üben,
v. ,
exercere, colere, mit ausnahme des got. in allen continentalgerm. dialecten belegt: ahd. uoben, uaben Graff 1, 70
ff.; mhd. üeben
mhd. wb. 3, 191
f., handwb. 2, 1686
f.; as. ôbean;
mnd. oven,
daneben häufig die frequentativform ovenen Schiller-Lübben 3, 249
ff.; diese ist auch im gebrauch altfries. ovonia, ovenia, ofnia Richthofen 974
und 1165;
neufries. oeffenjen
neben oven ten Doornkaat-Koolman 2, 672
a;
mnl. und nnl. ausschlieszlich in der erweiterten form: oefenen,
nur limburg. ist die einfache belegt (
s. wordenb. 10, 38
ff.)
; denominativableitung von ahd. uop,
masc., von dem bei Notker
ps. 21, 19
der pl. uôba
belegt ist: vestimenta Christi, daʒ sint sîniu sacramenta, daʒ chit hêiligmêineda; also baptismum ist unde missarum sollemnia (
inter lineas: misson uôba);
vgl. auch mhd. wb. 3, 191
b und handwb. 2, 1998,
und oben übe.
wurzelverwandt mit üben
sind in den germ. sprachen ags. äfian
und efnan,
an. afl '
stärke', afla, efla '
stark sein, erwerben',
ahd. avalon '
satagere'.
dagegen sind dän. öve,
schwed. öfva
lehnwörter aus dem deutschen; [] zu der germ. wurzel *ôb,
*af
stellt sich in den idg. sprachen ved. ap
in ap-tur,
vgl. Fick
4 1, 16;
sanskr. apaḥ '
werk',
lat. ops, opus,
und seine sippe; aus dem keltischen sprachzweig kann hierhergestellt werden air. ane '
reichthum',
aus dem lit. aprtas '
überflusz, vorrath'.
bedeutung und gebrauch: die gesammte wortsippe, die auf die idg. doppelform *ôp,
*op
zurückzuführen ist, zielt auf den begriff des '
erarbeitens, erwerbens'
hin. aus der verwendung innerhalb des deutschen liesze sich der begriffsumfang etwa umschreiben: '
ein object in bewegung und dadurch in thätigkeit setzen'.
zwei sonderbedeutungen, die sich gerade aus den ältesten belegen am deutlichsten erkennen lassen, nämlich '
den boden bearbeiten, ackerbau treiben'
und '
eine gottesdienstliche handlung begehen'
stimmen mit der bedeutungssphäre der wurzel im ind. und lat. so genau überein, dasz man in ihnen nicht sowohl eine einengung des bedeutungsumfanges sehen darf, sondern in sehr alte zeit zurückreichende bedeutungscentra, aus denen das wort im germ. bald herauswuchs, wobei es auch neue bedeutungsfunctionen übernahm, die zum theil von seiner ursprünglichen concreten bedeutung weit abliegen. II.
transitiv. I@AA.
landbau treiben. im ahd. ist diese bedeutung lebendig gewesen wie die wortbildungen uop
m. '
landbau', uobo
m. '
colonus', uobare
cultor, giuapti '
plantaria', guobida '
colonia, villa'
beweisen; auch in mhd. zeit noch finden sich belege: die acchera uoben
mhd. wb. a. a. o.; die wuesti üeben mit strenger arbeit mit houwen und mit riuten
handwb. 2, 1686; de erde, den acker oven Schiller-Lübben
a. a. o.; daraus weiter '
pflanzen': er pflanzote sînen garten mit mislîchen chrûten, dar sich mit nerte, dem hunger sich mit werte, hirs unt ruobe, wân, er ouch uopte
Wiener genesis, fundgr. 24, 35;
pass. gewendet: unser land, das vormals ungeübt und ungebuwen ist gesin
quelle bei Staub-Tobler 1, 61;
noch bei Schöpper
syn. (1550)
f 3
a finden sich zu arare die synonymen verba: aeren, zielen, zackern, üben, bawen, pflügen;
ähnlich: ein übel schmackend gruob, ye mer man die übt, ye mer man böses geschmacks da befindet
buch d. weish. 63; ein gut zerackern, üben und zermartern Sebiz
feldb. 26;
dagegen ist trotz gleichem sachobject die alte prägnante bedeutung schon verdunkelt und vergessen in folgendem: wisse, wie du deyn acker, fihe, hawsz unnd kind üben solt, das ist dyr gnug ynn naturlicher kunst Luther 10, 1, 1, 569
Weim.; vom 17.
jahrhundert ab ist dieser gebrauch in der schriftsprache wie in den dialecten verloren gegangen. I@BB.
eine gottesdienstliche handlung begehen, feiern, verehren, colere Lübben 259
b;
auch diese bedeutung ist in ableitungen nachzuweisen, so auszer uop (
s. o. Notkers misson uôba
für missarum solemnia)
noch uophaft,
dies solemnis Graff
a. a. o.;
mhd. und
mnd. nicht selten und meist mit persönlichem object Schiller-Lübben
a. a. o.; diu abgot wolt er ander stunt uoben: diu ê wâren zebrochen, diu wurden ander stunt gegoʒʒen geniwet und geêret
kaiserchron. 6591
Schröder; einen vater üebent ir und einen sun unde einen geist Konr. v. Würzburg
Silvester 2880;
passiv: der heilige und der guote (
gott) der mit dem sinne (
freiwillig) güebet wirt und dem man lob und êre birt
ebenda 2320;
ähnlich: de proueden vrunde schal men ouen, de ungheproueden schal men prouen
quelle bei Schiller-Lübben 3, 249. I@CC.
allgemein: in bewegung und thätigkeit setzen: vgl. Schmeller 1, 19. I@C@11)
mit sachobject: sie üebeten, daʒ weiʒ ich wol, den bracken unt daz armbrust mê durch ir herzen gelust und durch ir banekîe dan durch mangerîe
Tristan 17270;
[] so sind on das der menschen mägen darzu geartet, dasz sie sich erstrecken, wann man sie nur übet
Garg. 59; die restauratio und renovatio sollend also in dem menschen verstanden werden, dasz sein humor radicalis, den der spiritus vitae treibt und übet, nit hinder sich gezogen werde Paracelsus
opera 1, 825
a.
meist zu seinem vortheil in bewegung setzen, also gebrauchen, benützen: swert, schilt, wâfen
mhd. wb. 3, 192
a; gelt laszt sich nit lieben, es wil, man sol es üben Seb. Franck
sprüchw. (1541) 1, 118
a; weren sie (
die fürsten zu Sachsen) vleyssiger gewest yhr schwerd zu üben, so were der pofel an der Saal wol stiller Luther 18, 99, 1
Weim.; Ulrich von Hutten übt die fäder und das schwärt zuo erwecken alte teütsche erberkeit Eberlin v. Günzburg 1, 4
neudr.; der magnet zieht am meisten, wenn er geübt wird Herder 15, 313; in den dörfern und auf den straszen war bis Nowgrod noch immer das die waffen übende menschengewimmel und einzelne züge von kriegern Arndt
werke 1, 132; die erde üben
für '
betreten, befahren': der (
engel) vuoʒ wirt niht betrüebet, daʒ er hie die erde üebet und in daʒ hor tritet
Martina 615, 45; der zoll nahm ab, weil die mule und rosse die strasze nicht mehr übten Staub-Tobler
a. a. o.; die kleidung üben
für '
benützen, verwenden': si üebten in unvlête der altâre gewête Jerosch. 26 458; wil ich euch bitten, dasz jhr nicht wöllet die ersten seyn, neuwe trachten an euch zu nemmen, fürnemlich trachten, die frauwen in andern ländern üben
buch der liebe 189, 1; die, so mit guter speisz unordenlich leben, und jren bauch und fleisch in solchen lüsten und füllereyen halten und üben
ebd. 292, 2; so will ich euch drey ort erlauben da jhr die weiber mögen schrauben. erstlich nur auff die gänge zung ... wiewohl ihr werden haben müh, weil sie die üben spat und früh Fischart
flöhhaz 55
v. 1964
neudr.; und es erwachen mit gezisch die bunten vögelein, ... die schnäblein üben sie zumal in liedern ohne zahl Droste-Hülshoff 3, 199
Schücking. I@C@22)
eine person in bewegung setzen; agere Maaler 413; einen stets üben,
in exercitatione aliquem continere Kirsch (1723) 297
b;
drängen, treiben: I@C@2@aa) swen üebet reiner vrouwen gruoʒ, dem manheit gibt wol muot Frauenlob 331, 13; was dich übet, säliges weib zu nassen augen clare, dasselb betrübet mir den leib und macht mir graue hare Hätzlerin
liederb. 80. I@C@2@bb) ich hab getanzt und ander lewt geübt zu tanzen
quelle bei Schmeller 1, 18;
über das mhd. und ältere nhd. hinaus nur mehr selten zu belegen: vgl. Crecelius 2, 830; auff das dich gott mit seynem wort übe und dem geyst, den er dyr geschenckt hat, zu schaffen gebe Luther 17, 1, 356
Weim.; deszhalb yebet er (
Lucifer) die lewt zuo ketzerey vnd aberglawb Berth. v. Chiemsee
theologey 163; wan er zu morges oder das nachtmal nam, was sein gmains trincken, so in niemet übet, wie dan yetz mit dem zutrincken ist, tranck er gmainclich neun masz weins über ain malzeit
quellen zur geschichte des bauernkriegs in Oberschwaben 167; Galenus schreibt, der höchst artzt Aesculapius habe lächerliche liedlein gedicht, darmit in den krancken lung und leber zu üben
Garg. 13; sag mir, was dich zu trawren übet! Hans Sachs 21, 24, 26
Keller-Götze; kein sänger des hayns übt die nymphe der felsen, jeder zephyr entschläft Wieland I 1, 430.
