weiche,
f. ahd. weihhî Graff 1, 712,
mhd. weiche
mhd. wb. 3, 617; Lexer 3, 737.
abstr. zum adj. 1weich,
nach dem häufigen denominativen typus auf -în
gebildet wie z. b. ahd. suoʒʒî
zum adj. suoʒi, grâwî
zu grâo, rihtî
zu rëht,
von haus aus somit starkes fem. schwache flexion stellt sich obd. seit ende des 15.
jahrh. ein: gen. weichen Braunschweig
chir. (
Straszburg 1539) 9
a,
dat. weichin
Terenz (
Str. 1499) 47
a; weichen Dürer
proport. (1528) A 3
b; Fleming
t. soldat (1726) 345;
nom. weichn Hügel
wien. 188. 11)
das abstr., stets nur im sing., geht, ganz wie weich, 1@aa)
von sinnlicher bed. aus und bez. den zustand der weichheit zunächst, soweit er durch den tastsinn festgestellt wird, ahd. weihhî
gibt in glossen und bei Notker
lat. imbecillitas, debilies, infirmitas u. ä. wider, mhd. weiche
bleibt ganz im gleichen kreis: nu seht ir wie der smit tuot, der sîn îsn im fewer lindet: wenne er dan der weiche emphindet, sô hert erʒ in eim waʒʒer kalt Teichner
bei Karajan,
Wiener denkschr. 6, 119
anm. 74,
desgleichen die nhd. wb.: weiche
mollitia, lentitia, teneritas, mollities Maaler 487
c;
μαλακία,
mollities, weyche Frischlin
nomencl. 54
a;
entspr. Calepinus XI
ling. 805
b. 907
a; Reyher
thes. 1442; Rädlein 1, 1040; Adelung 4, 1444; Campe 5, 635; Schmeller 2, 833.
auch die philosophen wahren den abstracten klang: die secundären eigenschaften der dinge, wie klang ... härte, weiche, glätte Schopenhauer 1, 534
Grisebach; entspr. Kant 1, 38; Herder 16, 364.
naturwiss. prosa hat ihn stets: ausz dem saltz kompt ... dem eysen sein herty, dem bley sein weichy Paracelsus 1, 39
a Huser; wenn ich bey einer thonkugel blosz auf ihre weiche sehe, ohne ihre grösze zu betrachten Schwabe
belust. 7, 355; der graphit ... zeichnet sich ... aus ... durch seine ... geringe weiche Zappe
min. handlex. 1, 403; diese ... ähneln den käferpuppen ... wegen ihrer ... weiche Ratzeburg
forstinsecten 1, 8.
dasz man die weichheit durch den tastsinn wahrnimmt, wird gelegentlich ausdrücklich gesagt: die vorstellungen, die ich durch dieses (
gefühl) erhalte, sind von kälte und wärme, feinheit und rauigkeit, härte und weiche Schiller 1, 83.
mit der hand getastet wird vor allem organische masse, zunächst der menschenleib: waichy der lyb Stainhöwel
Bocc. 37, 20
Drescher; (
des fleischs) linde und weyche Guarinonius
grewel d. verw. 747; die weiche und lieblichkeit ... des leiblichen organismus Hegel 10 ii 385; weiche der haut Nicolai
Nothanker 3, 120; Herder 13, 282.
sodann thier und pflanze: weiche und härte des haars ... unterscheiden der affen arten Fleming
vollk. t. jäger 208; mit einer nadel, dem gelock geraubt, gräbt sie 'ich komme' in des blattes weiche Droste-Hülshoff 2, 242. weiche
als attr. anorganischer masse wird seit dem mhd. (
s. o.)
fortentwickelt: gestalt, geruch, schmack, dicke und weyche vom brod Luther 10 ii 247
Weim.; so stahl als eisen musz im feur die weich' erreichen Neukirch
anfangsgr. z. t. poesie 150; sprachs, und nahm von dem haupte den schöngeformeten filzhut, weisz und samtener weiche Voss
Luise 3, 138; um der wachsmasse eine gleichförmige weiche zu geben
F. L. Walther
syst. d. cameralwiss. 3, 134.
als bez. von flüssigem spielt weiche,
wie das adj. weich,
eine geringere rolle: ûf des waʒʒers weiche Hnr. v. Hesler
apokal. 14887
Helm; liquor fucht
vel weyche
Mainzer voc. von anf. d. 15.
