valentin ,
m. nom. pr. 11)
name eines heiligen, der nach der legenda aurea (
ed. Grässe 176)
zu Rom 280
n. Chr. enthauptet wurde. durch die zusammenstellung des namens mit fallen
wurde Valentin
der volksthümliche schutzheilige gegen fallende sucht. das mittelalter scheint noch nichts hiervon gewuszt zu haben, es finden sich z. b. weder in der legenda aurea und im passional, noch bei Hermann v. Fritzlar
hinweise. aber schon Agricola: Valten, Valtin kompt von fallen und ist das fallend übel — darzu Sanct Valtin (ist anders irgent ein heilig im himel, der also heiszt) apothekerknecht ist.
sprichw. 269.
weitere belege finden sich in den schriften des Agrippa de Nettesheim
decl. de incertit. scient. c. 57,
s. Wackernagel
in Pfeiffers
Germ. 5, 297
und Jo. Lasicz
de diis Samogit. in Haupts
zeitschr. 1, 144.
selten zeigt sich der name in ursprünglicher form, vielmehr Valtin, Veltin, Veltlin (Murner), Velten: auch wo dise stabüler hinkommen in stet oder dörfer, so heischen sie vor einem haus umb gots willen, vor dem andern granten sie um Sant Valtins willen, vor dem andern umb Sant Kürins willen.
lib. vagat. (
Weimar. jahrb. 4, 79); von stund an kam mich die fallend sucht an, und hab micht gelopt zu Sant Valtin mit 3 pfund wachs ... darumb bit ich auch umb steuer und hilf, dasz euch der lieb heilig Sant Valtin wöl behüten und beschirmen. 4, 84; etliche halten den tag, auf welchen der ehrliche Sanct Velten gefällig ist, durch das ganze jahr vor fatal. Weise
erzn. 126
neudr. — Valentin
als bringer der fallenden sucht: also predigt einmahl zu Sinais ein schlimmer luderbruder ausz dem Gabriel Bühel und argumentirt ex loco contrariorum, das .. St. Valentin mit fallender sucht .. plag. Fischart
Garg. (1590) 507.
manchmal ist auch der heilige durch einen verehrungsort näher bezeichnet, am bekanntesten ist St. Velten zu Rufach;
in letzterer (
elsässischen)
stadt befand sich eine kirche und kloster zu ehren Valentins, Benedictinerordens zur Basler diöcese gehörig; ferner St. Velten zu Kiedrich
bei Eltville (
Hessen-Nassau),
kapuzinermannskloster zur diöcese Mainz gehörig (Grote
lex. d. stifter 272): du solt auch ghen Rufach und gen Kidderich zu S. Veltin ghen, uff das dich der lieb heilige nit einmal straffe. Alberus
widder Jörg Witzeln mammel. M 6
b; weiter soll man die ketzer fragen, was sie glauben von allen den hocherleuchten heiligen, als den St. Job zu Wessenmale, St. Jost in Flandern .. St. Treu zu Schletstatt, St. Matern unn St. Otily im Elsasz, St. Veltin zu Rufach, St. Damerin unn St. Dibold zu Dann.
bienenk. 62; also komt der heilig Antonier, derselbig samlet vil der schwein .. denn kompt St. Valtin von Rufach, der selb sagt auch von seiner sach und samlet da der pfenning vil. Schade
sat. u. pasqu. 1, 32, 203. 22) St. Veltins krankheit, plage, arbeit
u. s. w. =
fallende sucht: also gat es denen, die Sant Veltins siechtagen hond. wen sie den siechtagen leiden, so entpfinden sie nit, waʒ man inen anthuot. Keisersberg
emeisz (1517) 38
a; ach lieber freunt, sehet an, ich bin beschwert mit dem (
sic) fallenden siechtagen Sant Valentins, Sant Kürins, Sant Veits, Sant Antonius.
lib. vagat. (
Weimar. jahrb. 4, 83); die mit heiligen stazionieren und das heiltuom umher fieren went sich des bettels ouch begon und gent jarlich ein pension und liegent von Sant Veltins plagen .. bisz das ein jeder opfer git. Murner
narrenbeschw. 89, 86
Gödeke; besonders gern zu flüchen verwandt: das dich Sant Veltins arbeit besteh! Manuel
fastn. sp. 432; ei lasz mich ungefetzt! dasz dich Sant Veltens arbeit bestehe als buben! Schade
sat. u. pasqu. 2, 263, 10; dasz dich Sanct Veltens wunden rüren, von wannen thut dich der teufel führen? Schade
sat. u. pasqu. 1, 165;
und mit gänzlichem vergessen der ursprünglichen bedeutung: potz macht! ich bin von Wolfenbeutel kaum entrunnen, sie schieszen hinein, wie Sant Veltens wunnen. 1, 58, 146 (
schieszen hinein wie die schwere not). 33)
oft wird der heilige für die ihm obliegende krankheit selbst gesetzt: betler und die stazionierer, die gott und alle welt betriegen und den herren brief abliegen, wie sie Sant Veltin hab geplagt. Murner
narrenbeschw. 62, 78
Gödeke; Sant Theng, Sant Veltin und Sant Kürin tragent im sin zins herin. 89, 95;
auch hier wiederum besonders bei flüchen gebräuchlich: es möcht jemand wol gern fluchen, das sie der blitz und der donner erschlüge, hellisch fewr verbrente, pestilenz, franzosen, S. Velten, S. Antoni, aussatz, carbunckel und alle plage hetten. Luther 8, 217
b; cum dira increpatione: er hat S. Velten am halse.