pass.: man könnt ja etwa ein erbeit finden, damit solche blinde personen mochten geübet werden Luther
br. 3, 403; ob (
die wunde) in ainem geleich sey, das
[] fast geübet oder gebraucht würt als der elenbogen H. Braunschweig
chirurgia (1534) 69
b.
in der bedeutung '
benützen, gebrauchen'
ist die verbindung mit acc. einer person wenig üblich, da die seelische antheilnahme der von der handlung getroffenen person beachtet wurde und sich die bedeutung zu '
necken, quälen'
verengte. doch vgl. aus dem ahd.: ... finfi (
ehemänner) habotôst thu iu; then thu afur nu uabis, ioh thir zi thiu liubis uuant er giuuisso thîn nist, bi thiu sprâchi thu, so iz uuâr ist Otfr. 2, 14, 53. I@DD)
in unruhe setzen, necken, quälen, dann verengt: auf die probe stellen, versuchen. I@D@11)
vexare Diefenbach
gloss. 616
c;
vexari, hin und wieder gezogen, getrecket, vexiret werden, wie man die narren zu üben pfleget Corvinus
fons lat. (1646) 940; Frommann 2, 211; mein tochter würt übel gefatzt von dem bösen geist. er übt sye, sye schumet, sye windt ire hend übereinander, sye roufft sich selber Keisersberg
post. 2, 31
b; das ist ein gewisz zeichen das dich das wort troffen und gerürt hat und dich übe, dringet und treibt Luther 12, 499, 24
Weim.; kein zweifel ist, dasz ein jeder mensch einen guten engel hat ..., deszgleichen einen bösen, der jhne übet Albertinus
Lucifers königr. 78; 24; diesen pful (
gedanke an die hölle) und das verbrennen, übeten und trieben mich, das ich weder tag noch nacht ruwe hette
M. Stifel
wunderbarliche wortrechnung etc. (1553) A 2
b; es sind zwar viel und schwere gefehrlichkeiten, so uns armen menschen in diesem jamerthal und herberge üben G. Nigrinus
von zäuberern ff. (1592) 2; aber ein warer gedultiger mensch sihet nit an, von wem er leide, ob er von seinem herrn oder obern, von seinem gleich oder unterm ... geübt werde Joh. Arnd
Thomas a Kempis übers. 91; es scheinet, dasz gott der herr offt fromme eltern im creutz und trübsal übe, und ihren kindern desto reichlicher gebe, was er den eltern versaget J. B. Schupp
schr. 666 (
abgenöt. ehrenrett.); des war Boecius betrübet. darzu in auch leibskranckheit übet und must da in gefencknus liegen Hans Sachs 7, 382, 28
Keller; man sol kein narren üben zu lang und im zu vil thun übertrang Murner
Luth. narr. 10
Scheible; die lenden litten ungemach, als weren sie zurschlagen gar, die augen sahen nimmer klar, und alle glieder warn betrübt: der hohmut hatt sie wol geübt Erasmus Alberus
fabeln 45,
neudr.; wir üben im april die leute durch vexiren und pflegen sie im schimpff herum- und anzuführen Logau
sinnged. 290
Eitner; die sprache nach der kunst zu zäumen übt viele dichter lebenslang Hagedorn 3, 50.
im neueren schriftgebrauch ist diese anwendung erloschen; doch mundartlich noch vielfach erhalten, vgl. Schmeller 1, 18; Staub-Tobler 1, 61; Unger-Khull 601
a; Schambach 147; Frommann 2, 210;
verengt: s'üabt mi =
ich verspüre brechreiz Rückert
unterfränkische mundart 185. I@D@22)
aus beschäftigen, in thätigkeit setzen, quälen entwickelt sich die bedeutung weiter zu auf die probe stellen: underwilent, so er zuo in kom, so uopten sie in mit sölichen worten Heinrich Suso 9, 31; und ob gott schon die hülffe verzeucht, sollen wir darumb nicht ablassen zu bitten ... denn gott unsern glauben also übet Luther 26, 205, 39; jdoch erkennet aer (
David), sölche plagung komme vom willen gottes haer, daer sich gebrauchet sölcher leute yn zu üben Schede
psalmen 55
neudr.; vgl. auch Schiller-Lübben
a. a. o. wenn er mich auch gleich würft ins meer, so wil er mich nur üben Paulus Gerhardt
bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 314; dasz es narren hin und her und nicht in der mänge gibt, mangelt nur, dasz einer mehr als der ander wird geübt Logau
sinnged. 405
Eitner; [] und wann er (
der himmel) künftig dich in hohen ämtern übt ... so lebe, dasz dich einst die späten enkel preisen Haller
ged. 98; so hart des schicksals heer auch ihre tugend übe Wieland 23, 52. I@EE.
auf geistige verhältnisse übertragen: fähigkeiten und eigenschaften in thätigkeit setzen, gute wie üble, wohl grösztentheils aus F 2
erwachsen (
s. u.): übe dein güte an des nechsten boszheyt Seb. Franck
sprüchwörter (1541) 2, 126
b; odder sonst yrgent eyn ritterspiel oder historien für mich neme, da ich meyne gedancken an übet und damit spielet Luther 18, 178
Weim.; darinn du vilen menschen zuo guot, dein stoltzes heldisch gemuot brauchen und üben mögest Hutten
opera 1, 449; ich werde ... ursache haben, meine bescheidenheit und nachsicht zu üben Göthe 22, 226, 10
Weim.; so wahr ist's, dasz ein gefühlvolles herz oft gelegenheit hat, seine wohltätigkeit zu üben G. Förster 1, 34; Klara Glasperle, eine waise und wittwe ... beschwor mich kniefällig, meine wohlbekannte groszmuth auch an ihr zu üben Ebner-Eschenbach 4, 313; der gotlos sein mutwillen iebt nach seim vurnemen, wie im liebt Hans Sachs 22, 112, 6
Keller-Götze; dort, in Florenz, verehrte man vorzeiten ein schönes weib, voll stolz und trefflichkeiten ... sie war es nur, die aller sehnsucht übte Hagedorn (1771) 2, 170. I@FF.
mit dem acc. eines substantivums actionis oder eines subst., welches das ergebnis eines geschehens darstellt: eine handlung vollziehen, ausüben, verüben. vulgo praktikare Stieler 65. I@F@11)
schon althochdeutsch ist dieser gebrauch von üben
der geläufigste gewesen, vgl. Graff 1, 70,
ebenso mhd. von den vielen alten verbindungen sei besonders auf die mit religiösen übungen in zusammenhang stehenden hingewiesen, da sich diese anwendungsart zum theil mit B (
s. o.)
berührt: sô was therô liudiô thau that that (
das geburtsfest) erlô gehwilîk ôbean skolda Judeonô mid gômun Heliand 2733; uaptun thâr thie liuti eino brûtloufti Otfried 2, 8, 3; dâr siê abkotdiênist uôbton Notker
ps. 77, 58; godesdînst oven Lübben
mnd. wb. 259.
so auch nhd., vgl.: über disz werdet jhr noch weiter wunder hören von allen andern h. ceremonien der kirchen, welche mann zur zeit der metten mit groszer andacht übet Fischart
binenkorb (1588) 174
a; so auch die haiden im hornung solich butzen weisz geübt haben Eberlin v. Günzburg 1, 20
neudr.; ein besonderen unmenschlichen gottsdienst übten sie mit tödung der menschen Stumpf
Schwytzerchron. (1606) 144
b; hieng sich an die bräuch in Egypten, welche abgötterey sehr übten, und gaben grosze klugheyt für mit götzengpräng und tempelzier Fischart
die gelehrten d. verkehrten 338
Kurz. I@F@22)
der weite gebrauchsumfang und die mannigfaltigkeit der substantiva actionis, die nhd. sich mit üben
verbinden können, kann hier nur kurz skizziert werden, wobei die im nachstehenden gebotenen belege mehr die häufigeren verbindungen berücksichtigen, die zum theil zu formelhaftem gebrauche und festen redensarten sich verdichteten. im freien gebrauche tritt üben
seit dem ende des 18.
