glühendig,
glüh(e)nig,
adj. ,
mhd. glüendic;
ableitung vom partizip glüende (Lexer 1, 1040).
form und verbreitung. aus mhd. glüendic
haben sich verschiedene mundartliche spielformen entwickelt, die teilweise den vokalstand, teilweise den konsonantismus des wortes veränderten. unumgelautete formen (glûndig, glûwenig)
sind entsprechend dem verbum (glûwen)
für das md. bezeugt, vgl. die unten angeführten belege aus dem Straszburger Alexander, der litanei, St. Brandan. die form glüh(e)nig (
md. glûwenig),
entstanden durch vernachlässigung oder schwund des inneren dentals, läszt sich für das gesamte deutsche sprachgebiet nachweisen, vgl. zs. f. dtsche wortforsch. 1, 107: Schöpf
tirol. id. 197;
schweiz. idiot. 2, 621; Seiler
Basler ma. 139;
Fischer schwäb. 3, 719;
in der Frankfurter ma.; Altenburger ma. (
Thüringen)
in der zs. f. hd. maa. 6, 101; Gerbet
Vogtland 357;
zum niederdeutschen vgl. unten. vereinzelt treten innerhalb der md. und fränkischen mundarten entrundete formen auf (glihnig, gliewenig),
vgl. Fischer
schwäb. 3, 719 (
südrheinfränkisch); Meisinger
Rappenau 73;
rhein. wb. 2, 1287; Hofmann
niederhess. wb. 108; Leihener
Cronenberger wb. 46; Hertel
Thüringen 107; Müller-Fraureuth 1, 427; Gerbet
Vogtland 50; 315/6;
hierher wohl auch gligennig (
vor 1462)
bei Mone
anzeiger f. kunde d. teutsch. vorzeit 7 (1838) 164.
im niederdeutschen und in den benachbarten westmd. maa. lauten die entsprechenden formen gljendig (
mit diphthongierung gloiendig,
vgl. die variante gloiendighen
aus einer niedersächs. hs. des 14.
jh. kaiserchronik 9608),
bzw. gljenig, glnig,
entrundet glênig (
diphthongiert gloinig,
entrundet gleinig),
vgl. Lasch-Borchling 1, 123; Diefenbach-Wülcker 629; Frisch
teutsch-lat. 1 (1741) 358; Sarauw
vergleichende lautlehre der niederdeutschen mundarten 259 (
mit belegen aus dem 16.-19.
jh.).
in neueren dialektwörterbüchern: glöhendig
rhein. wb. 2, 1287;
wb. d. Elberfelder ma. 61; Leithäuser
Barmer ma. 60. gloi(e)ndig:
rhein. wb. 2, 1287; Mi
mecklenburg. 27. glö(je)nig:
rhein. wb. 2, 1287; Bauer-Collitz
waldeck. wb. 40; 67; Strodtmann
idiot. Osnabrugense 73; Krüger
Emden 54; Mensing 2, 397. glênig:
rhein. wb. 2, 1287; Heinzerling-Reuter
Siegerländer wb. 86. gloinig: Mensing 2, 397;
brem.-niedersächs. wb. 2, 519; Doornkaat-Koolman
ostfries. 1, 633; Woeste
westfäl. ma. 80; Frederking
Hahlen 11; Flemes
Kalenberg 337; Böger
Schwalenberg 151; Köppen
Dortmund 23; Kehrein
Nassau 1, 168; Crecelius
oberhess. wb. 427. gleinig: Woeste
westfäl. 80; Flemes
Kalenberg 337; Deiter
Hastenbeck 124; Doornkaat-Koolman
ostfries. 1, 633; Frischbier
preusz. 1, 237. —
zu glainich
neben glânich, glænich
hat sich auch das wort im siebenbürg.-sächsischen entwickelt, s. Kisch vergl. wb. d. siebenbürg.-moselfränk. ma. 93; Kramer
Bistritz. dialekt 34; Haltrich
idiot. 30; 128.
