mann, dasz du ... immerfort studirst, der lustige Duca sagte: weisheit mache weisze köpfe Eichendorff
s. w. (1864) 2, 515; so löset sich auch wohl einmahl noch der widerstreit tausendfältig zerspaltener naturkräfte, der ihre einheit für unsern blick einstweilen verhüllende nebel verschwindet, und diese tritt in den gesichtskreis menschlicher weisheit Ritter
erdkde (1822) 1, 5. C@1@bb) weisheit
als inhalt des wissens, '
wissenschaft, wissenschaftliche erkenntnis'. C@1@b@aα)
allgemein: das wissen, die wissenschaft, wissenschaftliche erkenntnis: wie solich ort, die wir nännen styfft und klöster, sind angefangen worden in gestalt der schuolen, do man lernet kunst und weiszheit Eberlin v. Günzburg 1, 36
ndr.; mancher hat kaum die kunst geschmeckt, meint bald, das er voll weiszheit steckt, des lehrampts sich zu bald annimpt B. Waldis
Esopus 4, 76
Kurz; die augen ... seynd fenster und instrument ..., allerhandt weiszheiten ... und wissenschafften zuvergreiffen Äg. Albertinus
hirnschleiffer (1664) 50; nur ein kritikaster wie
F. will es nicht fühlen, denn hier oder nirgends kann er einen brocken weisheit wieder auskramen, den er sich selbst erst gestern oder ehegestern einbettelte Lessing 10, 270
M.; alle weisheit besteht also in der anwendung eines bekannten auf ein unbekanntes Novalis
schr. 2, 208
Kluckh.; ich glaubte doch wahrlich hell und klar, ich wäre euch allen ein weiser scholar, könnt alles nach wunsche bekehren — ei, ei, du hohe schule von Prag, da liegt deine weisheit all am tag und thät sich gar schlecht bewähren Hoffmann v. Fallersleben
ges. schr. (1890) 1, 201; steile höhen besucht die ernste forschende weisheit, sanft gebahnteren pfad findet die liebe im tal Göthe 4, 119
W.; (
Mephistopheles zum Schüler): so wird euch an der weisheit brüsten mit jedem tage mehr gelüsten 14, 89; dagegen schwingen sich (
die universitäten) Halle und Göttingen an der hand des glückes und der weisheit empor Schubart
br. in D. Fr. Strausz
w. 8, 58; bei sich fügte er hinzu: 'o du frisch aufgestecktes licht im tempel der weisheit' indem er so den neuen oberlehrer bezeichnete, der erst kürzlich an der schule angestellt worden war W. Raabe
Horacker (1876) 11. C@1@b@bβ)
fachliches wissen besonderer art: weisheit
gottes u. ä. (
theologie); weisheit
der schulen, der ärzte u. s. w., juristische, ärztliche u. a. weisheit: er lêrtin alle wîsseheit, wie verre der sunne von der mânin gêt und lêrtin ouch den list wie hôch von dem wazzer zem himele ist
Vorauer Alexander 185
Kinzel; Gregorius der erste lerer und des globens ein merer bin ich von der gottes wiszheit
schausp. d. mittelalters 1, 274
Mone; solt ich ... den schlüssel der wiszheit gottes (
gen. obd.), wie Christus spricht Luce am xi in den henden haben und nit uff thuon den verwüssenden (
vgl. Luc. 11, 52
clavem scientiae) Zwingli
v. freiheit d. speisen 32
ndr.; bald darnach ... herrschte ... Oeagrus ..., welcher die weiszheit und wissenschaft von gott aus Egypten in Grichenland geholet ... hat Lohenstein
Arminius (1689) 2, 29
b; man hielte sie (
die poesie) ... vor eine fähige wissenschafft, darin die göttliche und weltliche weiszheit (
theologisches und weltliches wissen) mit nachdruck könne vorgetragen werden J. G. Neukirch
anfangspr. z. t. poesie (1724) 2; allein da, ... wo die seele noch mangel an den nothdürftigsten wahrheiten leidet, und sich dennoch mit einem ohnmächtigen schwunge zur tafel der höhern weisheit erheben will, wo unsre töchter französisch und englisch plaudern sollen, ohne die geringste theorie oder praxis von der haushaltung zu haben, da ist dieser luxus der seelen nichts als ein prächtiges elend J. Möser
s. w. 1, 211
Abeken; um ... zu beweisen, dasz der kranz des ruhmes auch um die stirne geflochten werden könne, die nicht imstande oder willens war, die weisheit der schulen aufzunehmen Ernst Wiechert
wälder u. menschen (1936) 159; welcher vermutlich in willens gehabt haben mochte, mir noch viele juristische weisheit vorzupredigen Rabener
s. w. 4, 316; auch lieszen sie (
die ärzte) im hintergrunde ihrer weisheit eine badereise ... aufdämmern Holtei
erz. schr. 5, 48; das medicinalwesen der heere war überall noch nicht weit über die weisheit der fridericianischen feldscherer hinausgekommen Treitschke
dtsche gesch.3 1, 507.
nach C 1 c
hinüberweisend: der fähnrich ... versuchte, sie mit seiner grünen weisheit über pferdezucht zu unterhalten W. v. Polenz
Grabenhäger 1, 72; sie erkundigte sich ... nach landwirtschaftlichen weisheiten H. Zillich
zw. grenzen u. zeiten (1936) 356. C@1@b@gγ) weisheit
als übergreifender begriff für alle wissenschaften: der weisheit obliegt es, die prinzipien der anderen wissenschaften zu begründen, weshalb sie bei Aristoteles auch das 'haupt aller wissenschaften' genannt wird (
ad sapientiam pertinet probare principia aliorum scientiarum)
Thomas v. Aquin. summa theol. I 1, 6 (
dtsch.-latein. ausg. [1933] 1, 16); von der einzelwissenschaft unterscheidet sich die weisheit ... (das wort weisheit hier in seinem engsten, höchsten verstande genommen, sonach die erste weisheit) dadurch, dasz sie die ersten gründe, welche ganz allgemein die ganze wirklichkeit begründen, erkennt W. Dilthey
einl. i. d. geisteswiss. (1883) 1, 161. C@1@cc)
auszerhalb des höheren erkenntnis- und wissenschaftsbereiches auf niederer ebene, wissen um bestimmte zustände des allgemeinen lebens: 'guter freund, das beste wäre, wir hätten unsre nasen garnicht in all diese händel gesteckt!' 'o komm mir jetzt nicht mit deiner verdammten weisheit hinterdrein!' maler Müller
w. (1811) 2, 103; das erstemal ... wollte sie auch wissen, wie sehr du sie denn liebtest, da war nun meine weisheit aus Caroline 1, 288
Waitz; wozu er (
der jägerbursche) auch sogleich bereit, keinen anstand nahm, alle seine weisheit (
vom '
schönen geschlecht') auszukramen Holtei
vierzig jahre (1843) 1, 145. C@22)
künstlerische weisheit; (
vgl. weise,
adj. A 2);
besonders das überlegen, ordnen, gestalten, form und masz geben (
bewuszt oder unbewuszt)
betonend, theoretisches wissen und praktisches können (
kunstfertigkeit im höheren sinne)
zusammenfassend; schon mhd. (
in wechselbeziehung mit list, spaehe, spâhheit
und sin,
vgl. J. Trier
d. dtsche wortschatz im sinnbezirk des verstandes 1 (1931),
vor allem bei Gottfried
und den späteren epikern (Rudolf v. Ems);
auf dichtung und kunsthandwerk (
schmiedekunst u. s. w.)
