strenge,
f. ,
eigenschaftsbezeichnung auf -in-
zum adj. streng (
s. d. die weitere verwandtschaft).
ahd. strengī,
mhd. nhd. strenge;
as. strengi (
in meginstrengi
Heliand C 4354),
dazu die neubildung strengia (
in meginstrengiu
Heliand M 4354,
wenn nicht mit Sievers
PBB 5 [1878] 147
das ungewöhnliche -u
im nom. sg. des jō-
stammes als schreibfehler angesehen werden musz).
hiermit konkurriert eine bildungsweise auf -iþa,
die zwar ahd. nur einmal begegnet: strengida '
fortitudo'
Tatian 128, 4,
doch im ae. üblich geworden ist: strengu, strengð (
mit synkope der mittelsilbe und endung -u
bzw. endungslos),
ne. strength;
vgl. ferner ostfries. strengte Doornkaat Koolman 3, 335
b.
im mhd. erhält das wort einen weitaus schärferen konkurrenten in der abstraktbildung strengheit
bzw. strengigkeit (
s. d.),
die im mnd. (strengicheit, strenkheit),
nl. (strengheid),
dän. (strenghed)
sowie im schwed. (stränghet)
allein üblich ist. strengheit, strengigkeit
vermag bis ins 17.
jh. hinein den gebrauch von strenge
stark einzuschränken (
s. u.). —
den maa. ist das wort, wie viele abstracta, fremd. obd. hält sich zuweilen das volle -i
der endung, vgl. strengj Boner
Herodot (1535) 28
b,
und schweizerdeutsches strengi
schweiz. id. 11, 2306;
vereinzelt steht strengin (
dat. sg.) Paracelsus
chirurg. bücher u. schr. (1618) 202.
einen plural kennt das wort nicht, die folgende verwendung bei Arndt (
im sinne von '
harte anforderungen')
ist einmalig und ungewöhnlich: der rüstige, damals noch in der fülle der kraft blühende vater mutete uns mit recht die übungen und arbeiten zu, welche er hatte durchgehen müssen; er sah es überhaupt gern, wenn wir aus eignem triebe oder im wackern wettkampf uns strengen und härten auflegten, die er eben nicht befohlen hatte
s. w. (1892) 1, 48
R.-M. —
zu vereinzelten umlautlosen formen vgl. das adj. streng.
in bedeutung und gebrauch schlieszt sich das wort zunächst der entwicklung des adjektivs an, doch wird seine verbreitung im spätmhd. und älteren nhd. erheblich durch das aufkommende strengigkeit
eingeschränkt, das die substantivierung aller auf das menschliche verhalten bezogenen bedeutungen des adjektivs fast völlig an sich zieht (
vgl. strengigkeit 1, 2, 5
und 6).
nach dem versiegen seiner ausgangsbedeutung '
stärke, macht, festigkeit' (A 1 —
im frühnhd. durch strengigkeit 2 '
tapferkeit, tatkraft'
fortgesetzt)
verbleiben dem worte daher in diesem zeitraum hauptsächlich die bedeutungen '
acerbitas' (B 1), '
rapiditas' (
von flieszenden gewässern, B 2)
und '
härte, schärfe, rauheit' (
von kälte und witterung, B 3)
sowie einige sporadisch an den gebrauch des adjektivs anknüpfende verwendungen (B 4).
während strengigkeit
in der bedeutung '
härte, unerbittlichkeit, rauheit' (
s. d. 6)
den älteren wortsinn von streng '
severus' (
s. d. III A)
wiedergibt, folgt strenge
dem sich herausbildenden modernen sinngehalt des adjektivs und bezeichnet eine auf die beobachtung von verhaltensregeln dringende haltung der entschiedenen festigkeit (C).
in dieser bedeutung gewinnt es seit dem schwinden von strengigkeit
im jüngeren nhd. seine gröszte verbreitung. AA.
stärke, tapferkeit (
zu streng I). A@11)
ahd. strengi
begegnet nur in glossen (
daneben im Tatian einmal strengida,
s. o.).
für '
kraft, stärke'
: robor strengi (
R.),
robore krefti (
Ra.)
ahd. gl. 1, 241, 38
St.-S.; robor strengin (
robur fortitudo, corp. gloss. Lat. 4, 563, 17)
ebda 4, 18, 13. '
stärke, standhaftigkeit, festigkeit'
: munia (=
mœnia)
edificia uel firmitas festinot cymbrumka edho strenki (
K.) 1, 207, 39;
tenacitas firmitas einstriti strengi (
K.) 1, 258, 3;
firmitas fortitudo fasti strengi (
Pa.) 1, 158, 11.
bes. für die stärke, die macht gottes: Ezechiel (
hebr. eigenname mit der bedeutung '
stärke gottes',
s. Sleumer
liturg. lex. [1916] 124
b)
fortitudo dei rachenteo strangi cotes (
Pa.), strenki kotes (
K.) 1, 136, 39;
Ozia (
Ozias, hebr. eigenname mit der bedeutung '
stärke des herrn',
s. Sleumer 228
b)
fortitudo dei strenki kotes (
K.) 1, 223, 13.
so wohl auch in einer spätmhd. stelle: der oben swebt und niden hebt dir vor und hinden, neben strebt und ewig lebt, ie was an anevange, der alt, der jung und der von sprung trilitz gevasst in ainlitz zung an misshellung mit unbegriffner strange Oswald v. Wolkenstein 90, 6
Schatz. A@22)
nur lexikalisch findet sich strenge
im älteren nhd. als synonym zu tapferkeit: handueste, strenge, dapfferkeit, beringe Frisius
dict. (1556) 1246
b s. v. strenuitas; strenuität die tapferkeit, strenge Spanutius (1720) 452; strenge, strengheit, dapfferkeit
fortitudo, magnanimitas Aler
dict. (1727) 1853
a. A@33)
die wendung seiner streng
bzw. (
in der anrede) euer streng
als wenig gebräuchliche (
bei Metcalf
forms of address in German [
St. Louis 1938]
nicht verzeichnete)
formel der titulierung zunächst adliger, dann überhaupt hochstehender personen schlieszt sich an die gebrauchsweise des adj. (I A 3)
an; sie ist ferner beeinfluszt durch andere, ähnliche formeln wie euer gestreng(en) (
teil 4, 1, 2,
sp. 4254)
und vor allem durch häufigeres euer gnade(n) (
teil 4, 1, 5,
sp. 554
ff.), euer liebde(n) (
teil 6,
sp. 916),
an die sich auch die erst spät auftauchende vollere form euer strengen
angelehnt haben mag: die knecht haben seiner streng ettlichs dinglich von Amrang gen Landshut gefürt
Altenhohenauer rechn. v. 1514
Cgm. 697,
f. 162
bei Schmeller-Fr.
bayer. 2, 816; itzt kompt er gleich; ich wil es wagen, sein streng nach meinen eltern fragen (1545) Hans Sachs 8, 341
lit. ver.; ich danck ewr streng, welche ir leben für mich habt in gefahr gegeben (1551)
ebda 8, 314; wolledl gestrenger richter und gebietender herr, die weilen eur streng mich des rechtens fragen, so wille ich zu recht sprechen (17.
jh.)
