glüh,
gluh,
adj. ,
glühend, glänzend. es scheinen zwei ursprünglich verschiedene wörter zusammengefallen zu sein: einmal nd. gloi,
das deutlich aus gloien
rückgebildet ist, und zweitens nd. glû,
das im ablaut mit glau (
s. d.)
steht, vgl. in Niedersachsen die redensarten: ein glau- oder glumädgen; glau- oder gluauge; glau oder glu aussehen Chr. Ulr. Grupen
von d. teutschen frau (
Göttingen 1748),
vorrede bl. b 3
b,
sowie weiter nd. glûpen, glûnen, glûstern,
mhd. glûch '
glänzend',
nhd. glauch '
hell, glänzend' (
vgl. teil 4, 1, 4, 7921). glû
und glau
sind beides tiefstufen der wurzel *ghlōu-
in ags. glōwan =
an. glóa,
s. Walde-Pokorny 1, 627.
auch glû
als rückbildung aus glühen (glûen)
zu betrachten, wie es Kluge-Götze 211
tut, wäre auf hochdt. boden durchaus möglich; da das wort aber nd. herkunft ist, bestehen schwerlich die lautlichen voraussetzungen für eine solche annahme: md. glûn
reicht nur ganz vereinzelt auf nd. gebiet hinüber, s. die formen von glühen
in den heutigen mundarten, sp. 443.
verbreitung und form. das wort ist in der form glû (gluw, gluh)
mit den dialektischen spielarten gloi,
glei, glô,
die md.-nd. glûwen, glûn,
nd. gloien, gleien '
glühen'
entsprechen, für das md. und nd. sprachgebiet seit dem 15./16.
jh. bezeugt. die nhd. form glüh,
die zufrühest in einem vereinzelten beleg des 17.
jh. auftritt (
vgl. unten 3 a),
wird erst im laufe des 18.
jh. schriftsprachlich geläufig (
als neubildung aus der mundartlichen form gluh
in anlehnung an das verbum?).
daneben bleibt bei autoren norddeutscher herkunft gluh
bis in die gegenwart gebräuchlich. das dialektische kerngebiet dieser form liegt heute im ostfälischen mit einschlusz des altmärkischen, vgl. Danneil
altmärk. 65; '
mundart in und um Fallersleben'
d. dt. mundarten 5, 145
Frommann; Block Eilsdorf im nd. jb. 34, 65; Damköhler
Nordharzer wb. 62; Schambach
Göttingen 65; Fromme
ma. v. Hohenbostel 36
Alpers; dazu stellen sich vereinzelte belege aus den nordniedersächsischen küstenmundarten: bremisch-niedersächs. wb. 2, 518; Krüger
Emden 54; Schumann
Lübeck 74.
zu gliu
diphthongiert in der mundart von Hastenbeck, vgl. Deiter
hannov. geschichtsblätter 24, 48;
ebenso in Lesse, s. Löfstedt
ostfäl. studien 1, 28.
zu jlou
in der Stieger ma., vgl. Liesenberg 146.
spontane senkung von û > ô
erklärt die ostfries. form glô,
s. Doornkaat-Koolman 1, 640
f. (
vgl. trôən '
trauen', trôrn '
trauern'
bei v. Mohr
die vocale der oldenbg. ma. im nd. jb. 30, 50, Sarauw
nd. forschungen 1, 230).
in glolechte '
glühhell' (Botho
chron. d. Sassen v. j. 1492
fol. 149)
bei Schiller-Lübben 2, 123 (
von dort auch bei Lasch - Borchling 1, 123)
blieb wohl nur der umlaut unbezeichnet. doch läszt sich glô
wie glôlehte
auch als alte umlautlose rückbildung aus glôian
deuten. neben glû
steht innerhalb der nd. maa. die umgelautete rückbildung aus gljen glj,
die teilweise mit diphthongierung zu gloi (gleu)
und folgender entrundung zu glei (glay)
geworden ist, vgl. Sarauw
a. a. o. 259
f. ob diphthongierungsform oder reine umlautsform vorliegt, lassen ältere belege ebenso wie ältere mundartliche aufzeichnungen oft nicht sicher erkennen; vgl. gloi
in der Münsterer chronik v. j. 1557 (
unten 1 a); gloye Brinckmeier
gloss. dipl. 1, 924; gloi gĩn '
als glühender mann spuken' Crecelius
oberhess. wb. 427; gloi, gleu
neben glei
bei Doornkaat-Koolman 1, 633.