jahrh. gegen die synonymen ausüben, verüben
etwas zurück. I@F@2@aa)
mit dem subst. inf.: wolten lieber, das yhr mit uns selig wordet und von hertzen gerne vergeben alle das blutvergissen, so yhr an uns übet Luther 23, 476, 9
Weim.; mein angesicht verleurt sein liecht vom seuftzen, das ich übe Paulus Gerhardt
bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 392
a; Aurora hatte kaum am himmel eingetrieben die goldbewollte heerd: da fieng man an zu üben diss thun auf erden auch Birken
ostländischer lorbeerh. (1657) 77; wenn herrsucht und gewalt unzähligs morden übet Heräus
gedichte (1721) 238;
[] alles machet offenbahr durch das rauschen, so es übt, dasz es sey, wie wir, verliebt
Königsberg. dichterkreis 130
neudr. in der neueren sprache seltener: so wird dem zuschauer immer das thun gezeigt, das er selber an des helden stelle geübt haben würde Ludwig 5, 263. I@F@2@bb) ein werk üben,
meist in günstigem sinne ein gutes werk,
seltener ein böses,
dafür formelhaft frevel, verrat üben;
vgl. Graff
a. a. o.,
mhd. wb. a. a. o., Diefenbach-Wülcker 879;
in der geistl. prosa, rechtsprosa und allgemein: die da üben tugentsame werck und die gebott halten Keisersberg
schiff der penitenz 32
c; aber sein hertz war böse und verrhiet seinen herrn mit dem guten werck, wilchs doch Christus und seine jüngern sonst aus gutem hertzen mit einander übeten Luther 19, 631
Weim.; darumb laszt uns ... die werck der lieb und barmhertzigkeit gegen unserm nechsten üben Casp. Scheit
fröhlich heimfart A III
b; es ist ein schnöd ding wissen was recht ist, und das widerspil üben Seb. Franck
sprüchwörter (1545) 1, 30
a; bist gram uont spinfeind allen den di schalkstuk uben Schede
psalmen 21, 6
neudr. und es mochte auch ymand so frevelich unzucht und unfur treiben und üben, ein erber rathe wolte den oder dieselben darzu an leib und gut straffen, nachdem sy zu rat wurden und die tat gehandelt were
Nürnberger polizeiordnungen 56
Baader; (
man soll nachforschen) ob die verdacht person bey sollichenn leutten wonung oder gesellschafft habe, die dergleichen missethat übenn
Carolina 25; da lauffen die stattdiener herzu unnd nemen den landtsknecht gefangen, weil er offentlichen frevel und gewalt geübet Nigrinus
von zäuberern (1592) 5; die übten ein schwäre unnd unträgliche aufruor Stumpf
Schwytzerchron. (1606) 261
b; von seinen tragischen figuren übt keine auch nur eine tugendthat Ludwig 5, 68; wer gute werke übt, soll die linke nicht wissen lassen, was die rechte thut W. H. Riehl
deutsche arbeit 17. ich habe von anderen genug ... frevel üben sehen Arndt
werke 1, 88; darinnen er solche unthat mit herr Lamprecht geübet hat Hans Sachs 8, 98, 20
Keller; du hast auch manchen christen trübt, vil schelmenstückh ahn ihnen geübt
Endinger judenspiel 61
neudr.; nach wenig tagen sichs begibt, dasz einer solche unthat übt L. Sandrub
hist. u. poet. kurzweil 37, 17
neudr.; reines herzens war er, reiner sitte, übte manche hohe christenthat Hölty
gedichte 62
Halm; den fehler, den man selbst geübt, man auch wohl an dem andern liebt Göthe 2, 235, 263
Weim.; will weben an dem webstuhl, früh zur hand, und alles werk, das man bei uns verachtet, den sklaven überläszt und dem gesind, hier aber übt die frau und herrin selbst Grillparzer 5, 158
Sauer; passiv: geübten vorsetzlichen frevel verkleistern Kirchhof
milit. discipl. 60; sölchs ist zu vermercken aus allen seinen geübten hendlen Alberus
widder Jörg Witzeln Mammeluken (1539) F 8
b; gnedige fraw, was ist geübt, das der fürst ist so gar betrübt Hans Sachs 2, 52, 22
Keller; die protestanten unterlagen im schmalkaldischen kriege. da übte kurfürst Moritz von Sachsen ... den bekannten verrath Moltke
schriften u. denkw. 2, 184;
häufiger ohne artikel: die geheime freude eurer augen übt verrath A. Arnim 5, 134; es lau'rt verrath den königen so unvermeidlich auf, dasz auch die luft ihn übt Fouqué
held des nordens 2, 1, 38. I@F@2@cc) gutes, böses üben: was wir vor Christi geburt und den römischen kaisern treffenlichs in kriegsleufen geübt haben Aventin 4, 583, 9; üb guotz on gleisznerey
poet. beichtspiegel bei Dacheux die ältesten schriften Geilers v. Keisersberg 154; die weiber haben launen, weil sie zu gut sind, das böse nach grundsätzen und zu schwach,
[] das gute mit dauer zu üben Börne 6, 63; an das gute glauben nur die wenigen, die es üben Ebner-Eschenbach 1, 18; eh ich noch etwas guts geübt, warst du mir schon gewogen Paulus Gerhardt
bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 375
b; (
Nathan:) komm! übe, was du längst begriffen hast; was sicherlich zu üben schwerer nicht, als zu begreifen ist, wenn du nur willst Lessing 3, 139, 677 (
Nath. 4, 7); wer gutes üben will, der üb' es bald! Immermann 16, 75 (
Ronceval);
oft stellt sich üben
als '
handeln, wirken',
in begrifflichen gegensatz zu '
lehren, vornehmen, schreiben'
u. ä.: und so ich meister Hans von Gerstdorff ... vil mit meiner eygen handtwürckung probiert, experimentiert und geübt hab in mancherley gestalt ..., erbitte den leszer, mein ... kunst nit zuo verachten Gersdorff
wundarzney 19, 1
a; wöllen nichts newes üben noch fürnemmen Sattler 348; wir hören es (
das wort) alle tage, aber wen man es versuchen szol und ym hertzen üben, szo wyrdt die kunst alzuschmall Luther 34, 2, 63
Weim.; vom geist des christenthums sollte weniger geschrieben und er mehr geübt werden Herder 20, 3; eine solche religion war die, welche Christus lehrte und übte Göthe 24, 250
Weim.; wer übels übet oder hägt, dess gleiche schuld jr yeder tregt Schwartzenberg
teutsch Cicero 122; was du nicht leiden willst, sollst du nicht üben Gries
Ariostos rasend. Rol. 3, 195; das sagt sich gut, allein es übt sich schwer Grillparzer 5, 157 (
Medea II); I@F@2@dd) wort, predigt
etc. üben: große ärgernusz, wo man vor züchtigen personen solche unnütze worte übet Wickram
rollw. (
vorr.); kurtze wort het ich für mich genomen an dem anfang zu schreyben, nun übet ain wort das ander Keisersberg
granatapfel (1510) B 6
c; wie
s. Peter ym kercker auch nicht kund üben die predigt des euangeli Luther 10
2, 30, 14
Weim.; er übte allerhand thierer geschrei Grimmelshausen
Springinsfeld 2, 50, 6
Keller; als nun beyderseits und der ritter solche geübte reden gehört
Amadis 1, 400.
seit dem 18.