österr. weist. 1, 10; bittent derohalben des herrn streng wolle uns als arme undertanen noch bei der alten gerechtigkeit bleiben lassen, so wollen wür in alweg des herrn streng ganz undertenigen gehorsamb in allerding erzaigen und laisten (17.
jh.)
ebda 10, 136; der koch habe ein tieffen reverentz gemacht und gesagt: gott dancke e. strengk Schupp
schr. (1663) 109; eur strengen! darf erzherzogliche durchlaucht gehör beim kaiser hoffen? Grillparzer
s. w. 9, 12
Sauer. lexikalisch: strenge
hoggi gestrenge
ò gestrengigkeit
titolo di nobiltà in astratto Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1011
b; ich bitte ew. strengten
te, vir strenue, rogo Weber
lex. (1770) 674
b. BB.
im mhd. und älteren nhd. knüpft strenge
an einige der unter streng II
angeführten bedeutungen des adjektivs an. B@11)
bitternis, härte, beschwerlichkeit, mühsal (
zu streng II A): dannen schiet sus Parzivâl. ritters site und ritters mâl sîn lîp mit zühten fuorte, ôwê wan daz in ruorte manec unsüeziu strenge Wolfram v. Eschenbach
Parzival 179, 17
Lachm.; dîne stîge und dîne stege und alle dîne rûhe wege, swie tief sie sint und enge, ich envorhte dehein ir strenge Lamprecht v. Regensburg
tochter Syon 1965
Weinhold; sîn denken und sîn trahten im alsô nâ ze herzen gienc daz in der sorgen kraft bevienc mit bitterlîcher strange
Reinfrid v. Braunschweig 13 345
lit. ver.; von strenge und von swere der gepert (
partus) begonde sie vorterben
Wenzel-bibel gen. 35, 17
bei Jelinek
mhd. wb. 692; wir ... ritend nüechter gar ein herten weg, das mengem onmächtig ward von hitz und strenge des wegs
quelle v. j. 1519
in: schweiz. id. 11, 2306.
seltener strenge der zeit (
vgl.strenge zeit
unter streng II 1 a):
iniquitas temporis vngelAegenheit, schwAere oder strenge der zeyt Frisius
dict. (1556) 700
b; so offnen ... wir ... allen ... dasz wir darum dasz wir frsechind und frkommind die herte und strenge des zites ... wir uns ... zusammen ... gebunden (
vor 1572) Tschudi
chron. Helvet. (1734) 1, 276
a.
sporadisch begegnet die bedeutung auch im jüngeren nhd.: schmerzen, welche dich berührten, rühren mich in gleicher strenge Göthe I 4, 293
W.; doch der, erschöpft von niedrer arbeit strenge, an krankheit vor der abfahrt noch gestorben Müllner
dram. w. (1828) 4, 141.
im übergang zu bedeutung C 1 d: andere haben sich dem landbau und der strenge eines mühsamen lebens ergeben, um sich gegen ungemächlichkeit und arbeit abzuhärten Bode
Montaigne (1793) 3, 91.
vgl. auch: die strenge der fasten
l'austérité du jeûne Schwan
nouv. dict. (1783) 2, 734
b.
in mundartlicher redensart: d'mängi macht d'strengi '
was an sich nicht lästig ist, schwierig ist, wird es durch öftere wiederholung'
schweiz. id. 11, 2306. B@22)
die reiszende schnelligkeit strömenden wassers, rapiditas (
zu streng II B): so laden sy alsz dann auff die selbigen esel heut vnd fel, die füren sy vberland mit jnen inn Armenien, dann man mag von strengi wegen disz wassers nit vbersich faren Boner
Herodot (1535) 39
b; von wegen der strenge des wassers bey der überfahrt Xylander
Polybius (1574) 493; im jahre 1639 hat ein bürger von Husum einen kleinen sommerteich umb die Wehle herumb zu legen vorgenommen, damit so viel wassers nicht ein und auszgehen solte, und also des strohmes strenge gebrochen würde Danckwerth
Schleswig u. Holstein (1652) 143
a;
lapides adesi verschlissen vnd auszgehölt von strenge desz wassers Frisius
dict. (1556) 32
a;
rapiditas die schnälle vnd strenge, eigentlich der wasseren Calepinus
XI ling. (1598) 1223
a.