die entrundete form glei (glay)
ist (
bisweilen nur in übertragener bedeutung oder mit bedeutungsverengerung, s. u. 3 b, c
u. d)
hauptsächlich für das ostfries. und nordalbing. sprachgebiet belegt: Doornkaat-Koolman
ostfries. 1, 633; Richey
id. Hamburg. 75; Mensing
schlesw.-holst. 2, 388;
ferner auf niederländischem boden: Molema
Groningen 124;
vgl. dazu: '
auch die form glei
ist für glu
in gebrauch, aber nur in der abgeleiteten bedeutung n' gleie dern' Danneil
altmärk.-plattdt. ma. 65; glei,
adj., hübsch, schön von angesicht, aber auch heiter, munter Frischbier
preusz. 1, 236. (
entsprechende entrundungen verzeichnet für Oldenburg v. Mohr
nd. jb. 30, 68;
für Dithmarschen Kohbrok
lautstand des žym-
gebiets, 1901, 35).
nicht durch entrundung, sondern durch diphthongierung des altfries. ē (=
umlaut von ō)
ist das ei
in nordfries. gläy Outzen 96
und wohl auch westfries. glei Dijkstra 1, 459
entstanden, vgl. Siebs
gesch. d. engl.-fries. sprache 239.
vereinzelt bleibt ostpreuszisch gli (
entrundete form aus nhd. glüh?),
vgl. E. Lemke
volksthümliches in Ostpreuszen 1 (1884) 166.
bedeutung und gebrauch. 11) '
feurig glühend'. 1@aa)
von glühenden metallgegenständen, holz, kohlen u. ä.: (
die führer der wiedertäufer) sint bynnen Munster up den marckede mitt gloien tangen gedodet (1557)
Münster. chron. 1, 337
Ficker; komm selbst ... und probe, was auf kleinen gluhen stäben Louisa, die bewährte köchinn, bräth Klamer Schmidt
poet. br. (1782) 135; bis des erzes glühe stange wie ein wurm sich wand und krümmte Fr. W. Weber
Dreizehnlinden (1907) 143; ich bin ja kein brennender heiliger, ... der auf glühem rost ruht wie auf kühlen, weichen rosen H. Watzlik
d. pfarrer v. Dornloh (1930) 234.
schon früh adverbiell gebraucht im compositum: ein donre kam unde ein blixsem unde entfengede den dom up der borch, dat de sparlatten unde dack glolechte brande (1492) Botho
chron. d. Sassen 149
nach Schiller-Lübben 2, 123.
von einem niedergebrannten ort: das sakramentsche gluhe nest Sankt Amand, was zu der groszen bataille bei Ligny gehörte ... da legts mich hin zu den andern in den brand und qualm Wilh. Raabe
d. Horn v. Wanza (
31903) 118.
mundartlich verzeichnet bei Danneil
altmärk. 65;
im idiotikon von Eilsdorf (
nd. jb. 34, 65);
bei Damköhler
Nordharzer wb. 62; Schambach
Göttingen 65.
als feste verbindung ist glühe kohlen
geläufig: heisz brennt wie glühe kohlen des schurken sterbepfühl Langbein
bei Campe 2, 409; ihr kriegskleid hat die farbe glüher kohlen; drauf steht: bei mir ist friede nicht zu holen J. D. Gries
Fortiguerra (1831) 7, 28;
vgl. ferner Fr. Rückert
poet. w. (1867) 8, 67; Fr. W. Weber
Dreizehnlinden (1907) 65.
mundartlich bei Hertel
Thüringen 107.
daher auch: die lohe verlodert; der ofen ist gluh Bürger
w. 60
b B. von der sonne: sie (
die flur) stirbt, vom winde siech, von gluher sonne versengt G. J. Schaller
verm. ged. (1789) 67; am strande des gelobten lands im glühen stich des sonnenbrands kämpft Ludowig der fromme C.