jahrh. bei Diefenbach
gloss. 333
a; seiner weyche und flüssigkeyt Micyll
Tac. 452
a; solch grosze weiche wirdt jhm (
dem elementum aquae) benommen Paracelsus 2, 10
b Huser. wichtig ist, wie bei weich I A 2
c β),
der unterschied des weichen und harten wassers: dess wassers weyche und härte Guarinonius
grewel d. verw. 413.
von weich I A 4)
und 5)
greift selten das tasten der umgebenden luft mit der gesichtshaut und das des bodens mit dem fusz in den wortgebrauch von weiche
herüber: die luft, die nach dem untergang der sonne anfangs kühl geweht, hatte wieder ihre alte weiche gewonnen Gutzkow
zauberer von Rom 8, 241; ob man auch mit dem schweren geschütz der weich halben mög fortkommen Fronsperger
kriegsb. 1 (1578) 149
a; im winter ... gehen wir den tiefern stellen zu, denen wir jetzt wegen zu groszer weiche des bodens nicht ankönnen Stifter 3, 213.
selten wird weichheit
mit auge und ohr festgestellt: gegenstände, deren sichtbare eigenschaften, als weiche, glätte, rauhigkeit, glanz ... ausgedrückt werden sollen Göthe I 47, 244
Weim.; die ganze hautfarbe des gesichts ist von einer weiche, die nur durch die seiner hände übertroffen wird Gutzkow
zaub. 3, 189; dasz just eine helfte der intervallen ... in der härte, die andere helfte hergegen in der weiche ihrer eignen tertzen, bey mollen ton - arten, mit einander übereinkommen Mattheson
generalbaszschule (1735) 140; dein organ entbehrt aller weiche die dazu (
zum liebhaber auf der bühne) gehört Göthe
gespr. 3, 264
Biedermann. 1@bb)
übersinnlicher gebrauch stellt sich frühnhd. ein: es kome ouch von waichy ieres gemütes Stainhöwel
cl. mul. 238
Drescher. weiche
in diesem sinn bleibt bis ins 19.
jahrh. tadel des charakters: weiche oder faulkeit, da einer nichts thuot das jm widerig ist Frisius
dict. (1556) 833
a; ein überausz grosze weibische und kindische weyche Moscherosch
ges. 2, 95; von der wälschen weyche 102; mollities und weiche oder weichligkeit Dannhawer
cat.-milch 2, 267; dasz du nicht fallest in ungedult und weiche Arnold
leben d. gläub. (1732) 36; die in zu groszer weiche schon vor dem gedanken zitterte Tieck
ges. nov. 10, 118.
erst nach der classischen zeit, in der das wort keine rolle spielt, erhebt es sich zum ton objectiver würdigung: härte und weiche erstreckt sich gemeinlich in jedem menschen über alles Lichtenberg
verm. schr. 2, 163; in der blüthe von gefühl und empfindelei, von schroffheit und weiche ... erfuhr er jenen stosz Immermann 18, 101
Hempel; Immermann hat noch nie so viel zartheit und weiche entwickelt, wie in diesem 'opfer des schweigens' Gutzkow 9, 298; wo wären wir Süddeutschen geblieben mit all unsrer anmutigeren weiche ohne die harte, spröde, herbe kraft des niederdeutschen stammes? Dahn
bei Flathe
d. reden 2, 644.
jetzt auch als eigenschaft von literaturwerken: dasz (
in der thierdichtung) ... rundung und weiche hervorzubringen dem Reineke vorbehalten blieb Gervinus
gesch. d. d. dichtung 2, 368. 22)
in concretem gebrauch wird weich
zur '
weichen stelle'.