auch: rigor stillicidij strenge desz tachtropffens so er falt Frisius
dict. (1556) 1162
b. B@33)
bis zur gegenwart die härte, schärfe und rauheit kalter witterung (
zu streng II D 5);
frigoris uis die strenge, reüche vnd grösze der kelte Frisius
dict. (1556) 1389
a; die strenge der luft, der witterung
l'âpreté, l'inclémence du ciel, de l'air Schwan
nouv. dict. (1783) 2, 734
b: si liesen sich nit irren do des kalten zites streng noch des weges leng
der sœlden hort 1725
Adrian; so was ouch dero zit nit mglich ... über den hochen St. Bernhart ... ze reisen von strenge wegen des winters (
vor 1572) Tschudi
chron. Helvet. (1734) 1, 27; dieweil aber dises gewächsz das erste vnd das ander jar vberausz zart ist, so soll mans vonwegen der grossen hitz der sonnen vnd grosser stränge der nacht allwegen zudecken Sebiz
feldbau (1580) 257; warumb wrde nicht eben die kAelte und strenge des frosts zu gleicher weise alles vogelvieh von unsern europeischen grentzen wegtreiben? Prätorius
winterfl. d. sommervögel (1678) 369; in die schön gewesnen gänge (
des gartens) eil ich, da des herbstes strenge ihnen schmuck und anmuth raubt Schwabe
belust. (1741) 1, 524; aber sie sollten nicht vergessen, dasz zehn bis zwanzig nackende kinder aller strenge der witterung ausgesetzt sind Kretschmann
s. w. (1784) 5, 144; die strenge der jahreszeit diente zum vorwand ihres zögerns Schiller 4, 148
G.; sehr breite gassen würden hier auch wegen der strenge der Rheinluft im frühling und herbst nicht eben gewöhnlich sein Fr. Schlegel
s. w. (1846) 6, 196; muszten wir mit der strenge eines ungewöhnlich rauhen klimas kämpfen J. G. Forster
s. schr. (1843) 1, 116; die geringe strenge der winter Ritter
erdkde (1822)
teil 3, 413; in de grôtste strengte fan de winter Doornkaat Koolman
ostfries. 3, 335
b; der jänner muss mit strenge walten, sonst wird sich der frühling nit gut halten
bei Fischer
schwäb. 5, 1858. B@44)
vereinzelt folgt strenge
noch einigen weiteren frühnhd. verwendungen des adjektivs, im ganzen als bezeichnung der intensität. —
von der schnellkraft des fluges (
s.streng II B 2): diser falk ist auch nit grosz ... aber an der sterck vnd an der künhait vnd strenge des fluges in der paisz, so ist er grosz, wann er vacht wild genns vnd rayger vnd krenich Mynsinger
v. d. falken 11
lit. ver. — strenge
einer krankheit (
s.streng II A 1): er sye einmal 3 tag in eim höwhüsli glegen, das er vor strenge dieser krankheit nit mögen dannen keren
quelle v. 1551
in: schweiz. id. 11, 2306. —
zu streng II D 1: strenge, enge, so
etwas nach bey ein anderen ist
compressus (
-us) Maaler
teutsch spr. (1561) 392
b. —
zu der verbindung strenges gift (streng II D 3): von der vnnatürlichen auffbrechung, die da geursacht wirdt ausz strengin vnd hertin des frantzösischen giffts, ausz welchem in der heylung sonderlich widerwertigs entsteht Paracelsus
chirurg. bücher u. schr. (1618) 202. —
von feuer und hitze (streng II D 4): dieweil aber auch die gebranten wasser von der strenge vnd gewalt des feurs wegen zum offtermal nach brand schmecken Sebiz
feldbau (1580) 411; ihr (
der sonne) stral, der feurig trifft, zertheilet durch die heisze strenge der aufgethürmten wolken menge Schwabe
belust. (1741) 3, 367. streng
für '
assiduus, intensiv und beharrlich'
findet im gebrauch des substantivs keinen nennenswerten niederschlag; für die Schweiz wird die umgangssprachliche wendung in aller strengi '
mit eifer, eifrig, heftig'
verzeichnet: aber der güggel het ene
n kei
n rue
w g'lō
n (
den hühnern) bis si endlig g'gange
n sind und uf den tisch und dō d'brōdbrösmeli z'säme
ng'lese
n hend in aller strengi
schweiz. id. 11, 2306;
ebda weitere belege. CC.
mit dem überwiegenden teil seiner anwendungen entspricht das wort dem adj. streng
in dessen moderner bedeutung '
severus' (III A, B)
und den davon abgeleiteten gebrauchsweisen (III C, D). C@11)
severitas. im frühnhd. knüpft strenge
gelegentlich noch an streng '
rauh, heftig, grimmig'
an; vgl. seueritas strenge, reüche, ernsthaffte Frisius
dict. (1556) 1209
a;
austeritas reuche, herbe, strenge Calepinus
XI ling. (1598) 148
b: derhalben ich mich denn verwunder ... warumb jhr als ein schöne frauw euch dieser rauheit vnnd strenge gegen mir gebrauchen
Amadis 1, 339
lit. ver.; wol auff und last uns auch ratschlagen, auff unser tochter drutzig sagen, ir unthat nach der streng zu plagen (1545) Hans Sachs 2, 33
lit. ver.; ja, der rat dunckt mich auch der best, das ich mit strenge nichts versaum, sonder halt das volck in dem zaum und thus mit schwerer bürdt beladen (1551)
ebda 10, 390.
ähnlich noch im jüngeren nhd. bei ausdrücken des zornigen affekts (
vgl.streng 1 B 2): sie hasst ihn jetzt und zwar mit solcher strenge, dass sie den tod viel eh'r als ihn umschlänge Gries
Ariosts rasender Roland (1804) 1, 33; überliefre mich der ganzen strenge seines zorns Schiller 13, 209
G. im übrigen folgt das wort jedoch dem modernen, im frühnhd. sich ausbildenden wortsinn des adjektivs und bezeichnet eine auf die beobachtung von verhaltensregeln dringende, zucht fordernde und übende haltung der härte oder entschiedenheit. von dieser kernbedeutung aus kann sich die auffassung nach zwei richtungen verschieben. einerseits wird strenge
deutlich von affektgeladener härte unterschieden: ich ehre die strenge — ich verabscheue härte Iffland
theatr. w. (1827) 1, 98.
die milde, als gegensatz solcher härte, kann sich darum mit strenge
paaren: jedoch wo finden wir heute einen geschikten rathgeber? ... gelehrt aber doch wohlgesittet ... dessen feuer mit sittsamkeit und dessen strenge mit gelindigkeit gemässiget Bodmer
crit. poet. schr. (1741) 1, 80; die milde vorwalten zu lassen, welche für die gründliche strenge eine so schöne begleiterin ist
aus Schleiermachers leben (1860) 1, 344; durch den seltenen verein von ... liebe und strenge O. Jahn
Mozart (1856) 1, 9.
doch wird im allgemeinen milde
im sinne von '
nachsichtigkeit'
als gegensatz von strenge empfunden: Matthei am XI. da er sy (
die verächter des wortes gottes) schilt, handelt er nicht aus der liebe, sunder aus strenge des glaubens (
non ex charitate, sed fide) (1525) Luther 17, 1, 382
W.; hervorragende begabung ... kann die gleichheit aller vor dem sittengesetz nicht aufheben; die übertretung desselben mag jeder mit strenge oder mit milde beurtheilen O. Jahn
Mozart (1856) 3, 173; während der staat früherhin mit heilsamer strenge alle seine institutionen und namentlich die steuerverfassung sofort in seinen neuerworbenen provinzen eingeführt hatte, waltete jetzt am hofe eine nachsichtige milde Treitschke
dt. gesch. 1 (1897) 145.