bezogen, ähnlich in der bibel; von Göthe
bevorzugt; vgl. peritia wiszheit, wissentheit (
md. 15
jh.) Diefenbach
gl. 427
b,
auch mit erfarenheit, kunst
wiedergegeben ebda; weisheit
sollertia gemma gemmarum (1508) Z 8
a; künst und weyszheit lernen, sich in guten künsten und leeren underweysen und berichten
pectus colere per artes Frisius
dict. (1556) 250
a: von Veldeken Heinrich der sprach uz vollen sinnen; wie wol sang er von minnen! wie schone er sinen sin besneit! ich wæne, er sine wisheit uz Pegases urspringe nam, von dem diu wisheit elliu kam Gottfried v. Straszburg
Tristan 4730
Ranke; das ich mich der maisterschaft und der hohen wisheit die er (
Ulrich v. Türheim) an Clies hat gelait, nicht gelichen wil noch ensol Rudolf v. Ems
Willehalm 2265
Junk; ouch hetti úch (
die aventiure) mit wishait her Albrecht bas denne ich gesait, von Keminat der wise man 2245;
können und wissen des künstlers und handwerkers: smaragde und jachande saphire und caledone, und waren die so schone wa unde wa dar in (
in Isoldes '
cirkel') geleit, daz wercmannes wisheit nach rechter spæheite nie steine baz geleite Gottfried v. Straszburg
Tristan 10 974
Ranke, vgl. 4956; zu dem drittin male redit man fon den dingin an urin werkin. alse man sprichit fon der wisheit des meisteris, so sprichit man fon dem bilde daz he gemachit hait; daz bilde offinbarit des meisteris wisheit meister Eckhart in:
paradisus anime 58, 17
Str.; da erbeiten alle weise männer, denen der herr weisheit und verstand gegeben hatte zu wissen. wie sie allerley werck machen solten zum dienst des heiligthums
2. Mos. 36, 1; der war ein meister im ertz, vol weisheit, verstand und kunst, zu erbeiten allerley ertzwerck
1. kön. 7, 14 (
die künstler werden die weisen
genannt [
artifices 2. Mos. 36, 4],
s. unter weise,
m., 1 a); unter der stirn (
des Laokoon) ist der streit zwischen schmerz und widerstand, wie in einem punkt vereiniget, mit groszer weisheit gebildet Winckelmann
s. w. (1825) 6, 22; es ist aber grosze weisheit des Homers, dasz er sie (
die schläge des Ulysses) dem Thersites zukommen läszt Herder 17, 165
S.; dabei werden sie ... im auge behalten, dasz die gruppen keineswegs perspektivisch, sondern nach art damaliger kunst neben, über und unter einander, jedoch nicht ohne weisheit und absicht gestellt gewesen Göthe 48, 85
W.; bewundernswerth war noch immer (
an den resten des römischen amphitheaters in Trier) wie die alten, ihrer weisheit gemäsz, grosze zwecke mit mäszigen mitteln hervorzubringen suchten 33, 165; sieh, was dein werk für einen eindruck macht, das du (
künstler) in deinen reinsten stunden aus deinem innern selbst empfunden, mit masz und weisheit durchgedacht, mit stillem, treuen fleisz vollbracht 16, 160.; (
Grauns) stimmensatz, die ebbe und fluth seiner modulation, seine krystallklare harmonie ... mit einem wort: weisheit, kopf, tiefes verständnisz aller musikalischen verhältnisse Schubart
ästhetik d. tonkunst 81; die rechte einsicht und künstlerische weisheit geht nach der platonischen lehre aus der bewunderung hervor Fr. Schlegel
s. w. (1846) 5, 160.
auf niederer ebene '
geschick, geschmack': erz, marmor, elfenbein und bilder voller leben sind überall mit weisheit angebracht Pfeffel
poet. vers. (1812) 1, 14;
vereinzelt vom kunstsinn der tiere: was weyszheit und kunst sy (
die alkyonen) in irem näst zemachen brauchind Herold-Forer
Gesners tierbuch (1536) 2, 15. C@33)
zauberische, magische weisheit,
zauberisches, magisches wissen und können, kunst der wahrsagung und traumdeutung (
magia);
fülliger und deutlicher entwickelt bei weise (
s. dort A 3),
vgl. magia weiszheit und verstand heim licher und verborgener dingen Calepinus
XI ling. (1598) 856
b; heimliche, verborgene weisheit
sapienza arcana' occulta Kramer
t.-ital. 2, 1302
b: wilt dû hînacht wîsheit sehen, ich sage dir an dînem libe sol beschehen: daz zeige ich dir an einem stern
Salman u. Morolf 294, 1
Vogt; Clinschor, der des (
die kemenate) erdâhte, ûz manegem lande brâhte sîn listeclîchiu wîsheit werc daz hier an was geleit Wolfram v. Eschenbach
Parzival 566, 25; (
Joseph zu seinen brüdern) oder miskent ir das mein geleich nichten ist in der weysheit der warsagung (
in augurandi scientia, gen. 44, 16)
erste dtsche bibel 3, 198
Kurr., ich wolte es nicht wagen, diese weisheit oder wissenschaft (
die vogelsprache zu verstehen) oder vielmehr fürwitzigkeit solcher gestalt durch schlangenfleisch zu erlangen Zesen
rosenmând (1651) 5; hier aber fehlt das geld. vom estrich zwar ist es nicht aufzuraffen; doch weisheit weisz das tiefste herzuschaffen. in bergesadern, mauergründen ist gold gemünzt und ungemünzt zu finden, und fragt ihr mich, was es zu tage schafft: begabten manns natur- und geisteskraft Göthe 15, 14
W. C@44)
die redensart die weisheit mit löffeln fressen
meint im allgemeinen weisheit
als '
wissen' (
vgl. auch teil 6,
sp. 1122): du wirst meynen, dasz man auf universitäten lauter weisheit mit löffeln fresse Schupp
schr. (1663) 264; dasz die jungen herrchens gleich meynen, sie hätten alle weiszheit mit löffeln gefressen, wenn sie ein paar bücher durchgeblättert Reinwald
studentenspiegel (1720) 104; (
kurfürst) Hans Cicero, der die weisheit mit löffeln frasz und uns den schmachtriemen um den bauch schnallte Alexis
hosen d. herrn v. Bredow8 72;
ähnlich: er meint, all weiszheit hätt verschluckt, und doch ausz ihm der stumpax kuckt
aus einem jesuitendrama v. j. 1733
in: beiheft z. zentralbl. f. bibliothekswesen 6, 323; ihr Poggenpuhls denkt immer, ihr habt die weisheit allein und alles wie durch inspiration Fontane
ges. w. I 8, 238; wahrlich, du denkst, du habest alle weisheit gepachtet v. Petrasch
s. lustsp. (1765) 2, 599. DD. weisheit
als tugend, zucht (=
disciplina) (
vgl. weise,
adj., C 2);
form und bestimmung des handelns und tuns; vgl. idoneitas wijsheit (
nd. 1420) Diefenbach
gl. 284
b,
auch wiedergegeben mit fromheit, erbarkeit
ebda; weiszheit oder verstand, was man thun soll
sapientia Joh. Orsäus
nomencl. (1623) 69. D@11)
allgemein; weisheit
hat, wer nach höheren einsichten in sinn und zweck des lebens, wer vernunftgemäsz handelt, wer sein tun von rechter einsicht in das notwendige und gute bestimmen läszt, wer zuchtvoll und maszvoll handelt (
vgl. weise =
maszvoll C 2 b);
ins religiöse hinübergreifend, so wie weisheit
als einsicht (A)
ins religiöse hinüberweist; vgl. die folgenden philosophischen begriffsbestimmungen: selbst die weisheit — die sonst wohl mehr im thun und lassen als im wissen besteht — (
bedarf) doch auch der wissenschaft, nicht um von ihr zu lernen, sondern ihrer vorschrift eingang und dauerhaftigkeit zu verschaffen Kant
w. (1838) 4, 24
Hartenst.; die weisheit ist diejenige qualität, durch welche alles handeln des menschen einen idealen gehalt bekommt Schleiermacher
w. III 5, 350; weisheit ist moralische klugheit Novalis
schr. 3, 219
Kluckh., ähnlich: weisheit ist moralische wissenschaft und kunst 3, 246; weisheit scheint mir nicht blosz theoretische, sondern auch praktische vollkommenheit zu bezeichnen. ich würde sie definiren als die vollendete, richtige erkenntnisz der dinge, im ganzen und allgemeinen, die den menschen so völlig durchdrungen hat, dasz sie nun auch in seinem handeln hervortritt, indem sie sein thun überall leitet Schopenhauer 5, 635
Griseb.; die geschicklichkeit ist auf sachen, die klugheit auf menschen, die weisheit auf die moralität gerichtet
n. rhein. convers.-lex. (1830) 12, 179.
im allgemeinen sprachgebrauch seit dem mhd.: ich hete liep daz mir vil nâhe gie: dazn liez mich nie an wîsheit kêren mînen muot Friedr. v. Husen
in: minnesangs frühl. 46, 23; ern tet niht âne fürgedanc als im diu wîsheit gebot: desn wart er nie schamrôt von deheiner sîner getât Hartmann v. Aue
Gregorius 1257
Paul; wer nit lebet in der gerechtikait, der mag nit wonen in der wishait E. Stagel
schwestern zu Tösz 33, 10
Vetter; di togunt wel eynen furer han und daz mag wol sin di wiszheid di si wole uzgerichtin kan Johannes Rothe
ritterspiegel 1902
Neumann; wan der wein ingehet, so gehet die weiszheit ausz (
sapientia vino obumbratur) Tappius
adagiorum cent. sept. (1545) Y 6
b; wer recht zuor wyszheit schieszen will der luog, das er halt masz und zyl S. Brant
narrenschiff 75, 57
Zarncke; niemand kan sich der ehre und desz reichthumbs rechtmäszig gebrauchen, als welcher von oben herab mit weiszheit begabt wird Harsdörfer
t. secretar. (1656) 1, 84; dreymal gesegnet seyd mir! was alle thoren verkennen, was zum reichthum verdammt, narren unwissend verschmähn, tugend, und die weisheit, das leben würdig zu brauchen, und den tod nicht zu scheun, hat euch das schicksal verliehn Klopstock
oden 1, 37
M.-P.; je weniger instinkt, desto weiser — die tendenz auf weisheit ist dem instinkt entgegen. wo weisheit ist, ist gleichgewicht Novalis 2, 294
Kluckh.; ... an innern kämpfen hat stille weisheit jahrelang zu dämpfen stets mühevoll ist ihre bahn Göthe 16, 290
W. mehr auf einsichtsvolles tun (
vgl. die verbindung mit mäszigung, geduld)
als auf erkennen gehend: zwar die gewaltge brust und der titanen kraftvolles mark war seiner (
des Tantalus) söhn und enkel gewisses erbteil; doch es schmiedete der gott um ihre stirn ein band. rat, mäszigung und weisheit und geduld verbarg er ihrem scheuen, düstern blick Göthe 10, 16
W. möge der himmel das schöne land und die herrliche stadt beschützen, dasz seine bewohner, die fast den schönsten schatz an gemüth und herz unter allen deutschen stämmen bewahrt haben, auch rat, weisheit, mäszigung bewahren, dasz sie (auf beiden seiten) die leidenschaft nicht hören mögen, ... sondern dasz sie wie entzweite freunde anfangen, nicht mehr das böse aneinander, sondern das gute zu sehen A. Stifter
br. 1, 292
S.; (
wir wollen nicht vergessen daß) die 'braut' (
der Apokalypse) die verwandlung jener gestalt darstellt, welche den strengsten ausdruck wirklichkeitsgerechten, geordneten, von weisheit und gesetz beherrschten und jederzeit zum kampfe bereiten daseins meint, nämlich der 'stadt' R. Guardini
d. engel in Dantes göttl. kom. (1937) 119.