jahrhundert ist üben
in solcher verbindung ebenso auszer gebrauch gekommen wie die verbindung mit concreten, z. b.: S. Martein übt guoten wein kan aber den bawern und zinszleuten schrecklich sein Fischart
groszm. 22. I@F@2@ee) ein lied, spiel, eine kunst üben,
häufig mit dem nebensinn der dauer oder iteration (
s. u.): ob du gott gelestret hast, würffel spil oder andre spil ze üben Keisersberg
das irrig schaf 165
Dacheux; als ich vor diesem bey den herren bewuster fürstin unwirdige hofmeisterin gewest, hab ich erstgedachtes spiel vielfältig üben sehen Harsdörffer
frauenzimmergesprechspiele 1, H 2
a; derjenig der die kunst übet und brauchet Paracelsus
opera (1616) 2, 396; stets übe deine kunst, ist sie dir gleich bekannt; das denken stärkt den sinn, das üben stärkt die hand
Lipperheide 889
b; ich wirdt heut da üben ein gantze comediam,
hodie sum acturus Boltz
Terenz deutsch (1539) 60
b (
heautontim. prolog v. 5); die musick hat zuo jeder zeyt gehabt fürneme hohe leut, die sie gepflanzt han und geliebt, und selber offtmals auch geübt Fischart
bildergedicht in z. f. d. ph. 38, 244
f., ich selber übe die tonkunst ein wenig, wie Friedrich der grosze, der preuszenkönig Heine 2, 193; ist ... khein wunder, dasz die Ägyptier ... die liebe musicam ... zu üben verbotten haben C. Spangenberg
von der musica 4; de der kunst nicht öven, de vorgetten se bolde Tunnicius 579
Hoffmann; seit sechs jahren übte ich etwas schriftstellerei Stifter 14, 11. I@F@2@ff) den glauben, eine lehre üben,
d. h. befolgen und bethätigen: ich gib mich schuldig an den syben gaben des heiligen geists, dasz ich die nit gehebt, geübt, oder mich darzuo nit geschickt hab
manuale curatorum (1516) 75
a; fort an leret er den glauben üben und beweisen
[] mit guten wercken und sünde meiden Luther
vorr. an die Epheser (
Bindseil 7, 453); zum andern, in der mesz ist nodt, das wir auch mit dem hertzen dabey sein, dan sein wir aber dabey, wan wir den glauben im hertzen üben 6, 230
Weim.; weyl denn nu den christen gepürt, die heyligen schrifft zu üben alls yhr eygen eyniges buch 15, 41, 17
Weim.; (
du muszt) deinen glauben stäts üben J. Böhme 4, 151; Abraham, ... der durch ein stetes üben glaubens, groszmütigkeit, gerechtigkeit und lieben schon gleichsam hart gemacht G. Treuer
deutscher Dädalus (1675) 1, 21; was hast dem bräutigam verheiszen du noch mehr? 'zu üben treu und fromm sein wort und seine lehr' Cl. Brentano 2, 573. I@F@2@gg) tugend üben
u. ä.: wir wänen wir üben die tugend der liebe unnd ander tugenden als wir sollen. es ist aber nit war, wir üben sy mit den augen, mit dem mund und mitt den oren Keisersberg
predigen teutsch (1508) 113
b; sintemahl euch nie keinmahl es an gelegenheit die tugend zu üben gemangelt hat Bucholtz
Herkuliskus 1; und ach! welchen unruhen ... sezet man sich oft aus, wenn man diese tugend nicht übt! Schubart
leben und gesinnungen 1, 51; prüfungen und gefahren bestehen, die aus der thätigkeit hervorgehen, das ist tugend üben Bettine
Cl. Brentanos frühlingskranz 183; sein mannheyt, die er in Franckreich geübt hat Wickram 1, 50, 2; thut buesz', übt lieb Rompler v. Löwenhalt
gedichte 37; der selbig könig (
Numa) zog mit seiner vernunfft das kriegisch unnd streitbar volck zuo frid und leret sie, wie man gerechtigkeyt üben und den göttern dienen, ehren und opffern solt Carbach
Livius 7 V; wenn der general ein mensch ist, so musz er mich hören und gerechtigkeit üben Iffland
theatr. werke 1, 49 (
A. v. Thurneisen 2, 9); ich wiederholte, dasz wir nicht vergeltende gerechtigkeit zu üben, sondern politik zu treiben hätten Bismarck
gedank. u. erinn. 2, 66
volksausg.; wer niedrigkeit übet, der ist würdig erhoben zu werden, denn da ist keine andere leiter auf den gipffel der ehre zu steigen Olearius
reisebeschr. (1696) 49 (
persian. baumgarten); diese strenge wurde aber nicht immer geübt Eichhorn
deutsche staats- u. rechtsgesch. (1821) 1, 53; in Windsor übt die königin immer eine groszartige gastfreiheit Moltke
schriften u. denkw. 6, 299; alle geschide listigkait und bösz fündigkait ist im bekant, nit umb daz er die tryb und übe! Niclas von Wyle
translationen 18, 29; das welltlich schwerd ... mus unbarmhertzig seyn und für eytel güte zorn und ernst üben Luther 18, 391, 32
Weim.; geilheit und unkeuschheit üben ... ist sehr gefehrlich Aeg. Albertinus
zeitkürtzer (1603) 11; Giglio sah ein, dasz geduld üben hier das beste sei E. Th. A. Hoffmann 11, 76; o, wollten euer hochwohlgeboren eine gleiche groszmut auch an mir ... zu üben unternehmen Pückler
briefwechsel u. tageb. 1, 122; wer heiszt euch dise frechheit üben? Spreng
Aeneis 5
a; die andre machten jammers voll durch boszheit, die sie übten Paulus Gerhardt
bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 305; üb immer treu und redlichkeit bis an dein kühles grab Hölty
gedichte 186, 1
Halm; wer nicht das heil der völker liebt und wie Eugen erbarmung übt, dem hat die barberey den tollen stahl gezücket Gottsched
gedichte (1751) 24; lehr uns glauben, hoffen, lieben schmach erdulden, demuth üben Dan. Schubart
gedichte 1, 35. I@F@2@g@aα) gegen jemanden: rede nicht übel von dem, der nicht gegenwertig ist, übe keinen zorn odder heymlichen hasz gegen yhm
zwei ältest. katechismen 53; du wöllest gegen mir barmhertzigkait üben Schaidenraisser
Odyssea (1537) 24
b; übten stets etwas feyndschafft gegen jnen Stumpf
Schwytzerchron. (1606) 723
a; o HErr JEsu Christe, gib dasz meine liebe kinder ... sanfftmuth üben gegen jedermann Moscherosch
insomnis cura parentum 34
neudr.; sich selbst überwinden sey der gröste sieg, und
[] eines siegers gröster ehrenruhm, gegen gefangene erbarmnüsz üben Lohenstein
Arminius 1, 59
b; sie übten nach der sitte der zeit abwechselnd grausamkeit und groszmuth gegen einander Schlosser
weltg. 8, 131; 'welche macht der erde dürfte ihnen befehlen, gegen einen andern so überlegte tücke zu üben?' Freytag
verl. handschrift 3, 246; sein beiszender witz, den er selbst gegen seine wohlthäter üben durfte Göthe 22, 116, 16
Weim. I@F@2@g@bβ) an jemanden: dô sprach diu jâmers rîche: iu sol verbieten got, und allen mînen vriunden, daʒ si deheinen spot an mir armer üeben
Nib. 1218, 3; nu sie haben an den herren allen mutwillen geübt, wie die reuber, mörder, diebe und schelcke, soll man erst eyn liedleyn von der barmhertzickeyt singen Luther 18, 388
Weim.; jhren hasz zu üben an den die des hasses wol werd weren 28, 159, 18
Weim.; weistu nicht, dasz der, welcher an einer schlangen barmhertzigkeit übet, den menschenkindern unbillich und beschwerlich fält Olearius
reisebeschreib. 97 (
persian. rosenthal); die tücke, die sie an den pilgern übten Tieck
schriften (1828) 1, 231. I@F@2@g@gγ) mit, wider, bei jemandem: darnach als sie yhren mutwillen mit dem pfarrer geubet hatten, fielen sie zu dem guten bruder Henrich eyn Luther 18, 238
Weim.; wöllen ir dann feintschafft zu ihm üben Murner
Luth. narr. 57
Scheible; list wider einen üben,
adoprar, usar qualche malizia, imganno contre alcuno Kramer (1678) 1065
b; ein herr, der unbilligkeit bey seinen unterthanen übet, wird auch den, der sonst sein freund war, zur zeit des unglücks zum feinde haben Olearius
reisebeschr. 8 (
persian. rosenth.); wie diesem wechter ist geschehn, must selber ins gefengnüs gehn, do er barmhertzigkeit wolt ubn, bey Clawert dem verschlagen bubn B. Krüger
Clawerts werckl. hist. 62
neudr. I@F@2@hh) ritterschaft üben: andere so zu hof seyn, ritterschaft üben oder sonst nach hohen ehren streben
buch der liebe (1587)
titelblatt; geistlich umgedeutet: ritterschaft wider die feind des glaubens zuo üben war fornen dran Seb. Franck
chronikon Germ. (1538) 146; wer nun ... eine gute ritterschafft üben will, der muß sich auff geistliche wehr und harnisch rüsten Mathesius
Sarepta (1571) 94
a; darumb soll ein jeder zusehen, dasz er in diser welt eine gute ritterschaft übe, den glauben behalte und ein gut gewissen L. Sandrub
hist. u. poet. kurzweil 88
ndr. I@F@2@ii) ein amt üben: der graffe von Angfers mit grossen sinnen und weistum sein ampt übet Arigo
decam. 126, 23
Keller; drumb sol weltlich christlich gewalt yhr ampt üben frey unvorhyndert Luther 6, 409, 31
Weim. (
an den christl. adel); sie (
die göttl. meerkatzen) waren sehr leutselig und übten mit einer art ordnung und abhängigkeit ihre kleine waldpolizei Voss
antisymb. 137; boten des schicksals, ihr genien und erfinder, auf welcher nutzbar-gefährlichen höhe übet ihr euren göttlichen beruf! Herder 13, 373; ich kenne meine pflichten und übe sie Kotzebue 3, 40; (
dasz der römische statthalter) die oberaufsicht über die stadtverfassungen ... fortan genau so übte wie bisher der römische senat Mommsen
röm. gesch. 2, 48; er übte sogar aufsicht über das betragen des königs Börne 7, 144; dabei übten in allen städten die glaubensrichter eifrig ihr amt Döllinger
akadem. vorträge 1, 110; die functionen des reichsamts können nach meiner auffassung nur durch den bundesrath entweder direct oder durch delegation an einen jährlich zu wählenden ausschusz geübt werden Bismarck
gedank. u. erinner. 1, 48
volksausg.; zugleich schmeichelte er klug dem ... dünkel, er selber übe nur die einfache pflicht des schutzes Treitschke
d. gesch, 1, 232. I@F@2@kk) sitte, brauch üben: er uopte gerno allaʒ recht
Meregarto 58
in Müllenhof-Scherer denkmäler3 1, 95; einiges wurde sogar ihr zur seite auf den teppich gelegt, so dasz hier unbewuszt und gegen den sonstigen gebrauch von diesen einfachen leuten eine sitte alter völker geübt wurde G. Keller 2, 75;
[] christlich lagerten sich bacchanten-schaaren im thale, hinter die mauern versteckt, üben sie alten gebrauch Göthe 4, 122
Weim. I@F@2@ll) gericht, recht, strafe üben
u. ä., im prägnanten sinne aus der geistlichen und aus der rechtsprosa in die dichtersprache dringend und allgemein: selig, die da üben das gerichte und gerechtickeit Luther 10
3, 60, 17
Weim.; desgleichen sol auch kein mensch mit dem andern recht üben und straffen, on wer das ampt hat von gottes wegen 32, 421, 29
Weim.; an all den göttern Egyptens wil ich gericht üben
bibel verteutscht (
Zür. 1531)
2 Mos. 12, 12; die fürsprechen und andere die das gericht yben, die eim armen mann seine sach und recht verlängern
buch d. liebe 300, 4; handelst, was recht ist, und übst gericht und gerechtigkeyt, ein stündlein würt dir ewigen lohn drumb darreychen Seb. Franck
sprichwörter (1545) 1, 95
b; und keyner sein jagdrecht mit des anderen schaden üben solle Sebiz
feldbau (1579) 561; eine solche straffe zu üben, die einen schein der ehren nach sich führe B. Schupp
schrift. 557; nirgends aber sieht man weder gegen diese irrlehrer selbst, noch gegen ihre schüler strafen geübt, die denen gleich kämen, welche unsre länder verheeren Schiller 7, 194, 11; so übte herr Cyriacus sein geistliches recht A. Arnim 9, 149; in den curien ..., wo von jenen nur die familien, welche Tarquinius ... aufgenommen hatte, eine stimme geübt zu haben scheinen Niebuhr
röm. geschichte 1, 385; ihr habt ... das recht eines freien bürgers erworben und geübt, sich selbst eine verfassung, ein oberhaupt zu geben Görres
schrift. 2, 29; der übt schnelle justiz Bauernfeld 5, 105;
bildlich: so übte die ermüdung ihr recht A. Arnim 7, 86; nimm hin das blut, es ist für dich vergossen! nimm hin! der papst erzeigt dir diese gunst! im tode noch sollst du das höchste recht der könige, das priesterliche, üben! Schiller 12, 566 (
M. Stuart V 7); censur fordert und übt der mächtige Göthe 42
2, 193, 19
Weim. (
maximen u. refl.); teils hatte er ... hin und wieder historische kritik üben müssen D.