F. Meyer
ged. (1900) 267; und (
die sonne) schenkte dann dem sand, dem harten ton, jedem wesen ihren glühen morgentrank P. Dörfler
Peter Farde (1929) 65. 1@bb)
in vereinzelten belegen überwiegt auch hier das visuelle (
sieh unten 2): die ebenen, die noch eben mit dem gluhen rand der sonne begränzt waren, sie haben keine gränzen mehr Bettine
Göthes briefwechsel mit einem kinde 2 (1835) 247; am himmel stand der rote sonnenball, getrübt von dunst, ein glüher karneol Annette v. Droste-Hülshoff
ges. schr. 1 (1878) 101; am heitren dach ein glüher sonnenstreif; weit in der abendferne tiefe glocken
F. Langheinrich
an das leben (
o. j.) 77. 1@cc)
von dem physisch-seelischen vorgang des '
erglühens': sie bot ein blatt und wandt sich um, erzitternd, glüh gleich der granate Annette v. Droste-Hülshoff
ged. (1844) 226; Margarita ... schlug die augenlider über die sehr schönen braunen augen herab, wurde ganz glüh im angesichte und schüttelte leise das haupt Stifter
s. w. 2 (1901) 291. '
erhitzt': auf meinem angesicht sein (
des adlers) schatten ruht und läszt die glühen wangen mir erkalten G. Keller
ges. w. 9 (1889) 144. 1@dd)
von inneren vorgängen; besonders als ausdruck leidenschaftlich gesteigerter erregungszustände: das alles macht im tiefsten grunde mein herz so gluh! die rasche flamme leckt die worte weg! Klamer Schmidt
poet. br. (1782) 111; da du geboren wardst, beteten, gluherer inbrunst voll, Seraphim G. J. Schaller
verm. ged. (1789) 3; mich zum höchsten gut emporzuadeln ward mein herz voll glüher leidenschaft Kosegarten
rhapsodien 1 (1790) 47; von glüher lust entzündet K. Förster
ged. 1 (1843) 281
Tieck. hierher wohl auch ein mundartlicher beleg der neueren zeit: glû maken
durch geschrei und lärm leute in aufregung versetzen und herbeirufen 'hei het de ganze nâwerschop glû makt' Damköhler
Nordharzer wb. 62. 22) '
glänzend, leuchtend',
entsprechend dem gebrauch von glau
und glühen I B. 2@aa)
von leuchtenden, funkelnden augen (glüh
von augen in abweichender bedeutung auch unter 4): sie borgen dann die list vom fuchs; vom spürhund ihre nasen. die gluhen augen von dem luchs Bürger
w. 65
a B.; weh, kinder, weh uns! was zu thun? ruft altpapa mit demutsvoller amtswürde, gluher augen koller J. H. Voss
s. ged. 6 (1802) 231; fuhr er auf, die augen blitzten, glüh vom Sachsentrotz, dem alten Fr. W. Weber
Dreizehnlinden (1907) 43; ein schwarzer kater schleicht herzu, die krallen scharf, die augen gluh Wilhelm Busch
kritik d. herzens 3; als er ihre glühen augen, ihre heisze angst sah, vermochte er die volle wahrheit wieder nicht zu sagen P. Dörfler
d. lampe d. törichten jungfrau (1930) 201.
vgl. dazu die mundartlichen belege bei Fromme
ma. v. Hohenbostel 36
Alpers; Frommann
d. dtschen maa. 5, 145 ('
mundart in und um Fallersleben'); Danneil
altmärk. 65. 2@bb)
vom widerschein des feuers oder des sonnenlichts: und an dem boden, wo er trat, wuchs eine sprossende flämmchensaat. aber auf einem steine, mitten im glühen scheine lag ... eine schlange mit bunten schilden Fr. Rückert
poet. w. 12 (1882) 70; dort blitzts auf, das ist der Rhein, wo sich zwischen rebenhügeln bei dem glühen morgenschein burgen in den fluten spiegeln Eichendorff
s. w. 1 (1864) 402.
von farbempfindungen: erdbceren fand ich, glüh wie rubin Annette v. Droste-Hülshoff
ges. schr. (1878) 1, 154; draus lachten glühe, frischgepflückte rosen J. Mosen
ged. 2 (1863) 28. 33)
von der voraufgehenden gruppe musz eine verwandte bedeutung '
blank, hellschimmernd'
getrennt werden, die sich beim verbum nicht nachweisen läszt, dagegen bei glüh
schon in frühneuhochdeutscher zeit ausgebildet ist (
vgl.glau 2
und 4; glauch 1 a). 3@aa)
mehrfach bei Luther,
wohl dem niederdeutschen entnommen: seine augen (
waren in einer erscheinung) wie ein fewrige fackel, seine arm und füsze wie ein gluu ertz (
in anderen ausgaben: hell,
glatt)
Daniel 10, 6,
hierzu fügt die bibel von 1569 (
Wittemberg bei Hans Lufft)
die randglosse: gluu 'hell, klar, polirt
etc.',
während Mathesius
Sarepta (1571) 74
b dazu bemerkt: hie erscheinet der son gottes an seinen henden und füszen auch in kupffer gestalt, ertz ist rot kupffer. allein hie stehet ein wort dabey, das heiszt gluw, vielleicht glüend oder gar kupffer, oder das hell, klar oder polirt ist und sein glantz hat, wie die auszlegung auffm rand an dem ort vermeldet. was nun disz eigentlich für ein gluw, glauch oder hell kupffer gewesen sey, können wir nicht eigentlich sagen. es sind viel metall die da gleiszen und schimmern, ob es wol nicht alles gold oder glantz ist;
randglosse: was gluw ertz wey:
text: das hebreische wort, damit Daniel disz kupffer von andern unterscheiden wil, heiszt eigentlich polirn, auszfegen, auszwischen, wie man harnisch blanck machet ... oder kupfferne tiegel ... hell und klar machet.