daher nennt man ein bestimmtes verhalten selbst, das man als weise
ansehen musz, weisheit: schweigen wird für weiszheit geacht, viel reden offt grosz schaden bracht Eyering
prov. (1601) 3, 297; so sei auch wohl schwerlich die ungerechtigkeit eine weisheit zu nennen Schleiermacher
Platon (1804) 6, 7; solcher kalten übermacht gegenüber ist demüthige bescheidenheit des menschen die höchste weisheit G. Freytag
ges. w. 14, 82; weisheit ist demut, sagt ein altes wort. ich will nun eifrig solche demut lernen und herrlich weise werden E. Hardt
Tantris der narr (1909) 106; weisheit ists, die wahrheit sagen, noch gröszere, sie hören und vertragen Wille
sittenlehre (1781) 131; die abwesenheit des durch die weisheit seines stillschweigens so sehr vor anderen sterblichen hervorragenden hrn. Silence Gerstenberg
schlesw. literaturbr. 143
dt. lit.-denkm. D@22)
hierher mag man auch das höfische wîsheit
rechnen als inbegriff des inneren und äuszeren benehmens, mit tugent
und zuht
verwandt; vgl. auch die deutlichere ausprägung des begriffes unter weise C 2 c: der vrowen wisheit da schein, daz si diu ougen niht dar carde und reht also gebarde, als si ir niene wiste, und sprach mit grozem liste Eilhart v. Oberg
Tristrant, bruchstücke 28, 75
Wagner; owê daz wîsheit unde jugent des mannes schœne noch sîn tugent niht erben sol, sô ie der lîp erstirbet Walther v.
d. Vogelweide 82, 24; do verstuont sich wol diu reine daz ich gerne bî ir was ... hie vant ich wîsheit bî der jugent, grôze schœne und ganze tugent. sî saz mir güetlîchen bî Hartmann v. Aue
Iwein 339; an allen dingen vollekomen, er was getrúwe, milte, guot, zúhtig, werhaft, hochgemuot libes unde guotes, wishait unde muotes, tugende richer danne rich Rudolf v. Ems
Willehalm 176
J. D@33)
ganz auf das vernunftmäszige und zweckhafte ausgerichtet in der aufklärung; weisheit
haben bedeutet, nach der vernunft, dem verstand handeln; tun, was vernünftig, zweckmäszig und nützlich ist, der glückseligkeit dient: weisheit ist nicht anderes als die wissenschaft der glückseligkeit, so uns nemlich zur glückseligkeit zu gelangen lehret Leibniz
dtsche schr. 1, 420
Guhrauer; die weisheit überhaupt ist eine wissenschaft der glückseligkeit Gottsched
erste gründe d. ges. weltweisheit (1733) 1, 3; und ist solchergestalt die weisheit eine wissenschafft, die absichten dergestalt einzurichten, dasz eine ein mittel der anderen wird, und hinwiederumb dergleichen mittel zu erwehlen, die uns zu unseren absichten führen Chr. Wolff
vernünft. gedanken v. gott (1720) 502. EE.
zum begriff der weisheit (
einsicht und tugend)
gehört, dasz sie ein ausdruck gereiften lebens ist (
vgl. weise,
adj., E). E@11) weisheit
gewinnt man im leben durch erfahrung, deshalb gehört sie zum alter und bezeichnet hohe und klare einsicht in sinn und zusammenhang des lebens und maszvolle, abgeklärte lebenshaltung: das zeitalter der erlangung des menschen zum verständigen gebrauch seiner vernunft kann in ansehung seiner geschicklichkeit ... etwa ins zwanzigste, das in ansehung der klugheit ... ins vierzigste, endlich das der weisheit etwa im sechzigsten anberaumt werden Kant
w. (1838) 10, 212
Hartenst.; bey den groszvätern ist die weiszheit und der verstand bey den alten Petri
d. Teutschen weish. (1604) 2, K 8
b; Nestor, in deinen alten jahren hastu mit weiszheit viel erfahren W. Spangenberg
bei Dähnhardt
griech. dram. 2, 40
lit. ver.; sie reden gar viel von den eigenen tugenden der höheren jahre, von der nüchternen weisheit, von der kalten besonnenheit Schleiermacher
s. w. III 1, 44; deine weisheit sei die weisheit der grauen haare, aber dein herz ... der unschuldigen kindheit Schiller 2, 194
G.; witzige vermischungen sind z. b. ... kindheit und weisheit Novalis 2, 24
Kluckh.; es ist kein zweifel, dasz wir keinen mangel an klugen büchern haben, aber wie selten sind die werke, aus denen ohne absicht und zwang, der reifste ertrag eines menschenlebens, der der weisheit fällt Ernst Wiechert in:
das innere reich (1934) 1.
darum wird weisheit
als gegensatz zu frohsein und freude empfunden: das alter sey der weisheit, die jugend der freude geweiht Ramler
lyr. ged. (1772) 275; wann sich oft, an einem fest, weisheit von ihm (
dem vergnügen) fangen läszt dann begehrt aus seinem schoosz die gefangene selbst nicht los J.
N. Götz
verm. ged. (1785) 1, 49; weisheit
in der jugend gilt als eine seltene, durch besondere umstände bewirkte erscheinung: du raubst der zeit die macht, den geist, der dich belebt, zu stärken, und Nestors reiffe weisheit lacht in deiner jugend wunderwerken (
an Peter II. v. Ruszland) Hagedorn
vers. einiger ged. 15
Sauer; das kranke reis erholte sich, der wunderbare ausdruck der durch das leiden hervorgebrachten frühen weisheit verschwand wieder in seine unbekannte heimat, und ein rosig unbefangenes kind blühte G. Keller
ges. w. 2, 39. E@22) weisheit
wird erworben, oft mit mühe, was sich mannigfaltig in verbalen fügungen ausdrückt: der mus die weisheit der alten erforschen und in den propheten studiren
Sirach 39, 1; und Moses ward geleret in aller weisheit der Egypter
apostelgesch. 7, 22; dasz unsere kriegerische rohe vorfahren sich als ein wildes volck nicht so bald der weisheit beflissen wie die Ägytier, Hebräer, Griechen, Lateiner und andere völcker gethan Grimmelshausen
teutscher Michel (1673) 4; der vortheil, in der weisheit der Chinesen sich ausbilden zu lassen A. v. Haller
Usong (1771) 22; wie etliche hundert jahr vor diesem ... weisen könige (
Salomon) Moyses in aller weiszheit der Egypter unterrichtet worden Ettner v. Eiteritz
medizin. maulaffe (1719) 3
a; da die weisheit mühevoll du fandest büsztest doch du nicht den glauben ein Platen
w. 1, 123
Redlich. E@33) weisheit
wird als gegensatz zu torheit und narrheit empfunden (
wie weise
zu töricht und närrisch);
zu den weiteren wechselbeziehungen zwischen weisheit und torheit vgl. auch unten den negativen gebrauch F 2
und G 2 e,
wo weisheit
als torheit gewertet wird: dû wart mir dat herte enbinne van sô sûter dompheit wont, dat mir wîsheit wart onkont Heinrich v. Veldeke
in: minnes. frühl. 56, 25; bist du ein wise prophete, so rad wer dir daz dede. din dorheit dich nuo melde, dine wisheit ist zuo velde
schausp. d. mittelalters 1, 107
Mone; deszhalb dasz er die leut wolt von der thorheit zuo wiszheit ziehen Eberlin v. Günzburg
s. schr. 1, 157
ndr.; ander leut thorheit sei dein weiszheit Seb. Franck
sprüchw. (1546) 1, 7
b; darumb sie zu straffen das an euch nicht weiszheyt, sonder grosze thorheit ist Montanus
schwankbücher 116
lit. ver.; weiszheyt ist nyemand nütz on not, sonst wird weiszheyt torheyt J. Agricola 750
teutsch. sprichw. (1534) D 3
a; es zog ein narr umb weiszheit aus, und kam ein thor wider zu hausz Eyering
proverb. copia (1601) 1, 583; die höchste weiszheit musz der thorheit vormund seyn Rachel
satyr. ged. 36
ndr.; die thorheit geht der weisheit hier zur seite Schubart
s. ged. (1825) 1, 82; dasz wir schier ... all ihre weisheit und thorheit auswendig wissen Bürger
w. 319
b Bohtz; da der blanke metallstab (
das aichmasz) sich kalt anfühlte, so hatte ich am halse die empfindung, wie wenn eine gebieterische einwirkung in der that stattgefunden hätte, und ich wuszte nicht, ob thorheit oder weisheit aus dem manne sprach G. Keller
ges. w. 2, 131. FF.
