gestern,
adv. heri. II.
Herkunft und formen. I@11)
wort und begriff sind indogermanisch, lat. heri, here
gestern (
mit locativem i, r
für s), hesternus
gestrig, griech. χθές,
ἐχθές gestern (
mit stützendem θ),
χθεσινός,
χθιζός,
χθιζινός gestrig, sanskr. hyás
gestern, hyástanas
gestrig. I@22)
in den germanischen sprachen entspricht altn. gær, í gær,
gestern, schwed. i gr, i grdag,
dän. i gaar,
norw. gaar, gjaar, gjær;
und als weiterbildung mit ableitendem ter
goth. gistra- (
in gistradagis
αὔριον,
s. unten II, 1),
ags. gistran däg,
altengl. gisturday,
engl. yesterday,
aber schott. yesday Motherby 217,
nordengl. schott. yestreen
gestern abend. I@33)
im deutschen erscheint das wort als adverbial gewordenes substantiv I@3@aa)
in der form eines dat. sing.: ahd. kestre
und in zusammensetzung êgestra, êgestere, êgestir,
mhd. meist gester,
nhd. gester Duez (1664) 195
b. Stieler 634: gester tet ich mein dienst aufsagen.
fastn. sp. 565, 20; ach das du mir nit kamest gester. H. Folz
bei Haupt 8, 514; gester ze abent.
Bocc. 598, 35
Keller; gester des tags. Baumann
quellen 2, 45; wir giengen gester nach mittag. Birck
Susanna c 4
a; wann gester ist sein (
des rossdiebes) zeit gleich ausz. H. Sachs 4, 3, 27
a. 3, 1, 173
d. 5, 213
c; ich hab gester die spitz abgebissen.
Garg. 99
a; sie hat gester in meiner abwesenheit auff einen balcken steigen wollen.
Simpl. 4, 63, 28
Kurz; noch tirol. schweiz. gester Schöpf 188.
schweiz. id. 2, 488. Seiler 134
a,
elsäsz. gestere, gestre Frommann 5, 115, 17,
cimbr. gester,
in den sette communi gõstär, gõstar, gester,
erzgeb. gestr uomd (
abend) Göpfert 24. I@3@bb)
in der form eines dat. plur.: ahd. gesteron, gesteren, gestren, kestirn,
mhd. gesteren, gestern, gestren (
pred. 69, 4
Wackern.), gesterne (
Apollonius 53, 29
Schröder),
nhd. gesteren,
pridie Dief. 459
a, gestren Keisersberg
postill 1, 20
a, gestern
allgemein, auch cimbr. lusern. gestarn. I@3@cc)
mit auslautendem -t,
zugesetzt wie im alem. eistert, öppert, êndert. I@3@c@aα)
gestert Dief. 459
a. Dasypod. E 6
d (
auch vorgestert). Alberus
dict. BB 1
a. Henisch 1575. Stieler 634: so hait der phaltzgrave ettliche tage zu Forchheim gelegen und ist gestert dausz geritten. Janssen
reichscorr. 2, 184. 196 (
von 1461); gestert was sy zuo fuosz einher (
herein) gegangen von Bethania. Keisersberg
schiff d. penit. 96
a; gestertt hab ich e. k.
m. geschrieben.
urk. Max. 158; gestert montags Baumann
quellen 2, 298; Christus heut, gestert und in ewigkait. S.
Frank guldin arch (1539) 99
b; wasz jm heut und gestert miszfelt.
ebenda; der mich gestert wolt ertödt han.
Morgant 85, 25. 87, 34
Bachmann; ich bin heut, wie ich gestert war. H. Sachs 5, 244
a. 218
c. 226
c. 4, 1, 10
d, 17
d u. o.; gestert abend. Drummer
winternächte (1666) 1;
noch wetterauisch gestert,
ebenso tirol. schweiz. elsäsz. Schöpf 188.
schweiz. id. 2, 488. Seiler 134
a. Frommann 5, 115, 17. I@3@c@bβ)
gesternt, gestirnt: als ir unsern herren gesternt geantwort habt. Janssen
reichscorr. 1, 350. 352 (
von 1426); wissit, das mins herren von Mencze gnade und min herre von Brandenburg uff gestirnt samsztaig her gein Reigenspurg wole kommen sint. 367 (
von 1429). I@3@dd)
wol eine kürzung ist das alem. gest Frommann 5, 115, 17.
schweiz. id. 2, 488,
schwäb. gerst Schmid 229 (
s. unten 5):
elsäsz. gest' simmerr fische gange. Frommann 5, 113, 17 (
aus Hagenau); mer henn noch aa ze reche for gest un vorgest.
pfingstmontag 38. I@44)
in Niederdeutschland allgemein gistern Dähnert 152
b. Danneil 64
b. Woeste 80
a. Strodtmann 73;
gött. zuweilen gistert Schambach 64
a,
vgl. oben 3,
c, α; auch in den früheren schriften Luthers
begegnet nicht selten die form gistern,
z. b. ausleg. d. ep. u. ev. des advents (1522) A 4
b,
die ander ep. Petri (1524) i 3
b,
postill (1528) 19
b; ich bin ein man, der nicht beredt ist, von gistern und ehrgistern (ehegistern).