F. Strausz 3, 40 (
leben Jesu); die kritik kann nur geübt werden durch eine freie presse und durch parlamente im modernen sinne Bismarck
gedank. u. erinn. 2, 81
volksausg.; die kontrole über die ausfertigung und ausgabe der reichskassenscheine übt die reichsschulden-kommission
gesetz betr. die ausgabe von reichskassenscheinen § 7
abs. 2. I@F@2@mm) rache üben: die andern, die das schwerd on befelh selbs nemen und rache üben Luther 32, 387, 24
Weim.; sintemahl ... der könig zu Schweden .., seines alten feindes sich auf eine zeitlang zu entschlagen und an diesem newen ... rache zu üben begierig sich befand Chemnitz
schwed. krieg 1, 16, 2; hüte dich wohl, jemand zu beleidigen; denn die menschen versöhnen sich nicht, ohne vorher rache geübt zu haben Schlosser
weltgesch. 7, 191; der stadt drohte ... der siegreiche einzug einer schaar von verbannten aller stände, welche nicht nur ihr geraubtes eigenthum zurückverlangten, sondern auch rache für ihre langen leiden üben wollten Moltke
schr. u. denkw. 1, 182; die bürger fundt er all gutwillig, an dem keyser zu üben rach Hans Sachs 8, 429, 2
Keller; derhalben thu ich meine sach in dein (
gottes) gericht einstellen. ich weis, du wirst wol üben rach Ringwalt
handbüchlin B 1
a; o Jakaste! was geschehn ist, wurde klar, und was zu thun: deinen gatten, ich erschlug ihn; übe selbst die rache nun! Platen 2, 397 I@F@2@nn) einflusz, wirkung, macht, kraft, zwang üben: I@F@2@n@aα) wenn liebe übt ir craft Niclas von Wyle
translationen 32, 28; da übet er alle seine macht und krafft Luther 28, 132, 34
Weim.; von meinen jungen leuten dagegen kann ich nur erfreuliches melden, sie paszten zusammen und wenn sie sich auch nicht liebten, das dritte wesen übt seine vermittelnden kräfte Göthe IV 29, 198, 7
Weim.; die französische sprache ... übte einen einflusz, der von ihrem werth ... sehr verschieden war Humboldt
briefe an Welcker 25
anmerkung; während religion doch eine über uns selbst erhabne einwirkung
[] auf uns übt Bettine
Cl. Brentanos frühlingskranz 183; bei der macht, welche die phrase in Frankreich übt, war anzunehmen, dasz die militärischen rücksichten sich den politischen würden unterordnen müssen Moltke
schrift. u. denkw. 3, 71; Rom ... diese wunderbare stadt übt noch andern zauber als ihren geistlichen J. Grimm
kleine schriften 1, 71; 'o übt ihn nicht', sagte sie mit innig flehender stimme, 'o übt ihn nicht, den alten zauber, dessen gewalt ihr kennt und einst erprobtet gegen ein thörichtes mädchen' Stifter 1, 288; trotz der ungereimtheiten der komposition ... übt das stück einen eignen reiz Ludwig 5, 393; zum andern so miszfalt mir mehr, dasz jhr seit also frävel sehr und übt gewalt Fischart
flöhhaz 51
neudr.; man übt gewalt, man schindt und schabt, einer den andern jagt und plagt
Fischer-Tümpel evang. kirchenlied 1, 78; würde mich kein ohr vernehmen, müsst' es doch im herzen dröhnen; in verwandelter gestalt üb' ich grimmige gewalt Göthe 15, 309
Weim. (
Faust II); das jahr übt eine heiligende kraft Schiller 12, 217; weil auf mir, du dunkles auge, übe deine ganze macht Lenau 11
Barthel. I@F@2@n@bβ) bei, gegen, über, auf, an einem gewalt üben
u. ä.: darumb musz got grosse gewalt üben bey den lewthen, die nicht glewben, das got sey Luther 34
1, 16, 16
Weim.; Christus hat gesprochen und geordent, die bischoffe, welche itzt mehr eher, gut und gewalt haben, auch gegen ydermann üben und gebrauchen, denn weltliche könige und fürsten, sollen nicht alsso seyn 8, 502, 28
Weim.; ir wisst das die fürsten der leut herschent der iren: und die die merern seint, die übent den gewalt über sy
erste deutsche bibel Matth. 20, 25; die weltliche fürsten üben gewalt über yhr unterthan Luther 10
2, 154, 30
Weim.; je mehr der mon schwach ist desto unkräftiger auch dise ding auf dem erdboden sein, über welche sie jre würckung übet Sebiz
feldbau (1579) 324; beim bodenbau übt die form der arbeit den entscheidenden einflusz auf das herausbilden des nationalcharakters W. H. Riehl
die deutsche arbeit 75; noch immer übt die tragödie der Athener ihre macht auf die schaffenden der gegenwart Freytag 14, 123 (
technik d. dramas); wenn auch durch landtagsbeschlüsse ... die deutsche einheit nicht hergestellt werden konnte, so übte doch der liberalismus einen druck auf die fürsten Bismarck
ged. u. erinn. 2, 26
volksausg.; ist vereinbart dasz der versicherer die kriegsgefahr nicht übernimmt, so endet die gefahr für den versicherer mit dem zeitpunkt, in welchem die kriegsgefahr auf die reise einflusz zu üben beginnt
handelsgesetzbuch § 848; gleichwie aber die eltern an jhren kindern sie zur ehe zu zwingen, keinen gewalt und tyranney üben sollen, also sollen auch die kinder sich nicht widerspenstig erzeigen L. Sandrub
hist. u. poet. kurzweil 13
neudr; der verborgne reichthum der materialien, an den die menschliche natur ihre kräfte übt Gerstenberg
rezensionen 240, 35; der duft des bechers stieg auf und begann auch an mir sein zauberwerk zu üben Storm 1, 47; der zwang welchen gesunde vernunft und das eigene interesse überhaupt im menschlichen leben üben Moltke
schriften u. denkw. 7, 16. I@F@2@n@gγ)
vereinzelt bleibt der absolute gebrauch von üben
für '
einflusz nehmen': ich habe gestern ⅔ des Gutzkowschen Börne gelesen — gott weisz, es übte auf mein gehirn wie ein narkotischer trank
br. von Heine
an Laube 23. I@GG.
eine weiterentwicklung des begriffes ergab sich dadurch, dasz zu dem begriffskreis '
in bewegung setzen'
die nebenbedeutung der iteration oder der dauer hinzukam und so der thätigkeit der begriff des gewohnheitsmäszigen gegeben wurde. die grenze gegen A—F
ist nicht immer scharf, schon die beiden alten sonderwendungen '
landbau treiben'
und '
feiern'
sind in einzelnen fällen durativ-iterativ aufzufassen, so wenn Notker
zu ps. 80, 4 (
canite initio mensis)
bemerkt: daz uobent noh carnaliter iudei.
zahlreicher werden sichere belege für diese secundäre bedeutungsentwicklung erst vom 15.