andererseits kann das wort in verschiedenem sinne die radikale unerbittlichkeit bezeichnen: ich wollte unerbittlich gegen ihn seyn, und überlegte nicht, dasz ich es gegen ihn nicht allein seyn könnte; wenn ich meine zu späte strenge erspart hätte, so würde ich wenigstens ihre flucht verhindert haben Lessing 2, 299
L.-M.; vaters strenge bricht mein herz Herder 25, 150
S.; mitleid findet sich nur in schwächlichen gemüthern, und allein die strenge erhält die menschen bei ihrer schuldigkeit Raumer
gesch. d. Hohenstaufen (1823) 4, 76; dasz niemals noch die eintreibung der steuern mit so erdrückender strenge geübt sey Dahlmann
gesch. d. frz. revol. (1845) 95; und nun begannen die qualen der reue, des gebeugten stolzes, der gebrochenen strenge, nun überhäufte sich die einsame frau mit schweren selbstanklagen: wär'ich nicht verschlossen geblieben ..., taub für ihre bitten Holtei
erz. schr. (1861) 5, 100; (
Siegfried:) der ruf von deiner schönheit drang gar weit, doch weiter noch der ruf von deiner strenge, und wer dir immer auch ins auge schaut, er wird es nicht im höchsten rausch vergessen, dasz dir der dunkle tod zur seite steht. (
Brunhild:) so ist's! wer hier nicht siegt, der stirbt sogleich Hebbel
s. w. 4, 55
Werner. auch die härte des schicksals oder schicksalhafter gegebenheiten: wenn ... des schicksals strenge ... uns trennt Becker
Mildheim. liederb. (1799) 6; die strenge der weissagung Bürger
s. w. 253
Bohtz; ich beklage mich, brachtst du gleich mich ins gedränge, über meines schicksals strenge, schöner feind! nicht über dich Lenz
ged. 117
Weinhold; nothwendigkeit und schicksal! herbe strenge! Göthe I 16, 257
W.; vaterland, du riefst den sänger ... gieb die friedlichen gesänge, oder gieb des krieges strenge; gieb mir lieder oder tod! Körner
w. 1, 131
Hempel. ähnlich: sie sind dahin, die ewig wonnevollen tage, wo ich noch hoffen durfte — jetzt hat mit kalter strenge die schmerzlichste gewiszheit sie verdrängt Pückler
briefw. u. tageb. (1873) 1, 471. C@1@aa)
entschiedene und zielbewuszte, auf die erfüllung einer forderung oder ordnung dringende härte oder festigkeit, vorwiegend im sachbereich der regierung, rechtsprechung und erziehung: das eyn furst sich ynn vier ortt teylen soll: ... auffs vierde gegen die ubelthetter mit bescheydenem ernst und strenge (1523) Luther 11, 278
W.; dieweil er sich selbs des todts schuldig wayss, vnd erkent die strenge des richters Eberlin v. Günzburg
s. schr. 3, 262
ndr.; so soltet jhr sie mit aller strenge davon abmahnen vnnd abhalten Moscherosch
gesichte (1650) 2, 166; ein paar junge mädchen, wovon das eine in aller strenge erzogen und das andere in aller einfalt aufgewachsen Lessing 10, 5
L.-M.; ich will mich aller strenge geduldig unterwerfen, die mein vater über mich beschlossen hat Rabener
s. schr. (1777) 3, 267; die das volk nicht minder durch frömmigkeit ..., als durch ernsthaftigkeit und strenge zu regieren wissen
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen (1778) 1, 339; sie richtet durch liebe tausendmal mehr aus, als durch strenge J.
M. Miller
briefw. dreier akad. freunde (1778) 1, 19; erziehung ist nach meinem begriff nicht abrichtung, das ist ein zweck, den ich durch strenge allenthalben erhielte — es ist die entwicklung der angebohrnen anlage durch die umstände (1789) Caroline
br. 1, 50
Waitz; unserm wanderer fiel der ernst auf, die wunderbare strenge, mit welcher sowohl anfänger als fortschreitende behandelt wurden Göthe I 25, 1, 9
W.; hat sie ihre obliegenheiten nicht geleistet, so bitte den rechtsgang in seiner strenge walten zu lassen (1817)
ders. IV 28, 116
W.; freundliche strenge, und duldung, können mich von allen moralischen und künstlerischen fehlern heilen Brentano
Godwi (1801) 1, 5; vor der strenge seines vaters, vor dem allgewaltigen zar, floh von Moskau weg Alexis, der aus zartem stoffe war Platen
w. 1, 16
Hempel; sein nachfolger war der würdige Pertinax; als aber dieser mit strenge auf ordnung bedacht war, wurde er von den Prätorianern ermordet Dittmar
weltgesch. (1854) 2, 22; die behörden, statt mit strenge durchzugreifen, erstreckten die ... volksschmeichelei auch hierauf Mommsen
röm. gesch. 2 (1889) 67; der churfürst von Mainz ward ... aufgefordert, ein zeichen seiner strenge gegen den urheber so vieler schmähschriften zu geben Ranke
s. w. (1867) 1, 297; (
er) beschlosz, nunmehr mit männlicher strenge seinen willen durchzusetzen und die gattin zu dem zu zwingen, wofür sie ihm einst danken würde G. Keller
ges. w. (1889) 5, 111; die strenge, mit der sie ihn zum fleisze ... anhielt Ludwig
ges. schr. (1891) 2, 323; der blick, den sie nach der kaiserlichen loge schleuderte, war so voll von auflehnung, dasz Diederich mit äuszerster strenge einschritt H. Mann
d. untertan (1949) 383; alle strenge der polizeilichen überwachung war nach rechts verlegt, wo das zivil sich um die sitze balgte
ebda 476; mit der strenge, mit der sie einem patienten eine unangenehme medizin aufnötigte Feuchtwanger
geschw. Oppermann (1948) 139. C@1@bb)
entsprechend von der fordernden härte und bestimmtheit eines gesetzes, einer verordnung u. ä.; vgl. gesetzstrenge rigor juris Stieler
stammb. (1691) 2189: wirstu deine kräfften gegen der strenge des geses (!) abmessen Dannhawer
catech.-milch (1657) 1, 61; der reiz der beute bewog niemand sich der strenge der geseze zu unterwerfen Haller
Alfred (1773) 55; sie haben unrecht, sich über die strenge der neun und dreiszig artikel zu beklagen Nicolai
Seb. Nothanker (1773) 3, 58; dasz nürnbergische gesperrte handwerker ausgewandert, und vermuthlich durch die strenge der verordnungen ausgetrieben worden sind
ders., reise d. Deutschl. u. d. Schweiz (1783) 1, 261; der kräftige sinn für recht und unrecht, für ehrwürdige einfalt und strenge der gesetze Thibaut
bürgerl. recht f. Deutsche (1814) 426; so darf man nicht mit der strenge der gerechtigkeit mit ihnen handeln, man musz sie durch milde und groszmut allmälig wieder zum besseren erziehen Arndt
s. w. (1892) 1, 239; (