mit negativer betonung; entwertung der weisheit
vom weltlichen her (
die entwertung vom religiösen aus s. unten G 2 e);
eine bestimmte haltung, menschenweise, die sich weisheit
nennt und so gelten möchte, wird abgelehnt (
vgl. weise,
adj., D). F@11)
die meinung und das verhalten derer, die sich hochmütig anmaszen, anderen überlegen zu sein, derer, die sich für weise
halten ohne es zu sein, wird mit ironie oder spott als weisheit
bezeichnet: wenn du aber denkst, dasz die weisheit der biedermänner des parlaments ... sich nun für widerlegt hält, so irrst du dich A. Ruge
briefw. u. tageb. 2, 89
Nerrlich; dort trat er zu den politischen kannegieszern, neigte sein ohr zu ihrem geschwätz und lobte ihre weisheit Langbein
s. schr. 31, 34; die vier kleinen eidgenossenschaften, in die die weisheit des ... senats das alte königreich zerstückelt hatte Mommsen
röm. gesch. (1854) 2, 39; geben sie (
die gelehrten) sich weise, so fröstelt mich ihrer kleinen Sprüche und wahrheiten: ein geruch ist oft an ihrer weisheit, als ob sie aus dem sumpfe stamme Nietzche
W. 4, 137
Bäumler; und nun liest du auch noch allerlei dumme blätter, in denen hochmütige schulmeister und verlogene winkeladvokaten ihre weisheit zu markte bringen Fontane
ges. w. I 6, 9; diese klappen (
der blechwindfänge) ... stellen mir philosophen und professoren vor, die in höchster weisheit mit höchster erkenntnis die perückenhäupter wenden. ach, ach, ach, was soll denn all diese weisheit und gelehrsamkeit? dünkel, dünkel! D. v. Liliencron
s. w. (1896) 5, 159. F@22)
die weisheit
derer, die das leben zu kennen glauben und ihm doch vor lauter weisheit fern geblieben sind; graue weisheit, weisheit des grünen tischs.
vgl. dazu auch das Faustwort von der grauen theorie (
Faust I 2038
f.): doch dieser grosze menschenkenner sinke vor scham dahin, dasz seine graue weisheit der scharfsinn eines jünglings überlistet Schiller 5, 2, 417
G.; (
du) priesest mir den goldnen mittelweg. ey, deine weisheit hat sich schlecht bewährt, sie hat dich früh zum abgelebten manne gemacht 12, 379; o ihr thörichten, die ihr euer leben damit zubringt, immer unterschiede zu entdecken und diesen mit nüchterner weisheit einen taufnamen zu geben Tieck
novellen (1854) 12, 131; die bureaukratie ... hörte mit abscheu von der rechtsbildenden kraft des volksgeistes, die der weisheit des grünen tisches so wenig raum liesz Treitschke
dtsche gesch.3 2, 62; die Frankfurter verfassung hat noch tiefer aus dem brunnen der weisheit jener theoretiker geschöpft, welche seit dem contrat social nichts gelernt und viel vergessen haben Bismarck
reden 1, 88
Kohl; bürgermeister mit weiszen haaren und abgestandener weisheit Alexis
Roland von Berlin (1840) 1, 31;
elegisch, die weisheit
der menschen im gegensatz zum sein der natur: um unsre weisheit unbekümmert rauschen die ströme doch auch, und dennoch wer liebt sie nicht? und immer bewegen sie das herz mir, hör ich ferne die schwindenden, die ahnungsvollen meine bahn nicht, aber gewisser ins meer hin eilen Hölderlin
s. w. 4, 142
Hellingrath. hierher gehören zahlreiche sprichwörter des sinnes, dasz zu viel weisheit (
in der bedeutung '
einsicht, wissen')
schädlich sei; mit noch stärkerer entwertung solche, die das geld über die weisheit stellen (
daneben hat gerade der volksmund grosze anerkennung für die weisheit,
womit er dann aber die sittliche weisheit im anschlusz an biblische sprüche meint, s. unten G 2 c).
diese sprichwörter können von verschiedenem standort aus gesagt und danach betont sein: so, daß man die weisheit
achtet und ihre entwertung durch andere beklagt; und so, daß man sie verachtet und ihren unwert gegenüber anderen dingen hervorhebt: zu viel weisheit ist narrerey Eyering
prov. cop. (1601) 3, 604; allzu viel weiszheit ist halb thorheit Petri
d. Teutschen weish. (1604) 2, H 8
a; he is so wies as t kackhus to Bremen, dat vör luter wiesheit infull Kern-Wilms
Ostfriesl. (1869) 3; he is nett so wies as Salomos katt, de vör wiesheit van t stövken full (
von überklugen kindern gesagt)
ebda 69; ins armen mans seckel verdirbet viel weisheit Friedrich-Wilhelm
s sprichw.-reg. (1577) a 1
b; ein tröpfflin glück gilt mehr denn ein fasz voll weiszheit Petri
d. Teutschen weish. (1604) 2, Y 6
b; mit kurzem: wo du nur ein grosz vermögen hast, so hast du weisheit und verstand Triller
poet. betracht. (1750) 1, 541; wenn gold das wort führt, so gilt keine weisheit Düringsfeld
sprichw. (1875) 1, 294. GG.
religiöse weisheit
ist erkenntnis gottes als des letzten sinnes und zieles alles strebens, und formung des religiösen seins und verhaltens aus diesem wissen heraus; im grunde also die zusammenfassung und überhöhung aller anderen weisheit (
vgl. weise,
adj., C 3),
im wesentlichen bestimmt von der bibel: ich weis alles was heimlich und verborgen ist, denn die weisheit, so aller kunst meister ist, leret michs, denn es ist in ir der geist, der verstendig ist, heilig, einig, manchfeltig ... denn sie ist das hauchen der göttlichen kraft und ein stral der herrlichkeit des allmechtigen. darumb kan nichts unreines zu ir komen, denn sie ist ein glantz des ewigen liechts, und ein unbefleckter spiegel der göttlichen krafft, und ein bilde seiner gütigkeit. sie ist einig, und thut doch alles, sie bleibt das sie ist, und vernewet doch alles. und fur und fur gibt sie sich in die heiligen seelen, und macht gottes freunde und propheten. gott liebet niemand, er bleibe denn bey der weisheit ... denn das liecht musz der nacht weichen, aber die bosheit uberweldiget die weisheit nimmermehr
weish. Sal. 7, 17—30. G@11) weisheit
als religiöse erkenntnis u. einsicht, die höchste stufe menschlichen erkennens darstellend, insofern sie sich dem höchsten gegenstand, gott, zuwendet; eine beziehung zum sein und tun des menschen ist nicht ausdrücklich gegeben. dieser weisheit
entspricht im allgemeinmenschlichen die weisheit
als einsicht in den sinn des lebens (A),
mit deren höchster stufe sie sich vielfach berührt, und von der sie oft nur begrifflich zu trennen ist. G@1@aa)
allgemein, vgl. die himmlische weisheit, die in rechter und erfahrlicher erkäntnis und inniglicher liebe gottes und Jesu Christi bestehet
la sapienza celeste Kramer
t.-ital. (1702) 2, 1302
b; denn man sagt, er (
der mensch) habe einsicht (
intelligentiam), sofern er die ersten gründe erkennt; er habe wissen (
scientiam), sofern er schluszfolgerungen erkennt; weisheit (
sapientiam), sofern er die höchste ursache (
causam altissimam) erkennt
Thomas v. Aquin summa theol. I 14, 1 (
dtsch-latein. ausg. [1933] 2, 7); darum bezeichnet denn auch Augustinus (
de trin. 12,
cap. 14) die weisheit als erkenntnis der göttlichen dinge (
unde et sapientia dicitur esse divinorum cognitio) I 1, 6 (1, 17): die aller bestan liste di quamen von Christe, daz ist d wisheit ... di den menschen dar bringit da er got bekinnet Hartmann
reden v. glouben 433
in Massmann
ged. d. 12. jhs. an lere unde an wisheit was er (
der bruder) von gottes genaden snel
väterbuch 18 998
Reiszenberger; cherûbîn bezeichnet die wîsheit, daz ist die bekantnüsse, die treit got in die sêle und leitet die sêle an got meister Eckhart in:
mystiker 2, 153
Pf.; (
Jesus) leret sie in den schulen ..., das sie sich entsetzten und sprachen, woher kompt diesem solche weisheit und thatten?