vgl. auch a. a. o. bl. 40
b;
ferner: aber nu sind solche rotten (
scil. die wiedertäufer) unser schleiffstein und polirer, die wetzen und schleiffen unsern glauben und lere, das sie glw und rein wie ein spiegel glentzen Luther
w. 30, 2, 212
W.; das (
das schwert des glaubens) immer fein scharff und glw bleibe Luther 5 (
Jena 1566) 526
b.
im compositum gluhneu '
nagelneu': es ist jtzt ein gantz glu newe welt, die amptleut und adel wollen nicht hesscher sein, es sey dem adel zu nahe. juristen wollen nicht schirmer sein, es sey ferlich bey groszen herrn; theologen wollen nicht streffer sein, es verdreust die leute Luther
w. 50, 430
W.; bei Petri
d. Teutschen weiszh. (1604) Aa 7
b und Henisch (1616) 1669
zitiert in der form glühneu; wenn der maulwurff todt ist, so sihet er eben so gluh aus, als wenn er lebt Petri
d. Teutschen weiszheit (1604) Sss 2
b; we den ketelhaken glue schüret, de is des anderen dages lyke blanc
bei Schiller-Lübben 2, 123; de nyen gluen hoyde (
hüte) un blancke kragen
ebda. mundartlich im nd. sprachraum heute weit verbreitet, vgl. Block
idiotikon von Eilsdorf im nd. jb. 34, 65; Schumann
Lübeck 74; Mensing
schlesw.-holst. 2, 398;
als glimmerglu
im bremisch-niedersächs. wb. 2, 518. 3@bb)
der nd. nordwesten hat im zusammenhang mit dem friesischen daneben eigene anwendungsmöglichkeiten entwickelt, die sich vor allem auf die atmosphäre (
luft, himmel)
und entsprechende naturerscheinungen beziehen: de lücht (
luft, himmel) is so glô, dat d'r gên wulkje an to sên is Doonkaat-Koolman
ostfries. 1, 640; dat weder is glei '
freundlich, sonnig' Mensing
schlesw.-holst. 2, 388;
vgl. dazu: de zon schijnt glei (
wässerig, hell) Molema
Groningen 124,
und de gleije sinne '
helder schijnende zon' Dijkstra
friesch wb. 1, 459; Outzen
fries. 96. 3@cc)
übertragen auf personen im sinne von '
hübsch, schön von angesicht' (
vgl.glatt teil 4, 1, 4,
sp. 7708);
dann auch '
heiter, vergnügt, munter'.
mundartlich im nd. verbreitet, vgl. glei Mensing
schlesw.-holst. 2, 388; gley Richey
id. Hamburg. 75; glei Danneil
altmärk. 65; glei Frischbier
preusz. 1, 236.
literarische belege sind selten: de stadtmeegede seeth tho malen gluw (
nd. 16. jh.)
fastnachtspiele 2, 966
Keller; '
rotwangig': wie bin ich nun dem schlafe doch so gram, dem wachen, wie so gut! itzt, Lucifer, siehst du am näherahm mich noch so glüh als hätt ich sanft geruht Göckingk
lieder zweier liebenden (1779) 61. 3@dd)
in wechselwirkung mit glatt (
vgl.glatt und glei
teil 4, 1, 4,
sp. 7734)
hat das wort in der mundartl. form glei
neue bedeutungen gewonnen: glänzend, gleiszend, verführerisch, falsch —
freundlich, heuchlerisch, vgl. 'n glei gesigt, 'n glei wîf Doornkaat-Koolman
ostfries. 1, 633; glei un slierig snacken
wie glattsnacken Mensing
schles.-holst. 2, 388. 44)
zu der von 2 a
verschiedenen anwendung auf die augen als '
scharfsichtig, listig, schlau blickend' (
wie glau 2)
vgl. Doornkaat-Koolman
ostfries. 1, 640.
hierher wohl auch: ihre dunklen augen waren nicht grosz, aber gluh und nicht ohne eine gutmütige schlauheit im ausdruck Ricarda Huch
Ludolf Ursleu (1922) 17.