die tendenz,) gegenüber der altväterischen strenge der bestehenden verfassung gelindere und zeitgemäszere grundsätze zur geltung zu bringen Mommsen
röm. gesch. 2 (1874) 106; ob er (
d. richter) der strenge des gesetzes oder der stimme der menschheit in seinem spruch folgen solle Meinecke
Boyen (1896) 1, 29; in diesen alten deichordnungen herrscht oft ... eine solche der wichtigkeit des gegenstandes angemessene strenge Allmers
marschenb. (
31900) 28. C@1@cc)
so auch von normen, formgesetzen, regeln u. dgl. im hinblick auf die härte und entschiedenheit der in ihnen enthaltenen postulate: (
die dramatische regel von der einheit des tages) ist nicht sowol eine regel nach der strenge, als vielmehr eine milderung der regel. die regel selbst ist, dasz die handlung nicht länger daure, als die vorstellung Ramler
einl. i. d. schönen wissensch. (1756) 2, 239; im discours sur la tragoedie beschwert sich der verfasser über die strenge der französischen poesie und über das schwere joch des reims Gottschedin
br. 1, 21
Runkel; ein grundsatz, welcher in solcher ausschlieszlichen strenge ... kaum aus der nothwendigkeit kirchlicher ordnung zu rechtfertigen seyn dürfte Raumer
gesch. d. Hohenst. (1823) 1, 8; dasz das dichterische naturell des auszerordentlichen mannes ... endlich doch den forderungen der französischen tragödie sich fügt und wenigstens bis auf einen gewissen grad ihrer strenge sich unterwirft (1827) Göthe IV 42, 112
W.; die den hexameter noch reiner machen wollten, und der technischen strenge die natürliche leichtigkeit des verses opferten Gervinus
gesch. d. dt. dicht. (1853) 5, 51. C@1@dd)
die zuchtvolle härte einer lebensweise. C@1@d@aα) die strenge des ordens, des lebens
etc. austerità, asprezza dell' ordine, della vita Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1011
a; die strenge eines ordens mildern
to mitigate the rigor of an order Ludwig
t.-engl. (1716) 1897: wie hatte ich es so gut in meinem vorigen kloster, freundliche vorgesetzte, wenig wurde die strenge der regel beobachtet Tieck
schr. (1828) 3, 163; dieser orden (
von Cluny), der eine wesentliche verschärfung in der strenge der zucht gegenüber dem Benediktinerorden gebracht hatte Schürr
d. altfrz. epos (1926) 27. C@1@d@bβ)
von der militärischen disziplin und ausbildung: denn die ganze strenge des dienstes sollte nun bald wieder beginnen Immermann
w. 1, 35
Hempel; nicht in der strenge der zucht allein liegt die heilende kraft der militärischen disciplin Jhering
geist d. röm. rechts (1852) 253; ich (
empfand) doch einen wahren durst, mich der strenge (
des milit. dienstes) hinzugeben, so komisch auch ihre nächsten kleinen zwecke waren G. Keller
ges. w. (1889) 2, 90; der dienst, trotz aller strenge, gefiel ihm wohl Fontane
ges. w. (1905) I 1, 83. C@1@ee)
die entschiedene haltung der kritik, die in ihrem urteil nachdrücklich und unbestechlich auf der erfüllung allgemeiner verbindlichkeiten oder gesetzmäszigkeiten besteht: ich glaube nicht, dasz mein beurtheiler mir alle gerechtigkeit hat wiederfahren lassen ... ich konnte fordern, dasz er ... entweder die strenge milderte, oder wenigstens das aus meiner vorrede angeführte, was ich selbst zu ihrer (
der gedichte) entschuldigung gesagt hatte Dusch
verm. schr. (1758)
vorr. b 3
b; auch fehlte es ihm in seinem vaterlande nicht an gegnern, die ihn mit der äuszersten strenge und bitterkeit beurtheilten (1769) Gerstenberg
rezensionen 238
lit.-denkm.; gedenken sie, dasz sie das schwere amt eines kunstrichters auf sich genommen, und verfahren sie nach aller strenge mit diesen leuten B. Mayr
satiren (1769) 117; sie müssen indesz ... von ihrer kritischen strenge schon etwas nachlassen Lessing 18, 315
L.-M.; gegen die sache selbst, wo sie anderer meinung sind, verfahren sie mit aller critischen strenge (1810) J. Grimm
an Benecke, briefw. 18
Müller; die figur der Venus hat ... etwas steifes, welches allerdings nicht zu entschuldigen wäre, wenn man eine zeichnung ... mit gleicher strenge wie ein vollendetes kunstwerk beurtheilen dürfte Göthe I 48, 222
W.; die strenge des richtenden publicums Solger
nachgel. schr. (1826) 1, 63; dasz das endurtheil des ästhetischen und das des historischen beurtheilers, wenn beide in gleicher strenge zu werke gingen, immer übereinstimmen wird Gervinus
gesch. d. dt. dicht. (1853) 1, 11; dichter und recensent in einer person, nun warum nicht? wenn sich die strenge nur kehrt gegen das eigene werk Greif
ged. 5403; und so hören wir Winckelmann stets über griechischen druck mit schwerzubefriedigender strenge urtheilen Justi
Winckelmann (1866) 1, 43. C@1@ff) strenge
als zuchtvolle, der leichtlebigkeit abgeneigte, auf sittlichkeit und wohlverhalten bedachte persönliche haltung in der lebensführung: Roms Phocion, das muster alter strenge, auch Cato hat zu seinem trunk gelacht Hagedorn
poet. w. (1769) 3, 45; im äusserlichen zeigten sie eine gewisse strenge und ernsthaftigkeit, und gaben auch vor, dass sie die übrigen menschen von der üppigen und verdorbenen lebensart ... zurücke zu führen suchten
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen (1778) 5, 180; das kann euch trösten, die ganze stadt, das ganze land sind von eurer heiligkeit, eurer frömmigkeit und strenge überzeugt Klinger
w. (1809) 3, 101; zuweilen brach auch seine alte strenge und sein stolz wieder hervor. er zürnte über seine klagen; wie ein könig wollte er dulden und schweigen Novalis
schr. 4, 41
Minor; man wird fragen, wie es möglich war, dasz eine so fanatische strenge (
der Calvinisten) in dem lebenslustigen Genf durchdringen konnte Ranke
s. w. 8 (1876) 126; weil Milton in seiner eifrigen strenge einmal von falschen bärten und nachtschwärmern gesprochen Treitschke
hist. u. polit. aufs. (1886) 1, 13; die Griechen wuszten während ihrer bessern zeit dieselbe (
die sinnlichkeit) wenigstens in die formen des menschlich schönen zurückzuführen; während die Römer, nach anfänglich gröszerer strenge, in der folge mit den schätzen des überwundenen Asiens auch alle wildheit dortigen sinnentaumels in ihre hauptstadt verpflanzten Strausz
ges. schr. (1876) 6, 167.