jahrhundert ab. [] I@G@11) üben, treyben oder pflegen,
exercere, exercitare voc. theut. (1482)
hh VI
a;
usitare Diefenbach
gloss. 630
c;
versari in alqa re Maaler 413;
factitare Dentzler 289
b;
frequenter facere Frisch 2, 397
b; kopmanne de hir in dem lande de reise oven
quelle bei Schiller-Lübben
a. a. o. I@G@22) bey dem du teglich ursach gnug hast solche vergebung zu üben Luther 32, 424, 32
Weim.; das jetz sy in ruw besitzen schier den halben theil der wält und on straff alle laster üben Eberlin von Günzburg
schr. 1, 169
neudr.; an örten, da das zuotringken vor alter here geübet, und überhandt genummen hatt Schwartzenberg
teutsch Cicero 82; von kayserlichen kriegszrechten ..., welcher art, sitten, herkommen und gebrauch, under und bey regierung des ... keysers Caroli des fünfften ... geübet und gebraucht Fronsperger
kriegsbuch 1
a titel; ein gelehrter kommentar seze die sachkenntnisse voraus und übe die worterklärung Voss
antisymb. 2, 61; die herren übten den brauch, ihre gewohnheiten ... auf die wände ihrer gebäulichkeiten malen zu lassen Keller 6, 161; drei stände des mittelalters üben nacheinander kunstgerecht die poesie W. H. Riehl
deutsche arbeit 26; er ist etwas roh, übt verletzende und herausfordernde rede Scherer
litteraturgesch. 140; so wurde es seit menschengedenken geübt Polenz
Grabenhäger 1, 178; wie wirt daz evangelium voracht, wie übt der bapst eyn unvorschampten bracht Hutten 3, 456; loben ist noch weit nicht lieben, ehr-wort ist kein wahr-wort nicht; compliment macht keine pflicht, ist bey hof ein höflich üben Logau
sinnged. 660
Eitner; wer, wie du, nichts übte zu bereuen Dusch
vermischte werke (1754) 362; was Epictet gethan und Seneca geschrieben sieht man hier (
i. d. Alpen) ... ungezwungen üben Haller
ged. 23; diesz ist blosz eures hirnes ausgeburt; in dieser wesenlosen schöpfung ist verzückung sehr geübt
Shakespeare 3, 277. I@HH.
die durativ-iterative verwendung führte weiter zu '
gewöhnen, ausbilden, vervollkommen',
d. i. durch dauernde und wiederholte thätigkeit geschickt machen. I@H@11)
mit acc. der person: einen etwarin üben und redlich brauchen
alqm in alqo studio exercere Maaler
a. a. o.; exercitator der einen übet Garthius 243
b; einen in waffen üben
essercitar' uno nelle armi, v. trillen Kramer (1678) 1065
b; die soldaten im gebrauch der waffen üben, einen knaben im stylo üben Ludwig
teutsch-engl. wb. 1780. I@H@1@aa) machten weidenflöten und holderpfeifen, stelten den kautzen auf den kloben, führten einander auf dem schlitten den berg auf und ab, vogelten und übten ein jungen sperwer
Garg. 304, 14; indem wir die kinder üben, töne ... mit zeichen auf die tafel schreiben zu lernen Göthe 24, 235, 23
Weim.; Süvern übte seine kompagnie Arndt
werke 1, 184; seine clavierstücke üben die faust ungemein Dan. Schubart
ästhetik der tonkunst 208; mit süszen wörter-schall, wie man sie (
d. hunde) pflegt zu üben Täntzer
jagtgeh. 1, 2; verfolgung, neid und hasz, der tugend gegen-horden, die haben dich geübt, gewitzigt und gewiegt Besser
schriften (1732) 1, 64. I@H@1@bb) in etwas jemanden üben: und ist auch billich, das man die jugent in vielen sprachen übe, wer weys, wie gott ihr mit der zeyt brauchen wird Luther 19, 74
Weim.; Siegfried aber und Gotthart ... blieben die erndtezeit über bey Eckarth, der sie ... in allerhand exercitiis fleiszig übete
mediz. maulaffe (1719) 115; es ist so, wie eine wölfin ein lamm fängt, fein lebendig zur höhle heim trägt, daran ihr junges im würgen zu üben maler Müller 3, 134; unter anderm versammelte er einen haufe ... leute ..., übte sie in den waffen
M. J. Schmidt
gesch. d. Deutschen 2, 20; die jungfern, die so wol im lieben sind geübt, die übt man zwar noch mehr, nur, dasz man sie nicht liebt Logau
sinnged. 286
Eitner. [] zu
oder an etwas jemanden üben =
gewöhnen: das beste weib hat seltsame launen und taumelt unter grillen und thorheiten herum, wenn sie nicht zum gehorsam geübt wird
erzähler des 18.
jahrh. 1
Fürst; und der wunsch übt in beschwerden ans gebisz den stolzen mund Grillparzer 1, 34. I@H@22)
eine fähigkeit etc. ausbilden, entwickeln: jünglinge deren gefühl ... man zu üben und zu verfeinern wünscht Eschenburg
entwurf vorr. 2; die Rhone und Saone üben der einwohner (
von Lyon) erfindsamkeit im wasser- und brückenbau Heinse 7, 53; nichts übt so sehr das nachdenken Göthe 40, 230, 19
Weim.; von einer andern seite weisz ich auch wieder keine beschäftigung welche die geisteskräfte mehr schärfte und übte Forster 8, 43; die mannschaft übte mit mütze, seitengewehr und patronentasche ausgerüstet in den zimmern unter aufsicht der unteroffiziere griffe und wendungen Stratz
dienst 23; groszmutter hat gesagt, wir sollten einmal die menuet wieder mit einander üben Storm 1, 64; männer, hart von faust, die in Athen hier ein gewerbe treiben, die nie den geist zur arbeit noch geübt A. W. Schlegel
Shakespeare 1, 270. I@H@33)
der reflexiven verwendung (
s. u.)
nähert sich der gebrauch in folgenden belegen: überhaupt sollten alle junge violinisten den kleinen finger fleiszig üben Quantz
anweisung die flöte zu spielen (1789) 205; so üben sie (
die kinder) zugleich hand, ohr und auge Göthe 24, 235, 27
Weim.; hingegen sollen wir unsern verstand ... in deutlichen begreifungen üben Leibniz
deutsche schriften 2, 38; ich musz daher wünschen, dasz diejenigen, welche ... nicht gewohnt sind durch das prisma zu sehen zuerst ihr auge daran üben Göthe II 5
1, 19, 16 (
chromatik); so dachte sie und übte ihr herz allmählich in dem versuche mit standhaftem muthe das opfer zu vollbringen Pfeffel
pros. vers. (1810) 3, 61; jud Mathia, die weil du jung, solt weiszheit lehren und dein zung üben zu der wolredenheit
Endinger judenspiel 30
neudr.; dann übt der jüngling streitend seine kräfte Göthe 10, 116, 300
Weim. (
Tasso); zwei jahr' an deinem siegeswagen hab' ich den hals im joch geübt Strachwitz
gedichte (1850) 213. I@H@44)
passiv: und als er bekennet das end sines lebens nahet sin, begeret er die selben sine kind in dem ackerbuw wol geübt werden Steinhöwel
Äsop 259; die erste stunde nach mittag teglich sollen die kinder in der musica geübet werden, alle, klein und gros Luther 26, 237
Weim.; auf diese weise wurden alle Sachsen zu den waffen geübt Haller
Alfred (1773) 69, 4; ich trat nun an wie ein rekrut, der geübt wird Chamisso 4, 314; durch unglück und noth werden unsere kräfte geübt, dasz wir gott nicht vergessen Arndt
schriften für u. an s. l. Deutschen 1, 252. I@H@55) geübt
exercitatus, periclitatus Henisch (1588) 61, Maaler
a. a. o.; erfahren,
ἀσκηθής Garthius 243
a;
versatus in alqua re, assuefactus Stieler 65;
crebra exercitatione habitum consecutus Frisch 397
b;
in adjectivischer function ganz allgemein vgl. oben th. 4,
sp. 4614
f., z. b.: denn das junge und grobe volck mus man anders zihen und weisen weder die verstendigen und geübten leute Luther 26, 216
Weim.; das Reynhart ein geübter kriegszman wer
Aimon o; die declamation eines vorzüglich geübten schauspielers Göthe IV 42, 29, 21
Weim.; derselbe, ein trefflicher beobachter, geübter zeichner IV 35, 28, 25; dasz es auch dem geübtesten auge schwer fiel, das erlernte von dem natürlichen zu unterscheiden Klinger
werke 3, 126; schmiede, weinschröter, zimmerleute, männer mit geübten fäusten Göthe 8, 121, 13
Weim.; disz merkte Jonadab, ein mann geübter zungen Rachel
satyr. ged. 96
neudr. prädicativ: nicht ein jeglicher wird zur zeit der noth sich männlich halten: der geübet, mit dem pfeil auff ein haar zu schieszen, wird den harnisch eines starcken nicht durchlöchern Olearius
reisebeschr. 86; aber er, nicht geübt auf einem beine zu stehen, fängt an zu
[] wanken Göthe 7, 195 16,
Weim.; wer nicht sehr geübt ist, weisz sich nicht zu finden IV 8, 98, 7
Weim.; gar mancher ist vielleicht dermassen wol geübet, dasz ... er dichten kann und schreiben, was er will Rompler von Löwenhalt
reimged. 80.
