schuldigen,
verb. für schuldig erklären, einer schuld zeihen, anklagen. ableitung zu schuldig,
ahd. sculdigôn Graff 6, 472,
mhd. schuldigen, schuldegen,
auch schultigen, schulgen Lexer
handwb. 2, 813,
mnd. sc(h)uldig(h)en, -egen Schiller - Lübben 4, 174
b,
auch noch nnd. s. brem. wb. 4, 706
f. Dähnert 417
b:
accusare schuldigen, be-, ver-, anschuldigen Dief.
gloss. 8
c,
culpare 162
a, schuldegen, beclagen
nov. gloss. 123
a,
inculpare schuldigen, beschuldigen, -schulgen
gloss. 293
b;
incusare (be-, ent-)schuldigen, schulgen 293
c.
in neuhochdeutscher zeit ist schuldigen
im 16.
jahrh. noch sehr gewöhnlich, besonders bei Luther
in der form schüldigen,
s. die belege; dann verschwindet es aus der litteratur und wird durch die zusammensetzungen be-
oder anschuldigen
ersetzt. von den wörterbüchern verzeichnet es Dasypodius: schuldigen, verklagen,
accusare, insimulare, dagegen Maaler
nicht. die späteren führen es als selten oder veraltet auf, meist mit belegen aus der bibel: schulden, schuldigen, [
verbo raro e poco usit. mass. il primo]
colpare, incolpare Kramer 2, 678
b; schuldigen, geschuldiget,
in simplici rarum est, et fere non invenitur Stieler 1941; Steinbach 2, 522
verzeichnet es blosz als erschlossen; schuldigen, das ist, verklagen, die schuld geben, als
t. III. script. Brunsv. p. 525
n. 230. ist von seinem composito beschuldigen verdrengt, und veraltet. Frisch 2, 232
c. Adelung
kennt es nur aus der bibelsprache. wenn schuldigen
in der 2.
hälfte des 18.
jahrh. bei Klopstock
und den Göttinger dichtern (Voss, Stolberg, Claudius,
s. die belege)
wieder auftaucht, so liegt hier bewuszte erneuerung des alten sprachgebrauchs vor; fortgewirkt scheint sie nicht zu haben. ebenso ist schuldigen
in neuern mundarten nirgends bezeugt. vgl. Weigand 2, 648. 11) einen schuldigen: sihestu ieman in sunden, schuldige in nicht, der sie tut. schuldige den, der in an richtet.
der veter buoch 67, 20
Palm; dese ward stadelike sculdeget van sinem abbede unde nicht gebeteret; den antwarde men dem bischope to berichtende; den sculdegede de bischop vil dicke bitterlike.
d. chron. 2, 197, 22
f.; ich will darmit die juden weder entschuldigt noch geschuldigt haben. Reuchlin
verstentn. 5
a; was schüldiget er denn uns?
Röm. 9, 19; wir armen sünder und fleischfresser, haben zwar nirgend und nie noch
[] gesagt, das Christus ein newes anfahe, da er spricht, fleisch ist kein nütze, wie uns der geist schüldigt. Luther 3, 469
a; die ander frag, wann böss und guttes, ausz gottis willen, geschicht, warumb anklagt er, und strafft die bösen. dise frag berürt er, da er spricht, so sagestu zuo mir, was schuldiget er dann uns? Melanchthon
annot. Römer verdeutscht 46
a; (
die advokaten) sein auch schuldig dem geschuldigten seinen schaden wider zuokeren, wöllen sie anders in das himmelreich zuo got dem herrn kummen. Pauli
schimpf u. ernst 92
Österley (127); als nun Philomena den ritter in jrer klag viel unnd mancherley schuldiget, sie jhr zuletzt fürnam, dem ritter zu schreiben, damit sie sein entschüldigen möchte hören.
buch der liebe 247
d; Satan! du verkläger, der sie tage vor dem thron, nächte vor dem thron sie mit grimm schuldigte! Klopstock 6, 277 (
Mess. 20, 946); meine mutter, was tadelst du doch, dasz der liebliche sänger uns erfreut, wie das herz ihm entflammt wird? nicht ja die sänger dürfen wir, sondern allein Zeus schuldigen, welcher es eingiebt allen erfindsamen menschen, und so, wie er will, sie begeistert. Voss
Od. 1, 349;
mit sächlichem object: denn gottes güte schüldigt er (
Jonas), und vergönnet (
miszgönnt) seinem nehesten gnade, und alles gut. Luther 3, 219
a; wann die hexe kam, und schlapp, wie ihrer brüste welkes paar, auf fettem klee der ziegen eiter fand, und bald des mondes schwindend horn, und bald den Pan, bald nasse nächte, bald den spruch des zaub'rers, flüche mummelnd, schuldigte. Stolberg 5, 65.