dem mitteldeutschen (
und angrenzenden niederdeutschen)
eigentümlich ist die erweiterung (
nasalierung)
der endung -ig > -ing,
vgl. Germania 26, 272; 29, 3-4;
zs. f. dtsche wortforsch. 1, 107;
zs. f. hd. maa. 6, 207: glüewening Vilmar
Kurhessen 131; glîwening Hertel
Thüringen 107; glêweneng Hertel
Salzungen 113; jlinink Jecht
Mansfelder ma. 43; gloining Schambach
Göttingen 65 (
vgl. auch die unten angeführten belege).
bedeutung und gebrauch. die beiden bedeutungselemente '
feurig glühen'
und '
glühend leuchten',
die dem verbum eigen sind, kehren auch bei glühendig
wieder; ihre anwendung geht aus sachlichen gründen bisweilen in einander über. uneigentlicher und übertragener gebrauch ist im gegensatz zum partizip nur spärlich bezeugt. 11) '
feurig glühend',
besonders vom glühzustand des feuers selbst, von brennbaren stoffen, metallen u. ä.: er nam ein glüendigen brant und gienc vil rehte gein der want da er Rennewarten slâfen sach Wolfram v. Eschenbach
Willehalm 286, 3;
im vergleich: als ob im fiwers vanken flügen ûz dem munde glüendic ob und unde
ebda 409, 30.
vom visuellen eindruck her bestimmt (
vgl.glüh 1 b
und 2): er (
der wâpenroc) was von golde dennoch guot, er gleste als ein glüendic gluot
Parzival 81, 22; und seine augen glüheten wie glühniges feuer E.
M. Arndt
schr. für u. an s. l. Deutschen 3 (1845) 502.
geläufig sind verbindungen wie glühendige (glühnige) kohlen, glühendiges (glühniges) eisen
u. dgl.: der wirt in fuorte in eine gruft, dar selten kom des windes luft. dâ lâgen glüendige koln Wolfram v. Eschenbach
Parzival 459, 7; wer mag auf gluendingen kolen gên
leben des hl. Hieronymus 52, 23 (
var.)
nach Germania 29, 3; (
Dionysius) wolte sich mit keinem schermesser barbieren lassen, sondern mit einer glnigen kolen jhm selbst den bart absenget R. Lorichius
paedagogia principum (1595) 72;
dazu wohl auch: pruna gligennig glitte (
vor 1462)
bei Mone
anz. f. kde d. teutschen vorzeit 7 (1838) 164. glühendiger ofen: dâ sach si inne stên einen glundingen oven
altdeutsche pred. 1, 108
Schönbach; Daniel und sine gesellen wurdent gestoszen in den glügendigen offen (15.
jh.)
bei Ch. Schmidt
elsäss. 151.
von metallen. glühendes (
flüssiges) gold: unde gossen eme glunyg golt in synen munt Wigand Gerstenberg
chron. 10
Diemar; vgl. auch Ch. Schmidt
elsäss. 151. glühendiges eisen: eyn gloyendech ysern
formum dict. alphab. (
nd., 1417)
bei Diefenbach-Wülcker 629; somyghe mot men myt eynen gloyendighen yseren bernen Joh. Veghe 211, 16
Jostes. glühend gemachte eisengeräte: man het drei glendig zangen und der henker nam ie ein zangen
städtechron. (
Nürnberg 1487) 10, 384; mit glünigen zangen (
Balingen 1607)
bei Fischer
schwäb. 3, 719; ar hätt (
sie) mit glünicher zonge ens henderkastell gezweckt J. Lowag
ges. schr. 8 (1902) 122. do schos Johannes Thises zcu hant ein glundigen pfil in den herczog
fontes rerum Bohemic. 3, 118 (
Dalimil-chronik).
redensartlich in der wendung: dai kann nix liggen lten as glainig îsern un müelenstêne Woeste
westfäl. 80; Heinzerling-Reuter
Siegerländ. wb. 86; Bauer-Collitz
waldeck. wb. 67; Mensing 2, 397.