deutlich fühlbar bleibt die verbale natur in wendungen wie: die klosterleute sind darzu geübt und haben ir ordnung, wie man sich halten soll bey den sterbenden menschen Kaisersberg
pred. 83
b; o son, ich bin umb dich betrübt, zu keinem kampf bist du geübt Hans Sachs 8, 521, 36
Keller; man mich auch für ein kleynen musicum und solcher kunst geübten wiewol unwirdig achtet
M. Agricola
musica instrumentalis 7; die alten hendler, die solcher bubenstück geübt sein Agricola
sprichw. 228; darumb das er in bürgerlichen rechten gelert und geübt was Schwartzenberg
teutsch Cicero 66; der in dem laster so sehr geübte Klinger
neues theater 1, 206 (
Roderico 4, 3); allein zu lange schon darin geübt, sich jene schmerzlichen erinnerungen fern zu halten Mörike 3, 44 (
maler Nolten); wie treflich diser herr, schon alt von witz und jahren, in allen dingen schier geübet und erfahren, zwo königreich und so viel länder hat regiert Rist
Parnasz A 3
b; (
sie) haben eyn hertz, das durchtrieben ist im geytz und sonderlich darauf geübt Luther 14, 54, 29
Weim.; in den nonnenklöstern führen, auf das spiel jeder art der instrumente geübt, die nonnen ihre musiken selber auf H. Kleist 3, 378.
attributiv bei abstr.: als geschriben steet das aufrecht christen durch gewonheyt haben söllen geübt sinn zuo erkennen guots und pösz Berthold von Chiemsee
theologey 15; es ist diese rede ein zeugnisz eines aufgeweckten und in allen stücken geübten verstandes Liscow
schriften 752; ein geübter geschmack allein wird nicht überall ausreichen Göthe 46, 81, 20
Weim.; und keines irrthums trüber schein kann dein geübtes urtheil stören Gottsched
ged. 153.
adverbiell: dasz ausz ihrem quell die heiligen bücher reiner und geübter als zuvor geschöpft und getruncken werden Opitz 4, 7. I@H@66)
auch in der bedeutung '
gewöhnen an, ausbilden für etwas'
verbindet sich üben
mit dem acc. eines subst. act., oder eines concretums, das für ein verbalsubst. steht: er ritt mit seinem adjutanten weit hinaus, wo seine soldaten ... felddienst übten Freytag
handschr. 2, 349;
besonders ein musikstück, ein instrument üben
für einüben: acht tage vorher probirten wir täglich zwei stunden ... und bliesen bei tafel die geübten motetten Göthe 43, 61, 7
Weim.; häufiger ist die reflexivconstruction, s. u. II 2. I@H@77)
in der umgangssprache auch absolut gebraucht, wo sich das subst. act. aus der situation oder dem zusammenhange ergänzen läszt, z. b.: er übt beim x
ten regiment
für '
er leistet seine waffenübung ...'
oder er übt
für '
er übt sich am klavier, auf der geige etc.': morgens vor und abends nach meinen unterrichtsstunden sasz ich eifrig übend am clavier Storm 10, 29; bis dem sextaner einfällt, dasz er jetzt, vor tisch, noch ein wenig üben und sein geliebtes Mendelssohnsches 'lied ohne worte' zusammenbringen kann Franz Breda
im frey-haus (
tägl. rundsch. 1901
unterhaltungsbeilage 685
a); ich übe minimum 4 stunden täglich H. Bülow
br. u. schr. 5, 408. IIII.
reflexiv. II@AA.
sich in bewegung und thätigkeit setzen, sich rühren, von personen und thieren: II@A@11) die hant stiez er (
Julianus) im (
dem götzenbilde) in den munt dar, darinne uobte sich der vâlant: er clamte im die hant und gehabet in sô vaste daz er sich mit nihte relôsen mahte
kaiserchron. 10 782
Schröder; sich so fast in seinem schlaff übet, das er davon erwachet Wickram 1, 307, 25.
seit dem 16.
jahrhundert in der bedeutung '
sich durch bewegung oder geräusch bemerkbar [] machen'
nur noch in einzelnen dialecten üblich: die katze übet sich, sie maut Estor
teutsche rechtsgelahrtheit (1767) 3, 1421; der soldat so auf schildwacht gestanden, hat gerufen 'wer da?', es habe sich aber niemand geübet
quelle bei Vilmar 419; solte keiner hie seyn der ein schäntzge (
würfelspiel) mit mir wagte umb ein halb bier? es übet sich keiner Crecelius 2, 830; wann ich mich üben dürfte, ich spräche ...
ebenda; von spukerscheinungen Staub-Tobler
a. a. o. II@BB.
sich in bewegung, in thätigkeit setzen mit zweckabsicht, sich plagen, sich abmühen. II@B@11) früh übt sich, was ein meister werden will Schiller
Wilhelm Tell 1481; und unterdesz hatten sich die edlen ritter und die löwin so sehr geübet dasz sie den übrigen theil der heyden auch erleget hatten
buch d. liebe (1587) 29
a; Roland nam den stein, nötet und übet sich gar fast und warf dem Ponto für
ebd. 33
c; zeig ihm an mein gebot hiebey, nemlich das er vom krieg absteh, dem feind nicht mehr entgegen geh, so lang fürst Agamemnon theur sich also übet ungeheur Spreng
Ilias 114
b, XI; ist's Momus der in städtischen gewühlen, ein satyr, der im feld sich üben mag? Göthe 16, 211
Weim. II@B@22)
von geistiger beschäftigung: sich befleiszigen, fleisz darauf legen Emmelius N n 7
a; ein pfarrher oder prediger sol studirn und unter allerley bücher sich üben, so gibt jm gott auch verstand Luther
randbemerkung z. Jesus Syrach 39, 1
Bindseil; die wyl sie sich übent ain krankhait ze vertryben, so machent sie zehen Stainhöwel
speculum vit. hum. 334, 12; die sich als mitler zwischen der stat und dem rat geübt hatten
städtechr. (1488) 3, 154, 11; der bapst Bonifacius übet sich hoch, ob er möcht Albertum vom reich stoszen Seb. Franck
chron. Germ. (1538) 192; Carolus übet sich träffenlich, die eydgenossen mit h. Albrecht von Oesterreich zu befridigen Stumpf
Schwytzerchron. (1606) 103
b; wir müssend uns des allweg üben, dasz wir gewünnend land und lüt
N. Manuel 68
Bächtold; thu nicht, das dich hernach betrüb, und wol zu thun, dich stetes üb B. Waldis
Esopus 1, 13. II@B@33) sich üben in etwas: sich üben, dummelen,
nervos in aliqua re adhibere Henisch 765;
versari in aliqua re, operam ponere in exercitatione multum esse in re aliqua Frisch
deutsch-lat. wb. (1741) 397
c. II@B@3@aa) darumb dur dich selber nit, dich zu üben im gottes weg Geiler
bilgersch. (1512) C I
c; heilsame wisheit unde gudt verstandt werden kriegen, de sick in gades willen övent Rotmann
restitution 21
neudr.; den (
Christum) fasset wol und übet euch wol in im Luther 34
2, 375, 25
Weim.; in den stetten solten sie mit einander convent und gastung halten und im frid sich üben Seb. Franck
chron. Germ. 86; der kaufmann, der gute perlen sucht, bedeut den menschen, der sich lang im gesetz und den propheten geübet und hart umb seine seligkeit bekümmert hat Heyden
Plinius (1565) 377; und in seinem gsatz übet er sich tag und nacht
Zürcher bibel (1531)
psalm 1
a; wohl denen, die vor gott stets ohne wandel seyn, und die sich im gesetz des herren täglich üben B. Schmolcke
trost- u. geistr. schr. 1, 990; lieben jünger ... in meinen gepottn thuet euch üben
altd. passionssp. 377
Wackernell. II@B@3@bb) do er mit weistum ein redlichs leben füret, und sich übet und prauchet in grossen gescheften Arigo
decam. 73, 3; wann ich aber eyn aufmerckung hab, ... wie weislich, mit was vortheyl unnd hoher vernunft Scipio sein anschlag gemacht, wie mannlich und ritterlich er den nachkommen und die mit werken volstreckt und vollendet hat, das dienet eynem jeden, der sich in ritterlichen oder weltlichen sachen üben soll und musz Carbach
Livius 1; die personen so sich üben in diser comedien Boltz
Terenz deutsch (1539) 2
a; es hat sich zwischen diser zeit gar ernstlich geübet der obgenant
[] abt Ulrich zu Kaisershaim in seinem befolchen ampt, dasz gotteshausz an personen, gut, gebeu und anderm wol gepessert und gemeret Knebel
chronik von Kaisheim 17; worüber er dermassen entzückt schien, dass er sich allbereit in verliebten minen übte Ziegler
asiat. Banise 83; unterdessen wollen wir uns in der geduld üben bis sie kommen Schubart
bei Strausz 1, 24; also wer sich in untrew übt und manich mutterhertz betrübt
meisterl. f. 23
nr. 233; wo sich ein mensch in leidt thut üben sol man in weiter nicht betrüben Hans Sachs 14, 23
Götze; wir übten, nach der götter lehre, uns durch viel jahre im verzeihn: doch endlich drückt des joches schwere, und abgeschüttelt will es sein H. Kleist 2, 433 (
Hermannsschl. V 14). II@B@44) sich üben mit etwas:
facite i. e. danckt und ubet euch mit der eusserlichen heilickeit,
i. e. facite bona opera Luther 27, 303, 19
Weim.; und leret ettlich sonderliche werck damit sie sich üben und blewen sollen 18, 214, 4
Weim.; die ruderer sassen auf beyden seiten und übten sich indessen mit vielen hin- und wiederfahren biss zu des käysers ankunft Ziegler
asiat. Banise 248; Apollo und sein liebling Hyacinthus übten sich mit der wurfscheibe Ramler
fabellese 3, 243; der winter wärmet uns das blut, indem wir uns mit arbeit üben Weckherlin 2, 393; sich üben dort mit schwimmen viel in schnee gefärbte schwanen Spee
trutzn. (1649) 124, 18, 5. II@B@55) an etwas sich üben: daz si sich denne werdent üebende an allen guoten werchen Grieshaber
pred. 2, 40; wann er niemand hat zu äffen, so übt er sich an mir Harsdörffer
frauenzimmergesprechspiele 5, 157; wenn der magen tüchtig denkt, und sich an speisen übt, und immer neue fordert, ... so steht der kopf unter der vormundschaft Tieck 5, 49 (
Blaubart II 1); und fand ... an vielen orten der stadt noch mehr alterthümer, an denen ich mich, sobald ich in der werkstatt frei hatte, beständig übte Göthe 43, 34, 2
Weim.; igel sollen die nachtzeit durch, wo sie sich rühren dürfen, an dir sich üben, zwicken soll dich's dicht wie honigzellen
Shakespeare 3, 31; die nationalschuld, die commerz-traktaten ... waren dies jahr die hauptgegenstände, an denen sich die rüstigen controversfedern übten Forster 6, 22; und übe, dem knaben gleich, der disteln köpft, an eichen dich und bergeshöhn Göthe 2, 76, 3
Weim. II@B@66)
im 16.