entsprechend strenge der sitten
o. ä.: durch die neue ingredienzen, welche in diesen gottesdienst waren hineingebracht worden, hoffte er auch eine gewisse strenge und reinigkeit der sitten einzuführen
allg. dt. bibl. (1765) 1, 2, 148; wenn sie ... unserm helden nicht vergeben können, dasz er ein vaterland nicht liebte, welches alles mögliche gethan hatte, sich ihm verhaszt zu machen: so müssen wir ... die strenge ihrer sittenlehre bewundern Wieland
Agathon (1766) 2, 188; die strenge meiner grundsätze S. v. Laroche
frl. v. Sternheim (1771) 2, 14; erweitert jetzt ist des theaters enge, in seinem raume drängt sich eine welt, nicht mehr der worte rednerisch gepränge, nur der natur getreues bild gefällt, verbannet ist der sitten falsche strenge, und menschlich handelt, menschlich fühlt der held Schiller 11, 323
G.; blosz ... der eifrige wunsch, einen nicht unwürdigen theil der menschheit mit der strenge ihres (
Kants) systems auszusöhnen, konnte mir auf einen augenblick das ansehen ihres gegners geben (1794) Schiller
br. 3, 455
Jonas; dasz ich die fichtische unerbittliche sittliche strenge in den grundsätzen bei ihm bewundern muszte, ergab sich sehr bald Arndt
s. w. (1892) 1, 137; (
er) meinte, die religiösen überzeugungen des herrn staatsanwalts seien offenbar von mönchischer strenge H. Mann
d. untertan (1949) 236. C@1@gg)
in gesteigerter auffassung die herbe grösze und entschiedenheit einer lebensform: von diesem tag an wurden wir uns immer heiliger und lieber, tiefer unbeschreiblicher ernst war unter uns gekommen ... voll herrlicher strenge und kühnheit war unser gemeinsames leben Hölderlin
ges. dicht. 2, 87
Litzm.; wie alles, was der Germane aus sich heraus bildete, eine einseitige grösze und strenge zeigt, so auch die rücksichtslose hingabe an die wilde poesie des kampfes G. Freytag
ges. w. 17 (1887) 78; ihre ganze strenge, hoheit, keuschheit will er diesem abschaum hinwerfen Feuchtwanger
d. falsche Nero (1947) 122. C@1@hh) strenge
als im menschlichen umgang eingenommenes verhalten, geäuszert durch entschiedenen, festen ton und brüsk verweisenden ausdruck in wort und miene: o waffnet eure gütgen blicke nicht mit dieser finstern strenge Schiller 14, 343
G.; als ich mit der gröszten ehrfurcht zu ihm trat, fragte er mich mit der gröszten strenge, wer mich in das haus eingesetzt habe, und mit welcher befugnisz ich darin angefangen habe mauern zu lassen Göthe I 44, 154
W.; der graf vom Strahl (mit noch milder strenge) H. v. Kleist
w. 2, 194
E. Schmidt (
regieanweisung); wie können sie das verantworten? fragte Dunker mit einer strenge des tones, welche seinem weichen organe gar nicht natürlich war H. Laube
ges. schr. (1875) 1, 250; es hat sich so gefügt, sagte er mit einer gewissen strenge, dasz du durch diese grundsätze gelitten hast Storm
s. w. (1898) 1, 163; sooft aber die dicken leute sich zeigten, schwoll Unrat von streitsucht. er behandelte sie schon längst mit strenge H. Mann
d. blaue engel (1950) 134.
von der zuchtvollen, unnahbaren haltung des umworbenen mädchens: manche ... martert sich ab mit angenommener strenge, nur die verzweiflung ihres anbethers ... immer kräftig zu erhalten maler Müller
w. (1811) 3, 149; wie bebt vor deiner küsse menge ihr busen und ihr voll gesicht; zum zittern wird nun ihre strenge, denn deine kühnheit wird zur pflicht Göthe I 1, 50
W.; um als reichste der bräute noch in der letzten der stunden für die erduldete strenge ihm überschwenglich zu lohnen Hebbel
w. 8, 296
Werner; sie behielt ihre strenge gegen Johannes bei, sprach nie mit ihm und erwiderte niemals seine botschaften G. Keller
ges. w. (1889) 6, 74. C@22)
genauigkeit, striktheit, konsequenz (
im anschlusz an streng III C). C@2@aa)
die striktheit und entschiedenheit, mit der ein leitender grundsatz innegehalten wird; so schon vereizelt im 16.
jh. (
vgl.etwas streng halten
unter streng III C 1): wenn nu das erste gepot Carlstadischer strenge nach zu hallten were (
d. i. nach der strenge Carlstadischer ausegung) Luther 18, 79
W.; jr kriegsknecht hielt jr inn der meng ewr ehr vnd ayd inn rechter streng Schwartzenberg
teütsch Cicero (1535) 143
a.
sonst erst seit der mitte des 18.
jhs.: er war ein inpietist, denn einen orthodoxen kann ich ihn nicht nennen, fals nehmlich die orthodoxie, wie ich fast vermuthe, eine strenge der observanz ist, sich und andere an angenommene regeln zu binden Hippel
lebensläufe (1778) 2, 206; um die strenge ihres gehorsams gegen gott recht zu würdigen Schleiermacher
s. w. (1834) II 4, 103.