in verbindung mit synonymen: der solde die obgen. von W. schuldigen und beclagen.
quelle vom jahre 1371
bei Scherz-Oberlin 1450; das fihe wirt reden und die hund und türen und die stainin sülen werdent dich schuldigen und verklagen. Niclas v. Wyle
translat. 29, 28
Keller; wer gleubet, das dis gebet soviel leute trifft, und schüldiget? Luther 1, 83
a; sie schuldigen und schelten uns, als die allein darumb die beicht schewen und verdamnen, das wir nicht gerne beichten. 550
a,
vgl. briefe 2, 57; wie sie Genius (das ist ir eigene conscienz, gewiszen ...) mit worten und werken ansagt und schuldiget. Schade
sat. u. pasqu. 3, 114, 8. 22)
mit näherer bestimmung, einen einer sache schuldigen: de koning schuldegede en der verratnisse.
d. chron. 2, 173, 33; umb eine wunden en mac man nicht den (
nicht mehr als) einen man beclagen, doch mac man tates und hulfe mer lute schuldigen.
qu. bei Scherz-Oberlin 1450; deszhalben hertzogin jr mich der sach nit schuldigen mü
gen. Galmy 97
a; da fieng sie an, und schüldiget jn grosser untrew und unzucht.
buch d. liebe 263
d; es ist zwar der welt sitte, .. alle orden-stifter .. der schwärmerey, der eitelkeit, des unsinns
etc. zu schuldigen. Claudius 8, 228; Midian und Simeon begern eins ehbruchs schuldigen und klagen und wölln heut die sach fürtragen. Frischlin
Susanne 375.
dafür der acc. des pronomens, das: und sie selbs sind (das sie uns schüldigen) die Christum nach dem fleisch kennen. Luther 3, 453
a; das solt ir mich nit, sondern sie selber schuldigen, dann ir eigen ungerechtigkeit straft sie. Carbach
Liv. 37; das jr mich aber zuom ersten schuldigen, darüber ich gantz keyn antwurt geben will.
Galmy 106
b;
ähnlich ist wol auch zu verstehen: und synt disz die artikele syn gnade mich schuldigen lassen hat.
Frankfurter urkunde von 1482
bei Diefenb.-Wülcker 847. —
sonst einen um etwas schuldigen: de koning Karl schuldegede do de Romere umme de dât, de dem pavese Leone was geschen.
d. chron. 2, 150, 17; wolden de heren in der borch se jerghen umme schuldeghen.
d. städtechr. 16, 33, 9; wo einer den andern schüldigt umb einicherley unrecht, es sey umb ochsen oder esel, oder schaf, oder kleider, oder allerley das verloren ist.
2 Mos. 22, 9; oder wer wil dich schüldigen umb die vertilgeten heiden, welche du geschaffen hast?
weish. Sal. 12, 12; den man darum schuldigt, der musz darum antworten.
s. Wander 4, 373.
andere losere fügungen: und ist die unreinigkeit, da Moses Leviti. 12 die weiber und kinder in schüldigt. Luther 4, 306
b; denn aus diesem allen folget nicht, das hertzog George sey zu schüldigen des bündnis halben. 538
b; o mein hertz allerliebster herr und süsser gemahel, ich euch hier in gantz nit schuldigen kan, alleyn eweren ungetrewen marschalck.
Galmy 123
a.
[] 33)
selten steht schuldigen
mit doppeltem accusativ im sinne von '
schelten, heiszen': das er mich vor eim richter würd anzyehen, das ich jn geschuldiget hett einen dieb oder böszwicht. Keisersberg
post. 2, 60
b. Luther
verwendet ähnlich als,
doch meist mit folgendem relativsatz: derhalben sind sie (
die schwärmer und rotten) uns auch feinder denn euch, und schüldigen uns, als die zum creutz kriechen und widerruffen. 5, 78
a. 44)
sonst folgt gewöhnlich ein einfacher inhaltssatz: und also schuldigeten sie denselben Maisen, er wer in untreu und hett es mit den von Schweitz.
d. städtechron. 5, 170, 10; daʒ er in schuldegete, er breche den friden der zwischent inen geworen waʒ. 8, 146, 17; aber mit hangenden leftzgen mines mules .. tett ich sy schuldigen, umb daʒ sy mich an ains fogels statt gemachet hatt zuo aim esel. Niclas v. Wyle
translat. 258, 23
Keller; was wolt jr denn, das ich thue, dem, den jr schüldiget, er sey ein könig der jüden?