hier stellt sich sogleich der plur. ein, z. b. in den bedeutungen '
blösze'
und '
weiche stelle des bodens': (
die pfaffen) schezten sich doch got geleich, wie ir einer het siben weich J. Graff
Weim. jb. 4, 450 (
Nürnberg 1520); die unzehligen moraste, sümpfe, mooszräume, brüchwerke und weichen Chr. Lehmann
Obererzgeb. (1699) 16. 2@aa)
noch einseitiger als das abstr. weiche
wird das concr. auf weiche körperstellen beschränkt, zunächst am menschenleib und ohne rücksicht auf ihre lage: dieser saft werde durch die commissuras cranii, meistens aber durch die weiche oder den wirbel ... in den gantzen menschlichen cörper ausgegossen Hohberg
georg. cur. 1, 155,
die durch gen. bestimmung gesichert werden kann: jach hier hinein stiesz seinen speer der rasche Pelide. gegenüber durchfuhr die weiche des nackens die spitze Bürger 238
Bohtz; schnell durchbohrt sie sich des busens weiche Körner 2, 152
Hempel; ein dreigespitzter hut bedeckt der schläfe weichen Geibel 1, 184.
mit vorliebe wendet sich das wort der ausgedehntesten derartigen weichen stelle zu, der der körpermitte: er erwischt das weib in der mitlen weiche (
mediam mulierem complectitur) Boltz
Terenz (1539) 5
a,
und diese specialisierung, die an sich auch vom adj. ausgehen kann: als ... die fänge des raubthiers ihm schon in dem weichen saszen Laube
n. jahrh. 1, 20,
wird wider durch gen. gesichert: weyche der seiten
hypochondria Emmelius
ncl. 104,
und so noch Dentzler (1716) 345
a; die weiche des bauches Comenius
janua (1644) 78,
und so noch Hegel 10 ii 95; über der weiche der scham zerrisz die lanze den leibrock Bürger 211
Bohtz; eine kugel ... steckte noch in den weichen des unterleibes Schreyvogel 1/2, 227.
präp. wendungen erreichen ein gleiches: diaphragma die weiche am buch
rheinfr. variloqu. des 15.
jahrh. bei Diefenbach
gloss. 179
c; weiche gegen dem bauch Corvinus
fons lat. 428; weiche in der seite Stieler 2472, 't wêke van 't lîf
brem. wb. 5, 221.
nachmals wird die bedeutung '
körperseite'
so fest, dasz sich ihr ursprung verdunkelt: weiche
latera ... tactu mollia et in utramque partem ... flexilia, et hinc appellatio a weichen '
cedere' Wachtler (1737) 1846.
älteres lanke (
th. 6, 187)
wird von weiche
verdrängt. als wort das im sprachbewusztsein für sich steht, darum stets der erklärung bedarf und den mundarten auszer den bair.-östr. (Schmeller 2, 833; Loritza
wien. 142; Schmeller
cimbr. 174; Bacher
lusern. 232)
vielfach fehlt, steht dieses weiche
pünktlich in den wb. von Diefenbach
gloss, 285
c bis Höfler
krankh. 795.
lit. spielt es zunächst bei schilderung von kämpfen und schlägereien eine rolle: gib deinem herren guot straich in den ruggen und in die waich Hätzlerin 292
Haltaus; entspr. dem reim auf streich
zu liebe auch Sachs 12, 556
Keller; Wickram 8, 152
Bolte; den andern zerschmisz er weich und lenden Fischart
Garg. 324
neudr.; seid ihr nicht in der weiche verwundet? Schlegels
Shakespeare 6, 259; und zischend fährt der stahl in meine weiche Gött
mauserung 67.
demnächst in medicinischer prosa: der klotz was im eben bey dem düttlin ingangen, und ward unden in der weych geschnitten Gersdorff
wunderzn. 40
b; (
geburten) geschwällen den frawen ire schenckel und die weyche Eppendorf
Plinius 7, 11; David mit ainer suocht ... um die waiche behaftet Melissus
ps. 149
neudr. zur schönen frau gehört die schlanke weiche: junckfrawen ... gesenckter achszlen ... und gepriszner weiche, das sie ran seyen (
vincto pectore, ut gracilae sient) Boltz
Terenz 38
a; ein rane weych Fischart
Garg. 113
neudr.; einen runden halsz, ein mittelmeszige weiche, weisze händ Albertinus
lustg. 1, 220; (
Eva) liesz ihre unaufgeschmückten zöpfe bis auf die dünne weiche hinunter fallen Bodmer
abh. v. wunderb. 323; die hüften ... bilden so mit der einziehung der weiche die energische linie der taille Vischer
ästh. 2, 161.
von daher ist els. waiΧi
geradezu '
taille'
geworden: das maidle het gar ke waiΧi,
auch '
taille des kleids' Martin - Lienhart 2, 783.
