versaufen,
verb. durch saufen verkommen, durch saufen zu grunde richten. mhd. versoufen,
mnd. vorsûpen,
jedoch nur in ursprünglicherer bedeutung. diese ursprüngliche bedeutung ist '
ertrinken, ertränken'.
überhaupt sind in alter (
mhd.)
zeit zwei verba zu trennen, ein starkes und ein schwaches. das erstere starke geht auf ein mhd. versûfen,
das schwache auf versoufen
zurück. diesen entspricht ein ahd. forsûfan,
wozu part. prät. farsoffan sî,
absorbeatur Graff 6, 170, 171, farsoffan
Pa. Gl. Ker. Steinmeyer-Sievers 1, 38, 3
und das zweite (
schwache)
intrans. farsaufjan,
mergere nachgewiesen. der bedeutungsunterschied ist mhd. noch festgehalten: do Cristus wart erslagen tot an des kruzes aste, die sunne entweich ir glaste wand sie in vinsterkeit versouf, so daʒ man ouch der sterne louf wol besach als in der nacht.
passion. 544, 28
Köpke; vil der ungetouftin sich in der vlût versouftin. Jeroschin 260
Pfeiffer. im nhd. hat das präs. den unterschied oft gewahrt: er versauft,
er ertrinkt; er versäuft sein geld.
das prät. ist stark geworden: er versoff alles, er hat alles versoffen. 11)
intransitiv, versaufen,
ertrinken. im mhd. noch eine edle redensart, heute aber nur noch mundartlich und derb, in der schriftsprache selten: bilder .. die allerlei biblische geschichten darstellten, als da sind: wie Pharao prächtig auf dem throne sitzt und ihm die frösche sogar bei tische keine ruhe lassen, wie er, gott sei dank! versäuft, wie die kinder Israel vorsichtig durch das rothe meer gehen. H. Heine 4, 15.
part. prät.: ist dir am galgn beschert dein end weil dich die see noch gar nicht kennt, so bistu unversoffen. Soltau
hist. l. 1, 475 (unversoffen,
einer der noch nicht ertrunken ist). 22)
transitiv, ertränken: o schrecklicher und ernster richter, wie heimlich odder gar gräulich sind deine gericht! wie gewisz und sicher ist der pharao allzeit ehe ihn das rothe meer versäuft und siehet nicht, dasz eben sein sicherheit der rechte zorn gottes über ihn ist. Luther
br. 2, 167; als wer den Rein wolt schützen mit einen stroern gewehr und liesze jm doch sein quell und ursprung unverstopfft, das land möcht der verseuffen, den Rein wird er freilich unverschützt lassen.
werke 2, 128. 33)
übertragen. 3@aa)
beseitigen, tödten: aber dieweil gott sein wort daruff werffet, nemlich das (wer die schlange wirdt ansehen, der wirdt gesund werden) da machet das wort aus der ehernen schlangen ein geistliche heylwertige schlange und verseuffet in sich die schlang und macht die schlang eben der art, welcher art das wort ist. Agricola 156
fragestücke (1528) d 7
b; er habe es gott gelobet, die ersten aus der feinde land, die wolle er versaufen. Hennenberger
preusz. landtafel (1595) 25. 3@bb)
durch zu starkes trinken durchbringen: allein es hatte mit selbigem (
dem geldbeutel) eine beschaffenheit, wie mit dem mond, bald war er voll bald wieder leer .. weil ich gewohnt war, alles auf einmal zu verthun und entweder zu verspielen oder zu versauffen.
Simpl. 2, 302
Kurz; dieweil du, so lang er etwas hatte, mit gemachet, und das seinige hast verfressen, versauffen, verhuren, verbuben, verspielen und verpanketiren helffen? 2, 158, 24; bin ich je meines gelts nicht mächtig gewest oder hab ich dasselbige als einen abgott verehret? hab ich jemahlen mein gut auf einen sitz verspielet oder versoffen? Philander 223; o hätte ich das geld versoffen, so hätte noch was dafür in den leib bekommen. Weise
erzn. 34
neudruck; und hierinn that Eurylas sehr klug, da hingegen mancher narr, wenn er ehrenhalben das geld nicht nehmen will, solches der compagnie zu versauffen giebt. 136; solch blutgeld wudelt ohne dem nicht, wenn wirs versauffen, so wissen wir am besten wo es hingekommen ist.
comödienprobe 194; klein Wien heiszen viele mein Flachsenfingen .. es können aber wohl zwei städte nicht weiter von einander in sitten abstehen als Flachsenfingen, wo man sein leben und seine seele verfriszt und versäuft, und Wien .. J. Paul 8, 75; der schnod pub, der schalck und lecker hat mir verthan wiesen und ecker, verbawt, verspilt und auch versoffen, zu Tevzen in wirtsheuser geschloffen.
fastnachtssp. 1, 481, 11; als Udus morgens gieng herfür stand dieser spruch an seiner thür: es steht disz haus in gottes hand, versoffen ists und nicht verbrant. Logau 1, 221, 12 (209
Eitner); hilf Bacchus! hilf, wie schlorft das schwein und schlnckt das öl der trauben ein, schluckt und versäuft gehirn und kräfte. Lichtwer 69; versauf ich die schuh' so behalt ich die füsz. .... 44)
das part. prät. ist adjectiv geworden. versoffen
ist wol ursprünglich als part. mit passiver form und activer bedeutung —
wie so oft —
aufzufassen, einer der viel versoffen
hat, dem es zur gewohnheit geworden, also dem trunke ergeben: die mönche erlangeten viel mit terminiren, weren aber versoffen buben. Hennenberger
landt. (1595) 149; er wuste aber wol ihr boses versoffenes hofleben. 486; und folgender versoffene Kuntz stihlet er nicht den durst hienweg, mit seinem knorrechten glas voll wassers? Philander 1, 36; das kayser Tyberius so starck gesoffen, das haben die Römer seiner versoffenen amme zugeschrieben. Schuppius 478; als er endlich wieder auff den gedancken kam, wie fleiszig seine verfressene und versoffene gäste in der zeit seinen gläsern zusprechen würden, wolte er ... sich diese last durch eine lüge vom halse schaffen. Selaminthes
närrischer .. Cupido (1713) 22; versoffner unverschämter mann. Lessing 1, 44;
übertragen: wodurch er sich ein äuszerst liederliches und versoffenes ansehen gab. Lichtenberg 3, 211;
anatomischer kunstausdruck: versoffner muskel: der rectus oculi internus war schon lange mit dem auffälligen namen bibitorius geschmückt, als noch ein lectorius dazu kam. weil, wenn man trinket oder lieset man die augen nach der nase zu drehet. die Deutschen fanden den versoffenen nicht ganz gegen ihren geschmack, denn dieser kraftausdruck wiederholt sich öfter auch in den Leberiana. Hyrtl
deutsche kunstausdr. der anatomie 155.