briefe 4, 627; es bestehe solche leute S. Veltin, die da meinen es gehe ihnen abe, wenn ein ehrlicher kerl nach ehren strebet. Schuppius 548; ich wolt, dasz er Sanct Veltin het. J. Ayrer
fastn. sp. vom beck 94
b;
in bildlicher verwendung: regiment .. ist ein blatterichtes kind, das die bockeln und masern hat. darumb müssen drinnen etliche frome Joseph, Naeman, Nathan, Zadoch sein, die es bei leben und wesen erhalten ... die andern sind blattern, schweren, frantzosen, St. Valtin, Anton die solchen leib ungesund machen als Ziba, Ahitophel und jr gleichen. Luther 6, 159
b; lieber, flucht doch auch einmal das pater noster wider das papstthumb, dasz es St. Velten kriege.
briefe 4, 668. 44)
oft wird St. Velten
an stelle des teufels angerufen und man hat gern den namen des letztern (valand)
mit dem ähnlich klingenden eines heiligen vertauscht: aber dasz baderisch unnd bechtungisch messerwerffen, scharsachschiesen liesz er Sanct Velten haben. Fischart
Garg. (1590) 345; ich erschrack, da ich diese worte hörete und gedachte: hat dirs dann St. Velten gesagt?
Simpl. 1, 326, 10
Kurz; zuckte darauf meinen prügel und jagte sie für alle Sanct Velten hinweg. 2, 88, 5; hat mich St. Velten mit euch weltnarren beschissen. Philander 1, 222; hat mich St. Velten mit diesem hornaffen beschissen! 1, 275; man darff nicht so ein narr sein und alles an einen ort stecken; hie tausent thaler, dort tausent thaler, so müsse es S. Velten gar sein, dasz man allenthalben auf einmahl geschnellt würde. Weise
erzn. 52; die lügen haben schier St. Velten, dasz sie von diesem Valten melden. Fischart
dicht. 1, 67, 2545
Kurz. 55)
aus dieser bedeutung des wortes entwickelt sich der fluch St. Velten, potz Velten,
der bis in die neueste zeit häufig ist: was dünkt euch zu der sache? beim Velten! das wird gehen. A. Gryphius 1, 723; beim Velten! das ist ja alles, was man leiden könnte, wenn es um die schöne Hecuba aus Griechenland zu thun wäre. Wieland 11, 179; man weisz ja, beim Velten, wie die weibsleute sind. 11, 249; aber, bei Sankt Velten, was braucht es da langes und breites? 11, 198; St. Velten, wer will nun bestahn? Fischart
dicht. 1, 25, 850
Kurz; beliebt ist im 16.
jahrh. der schwur bei St. Veltin zu Rufach (
s. oben 1): ey St. Veltin von Rufach, laszt uns von trincken parlieren! Fischart
Garg. (1617) K 3
b; potz Velten: poz Velten! was kömpt dort fur ein schwarzes her. Schade
sat. u. pasqu. 1, 38, 134; ich weisz es sülver, poz Velten, nicht. 1, 59, 158; potz hundert tausend Velten! Bürger 49
a; dasz ich den verwundeten obristleutenant .. errettet, davon schriebe er ihm so wenig ehre zu, dasz er mir meiner mühe nicht allein mit potz-Velten danckte, sondern ..
Simpl. 3, 46, 4
Kurz. ebenso potz Veltens wunden
u. ähnl.: nd. der ander spraek: fi, fi, bö, bö, potz Veltes wunden! man schold mit sülker supp vergeven katten und hunden. Lauremberg 48
Lappenberg; der ganze fluch zu einem subst. gleichsam zusammengewachsen: dasz dich potz Veltes marter schend. J. Ayrer
fastn. sp. vom beck 95
a. 66) St. Velten
bezeichnung für Valentinstag (14.
februar),
der tag wird als vorläufer des frühlings angesehen: auff Sant Vältins tag ist der früling nach. Fischart
groszm. 4
neudruck. in England gefeiert als tag '
wo die geschlechtslust in allen creaturen wieder erwacht',
über gebräuche an diesem tage s. Scheible
kloster 7, 162.
der tag gilt auch als derjenige, an dem sich die vögel begatten: St. Velten ist vorbei und paaren jetzt sich diese vögel erst? Schlegel
in Shakespeares sommernachtstr. 4, 1. 77) Valten, Valtl
u. ähnl. bedeutet in nd. und oberd. mundarten ein dummer mensch. so Schambach 259
und Schmeller 1, 841
Fromm., der name kann vielleicht durch seine zusammenstellung mit dem teufel in verachtung gekommen sein; oft aber nehmen auch namen dadurch, dasz sie in niedern schichten der bevölkerung sich einbürgern, eine verächtliche nebenbedeutung an. so wäre z. b. in der Wetterau der name Lisbeth
in bessern familien unmöglich, weil er daselbst besonders bei der dienenden classe beliebt ist, während er in Thüringen in den besten kreisen sich findet. gleichwie das schriftdeutsche Trine (
s. theil 5, 276)
bezeichnet Lisbeth
in der Wetterau eine dumme person. bei wechselnder mode in der namengebung wird auch eine solche verächtliche, oft nur auf enge kreise beschränkte nebenbedeutung bald wieder vergessen.