häufiger in präpositionaler fügung mit (in) strenge: denn das gesetz der mäszigung wurd ihm gegeben, wurde gethan mit der strenge, die zu hofnung leitet Klopstock
oden (1889) 2, 68; indem die sammler sich mit strenge darauf beschränkt haben, nur deutsche (
bilder) zu vereinigen
dt. museum (1812) 2, 370
Fr. Schlegel; deszwegen war unsere erste sorgfalt die bilder zu sondern, alsdann unter rubriken zu theilen, wenn gleich nicht mit der gröszten strenge Göthe I 49, 1, 66
W.; der sonntag dagegen (
sollte) allezeit mit der sabbathanischen strenge der Schotten gefeiert werden Ranke
s. w. 16 (1875) 79; bitte halte mit eiserner strenge auf regelmäszigkeit im essen (1851) Bismarck
br. an s. braut u. gattin 268
H. v. Bism.; das bestreben ..., auch an seinem leben die geschichtliche ... auffassungsweise in aller strenge durchzuführen D. Fr. Strausz
ges. schr. (1876) 3, 46; die apostel und deren nachfolger, ... hatten recht wohl erkannt, dasz es nicht gut sei, den neubekehrten ... mit puritanischer strenge die altgewohnten religiösen tänze zu verbieten Böhme
gesch. d. tanzes (1886) 15.
vielfach in der wendung: nach der (in, mit) strenge beobachten: diese versart schickte sich unvergleichlich zum gespräch: aber es schien schwer zu seyn, sie allemal und nach der strenge zu beobachten Ramler
einl. i. d. schönen wissensch. (1758) 3, 306; die unaussprechliche empfindung eines wohlgezogenen frauenzimmers, die immer mit gewissenhafter strenge ihre pflichten beobachtet ... hat Nicolai
Seb. Nothanker (1773) 1, 223; der das zeitmaasz nicht in der äuszersten strenge zu beobachten weis Quantz
anweisung d. flöte zu spielen (1789) 8; der stolze mann, der die kleinstädtische rangordnung immer mit der äusserten strenge beobachtet wissen wollte Langbein
s. schr. (1835) 31, 53. C@2@bb)
formelhaft in der verbindung etwas nach (in) der strenge nehmen (
gleichbedeutend mit etwas streng nehmen,
s.streng III C 2 a) '
es mit etwas genau nehmen'
oder '
etwas genau nehmen': wenn man die einheit des orts nach der strenge nimmt, so erfodert sie, dasz alles gantz genau auf einem platze vorgehe Ramler
einl. i. d. schönen wissensch. (1756) 2, 241; doch auch hier muss man meine worte nicht in aller ihrer strenge nehmen Lessing 10, 174
L.-M.; nach der äussersten strenge genommen ist in der gegenwärtigen vorstellungsart das bild des ich ein mathematischer ... punkt Fichte
s. w. (1845) 1, 273; unverzeihlich lange ists, lieber Gervinus, dass ich nicht geschrieben habe, oder wenn sie es nach der strenge nehmen wollen, auf ihren letzten brief nicht geantwortet J. Grimm in:
briefw. (1885) 2, 98.
verkürzt: verzeihe mir diese ausschweifung, zu welcher ich nach der strenge kein recht hatte Stolberg
ges. w. (1820) 8, 317. C@2@cc)
als bezeichnung des höchsten grades von entschiedenheit und konsequenter ausprägung, die einem begriff oder sachverhalt (
gegenüber einer möglichen lässigeren auffassung)
beigelegt wird. (
auch hier begegnen, bei flieszenden bedeutungsübergängen zum vorigen, präpositionale wendungen wie in aller strenge): gleichwie diese nachricht nicht in aller strenge und ihrer ganzen ausdehnung nach wahr ist
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen (1778) 3, 78; der idealismus, der nur schwer in seiner ganzen strenge festgehalten werden kann Fr. Schlegel
s. w. (1846) 1, 156; in vielen werken von Goethe findet sich diese reinheit der sprache in ihrer ganzen strenge und vollkommenheit
ebda 2, 203; hieraus ergiebt sich fürs erste leicht, was unter hügelland, bergland, alpenland u.
s. w. zu verstehen ist, wenn auch hier von keinem mathematisch begrenzten maaszstabe ausgegangen werden kann und soll, da dieser selten in seiner strenge bei den weitesten erdräumen angelegt werden kann Ritter
erdkde (1822) 1, 74; man ... hat ... gefolgert, dass in der zeit des Phidias die symmetrie nicht mehr in der äusserlichen strenge genommen worden sey Welcker
alte denkmäler (1849) 1, 185; zu diesem zwecke muszte er (
Kant) die grosze sonderung unserer erkenntnisz a priori von der a posteriori vornehmen, welches vor ihm noch nie in gehöriger strenge und vollständigkeit, noch mit deutlichem bewusztseyn geschehen war Schopenhauer
s. w. 1, 535
Gr.; er verwarf nämlich die deutsche silbenmessung nach dem accent durchaus, indem er das quantitätsprincip der classischen metrik in aller strenge auch für unsern vers geltend machte Justi
Winckelmann (1866) 1, 376; Hindostan ... und Mittelchina ... bescheint beinahe die nämliche sonne und bedeckt ein ähnliches pflanzenkleid, die natur ... ist an beiden orten gleich gross und fast gleich schrecklich, von Südchina wenigstens lässt sich dies mit grosser strenge behaupten Peschel
völkerkde (1874) 328; an strenge der gliederung, an wohlbemessenem gang ... kommen ihr (
e. abhandlung) wenige Grimmsche aufsätze gleich Scherer
kl. schr. (1893) 1, 18. C@2@dd)
von der entschiedenen und präzisen fassung eines begriffes, der stringenz eines schlusses oder beweises: die genaue strenge der schlüsse (
erwarb) dem philosophen bewunderung Cramer
nord. aufseher (1758) 52; heiszt dieses nicht alles widerrufen, was einmal in aller strenge erwiesen worden ...? Kant
w. (1838) 8, 56; auch hier also ist die strenge des begriffes und beweises alles Herder 3, 461
S.; daraus nämlich, dass die quadratzahlen der umlaufszeiten der erde und des Jupiters sich verhalten wie die kubikzahlen der halbmesser ihrer bahnen, lässt sich mit geometrischer strenge beweisen Schubert
verm. schr. (1823) 2, 19; es ist diesz die ohnmacht der natur, die strenge des begriffs nicht festhalten und darstellen zu können Hegel
w. (1832) 5, 45; und es kann gegen die strenge des schlusses wohl nichts eingewendet werden, dass die menschliche sprache vorhanden gewesen sein müsse, bevor ein feuer künstlich bereitet werden konnte Peschel
völkerkde (1874) 144.
