geruhen ,
älter nhd. gerûchen, geruechen,
ahd. mhd. geruochen,
md. gerûchen,
mnd. gerôken, geruoken, gerûken Schiller-Lübben 2, 73
a,
durchaus zu trennen von dem vorigen. es ist verstärktes ahd. ruochan, ruachen,
rücksicht nehmen, besorgt, bedacht sein, mhd. ruochen,
md. rôchen, rûchen,
alts. rôkjan, ruokëan,
mnl. roecken,
ags. rêcan,
sorgen, prät. rôhte,
altengl. rekken,
engl. reck,
altn. rœkja,
norw. rökja,
sich um etwas kümmern, dän. rögte,
warten, pflegen; abgeleitet vom ahd. mhd. masc. ruoch,
fem. ruocha, ruoche,
achthaben, sorge, sorgliche pflege, vgl. auch ruchlos und verrucht.
als die abstammung des wortes dem sprachbewusztsein nicht mehr lebendig war, erfolgte die anlehnung an ruhe
und ruhen: ob vielleicht gottes güte geruwet dein seele zu ersuchen und jr busze geben. Luther 2, 280
a; o got, geruhwe mich zu führen. Weckherlin 16 (
ps. 5, 14); geruhwe mir, der ich zu schwach und hilfflos, den weeg zu beraitten.
ebenda (
ps. 5, 13).
bedeutung und gebrauch. 11)
wofür sorge tragen, sich um etwas bekümmern, etwas sich angelegen sein lassen, beachten, mit genitiv: junkfrau, geruocht mein.
fastn. sp. 405, 27; wunderbarlich geruchet gott der seinen. dann ob sich es schon anliesz, dasz kein mensch in Julin bischofs Otten gerthe, so ist doch ein reicher mann alda wohnhaftig ... und versorget sie mit allerlei schiffsnotturft und proviant. Cramer
pomm. chron. (1592) 1, 48; ein narr ist der ein artzet suocht, des wort und ler er nit geruocht und volget alter wiber rot (
rat). S. Brant
narrensch. 38, 32;
wie das einfache ruochen,
das gleichfalls in die nhd. zeit herüberreicht: ein drunckner mensch gar niemans ruoht. S. Brant
narrensch. 16, 16; der correctur etlich wenig ruochen. 103, 82;
reflexiv: wiltu dich aber mer geruochen wasz krefft die kreüter tragen, das kan dir Macer sagen.
deutscher Cato, 2.
buch, anfang (76, 36
Zarncke). 22)
wonach streben, trachten: swer es (
himmelreich) wil geruochen, der vindet eʒ, man lât in drin.
Barlaam 16, 8; ein man bedarff des weibes nicht, ob er gottes reichs geruoch. Wittenweiler
Ring 21
c, 43; dô man mit stoltzes heldes chraft di veinde dike suochte und ir mit wer geruochte (
sie anzugreifen trachtete). Suchenwirt 10, 100; darumb (
aus armut) var ich zuo irem hûs (
der fürsten), ir gunst muoʒ ich geruochen.
Kolm. meisterl. 54, 22;
substantivisch: wöllen darzu hoch gerühmet sein, als stünd der himel an jn allein, so sie doch under sollichem geruchen allein sich selbs und nit den herrn suchen. Fischart
dicht. 2, 336,
v. 179
Kurz. 33)
etwas spüren: do er nun lang gelage und wider sterck gerucht.
hürn. Seifrid str. 150, 2. 44)
gnädig auslegen, anrechnen: ob iemant het zu grob gespunnen, damit wir eur ungunst heten gewunnen, so scholt irs uns zu eim schimpf (
scherz) geruchen.
fastn. sp. 319, 20. 55)
huldvoll, gnädig wollen, genehmigen, gewähren, belieben, gefallen: geruchen,
dignari voc. 1482 l 8
b,
subst. das geruchen,
dignatio Dief. 181
c. 5@aa)
der construction nach 5@a@aα)
mit genitiv, vgl. die zahlreichen belege im mhd. wb. 2
1, 801
b: ob er des gerûchte, daʒ er der sorgen worde belôst.
Eneit 163, 38; deʒ begund er âne mail gar willichleich geruechen. Suchenwirt 34, 80. 5@a@bβ)
mit dativ, willfahren: deinem suchen (
ansuchen), weil es der billigkeit gemäsz und ich dies versprochen, will ich gerne geruhen und demnach zum andern stück schreiten. Joh. Olorinus Variscus (
pseudonym für Nolten)
ethnographia mundi (
Magdeburg 1609) 2, 48. 5@a@gγ)
mit infinitiv: geruochtest uns frâ
gen. Diutiska 3, 108 (12.
jh.); ub er ime sagen geruohte. 91; ob ir geruochet krônebî dem künige tragen.
Nib. 1177, 2; geruochet er mir nâhen, wie sol ich in enpfâhen?
Parz. 22, 13; wovon ist mir ditz, das .. du mich ellendiges weib geruhest erkennen,
ut nosse me dignareris peregrinam mulierem. bibel 1483 123
b,
Ruth 2, 10; derselbig (
papst) Johannis ward durch hertzog Lüttolt von Österrich bericht und beten, das sin hailigkait dem gotzhus Ow .. mit inlibung der kilchen zuo Ulm zuo hilff komen gerchte. Oheim
chron. 150, 6; e. herrligkait geruche solche main wolmainung in kainen ungünsten annemmen. Schaidenreiszer
Odyss., widmung. 5@a@dδ)
mit infinitiv und zu,
die jetzt noch allein gebräuchliche construction, s. unten und vgl. die beispiele im mhd. wb.: mhd. und geruochet ir ze minnenden edelen hêrren mî
n. Nib. 1175, 1. 5@a@eε)
unpersönlich, wie belieben, gelieben: es geruhe ihm,
placeat tibi. dict. Genf 1695 138
a. 5@bb)
dem gebrauche nach. 5@b@aα)
von gott und göttlichen wesen: geruochets unser trehten (
wenn es gott gefällt).