jahrh. auch mit gen. object: und wenn eur majestät lust hett, sich eines kampfs mit mir zu üben Ayrer 2, 1371, 20 (
Valentin u. Ursus II); also werden sy auferzogen, seind gemeynklich gute springer, dann sy üben sich von jugent auf in dem sand umbbürtzlende laufens und springens Seb. Franck
weltbuch 202
b. II@B@77) zu, nach etwas sich üben: ain aufrechter christ übet sich stäts zu guoten werchen, auf das er allzeyt gerechter werde Berthold von Chiemsee
theologey 36; ich wil mich üben nach dem soldan, das er mein gefangner würdt
Octavian 1. II@CC.
bei unpersönlichem subject, das oft das ergebnis der handlung darstellt: '
in erscheinung treten, geschehen'.
schon mhd.: vil maneger frouwen ungemach sich uobte, diu noch slâfes pflag Biterolf 9665; von gotes gebot begunde sich trüben daz mer, und die winde so starche üben, daz daz schiffel mit wazzer was nahen bedaht
biblische bilder in z. f. d. alt. 23, 369
v. 321; in viertzig tagen ist es zeit, das im dann got das leben geit, und wirt der gaist in im entzünt, das sein die fraw dann wol empfindt, so sich das leben by ir übt, dardurch ir hertz wirt oft betrübt Hätzlerin
liederbuch 287;
[] ob unfal ie wil üben sich, das ich mein schatz musz meiden den ich erwelt hab stetiglich, das musz ich ye doch leiden Forster
frische teutsche liedlein 44
neudr.; Vlysses thet auf seinen mund, sprach: Agamemnon dir sey kundt, das noch Achilles ist betrübt, bey ihm sich rach und zoren übt Spreng
Ilias (1610) 123
a IX; diser sterbe (
das hinsterben der pestkranken) übet sich in sölcher masse, das es sich oft begabe Arigo
decam. 7, 10; auch vil der turkischen tiranney, die sich dieser zeit sonderlich beschwerlich wider die christenheit übet
quelle (1522)
bei Diefenbach-Wülcker 879; was wer das für ein glaub, wann ich hin gieng und het keyn zappeln noch zagen im hertzen, da durch sich der glawb üben solt? Luther 12, 499, 28
Weim.; damit fieng sich der krieg an auch auf dem wasser üben Stumpf
Schwytzerchron. (1606) 735
a.
in der neueren sprache nur in beschränkter verwendung: thätigkeit kann sich zur noth auch in gedanken als vorbereitung zum handeln üben Pückler
briefwechsel u. tageb. 2, 328; hier kann sich nun critik der sage üben J. Grimm
kleine schriften 2, 73; während der orient von grossen völkerstürmen ... durchaus umgewälzt worden, hatte es hier zwar wohl immer kriege gegeben, in denen die kräfte sich regten und übten Ranke 1, 155 (
dtsch. gesch. i. zeitalt. d. ref.) II@DD.
sich geschickt machen, sich vervollkommnen, wie in den trans. wendungen aus der nebenbedeutung der dauer oder iteration erwachsen; in der neueren sprache ganz allgemein: II@D@11) Sokrates sagt: jünglinge müssen sich belehren lassen, männer sich üben richtig zu handeln Bode
Mich. Montaignes ged. u. mein. 2, 184; ja, wenn man sich geübt hat, so lassen sich die beiden entgegengesetzten farben zugleich erblicken Göthe II 1, 19 (
farbenlehre); weil sie glaubte, dasz alle neigungen überwunden werden müszten, so übte sie sich so lange, bis sie ... Jung Stilling 6, 16; in anwartschaft seines höheren amtes übte er sich, als sämann den göttlichen samen in wohlberechneten würfen auszustreuen und das böse in gestalt von wirklichem unkraut auszujäten Keller 1, 17; ich sprach sogar laut, wie ein sich übender prediger H. Hesse
diesseits 102; wir spotten nur der dummen list des ceremoniells, ... das, in gestalt und tracht dem wohlstand nachzuahmen, oft, doch mit schlechtem glück, sich vor dem spiegel übt Ebert
episteln u. vermischte ged. (1789) 57; übten sie sich dann daneben, auch von sonnenschein und regen, wie die pflanzen ganz zu leben Rückert 1, 241. II@D@22) in etwas sich üben:
wer sich etwas angewöhnt,
wiederholt eine und dieselbe sache sehr oft, aber weder nach regeln, noch zu einem bestimmten zwecke; wer sich worin übt,
der wiederholt eine und dieselbe handlung nach regeln und zu einem bestimmten zwecke Delbrück (1796) 42; er soll sich lange zeit hindurch vor dem spiegel in seiner ehrwürdigen magistratsmiene geübt haben Rabener 2, 282; um mich nun hierin zu üben, zeichne ich mir oft portraits von menschen nach meinem ideale auf Knigge
roman meines lebens (1781) 2, 29; obgleich ich mich schon ... im knotenlösen so geübt hatte, dasz mir so leicht nichts zu sehr verknüpft war Hippel
lebensläufe (1778) 1, 99; (
Philine) begegnete ihm mit einer gewissen anständigen freimüthigkeit, in der sie sich bisher geübt hatte Göthe 21, 303, 26
Weim.; comödiä grossen nutzen haben, darin sich üben junge knaben in lernen, reden und auszsprechen Gilhusius
grammatica (1597)
prol. 10; II@D@33) auf oder zu etwas sich üben: er starb wie einer, der sich auf den tod geübt, und warf das liebste, was er hatte, von sich, als wär's unnützer tand
Shakespeare 9, 286 (
Macbeth I 4);
[] besuche mich recht oft, mein alter freund, des abends so, wenn du nichts mehr zu thun, da wollen wir uns dann auf lieder üben Tieck 2, 161 (
Genoveva); das die menschen nit auf einen tag säufer werden, sonder so sie ... zur gewonheit des saufens sich üben Ambach
vom zusauffen E III
a (
Augustin 5, 2306
Migne sermo 294, 7); übe dich zur gottseligkeit,
exercise thy self unto godlines Ludwig
teutsch-engl. wb. (1765) 1780; übe dich zum tüchtigen violinisten Göthe 24, 50, 28
Weim.; die jugendliche stirn übt sich zu finsterm grimme Cronegk
schrift. 2, 109 (
das glück der thoren); du übest dich früh zu deinen gefahren Herder 26, 79; II@EE.
als landschaftlich übliche sonderbedeutung ist anzumerken: sich üben
soll man nach Bergm. anzeige, von personen sagen die sich lieben Hupel
idioticon (1795) 243. IIIIII.
der substantivierte inf. findet sich nur in der bedeutung '
einüben'
häufiger, in der ursprünglichen bedeutungssphäre selten: dis schiff fert in disem sorglichen wütenden mere diser engstlichen welte. die alwege in ainem üben und wüten ist Tauler
sermones 110
b; hertzlich hassen, mündlich lieben, ist der menschen meistes üben Logau
sinnged. 655
Eitner. IVIV.
das part. praes. in attributiver function: ein übend leben,
vita activa, bei den mystikern wiederholt z. b.: durch Martham würt verstanden das übend oder würckend leben und durch Mariam Magdalenam das schowend leben. was ist, sprichst du, ein übend oder würckend leben und worinn stot es? ich antwurt kurtz: es stot in übung der sechs werck der barmhertzigkeit Keisersberg
post. 4, 17
b; das schauwend leben übertrift das übend
pred. 28
a;
ähnlich: welch ein früh wissendes und spät übendes geschöpf ist doch der mensch! Göthe 31, 56, 10
Weim.; dasz aber euch des höchsten hand noch ewer land nicht wider geben sondern will euch in frembdem land noch länger übend lassen leben Weckherlin 2, 236. fröhlich folg' ich dem heer' in übende waffengefilde Salis
gedichte (1793) 86.