Matth. 13, 54; und Jhesus nam zu an weisheit, alter und gnade bei gott und den menschen
Lucas 2, 52; das geheimnis gottes und des vaters und Christi, in welchem verborgen ligen schetze der weisheit und der erkentnis
Kolosser 2, 3; wer Christum weisz, der weisz alles, wenn er gleich sonst nichts wüszte, denn er hat die höchste weisheit Petri
d. Teutsch. weish. (1604) 1, G 5
b; wer wahre weiszheit hat, weisz, dasz die weiszheit war, die nichts weisz als nur welt, noch nun noch nimmer klar Logau
s. sinnged. 387
Eitner. —
in der philosophie und theologie wird weisheit
in diesem sinne zu den intellektuellen, dianoëtischen tugenden (
im gegensatz zu den sittlichen oder ethischen tugenden, s. unten G 2 d)
gezählt, die keine tugenden im eigentlichen sinne sind, vgl. Mausbach
moraltheologie 1
6 (1927) 201
ff.: di einen (
tugenden) di gehôren zu der vornunft, daz ist wîsheit, kunst und klugheit; und di in disen sint beslozzen diz heizen vornunftige tugende
mystiker 1, 181, 21
Pf.; (
die intellektuellen tugenden) gehören der spekulativen vernunft an, indem sie diese in der betrachtung der wahrheit vollenden: der intellekt als habitus der höchsten spekulativen prinzipien, ... die weisheit als schauung der höchsten absoluten wahrheit O. Dittrich
gesch. d. ethik (1926) 3, 124 G@1@bb)
die menschliche weisheit
ist ein geschenk gottes, ist in ihm, dem brunnen aller weisheit
zu finden, eine von der bibel her bestimmte anschauung (brunnen der weisheit
in weltlicher fassung s. oben A 4): das gott mit dir redet und zeigete dir heimliche weisheit
Hiob 11, 6; alle weisheit ist von gott dem herrn und ist bey ihm ewiglich
Sirach 1, 1; das wort gottes des allerhohesten ist der brun der weisheit 1, 5; das du unter die gerechnet bist, die in die helle faren? das ist die ursach, das du den brunnen der weisheit verlassen hast
Baruch 3, 12. o trewer meister Jesu Christ weil du ein brunn der weiszheit bist Casp. Scheit
d. frölich heimfart A 4
a; (
gott) aller wisheit ein anevanc Ulrich v. Türheim
Willehalm 1
Singer; verleihe mir das edle liecht, das sich von deinem angesicht in fromme seelen strecket und da der rechten weiszheit krafft durch deine krafft erwecket Paul Gerhardt
bei Fischer-Tümpel 3, 371
b.
in bestimmterem theologischen sinn, häufig in der mittelalterlichen mystik, ist weisheit
ein gnadenhafter zustand der seele, teilhabe an der weisheit
des göttlichen wortes und (
fuszend auf Jesaias 11, 2)
eine der sieben gaben des hl. geistes; denn das 'wort', in dem der vater seine ewige weisheit ausspricht, ist die quelle, von der alle weisheit der menschen ausströmt. als geistiges wesen findet der mensch in der weisheit seine eigentliche vollendung, und deshalb wird er in dem masz in der weisheit fortschreiten, als er am worte gottes anteil hat
Thomas v. Aquin summa theol. III 3, 8 (
dtsch-latein. ausg. [1933] 25, 110): es (
der innere mensch) ist ouch der acker, dar in got sin bilde unt sin gelichnus hat geseijet, unt seijet den guoten samen, die wurcelle aller wisheit, aller kunst, aller tugent, aller gti, samen goetlicher nature. der same ist gottes sune, gottes worte meister Eckhart
buch d. göttl. tröstung 42, 17
Str.; mit den brusten sines bekentnisses und sinir lere so gibit Christus godis wisheit der sele
paradisus anim. intell. 22, 28
Str. — unsere lehre (
sacra doctrina) erwirbt man durch studium, die weisheit aber wird eingegossen, weshalb auch Jesaias (11, 2) sie unter den sieben gaben des hl. geistes aufzählt
Thomas v. Aquin summa theol. I 1, 6 (
dtsch-latein. ausg. [1933], 1, 16): diu ander gâbe des heiligen geistes ist wîsheit unde fliuzet in die frîheit unde bediutet die menschen, die frî sint von weltlîcher bekümbernüsse unde sich über alle crêatûre erhebent, ûf daz sie gotes alleine wîse sîn, unde bedenkent, daz der welte wîsheit vor gote ein tôrheit ist
mystiker 2, 368
Pf.; die sehsten und die súbenden goben (
des hl. geistes), daz ist verstentnisse und smackende wisheit; dise zwo goben die frent den menschen rechte alzuomole in in den grunt, úber menschliche wise in daz götteliche abgrunde, do got sich selber bekennet und verstat sich selber und smacket sin selbes wisheit und wesenlicheit Tauler
pred. 109, 17
V. G@22) weisheit,
biblisch übernatürlich, als bestimmung des handelns, selbstverwirklichung des menschen aus religiöser gesinnung und verantwortung; weisheit
hat, wer nach der erkenntnis des höchsten wertes handelt. dieser begriff (
sapientia)
steht in der bibel häufig neben disciplina; gelegentlich wird disciplina mit weisheit
übersetzt. die entsprechung im allgemeinmenschlichen ist die ethische weisheit (D),
die weniger auf gott als endziel als auf das rechte und gute ausgerichtet ist. in den weisheits- (
klugheits-)
sprüchen der bibel (
sprüche, prediger, buch der weisheit, Sirach)
gehen religiöse und allgemein ethische einsicht, sprüche der weisheit
und solche der lebensklugheit ineinander. G@2@aa)
allgemeine bestimmung: wer will denn erforschen, das im himmel ist? wer will deinen rat erfaren? es sey denn, das du weisheit gebest, und sendest deinen heiligen geist aus der höhe, und also richtig werde das thun auf erden, und die menschen lernen was dir gefelt und durch die weisheit selig werden
weish. Sal. 9, 16—19; die weisheit aber von oben her, ist auffs erst keusch, darnach friedsam, gelinde, leszt ir sagen, vol barmhertzikeit und guter früchte
Jacob. 3, 15; siehe, die furcht des herrn, das ist die weisheit
Hiob 28, 28; ze gotes forhtun fahet wisheit ana Notker 2, 480, 21
Piper; die furcht des herrn ist der weisheit anfang (
initium sapientiae timor domini)
ps. 111, 10,
s. auch Sirach 1, 16,
spr. 1, 7; 9, 10;
als sprichwort weit verbreitet, vgl. C. Schulze
bibl. sprichw. 32; die furcht des herren giebet den ersten besten grund zur weiszheit Paul Gerhardt
bei Fischer-Tümpel 3, 355
a; gott lieben, das ist die allerschönste weisheit
Sirach 1, 14; maszen denn der weiszheit (so allein in der gottesfurcht bestehet) sich alle mal die menschliche schwachheit oder blindheit widersetzet Neumark
neuspr. t. palmbaum (1668) 83. G@2@bb) weisheit
als religiöse lebensform (
disciplina): dis sind die sprüch Salomo des königes Isreal, zu lernen weisheit und zucht (
ad sciendam sapientiam et disciplinam)
spr. Sal. 1, 2; denn wer die weisheit und die rute veracht, der ist unselig und ir hoffnung ist nichts, und ir erbeit ist umbsonst
weish. Sal. 3, 11; die nachkomen sehen zwar wol das liecht, und wonen auff dem erdboden, und treffen doch den weg nicht, da man die weisheit findet (
viam autem disciplinae ignoraverunt)
Baruch 3, 20; er hat im gegenwertig die gebot gegeben, nemlich das gesetze des lebens und der weisheit (
legem vitae et disciplinae)
Sirach 45, 6. sî jâhen daz der heilec geist der rede wære ir volleist, der ouch sant Niclauses pflac, dô er in der wagen lac, und in die wîsheit lêrte daz er ze gote kêrte sîne kintlîche güete Hartmann v. Aue
a. Heinrich 867
Gierach; vgl. auch 860; dar umbe hât iu got zwei grôziu buoch gegeben, dâ ir an lernen unde lesen sullet alle die wîsheit der iu nôt ist unde die iuch in daz himelrîche wîsen sullen Berthold v. Regensburg 1, 48
Pf.; von sundin saltu dich scheidin und nem dich der wiszheid an mit ruwin und mit leidin, so bistu eyn wol gesmuktir man Johannes Rothe
ritterspiegel 322
Neumann; die weiszheit ist der gute trieb gott rein und treu zu lieben, und unsern nächsten allzeit mehr zu bessern als betrüben Joh. Chr. Günther
s. w. 2, 274
Kr.; wir (
können) nur insofern eurer meinung beifall geben, dasz er ein weiser mann sei, wenn ihr von jener weisheit sprecht, die einen gott wohlgefälligen lebenswandel angeht Novalis
schr. 1, 113
Kluckh. jene 'weisheit' findet sich aber bei Augustinus nie in blosz philosophischer form, als aufgabe natürlicher menschenbildung oder innerweltlicher kultur, sondern sie ist immer in den zusammenhaug des christlichen daseins eingebaut R. Guardini
die bekehrung d. Aurelius Augustinus (1935) 89. G@2@cc)
hierher zu rechnen ist die weisheit
Salomos, wenngleich sie sowohl wissen um den sinn des lebens (
allgemein und in religiöser beziehung)
und lebensklugheit, wie auch bestimmung des handelns (
allgemeinmenschlich und religiös)
ist. ihre schönste über das persönliche hinaus ins allgemeine ausgeweitete darstellung findet sie weish. 7, 17 (
die stelle s. oben zu anfang von G);
sprichwörtlich, in geistlicher und weltlicher literatur ist die weisheit
Salomos die gabe, richtig zu erkennen und zu urteilen (
vgl. weise wie Salomon
unter weise,
adj. B 1): und gott gab Salomo seer grosze weisheit und verstand (
sapientiam et prudentiam) und getrost hertz ... das die weisheit Salomos gröszer war denn aller kinder gegen morgen und aller Egypter weisheit, und war weiser denn alle menschen, auch weiser denn ... die tichter, ... und er redet drey tausend sprüche und seiner liede waren tausend und fünf
1. kön. 4, 29—31; und das urteil erschall fur dem gantzen Israel, das der könig gefellet hatte, und furchten sich fur dem könige, denn sie sahen, das die weisheit gottes in im war gericht zu halten
1. kön. 3, 28; er (
gott) sprach, daz er gebiti swedir sô er (
Salomo) weliti, rîchtûm odir wîsheit
lob Salomos 17
bei Waag
kl. dtsche ged do Davit, der gewaltig kunig, und Salomon, der weisheit schrein, sturben, do wart uns mere gedanket danne gefluchet Joh. v. Saaz
ackermann aus Böhmen 30, 25
B.; Salomon zu ghrichte sasz und mit weyszheit begabet was Hans Sachs 1, 243
K.; und wärest du ... dem Salomo an weisheit gleich R.