Iwein 4773; lebendiger got, geruoch uns hie zu segen. Uhland
volksl. 815; der almechtig got geruch ewer küngliche maiestat gelückseliclich, frisch, frölich und gesundt gnediclich ze fristen und ze bewaren.
städtechr. 3, 415, 22 (
von 1456); das got mit seinen gnaden uns und die statt sovil dester gnedigclicher gerche zu schützen.
Nürnb. pol.-ordn. 95
Baader; der du gerucht hast für uns an dem creuz zu sterben.
versehung eines menschen 170
a; danck erstlich deinem gott .., dasz er die höchste noth, die dich auff diesen tag nicht längst wolt haben todt, auff lauter leben doch zu schlagen aus geruhte. P. Fleming 571; warlich du bist ain gott von himmel herab gestigen, und ich bitt dich, du geruchest mit gnaden allhie zuo sein. Schaidenreiszer 68
a; also ist ietzund auch mein empsig bitt und begeren, du (
Circe) geruchest mich und meine gesellen wider in unser vatterland gnädigklich abzuofertigen. 44
b;
eigen reflexiv, sich gnädig herablassen: mhd. daʒ er ze menschen sich geruochte. Ulr. v.
d. Türlin
Willeh. 55
b. 5@b@bβ)
von fürsten: brief, darinnen ir (
kaiser) geruchet habt zu verkünden ...
städtechroniken 1, 450, 19 (
von 1433); so bitten wir ewer kuniglichen mächtikait, uns armen gnädigklich geruochen zuo gunnen
u. s. w. 5, 375, 13 (
vom jahre 1431); ewer kunglich maiestat geruch die milticlich ufzunemmen. 3, 415, 22 (
von 1456); der herzog im nach seiner adenlichen fromkaite geruocht von aim als wolgebornen geslächte elichen zuofügen und durch vermäheln verainen ain gar schöne und wolgezierte frawen.
herzog Ernst, volksbuch 229, 7
Bartsch; er bat uns (Johanns burgraf ze Nuremberch), das wir im diselben brief geruchten und wolten bestetigen.
städtechroniken 1, 419, 14 (
von 1334); es kam zuo im (
Friedrich graf von Zollern, abt von Reichenau) graff Hanss von Fürstenberg, hie ain capitelher, und bat in, im die pfarrkilchen zuo Frowenfeld geruochen zuo lichen. Oheim
chron. 157, 12; darnach bitt ich, o Arete, in sunderhait dich, du geruchest mir dein hilff mitzuotailen. Schaidenreiszer 27
b; unterthänigst bitten, sie geruhen es mit ihrer fürstl. authorität wider alle verläumbder zu schützen. Schuppius 464; eure durchleucht geruhen. Stieler 1633; huld, wovon ihre hoheit mir so viele beweise zu geben geruhet haben. Wieland 8, 370; geruhen sie, gnädigster herr, diese briefe ... mit ihrer gewohnten huld und güte aufzunehmen.
Horazens briefe 1,
widmung; für jetzt geruhe meines kaisers gnade mich unerkannt zu lassen. Schiller XIII, 375 (
Turandot 2, 3).
heute nur noch in der hof- und kanzleisprache gebräuchlich: se. maj. haben geruht, den grafen
N. zum gesandten zu ernennen;
bisweilen ironisch und spottend: was hätte er (Schach-Dolka) erst verdient, wenn er diesen unverdrossenen fleisz auf die ausübung seiner königlichen pflichten zu verwenden hätte geruhen wollen? Wieland 6, 11; regieren nur wenig, das wenige gut, das hab ich der ruhe halber geruht. Chamisso 3, 100. 5@cc)
von obrigkeiten, höhergestellten oder solchen, die man sich aus höflichkeit als höher stehend denkt, z. b. von gerichtspersonen: der gegentheilische gewalttrager (
bevollmächtigte) bate, das löbl. gericht geruhe, dieser freiwillig gethaner bekandnus protocollando ingedenck zu sein. Abele
künstl. unordn. 1, 217; des klägers ferneres anhalten, der richter wolle geruhen, in des zügeiners herberge nachfragen zu lassen.
gerichtshändel (1654) 769;
von den gönnern, denen der schriftsteller sein buch widmet: er (
junker Joh. Maximilian zum Jungen, Frankfurter patricier) geruhe disz buch freundlich zu patrocinirn. Spreng
Il. vorr. 4
b;
von den professoren der universität: woferne ew. magnificenz
u. s. w. gegenwärtige erste probe meiner academischen nebenarbeit hochgeneigt aufzunehmen geruhen wollen. Klingner
dorf- u. baurenrecht 1,
widmung; vom leser oder zuhörer, den der verfasser oder redner anredet: verhoffe ich, der freindliche leser werde darumb mein leben gar nicht verdammen, sondern mich vil mehr für fromb zu halten geruhwen. Weckherlin
vorr. zu d. weltl. gedichten; werthe zuhörer, dieses verhoffentlich fruchtendes unternemen (
abhandl. von der poeterei der Teutschen) wollen sie anjetzo, wie vormals, an- und abzuhören geruhen. J. Clajus
lobr. der teutsch. poeterei (
Nürnberg 1645) 2; mag er (
ein groszer) spaszhaft, wie ein bauer, oder grob zu sein geruhn. Göckingk 1, 160; madam, geruhn sie sich sagen zu lassen, was meinen fächer für eine eigenschaft ziert. Wieland 4, 29 (
Amadis 2, 12).