im sinne unerbittlicher gesetzmäszigkeit: der grundsatz, dasz den naturgang kein wenn und aber wende, ist gar bald leichtsinnig angenommen und in menschlicher willkür falsch angewandt: ihm folgt dann in den wirkungen des handelns der tragische erfahrungssatz in unabwendbarer strenge nach, dasz der schicksalsgang sich nach dem naturgang richte Gervinus
gesch. d. dt. dicht. (1853) 5, 30. C@2@ee)
die auf prinzipien gegründete exaktheit und methodische konsequenz einer lehrmeinung, schule, theorie usw. wie auch des wissenschaftlichen verfahrens überhaupt: zu unsern zeiten kann die sokratische lehrart mit der strenge der itzigen methode ... verbunden werden (1759) Lessing 8, 26
L.-M.; ein schriftsteller, dem es um wissenschaftliche strenge zu thun ist, wird sich deswegen der beyspiele sehr ungern und sehr sparsam bedienen Schiller 10, 390
G.; wie kann eine wissenschaft auf wissenschaftliche strenge ... anspruch machen, die meistens in usum delphini ... angeordnet ... ist Fr. Schlegel in:
Athenäum (1798) 1, 2, 142; aber doch hatte die Heynische philologie ... den mangel der vernachlässigung der lehre von den sprachformen, den mangel der grammatischen strenge Arndt
s. w. (1892) 1, 53; wobei denn gar leicht auch willkührlichkeit und sophistik an die stelle der wissenschaftlichen strenge treten Schleiermacher
s. w. (1834) I 3, 118; verliert das gesetz der kausalität ... nichts an seiner sicherheit und strenge Schopenhauer
w. 3, 62
Gr.; die eigentliche schule des alten Joh. Sebastian Bach in ihrer strenge und gelehrsamkeit wurde noch mehr vertreten durch seinen ältesten sohn Wilhelm Friedemann Bach O. Jahn
Mozart (1856) 3, 357; an der strenge der methode der naturwissenschaften zu ändern Lange
gesch. d. materialism. (1866) 328; besonders die mathematiker betrieben es (
d. glasperlenspiel) mit einer zugleich asketischen ... und formalen strenge H. Hesse
d. glasperlenspiel (1943) 1, 44. C@2@ff)
gelegentlich verbindet der wortsinn die vorstellung der genauigkeit und konsequenz mit der des zuchtvoll beherrschten verhaltens (
vgl. 1 f): des vaters erstaunenden fleisz und arbeitsamkeit, so wie seine seltene strenge und gewissenhaftigkeit Bahrdt
gesch. s. lebens (1790) 1, 43; das geschäft verlangt ernst und strenge, das leben willkür; das geschäft die reinste folge, dem leben thut eine inconsequenz oft noth, ja sie ist liebenswürdig und erheiternd Göthe I 20, 41
W.; doch nicht immer waltet die tiefe geschäftsstille, die unverbrüchliche strenge der arbeit in diesen räumen (
den kontoren) G. Keller
ges. w. (1889) 3, 40; er kann sich an strenge, consequenz und unermüdlichkeit nicht genug thun
jahrb. d. Grillparzerges. (1890) 4, 28. C@33)
in seinen anwendungen auf die künstlerische gestaltungsweise zielt strenge,
weitaus weniger differenziert als das adjektiv (streng III D),
auf den gesamteindruck eines kunstwerkes ab. es bezeichnet eine schlichte und herbe straffheit der darstellungsweise, die in der konturierten schärfe oder archaischen härte der einzelformen wie auch in der klarheit und entschiedenheit des gesamtaufbaues hervortreten kann: wie der mangel anatomischer känntnisze von ihnen auf gewisze art durch äuszere genauigkeit ... und die schönheit, von der sie gar nichts wusten, durch strenge ersetzt sey Herder 2, 136
S.; führt (
des jungen künstlers neigung) zum leichten, weichen und sanften, so bemühe er sich aus allen kräften um genauigkeit und strenge Göthe I 47, 252
W.; an strenge steht Goethe wohl den alten nach — aber er übertrifft sie an gehalt ... Goethe wird und musz übertroffen werden ... an gehalt und kraft, an mannichfaltigkeit und tiefsinn — als künstler eigentlich nicht ..., denn seine richtigkeit und strenge ist vielleicht schon musterhafter als es scheint Novalis
schr. 2, 243
Minor; den feinsten eindruck macht der portikus und der pronaos des grossen tempels, ... er ist von der gröszten einfalt, voll würde, strenge und höchster vollendung Ritter
erdkde (1822)
teil 1, 764; man gewahret hier unangenehme steife strenge in der stellung so wie in der ganzen gestalt H. Meyer
gesch. d. bild. künste (1824) 1, 26; es (
das bild) wirkt mit der strenge und reinheit eines antiken epos Stifter
s. w. 14 (1901) 46; entwickeln sie (
die ornamente in der architektur) ein so reiches ... spiel vegetabilischer und animalischer formen, dasz dieser üppige reichthum die knappe strenge der grundform durch den schein der willkühr verhüllt O. Jahn
Mozart (1856) 4, 9; der einflusz jener meister und ihrer kunst zeigt sich auch in einer gewissen herbigkeit und strenge, welche durch polyphone anlage und selbständigkeit der stimmführung veranlaszt, von Mozart keineswegs an sich vermieden wird
ebda 3, 383; das haupt einer ... Athene ... erinnerte an die herbe strenge des hohen stils Justi
Winckelmann (1866) 1, 273; Pollajuolo's stärke war die strenge der zeichnung, seine farbe ist kalt und undurchsichtig H. Grimm
Michelangelo (1890) 1, 147; eine kalte strenge weht durch das ganze lied Scherer
litt.-gesch. 755; obgleich man ihm (
Mayr) nachrühmt, dasz er durch manchen zug deutschen ernstes und deutscher strenge die verflachte italienische oper wieder aufgefrischt, so ergab er sich doch wesentlich der fremden art Riehl
musik. charakterköpfe (1899) 1, 238; ein zug von wehrhafter strenge erfüllt den ganzen bau (
der kirche) Dehio
gesch. d. dt. kunst 1 (1919) 107; ein neues schlosz ... (
sollte) erstehen, geräumig und hell, und ausgestattet ... in einer gemischten stilart aus empire und neuzeit, aus kühler strenge und wohnlichem behagen Th. Mann
königl. hoheit (1953) 364.