Z. Becker
mildheim. liederbuch (1799) 11;
ähnlich auch Daniels weisheit: es ist ein mann in deinem königreich, der den geist der heiligen götter hat, denn zu deines vaters zeit ward bey im (
Daniel) erleuchtung erfunden, klugheit und weisheit, wie der götter weisheit ist
Daniel 5, 11.
im gleichen sinne heiszt eins der biblischen spruchbücher buch der weisheit (
liber sapientiae): 'ich diente vor gotte ...' sprichet únser vrowe in der wisshait buoch
st. Georgener pred. 146
Rieder; an der wisheit buoch stet beschriben meister Eckhart
buch d. götl. tröst. 31, 27
Strauch; das buoch der wiszheit zeigt uns an das die buosz nimpt die sünd hindan Wickram
w. 5, 255
Bolte; von Luther die weisheit Salomos
genannt; zwar dürfen wir lächeln, wenn weisheit als ein gegensatz zum offenbarungsglauben gepriesen wird, ja wir staunen, da ein heiliges buch der christen den eigenen namen 'weisheit' führt, und die 'sapientia' eine erlauchte bedeutung hat Th. Haecker
christentum u. kultur (1927) 266. G@2@dd)
im älteren religiösen (
mystischen)
schrifttum gilt weisheit (=
prudentia)
als erste der kardinaltugenden, auch ethische tugenden genannt (
über weisheit
als intellektuelle tugend s. o. G 1 a);
aus der griechischen philosophie (
Platos σοφία als wegweisendes sittliches denken, Aristoteles'
φρόνησις)
über Augustinus in die scholastische theologie übernommen (
zur sache vgl. Mausbach
moraltheologie 1
6 [1927] 201);
dem scholastischen begriff prudentia
entsprechend, wird diese tugend heute meist klugheit ('
sittliche klugheit')
genannt. ähnliche doppelheit der bezeichnung bei den klugen jungfrauen
der bibel, die auch weise
genannt werden (
s. unter weise,
adj. B 5): ouch sol dis lieht lúchten in die sittelichen tugende, also ist wisheit, gerechtikeit und stercke und messikeit Tauler
pred. 93, 6
V.; nu sint vier sunderlich tugent die dar zuo hOerent daz wir den rehten weg gangent, den únser herre laitet den rehten menschen. dú erste tugent ist wiszhait. dú ist daz lieht daz den weg entlúchten sol daz der mensch wisse wa er hin gan sölle
st. Georgener pred. 187, 31
Rieder. G@2@ee) weisheit
in negativer betonung vom religiösen her (
vgl. weise,
adj. C 3 b).
das was den anspruch erhebt, weisheit
zu sein und als solche zu gelten, wird als torheit vor gott bezeichnet; dieser '
weltweisheit',
d. i. erkenntnis aus nur menschlichem bemühen und vermögen wird entgegengesetzt die weisheit gottes (
positive neubenennung, s. unten),
die im geheimnis des glaubens verborgen ist (
vgl. 1. Kor. 2, 4
f., Kol. 2, 3)
und sich dem offenbart, der die '
vernunft gefangen nimmt' ( Luther),
und die vor der welt eine torheit (
stultitia)
ist; diese von Paulus (
bes. 1.
Kor. cap. 1—3)
ausgehende wertung findet sich vor allem in der mystik (
der gegensatz von lesemeister
und lebemeister
gehört in diesen zusammenhang)
und bei Luther.
der aristotelisch-philosophisch gerichteten scholastik ist sie fremd; die ausdrücke fleischliche, weltliche, menschliche, hohe weisheit
sind von der bibel (
Paulus)
bestimmt: sintemal die Jüden zeichen foddern und die Griechen nach weisheit fragen
1. Kor. 1, 22; 'sondern die von gott'
i. e. illi fiunt dei filii qui credunt in Christum, nhemen yhn an et credunt
etc. non buchen (=
pochen) auffs blut, Mosen, yhr klugheit und weisheit, sed tantum auff das ut credant (
zu Joh. 1, 12—14) Luther 29, 36
W.; dann also werden all ir weisheiten ferment gehaiszen (
vgl. Matth. 16, 6, 12) Paracelsus in:
arch. f. ref. gesch. 14, 89
Mathieszen. wo sind die weltweisen? hat nicht gott die weisheit dieser welt zur torheit gemacht? denn die weil die welt durch ihre weisheit gott in seiner weisheit nicht erkandte, gefiel es gott wol, durch törichte predigte selig zu machen die, so dar an gleuben
1. Kor. 1, 20—21; swer lûter einveltic wêr ûf erden der möhte der künste ein meister werden: werltliche wîsheit meine ich niht: mit der hân ich noch leider pflicht Hugo v. Trimberg
d. renner 17 917
E.; von neuen schriften, sonderlich von solchen, die sich mit dem tande der weltlichen weisheit ... beschäfftigten Nicolai
Seb. Nothanker (1773) 1, 19. das wir in einfeltigkeit und göttlicher lauterheit, nicht in fleischlicher weisheit, sondern in der gnade gottes auf der welt gewandelt haben
2. Kor. 1, 12; nu eth hebben de wedderspreckers etlike argumenten unde stede uth der schrifft, de se na erer fleischliker wisheit dar tegen plegen in thonören B. Rotmann
restitution 31
ndr.; die weisheit des fleisches wafnet sich gegen die göttliche einfalt; und die vernunft gegen den glauben. die weltweisheit setzt sich gegen die göttliche torheit, die meistert gottes weisheit und verfälscht sein groszes wort J. W. Petersen
stimmen aus Sion, bei Lessing 8, 17
M. was ist das anders, denn das alle zeytliche weyszheyt soll furworffen seyn? Luther 10, 1, 1 530
W.; ein wisheit ist forgenclich, di ist daz man sich forsteit und kan sich richtin nach der zit ... aber irdische wisheit ist ein irretum ewiger wisheit ..., di ander wisheit ist ewic
paradisus anime 104, 3
ff. Str.; und mein wort und meine predigt war nicht in vernünfftigen reden menschlicher weisheit, sondern in beweisung des geistes und der kraft ... da wir aber von reden, das ist dennoch weisheit, ... nicht eine weisheit dieser welt, auch nicht der obersten dieser welt, welche vergehen, sondern wir reden von der heimlichen verborgenen weisheit gottes, welche gott verordnet hat vor der welt, zu unser herrligkeit
1. Kor. 2, 4; all menschlich weyszhait ist ein spot, der mensch gedenckt, so schickt es gott Schwarzenberg
t. Cicero (1535) 111. da ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen worten oder hoher weisheit, euch zu verkündigen die göttliche predigt
1. Kor. 2, 1; nút underwindent ich zuo hoher wisheit, also sant Paulus sprach, und lant die hohen pfaffen darnoch studieren und disputieren Tauler
pred. 115, 2
V.; er (
gott) hat die historien (
des buches genesis) dorumb schreyben lassen, das er die hohen vernunft und weysheit zcu narren machet Luther 9, 536
W.; die heilige schrifft selbst bezeuget vor gott, dasz seine wege nicht seyn, wie unsre wege, und seine gedancken nicht wie unsre gedancken, in so weit, dasz ofte vor gott lauter thorheit sey, was nach dem dünckel des menschlichen sinnes die gröszte weisheit ist J. Bodmer
abhandl. v. d. wunderbaren (1740) 6.