Marc. 15, 12; er schüldigt mich, wie ich wider mich selbs geschrieben hab, darumb müge meine lere nicht recht sein. Luther 2, 148
b; deszhalben ich dann, wo du dich des kampffs widerst, schuldig und geschuldigt haben wil, das du durch deine schandtliche anschleg und verrhäterey die frumm hertzogin understast umb jr eer, leib und leben fälschlich zuo bringen.
Galmy 107
a; gienge er hinweg, so seufftzet sie sehr, kam er dann wider, so lieff sie jm entgegen, schuldiget jn, er wer lang auszgewesen.
buch der liebe 181
a; alle schuldigten Zeus, der schwarzen wolken versammler, dasz er wollte ruhm dem troischen volke verleihen. Stolberg 11, 362; was nun? er schuldiget mich, dasz, grauliche kriegesgeschäfte meidend, zu spät ich gekommen zur angefangenen arbeit? Voss
Ovid (1829) 2,
s. 262 (
nr. 53, 313). 55) sich schuldigen,
seine schuld bekennen: darum schüldige ich mich, und thu busse in staub und asschen.
Hiob 42, 6,
ebenso in der Züricher bibel von 1530 270
b; und würdest dann dich selber schuldigen unnd zuo buosz erbieten.
Terentius deutsch (1499) 37
b. 66)
zuweilen nähert sich schuldigen
der bedeutung '
verurtheilen, verdammen': schüldige sie gott, das sie fallen von jrem furnemen.
ps. 5, 11; jedoch wil ich dich, edler ritter, nit gantz schuldigen, ich habe denn zuvor deine verantwortung auch gehört.
buch der liebe 248
a; schuldig sie gott in disem allen, dasz sie von jhrm fürnemen fallen, und stosz sie herr ausz deiner gmein. H. Sachs 5, 4
d.
in schwächerem sinne, schelten, schlecht von jemand reden: we sik des kan vorsinnen, de spreke nummer vrûwen leit. dat is de grôteste dôrheit: we sculdiget unse êgen lîf, wente unsere môdere wêren al wî
f. Vruwenlof 33,
vgl. 67. 77) ein urtheil schuldigen
ist so viel wie ein urtheil schelten (
s.schelten 6,
d, th. 8, 2529),
berufung einlegen: ind so wilche parthye des urdels as dan aldae in des ertzbuyschoffs kamer nedervellich wird, der mach dat vortan schuldigenn vur denn romischen kayser.
köln. stadtrecht des 16.
jahrh. bei Diefenb.-Wülcker 847; (of) zween uff (
oder) dry eirberenn geerffder burger beginnen zo Colne dat urdell schuldigenn.
ebenda; item als vurg. stet umb dat urdel, dat geschuldiget wart. dat bleif also stan.
d. städtechron. 13, 117, 24 (
Cölner jahrb. zu 1418);
vgl.: item alʒ vurg. stet we der bischuf Diderich van der stede wegen geladen wart an dat rich umb dat recht, dat geschuldiget wart an dat rich. 115, 29.
diese verwendung scheint also dem kölnischen sprachgebrauche eigenthümlich zu sein. 88)
vereinzelt ist auch der ausdruck eine klage schuldigen,
vor gericht vorbringen: die bischoff und din volck hude an dissem tage haben ober dich geschuldiget groissze klage.
Alsfeld. passionssp. 4391. 99)
ganz vereinzelt und kaum im lebendigen sprachgebrauch begründet ist die verwendung von schuldigen
für '
schuldig sein' (
vgl. schuldiger):
Ant. v. E. euch zahlen? sagt, was hätt' ich euch zu zahlen?
Ang. das geld, das ihr mir schuldigt für die kette.
Ant. v. E. ich schuld euch keins, bis ich empfing die kette.
Shakesp. com. d. irr. 4, 1.