der visuelle eindruck herrscht vor: in dussem jahre sat ein wunder in den heven alse ein gloyendech stake
script. Brunsv. 3, 270
Leibniz. im feuer glühend gewordene mauerteile: der tiere bleib dâ vil tôt, wande si branten ir mûlen an den glûndigen sûlen von des fûris flammen
Straszburger Alexander 4437
Kinzel. in medizinischem und chemischem zusammenhang: zum letzten mal lasz es (
sal commune) brennen, bisz es glendig wirt Kertzenmacher
alchimia (1574) 16
b; nimb ein eisenplech und leg ein wenig minii (
bergzinnober, natürliche mennige) drauff, und machs mit einander glendig G. Rivius
Vitruv (1575) 499; nim 5 baumnsz mit den schalen, machs glendig ob einem fewr O. Gäbelkover
artzneybuch 1 (1596) 233.
von feurigen bergen: im quam vor zû blicke ein nebel der was dicke vor einem berge glûndinc. dâ sach er jêmerlîche dinc
St. Brandan 433
Schröder; ähnlich: gelîcher wîse als ob unser einz ûz einem küelen touwe in den grœsten berc sliefen solte und müeste, der iendert in der welt ist und der îtel fiurîn und glüejendic wære Berthold v. Regensburg 2, 23
Pf. 22)
der eindruck der wärme tritt hinter dem farbeindruck zurück. 2@aa)
glühend (
rot)
leuchtend: ein glüendig und rotfar gold (1505)
bei Ch. Schmidt
elsäss. 151;
vgl. dazu die mundartlichen belege: gloinig
glühend, feuerroth brem.-niedersächs. wb. 2 (1767) 519;
rhein. wb. 2, 1289;
rot glühend Böger
Schwalenberger ma. 151; Frederking
Hahlen 11.
im westfälischen und rheinländischen heiszt ein mensch mit roten haaren een glönigen (glainigen) vosz,
vgl. Strodtmann
idiot. Osnabrugense 73;
rhein. wb. 2, 1289. —
vom teufel und seinen gesellen. schon im mhd.: zû hant dô quam des tûvels her geloufen allenthalben mit glûndigen alben
St. Brandan 724
Schröder; de gleunige düwel Köppen
Dortmund 23; de gloinige
d. i. der teufel Schambach
Göttingen 65.
in den niederdeutschen mundarten sind die verbindungen glühendiger (glühniger) kerl, glühendiger (glühniger) man
in der bedeutung '
irrlicht, spukgestalt'
fest geworden, vgl. Jac. Grimm
mythologie 2 (1816) 764;
rhein. wb. 2, 1288; Schambach
Göttingen 65;
sieh auch schweiz. idiotikon 2, 621.
in mundartnahem schrifttum: ein 'gläuniger kerl', Prippengiel genannt, kam nachts von Suhle nach Hemmelte herunter L. Strackerjan
aberglaube u. sagen 1 (1909) 225;
hierher wohl auch: glȳúe.nəX dre(n) kīkən '
unheimlich (
meist zugleich dumm)
dreinkucken' Leihener
Cronenberger wb. 46. 2@bb)
in der bedeutung '
glänzend, funkelnd'
von den augen: Ul bekam immer gläunigere augen H. Löns
d. wehrwolf (1915) 32.
übertragen von der gemütsbewegung '
zornig',
vgl.en glöhntig micken
mädchen mit zornigen augen Leithäuser
Barmer ma. 60 33)
in übertragener anwendung besonders vom hitzigen, jähzornigen wesen eines menschen. die belege stammen aus modernen mundartenwörterbüchern, vgl. rhein. wb. 2, 1289; Leihener
Cronenberger wb. 46; Doornkaat-Koolman
ostfries. 1, 634.
in der form gleinig
weiter entwickelt zu '
abscheulich, verflucht'
bei Frischbier
preusz. 1, 237. 44) glühendig
dient mit seinen sprachlichen varianten ebenso wie das partizip glühend
als steigerungs- und verstärkungsmittel. dieser gebrauch ist besonders umgangssprachlich belegt. den übergang zeigen verbindungen wie: er ist ganz glühendig rot im gesicht (
von dem erhitzten) Frischbier
preusz. 1, 238.
hierher auch: e glühnige dorscht
brennender durst in der Frankfurter ma.; ik wurd so gleinige dül
fürchterlich toll Doornkaat-Koolman
ostfries. 1, 634.
aus dem sachlichen zusammenhang gelöst, rein steigernd: glöhnig vull
sehr voll Mensing 2, 398; gliniΧ herfort
höchst erschrocken rhein. wb. 2, 1289.