ähnlich auch: allhie will ich dich treulich vermahnet haben, dasz du deinen dünkel fahren lassest und dich nicht nach heidnischer weisheit vergaffest Jacob Böhme
s. w. 2, 32
Schiebler. positive neubenennung (
s. oben die einleitung; z. t. schon in den vorigen beispielen mit enthalten): die kinder Hagar forschen der irdischen weisheit (
prudentiam, quae de terra est) zwar wol nach, aber sie treffen doch den weg nicht, da man die weisheit (
viam autem sapientiae) findet
Baruch 3, 23; zum ersten mal berührte sie (
die jünger Jesu) angesichts des kreuzes der atem des ewigen, des ganz anderen, ein hauch jener weisheit, die vor der welt torheit ist K. Adam
Jesus Christus (1933) 238;
das gegensatzpaar weisheit : wissenschaft
berührend (
s. oben A 2 d): sie (
die kirchenväterphilosophie) blieb fast ganz in der weisheit und bediente sich der wissenschaft nur als hilfsstellung der theologie. ihre weisheit ist jedoch die sapientia Christi et christiani A. Dempf
Kierkegaards folgen (1935) 91. HH.
die weisheit
gottes als erkennen und wissen seiner selbst und der dinge, die in seinem wissen ihre ursache haben. diese an sich einheitliche eigenschaft gottes kann nach ihren verschiedenen auswirkungen verschieden dargestellt werden (
vgl. weise,
adj., C 4). H@11)
ohne bestimmung, als eigenschaft und name gottes neben anderen, vgl. die göttliche weisheit, die ewige, unerschaffene weisheit, die weisheit des vatters
la sapienza divina Kramer
t.-ital. (1702) 2, 1302
a: orthaber allir wisheit, lob und ere si dir geseit! frider, bevride mit wisheit den der dir lob und ere seit Rudolf v. Ems
weltchron. 5
E.; du geminter got, du ewigú wisheit, wie bist du so guot der sele, dú dich suochet H. Seuse
dtsche schr. 392, 11
Bihlm.; so der lip den gaist nit betrben mag, so hebet er sich denne úber Aellú ding, dú under got sint, und beschowet denne an im sin gewalt, sin wiszhait, sin gti, sin schOeni, vrOed und ewekait
st. Georgener pred. 205, 24
Rieder; (
zu gott gesagt:) weisheit, die do umbfleusset alle weisheit Joh. v. Saaz
akermann aus Böhmen 34, 17
B.; seins hertzen gedancken und weiszheit bleibn für und für in ewigkeit Hans Sachs 18, 143
K.-G.; erstlich glaube ich, dasz ein gott sei ... voller weisheit v. Schweinichen
denkw. 1
Österley; und gaben vor, die ewige weisheit habe ein solches geheimnisz ihrer kirche noch nicht offenbaret Leibniz
dtsche schr. (1838) 2, 378; denk weiter nach, wie unergründlich tief des höchsten schöpfers weisheit sey Triller
poet. betracht. (1750) 1, 124; was deine weisheit, gott, vermag, lehrt jeder tag den andern tag J. A. Cramer
s. ged. (1781) 1, 6; (
gott) des name weisheit heiszt und rath E.
M. Arndt
s. w. 5, 272
R.-M. H@22)
gottes weisheit,
die alles weisz und kann, '
allwissenheit': aber der ewigen weisheit, der nichts verborgen, sein sie (
die namen der geschlechter) ohne alles felen wol bekannt
zimmer. chron. 1, 101
B.; dan gleich wie er (
gott) einer unendlichen weiszheit ist, und derhalben nicht irren noch betrogen werden kan, also ist er auch einer unendlichen güte Fr. Spee
güld. tugendb. (1649) 57; herr, ... dessen weisheit zugleich das vergangene, gegenwärtige und zukünftige überschauet
samml. v. schausp. (1764) 1, 85; so würde die höchste weisheit den vorhang selbst aufgezogen und unsere augen wacker gemacht haben, die ganze reihe kommender jahre ... zu überblicken Bürger
w. 293
Bohtz; häufig neben kraft, stärke, macht: gott kan mirs gwüszlich bschirmen wol, der krafft hat und ist wyszheit voll
schweiz. spiele d. 16. jhs. 3, 92
B.; dieweil du (
gott) allein die weiszheit und stercke bist, in dem ich alles gethan hab Ringwaldt
handbüchlin (1586) b 10
b; dasz es ein irrwahn sei, gottes macht, weisheit und güte in einer unterbrechung des naturlaufs ... erkennen zu wollen D. Fr. Strausz
ges. schr. (1877) 3, 16.
ähnlich als eigenschaft des engels: hêr Michahêl, hêr Gabrîêl, hêr tiufels vîent Raphahêl, ir pflegent wîsheit, sterke und arzenîe Walther v.
d. Vogelweide 79, 11; aus welchem (
dem engel) leucht gerechtigkeit, ... krafft, weisheit und unsterblichkeit Ringwaldt
christl. warnung (1588) c 1
a; aber mein herr ist weisz wie die weiszheit eines engels gottes, dasz er weysz alles auff erden
buch d. liebe (1587) 307
b. H@33)
gottes weisheit
als schöpfer und ordner der welt. vgl. es kann nämlich nichts geben, das nicht von der göttlichen weisheit ausgegangen (
procedat a divina sapientia) und in ihr nicht irgendwie nachgebildet wäre als der ersten bewirkenden und formgebenden ursache, genau so wie das kunstwerk seinen ursprung hat in der weisheit des künstlers (
prout etiam artificiata procedunt a sapientia artificis)
Thomas v. Aquin summa theol. I 9, 1
ad 2 (
dtsch-latein. ausg. [1933] 1, 159):
qui fecit cęlos in intellectu .i. in sapientia der die himela teta in sinero wisheite (
ps. 135) Notker 2, 570, 13
Piper; alles das got der vatter gemacht und geschaffen hat in himel und in erden mit aller siner wisheit und gte Tauler
pred. 240, 20
V.; nu merkent drú dinge an gotte. daz erst ist gewalt und kraft ... daz ander ist sin wiszhait: dú ist unzallich; er hat Aellú ding mit siner wiszhait zu samen gefget
st. Georgener pred. 152, 4
Rieder; alle gesetz sind gegründ in der ewigen wyszheit Stephan Fridolin
dtsche pred. 20
Schmidt; got hat an ir (
der frau) sein weiszhait nit gespart
liederb. d. Hätzlerin 37; so seind sie (
die regenten) ... schwache, gebrechliche menschen und nicht wie der grosze gott, der alle dinge nach seiner unbegreifflichen weisheit ordnet ... allwissend v. Chemnitz
schwed. krieg 2 (1653) 1.
vorr. 2; grosz ist der herr und mächtig, grosz ist auch was er macht. ... was seine weiszheit setzet und ordnet, das ergötzet und ist sehr wohl getan Paul Gerhard
bei Fischer-Tümpel 3, 354; sol nun die welt ein spiegel der weisheit gottes werden, so müssen wir darinnen göttliche absichten antreffen und mittel wahrnehmen, wodurch er diese seine absichten erreichet Chr. Wolff
d. absicht. d. natürl. dinge (1724) 18; ist sie (
die naturwissenschaft) geneigt, den ursprung dieser ordnung einem zufall zuzusprechen, so ist es ihr doch ebenso möglich, die erste stiftung derselben von der weisheit eines göttlichen geistes abzuleiten H. Lotze
mikrokosmus (1856) 1, 25; lehret sie (
die kinder) seine (
gottes) weisheit und güte in der natur bewundern und fühlen ... das alles hat gott geschaffen, wie grosz! wie schön! wie weise! Herder 6, 82
S.; wir treten also weder der urkraft der natur, noch der weisheit und macht eines schöpfers zu nahe, wenn wir annehmen, dasz jene mittelbar zu werke gehe, dieser unmittelbar im anfang der dinge zu werke gegangen sei Göthe II 7, 222
W.; die unfaszbare weisheit, die das weltall durchdringt, es erhält mit ewig triumphierender macht, finde ich in dem kleinsten ihrer werke wieder v. Ebner-Eschenbach
s. w. 4, 316
Paetel; auch für ihn (
den menschen) walten die ewigen grundsätze dieser letzten weisheit (
die das weltall regiert). er kann sie zu erfassen versuchen, sich von ihnen zu lösen, vermag er niemals A. Hitler
mein kampf 267.