2 Mos. 4, 10
var.; das sie ziegel brennen, wie gistern und ehegistern. 5, 7. 8
var.; mnd. gisteren, gisterne, gistern Dief. 275
c, van gisteren 276
b (
niederrhein. gl. d. 13.
jh.), ghisteren, ghesteren
gemma gemm. (
Köln 1495) K 3
c,
altclev. gysteren
Teuthonista 108
a,
mnl. ghister, ghisteren Kilian,
nnl. gister, gisteren,
ostfries. güster, güstern ten Doornkaat Koolman 1, 709
b,
westfries. helgol. jîster,
nordfries. auf Föhr und Amrum jistar Johansen 78. I@55)
beachtenswert ist das eindringen des r
aus der zweiten in die stammsilbe: ags. gyrstan, gyrsta, georstan
meist verbunden mit däg
oder niht,
altengl. yerstene-night,
engl. yersten Stratmann 681
b;
saterländ. jêrsten, jerssene,
wangeroog. júrsen,
ostfries. früher jurssen Stürenburg 99
b,
nordfries. in Moringer mundart ánjörsne Bendsen 336;
schwäb. gerst, gerstern, gerstig,
gestern Schmid 229, gerstern
schreibt Schubarts
frau bei Strausz 1, 434. 445. IIII.
Bedeutung und gebrauch. II@11)
das indogerm. grundwort hat offenbar die bedeutung '
den andern tag von heute aus'
gehabt, denn sanskr. hyás
bedeutet sowol '
gestern'
als '
morgen',
altn. gær, gör, í gör
neben '
gestern'
zuweilen auch '
morgen': í dag eða gör (
heute oder morgen)
Landn., nú eða í gör
Hamðismál 31;
goth. gistradagis
αὔριον '
morgen'
Matth. 6, 30
statt du maúrgina 1
Cor. 15, 32;
ahd. êgestra, êgestere, êrgestere, êgestir, êgesteren, êgestern
wird durch lat. perendie '
übermorgen'
glossiert Graff 4, 273. Schade
2 1, 330
b. II@22)
den tag vor heute, am vorhergegangenen tage: mhd. diu nâchhuot was gestern mî
n. Parz. 673, 23; des uns gestern wart gemût. Herbort
troj. kr. 15697;
nhd. gestern,
heri voc. 1482 m 4
a.
voc. inc. teut. i 5
a. Maaler 176
c; tausent jar sind fur dir, wie ein tag der gestern vergangen ist.
ps. 90, 4; gestern wars an mir, heute ists an dir.
Sirach 38, 23; und gott ist heut, wer gestern mensch noch war. Schiller V, 2, 191 (
don Carlos 1, 9); denn wer gestern und heut in diesen tagen gelebt hat, hat schon jahre gelebt. Göthe 40, 287;
in verbindung mit präpositionen und adverbien: sagt ihr, dasz ich .. meine heftigkeit von gestern ihr reuevoll abbitte. Schiller XII, 568 (
M. Stuart 5, 8); von gestern her,
pristinus Schönsleder V 4
b; von gestren über 9 tag. Keisersberg
postill 1, 20
a; seit gestern, bis gestern; ich habe der zeit ihr geheimnisz geraubt, von gestern zu gestern zurück sie geschraubt. Chamisso 3, 102; und man die sune uff gestern dinstag uffenberlich uszgeruffen. Janssen
reichscorr. 1, 300 (
von 1416); was geschehen sei gestern den tag. Weinhold
weihn. 241; gestern zu abende,
hesterna die Dief. 276
b; gestern zu abend, gestern zu nacht, gestern zu morgen Henisch 1575; gestern frühe Stieler 635; gestern früh, gestern abends, nächten Rädlein 377
a; gestern morgends Stieler 2375; gestern abend, gestern mittag, gestern morgen Adelung,
zusammengezogen gesterabend
Simpl. 2, 200, 11
Kurz; vergegenwärtigte mir den spaziergang von gestern abend. Göthe 25, 356; den er gestern nacht so reichlich beschenkt hatte. 17, 171; ich sah dich gestern nacht mit deiner ersten gemahlin, reich geputzt, zu tische sitzen. Schiller XII, 376 (
Wallenst. tod 5, 3);
den frischen eindruck, die lebendige erinnerung hervorhebend: die kleinsten umstände dieses zufalls stehen mir noch vor augen, als hätte er sich gestern ereignet. Göthe 19, 165; alle (
familienglieder auf dem bilde) frisch und lebendig wie von gestern, ja von heute, und doch waren sie schon alle vorübergangen. 26, 288. II@33)
in weiterer bedeutung, zur bezeichnung der jüngsten vergangenheit, nuper, nuperrime Kraft
lat. wb. 1, 1056
b: doch ich besorge es nicht erst seit gestern, dasz .. Lessing 12, 281; wir sind von gestern her und wissen nichts, unser leben ist ein schatten auff erden.