für schmuck und fesselung ist die weiche als gürtelgegend wichtig: geschmuck umb den hals und die waiche Kiechel
reisen 444
Haszler; bevilhet iro, sie solle sich in der weiche (
al traverso) daran hart und vest binden
reise d. s. Giaffers 95
Fischer; (
eine schlange umringelt den zauberer) also dasz sie wie ein gürtel sich um seine weiche wand Grimm
sagen 1, 172.
sichere beispiele für den plur. treten in dieser bedeutung erst ende des 16.
jahrh. auf: ein schranck so hoch bisz in die weychen Fronsperger
kriegsb. 1,
z 1
b,
häufig werden sie erst nach mitte des 18.
jahrh.: die nieren hängen unten an den weichen gleich unter den kurzen ribben (
renes lumbis sub imis coxis inhaerent)
allg. d. bibl. 8 ii 43.
so gilt das wort für hoffähig: so musz bereits der kammerschneider ... mehr raum für ihrer hoheit weichen machen Wieland 18 (1796) 140,
und zieht in die classische literatur ein: Schiller 15 i 80; Göthe IV 11, 74
Weim.; Schlegels
Shakespeare 3, 223; Droste-Hülshoff 1, 269; Grillparzer 1, 96; Hebbel
briefe 3, 179,
entspr. bei historikern und archäologen: er durchstach ihm weichen und wanst Niebuhr
röm. gesch. 2, 456; die engen an den weichen hinab zusammengeschnürten gewänder Welcker
a. denkm. 1, 57. 2@bb)
der übergang vom menschlichen zum thierischen körpertheil stellte sich nothwendig ein: (
centauren, die oben) wie ein mensch, unten aber seyn wie ein pferd gestellt, die arme stehen ihnen unten an der weiche Prätorius
anthr. plut. 1, 402.
früh, aber vereinzelt, vom geschlachteten thier als '
lendenbraten': jetzt han wir kaum ein dorren schincken, da aszen wir die feisten weichen Waldis
Esopus b. 4
f. 42
v. 62
Kurz, sonst stets vom lebenden und zwar vorwiegend vom säugethier, so ausdrücklich in den wb.: Adelung 4, 1444; Illiger
mammalia 35;
zool. wb. (1909) 321.
jetzt zumeist vom (
reit)—
pferd: niemals hat Athenäa die mächtigen arme gewaschen, eh sie den rossen den staub ab von den weichen geschwemmt A. W. Schlegel
Athenäum 1, 131; unablässig spornt er ihm die weichen Gries
Bojardos Roland 2, 40; dem thiere sogar noch übermüthigst die weichen zu kitzeln Gutzkow
ritter v. geist 1, 60; stiesz dem thiere die fersen in die weichen G. Keller 3, 115.
selten von lamm, affe, löwe: es ist nämlich ein raubvogel aus hohen lüften herabgestoszen auf ein unschuldig lamm und hat es in die weichen gepackt B. v. Arnim
an Stahr 31.
märz 1844
s. 61; das kind (
der äffin) hängt sich ... mit beiden hinterhänden an den weichen der mutter fest Brehm
thierl. 1, 51; der corsische löwe sei nur darum gefallen, weil auf dem felde von Leipzig der sächsische schakal seine zähne in die weichen des todwunden geschlagen habe Treitschke
hist. aufs. 1, 320.
ausnahmsweise von vögeln: die seiten des rumpfs ... heiszen weichen Naumann
nat.-gesch. d. vögel 1, 35. 2@cc)
übertragungen wie im vorletzten beleg vom thier auf den menschen zurück richten sich auch vorwärts auf pflanzen und unbelebtes: zuodem so hand sie (
die reben) vor und nach müssen stan jar und tag under fryem himel ... im erdrich bis über die weiche
N. Manuel
weinbrief bei H. R. Manuel
weinsp. V
neudr.; ihr seht wie sich ein berg herangedrängt, mit bunten teppichen die weichen stolz behängt Göthe I 15, 36
Weim.; und als er erst sein weithin leuchtend freiheitszeichen gebieterisch gepflanzt in eines hügels weichen, ritt er mit Pallas um den berg Spitteler
olymp. frühl. 2, 161.