von hier aus verstehen sich vereinzelte genetivische wendungen wie weisheit
der naturanlage, d. h. die durch die weisheit
des schöpfers oder der schaffenden natur hervorgebrachte naturanlage: das fleischfressende (
tier) sieht, riecht sie (
die blume) zwar, aber da es mit seinen trieben nicht auf sie bezogen ist, so ist sie ihm nichts, die weisheit ihres baues, ihre schönheit geht es nichts an Vischer
ästhetik (1846) 2, 108; (
dasz) es noch lange stoff genug zu problemen geben wird, die weisheit der sich nach und nach entwickelnden naturanlagen zu bewundern Kant
s. w. (1838) 10, 348
Hartenst. gottes schöpferische weisheit
als können und schaffen eines künstlers: er (
der mensch) ist allein der lieblich closs, dem geleichen niemant dann gott allein gewurken kan, dar innen alle behende werk, alle kunst und meisterschaft mit weisheit sint gewurket Joh. v. Saaz
ackermann aus Böhmen 25, 43
B.; der herr hat mich (
die weisheit) gehabt im anfang seiner wege, ehe er was machet, war ich da. ich bin eingesetzt von ewigkeit, von anfang vor der erden. da die tieffen noch nicht waren, ... da er den grund der erden legt, da war ich der werkmeister bey ihm und hatte meine lust teglich, und spielet für ihm allezeit, und spielet auf seinem erdboden, und meine lust ist bey den menschenkindern
sprüche Sal. 8, 22
ff., vgl. weish. Sal. 7, 21
und 9, 9; 'Zeus spielt', und auch noch in den heiligen schriften ist die schaffung und ordnung der welt ein seliges 'spielen' der weisheit Th. Haecker
schöpfer u. schöpfung (1934) 26; hat ein gewand, das werk sklavischer hände, eben so viel schönheit als das werk der ewigen weisheit, ein organisirter körper? erfordert es einerlei fähigkeiten, ist es einerlei verdienst, bringt es einerlei ehre, jenes oder dieses nachzuahmen? Lessing 6, 413
M. H@44)
die weisheit
gottes als vorsehung in der erhaltung und leitung der welt, die alles zum besten und in güte beschlossen und eingerichtet hat, mag sie auch unverständlich scheinen; du meister unsers lebens! ich preise deine unbegreiffliche weiszheit, der es gefallen hat, das leben des menschen inner die engen grentzsteine etlicher weniger jahre einzuschlieszen
discourse der mahlern (1721) 2, 79; du höchste weisheit! darf man dich ... um deiner schlüsse grund befragen? Gottsched
ged. (1751) 1, 229; aufklärung und ideenbereicherung deken ihm zuletzt die ganze würde geistiger vergnügungen auf — das mittel ist höchster zweck worden. disz lehrt mehr oder weniger die individualgeschichte jedes menschen, ... und einen bessern weg konnte wohl die weisheit nicht wählen, den menschen zu führen, wird nicht auch itzt noch der pöbel gegängelt wie unser knabe? Schiller 1, 153
G.; wen unser gott will (
im tod zu sich nehmen), den will er in liebe und weisheit und da gilt kein tausch Fouqué
gefühle (1819) 1, 12; sehr vieles würde uns (
pastorsleuten) in diesem leben ... nicht passirt sein, wenn uns nicht der höchste in seiner weisheit das glück versagt hätte, eigene kinder zu haben W. Raabe
Horacker (1876) 80. H@55)
Christus als das wort (
Joh. 1, 1)
ist die weisheit
des vaters: daz chint was gotes wîsheit, sîn gewalt ist michel unte breit Ezzos
s gesang 179
bei Waag,
kleinere dtsche ged.; wîsheit ob allen listen, du bist Krist, sô bin ich Kristen Wolfram v. Eschenbach
Willehalm 1, 27; nu mercke, wie der ewige gottes sun, die wisheit des vatters, wie er die unsprechenliche clorheit siner wisheit alle zit verbarg under einvaltige grobe glichnisse Tauler
pred. 95, 4
V.; die meister koment des alle über ein, daz gotes wîsheit ist sîn einborner sun meister Eckhart in:
mystiker 2, 145
Pfeiffer; daz sie (
die minne) ... werde erkennend: des hýmelschen vatters gewalt, sins lieben suns wisshait und des hailgen gaistes senftmtkait
st. Georgener pred. 142, 2
Rieder; Gottes des vaters weisheit schon, die warheit weg und leben, Christus sein allerliebster sohn, in todt für uns gegeben Bäumker
kath. kirchenlied 1, 435; Christus ist uns von gott die wysheit worden und die grechtigheit H. Zwingli
dtsche schr. 1, 307; auch wann man zu in (
den Mohamedanern) spricht, das die weyszhait sey der gottes sun, der von ainem wort von der jungkfrauen Maria geporen wardt Schiltberger
reisebuch 95
lit. ver.; denn er (
Christus) die weiszheit war des vatters
M. Opitz
teutsche poemata 173
ndr.; mystisch: ze dem andern mâle offenbâret sich Jêsus in der sêle mit einer unmêzigen wîsheite, diu er selber ist, in der (
wîsheite) sich der vater selbe bekennet mit aller sîner veterlîcher kraft meister Eckhart in:
mystikertexte (1929) 52
Quint. H@66)
in ähnlichem sinne spricht man von der weisheit
des schicksals, der vorsehung, der natur u. ähnl. hinsichtlich ihrer einrichtungen und absichten (
vgl. weise,
adj. C 4 b): des schicksals weiszheit zeiget sich vom kleinsten wesen bis zum gröszten Lichtwer
äsop. fabeln (1748) 13; solchergestalt hat die vorsehung nach ihrer weisheit sogar diese unbedeutenden felsenriefe ... mit lebensmitteln versehen G. Forster
s. schr. (1843) 2, 33; die höchste weisheit der schöpfung ist vielleicht, dasz alles in der natur seine feinde hat Heinse
s. w. 4, 396
Schüddekopf. dasz gleichwohl die natur in uns die anlage dazu (
zum affekt) eingepflanzt hat, war weisheit der natur, um provisorisch, ehe die vernunft noch zu der gehörigen stärke gelangt ist, den zügel zu führen Kant
w. (1838) 10, 279
Hartenst., vgl. 10, 288; es scheint eine der tiefsten weisheiten der natur zu sein, dasz sie der jugend das gefühl der ehrfurcht nur sehr spärlich zumiszt Fendrich
Emil Himmelheber (1915) 261; doch sorgte die weisheit der natur dafür, dasz ich auch diese groszartige einsamkeit meiner weltumstürzenden stellung zu bezahlen hatte Ernst Wiechert
wälder u. menschen (1936) 239; II.
zusammensetzungen mit weisheit-
als erstem bestandteil begegnen seit der ersten hälfte des 16.
jhs., zunächst vereinzelt; der früheste beleg, weiszhaitvoll,
ist von 1522 (
kögelspiel).
in gröszerer zahl zuerst bei Fischart;
in zusammenhängender bezeugung seit dem ende des 17.
jhs. in der literatur der barock- und aufklärungszeit, ferner bei Herder. Fischart
eignen, neben substantivbildungen wie weisheiterkenntnis, -kunst, -lehre, -lehrer, -schatz, -spruch,
vor allem eine grosze anzahl von adjektiven mit weisheit-
als erstem bestandteil, die zum gröszten teil später nicht mehr belegt sind, so etwa weisheitachtbar
w. 3, 176
Hauffen; -begierig
w. 3, 58; -berühmt
s. d.; -dürstig,
s. d.; -ergeben
w. 3, 4; 3, 181; -geflissen
w. 3, 7; -gelehrsam 3, 177; -gelehrt
Garg. 2
ndr.; -geneigt 3, 121; -geübt 3, 180; -kündig,
s. d.; -wichtig
Garg. 216
ndr. die zusammensetzung geschieht mit dem einfachen stamm oder mit kompositions-s. Fischart
kennt nur formen ohne -s,
späterhin überwiegen die formen mit -s;
vereinzelte zusammensetzungen ohne -s
bis ins 18.
und 19.
jh. Herder
bevorzugt noch -s-
lose formen. bildungen mit -s
in geringer anzahl im 17.
jh., häufig und überwiegend im 18.
und 19.
jh., in heutiger sprache gelten sie fast ausschlieszlich. im folgenden ist im lemma immer, um eine geregelte reihenfolge zu erzielen, die form mit -s
angesetzt, auch da, wo zufällig nur bildungen ohne -s
belegt sind. der bedeutung nach gehören die meisten zusammensetzungen mehreren stufen von weisheit
an; am häufigsten zu weisheit
als '
erkenntnis' (A),
weniger häufig zu '
klugheit' (B)
und '
wissen' (C);
die religiöse bedeutung (G
und H)
ist mehrfach vertreten.