Hiob 8, 9; ich, ein geschöpf von gestern her, der ich vor kurzem nicht war. Gellert 7, 167;
nach genannter bibelstelle zur hervorhebung der unerfahrenheit, des unbedeutenden und alltäglichen angewendet: dasz irgend ein mensch von gestern her durch speculation oder durch eine reiche heirath ein groszer mann geworden. Wieland
Horaz br. 1, 107; männer von gestern, die wir das vergangne .. zu boden sprechen. Freiligrath
ges. dicht. (1877) 5, 196; 'sei deinen worten lob und ehre, wir sehn dasz du ein erfahrner bist.' sieht aus als wenn es von gestern wäre, weil es von heut ist. Göthe 3, 274;
mit negation, um das gegentheil, die erfahrenheit hervorzuheben: osnabr. he is nich van gistern,
er ist nicht dumm, nicht unerfahren Strodtmann 73; zeigen, dasz er nicht erst seit gestern mit den gegenständen bekannt ist. Lessing 8, 1; er, der nicht erst seit gestern die welt bereiste, verstand den wink der schönen schwestern. Wieland 5, 8 (
n. Amadis 12, 15). II@44)
biblisch, von lange vergangener zeit: Jacob sach an das angesicht Labans, und sihe, es was nit gegen jm wie gestern und vorgestern.
Züricher bibel 1530 17
a,
1 Mos. 31, 2, es war nicht gegen jm wie gestern und ehegestern Luther;
daher gestern und ehegestern,
antehac, semper, inde usque a pueritia Stieler 635; ich bin ein mann, der nit beredt ist von gestern und vorgestern.
Züricher bibel 2 Mos. 4, 10; Jhesus Christus gestern und heute und derselbe auch in ewigkeit. Luther
Hebr. 13, 8,
die vergangenheit von je her ausdrückend; die grube ist von gestern her (
seit lange) zugericht.
Jes. 30, 33; jeder sagt, die vergangenheit gebe die rechte lehre der zukunft; aber fehlts denn dem menschen an vergangenheit? kommen wir nicht alle von gestern her (
haben wir nicht eine vergangenheit und erfahrung hinter uns)? jeder hatte vergangenheit genug in sich, um eine reine zukunft auszubilden. J. Paul
friedenpr. 37. II@55)
als substantiv. II@5@aa)
der nächstvergangene tag: der heutig tag ist des gestern iunger, ein tag lert den andern. S. Frank
spr. 1, 44
a,
falls des gestern
hier nicht adjectivisch gemeint ist wie altclev. gysteren
hesternus Teuthonista 108
a; die mutter wurde ihr heute für das opfernde worthaltende gestern durch vertrauende liebe dankbar. J. Paul
Titan 3, 118. II@5@bb)
der vergangene tag überhaupt: davon ich auch gesagt itzt schon vor dreien gestern. P. Fleming 467
Lappenberg; er ist dahin, wo viel tausent gestern sind,
diem supremum obiit Stieler 635; viel tausent gestern sind vorbeigegangen.
anh. (
kurze lehrschrift) 240; und alle unsre gestern haben narren zum modervollen grabe hingeleuchtet. Schiller XIII, 149 (
Macb. 5, 6). II@5@cc)
allgemein, die vergangenheit: liegt dir gestern klar und offen, wirkst du heute kräftig frei. Göthe 4, 337; wer in dem gestern heute sah, dem geht das heute nicht allzu nah.
ebenda; ein selig heute für ein schrecklich gestern. 13, 313 (
Epimen. 2, 9); es ist ein gestern worden, unerhört! das heut', wo du im grünen schmuck gepranget. Chamisso 3, 157; kinder des tages, .. dasz das morgen mit dem gleichen rechte sie negirt, wie sie das gestern vernichteten. Görres
Teutschland 49; sein heute nach dem model seines gestern zu prä
gen. Rückert
mak. 2, 242; wer du immer seist, o mensch, du bist das kind deines heut allein, nicht deines gestern. 1, 201.