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genieszen

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Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)

genieszen

Bd. 5, Sp. 3454
genieszen , frui, uti, vesci, mhd. genieʒen (genôʒ, plur. genuʒʒen, part. genoʒʒen), ahd. ginioʒan, goth. ganiutan; altn. njóta, alts. nur niotan mit biniotan (in andrer bed., s. u. 1, b), wie ags. neotan und beneotan; aber mnd. genêten, mnl. nnl. genieten. der genaue imp. geneusz neben geniesze, dem mhd. geniuʒ entsprechend, auch geneuszt (mhd. geniuʒet) einzeln noch im 18. jahrh.: geneusz der sel'gen schwärmerei, des goldnen traums, der uns zu anverwandten der götter macht. Wieland 9, 177; geneusz der übersüszen fülle vollkommner erdenseligkeit. Bürger 26b; denn der geneust doch wol der schönsten ruh, dem sonn' und himmel licht, die cronen schatten geben. Günther 650; sparsam geneuszt sie der frucht des halms. Kosegarten poes. 1, 24. eine vermischung mit genesen im 16. jahrh., die sich schon dort zeigte (1, e) im part. genosen (vergl. genies, genesung), erscheint auch in geniesze für genäse (s. dazu 3, d am ende zur erklärung): der aber wund und beinschröt wär, möcht bleiben in dem spital, bisz er wider grad wurd und geniesz. Fischart dicht. 2, 399 Kurz. eine andere vermischung, mit geneusen, s. u. 8. 11) zur vorgeschichte des wortes, in die das goth. einen lichtstreif wirft, mit dem man den nächsten hintergrund des ganzen ungefähr sehen kann. 1@aa) wenn Paulus an Philemon v. 20 schreibt ναί, ἀδελφέ, ἐγώ σου ὀναίμην ἐν κυρίω (Luther gönne mir, das ich mich an dir ergetze in dem herrn), übersetzte Vulfila, dem griechischen genau angeschlossen, ik þeina niutau in fraujin, ich möchte dein genieszen in dem herrn, d. h. niutan schon bildlich, nutzen und freude haben, mit anklang unseres späten genieszen auf freunde u. ähnl. angewandt (s. 6, g). daneben erscheint aber ein niutan τυγχάνειν, Luc. 20, 35 jainis aivins niutan, ἐκείνου τοῦ αἰῶνος τυχεῖν, Luther jene welt zu erlangen, also gewinnen oder mitgetheilt bekommen zu nutz und freude. und noch ganz anders ganiutan, fangen, ἀγρεύειν Marc. 12, 13 (bildlich), συλλαμβάνειν Luc. 5, 9, in letzter stelle glücklich deutlich genug, von einem fischfang, in erster bildlich von den Pharisäern, die Christum 'in worten fangen' sollen, beidemale übrigens ein gemeinsames fangen, daher ganiutan. dazu auch nuta m. fischer, ἁλιεύς Marc. 1, 17, ζωγρῶν Luc. 5, 10, zugleich bildlich von menschenfang. 1@bb) daraus darf man entnehmen, dasz niutan sich eigentlich auf jagd und fischerei und die gemachte beute bezog, also aus der zeit vor dem seszhaften leben stammt, in diesem dann aber als festgeworden fortgeführt und nun auf viehzucht und ackerbau und den gewinn davon fürs hauswesen bezogen wurde; ein gleiches beispiel dieses begriffswandels, der ja natürlich ist, weist Diefenbach goth. wb. 2, 118 in esthn. saak nach, das zuerst raub, fang, beute, dann genusz, einkünfte bedeutet. wie aber jagd und krieg in alter zeit begrifflich auf gleichem fusz behandelt wurden, ist anwendung auf krieg und kampf auch hier wahrscheinlich nach alts. biniotan, ags. beneotan berauben, altfries. binêta rauben (raub ist eig. beute aus dem kampfe), ja das goth. nuta von menschenfang deutet vielleicht auf kriegsgefangene als sclaven fürs hauswesen. wenn aber goth. niutan auch schon τυχάνειν und ὀνίνασθαι war, so deutet das auf vertheilung der beute, jagd- oder kriegsbeute, genauer auf den antheil der jedem wurde zu nutz und freude, ganiutan fangen aber auf gemeinsame unternehmung für jagd- und kriegsbeute. vergl. genosse 2, a. 1@cc) im hd. ist von der ursprünglichen bed. fangen gleich zuerst keine spur mehr, ahd. nioʒan ist auszer dem verallgemeinerten frui, uti, fungi noch bestimmter colere (terram), pasci, also von ackerbau und viehzucht; doch in der gl. nioʒanta, accipientes (nihil, jejuni permanentes) Graff 2, 1118 mag der alte begriff des empfangs beim austheilen der beute nachklingen, das fangen zu einem empfangen geworden (vergl. von jagdhunden recht deutlich u. 8). ein unterschied im grammatischen gebrauch des einfachen und des zusammengesetzten wortes beleuchtet aber noch die ursprünglichen verhältnisse, in denen es sich entwickelt hat: ahd. ginioʒan und mhd. genieʒen haben den gegenstand im gen., nioʒan und nieʒen fast nur im acc. bei sich (s. die wbb.). da sind denn die beiden casus recht in ihrem amte: der gen. bezeichnet eigentlich den theil am ganzen, dessen einer als 'theilnehmer' geniuʒet, der acc. den antheil oder auch eignen erwerb als ganzes, das einer eben ganz niuʒet; vergl. u. 2, d das beispiel aus dem 16. jahrh. das einfache nieszen (s. d.) hat sich nämlich auch im nhd. noch ziemlich lange erhalten, z. b.: gib uns auch diese gaben, das wir nieszen das teglich brod ohn misbrauch und der seelen schad. Selneccer christl. psalmen Leipz. 1587 132. von acc. und gen. bei genieszen im nhd. s. unter 7. 22) der begriff von genieszen ist ursprünglich, viel weiter als heute, eine nutznieszung aller art, besonders in gemeinschaft (s. c). 2@aa) wenn uns jetzt dabei ein verzehren mit lust im vordergrunde steht, von dem wir dann alle weiteren verwendungen ausgehend empfinden, so ist das allerdings im begriffe von haus aus mit eingeschlossen, wie es der ursprung mit sich bringt (s. u. 5), ist aber nicht der hauptbegriff, dieser war vielmehr: nutzen und gewinn für unterhalt und hauswesen u. s. w., wie denn nutzen und das adj. nütze von nioʒan gebildet sind. noch im 17. jh., wenn es z. b. im sprichwort heiszt: wer den baum pflanzet, geneuszt billich der frucht. Lehman flor. 1, 67 (vgl. 2 Tim. 2, 6 unter 4, a), so ist freilich das essen mit gemeint, aber nicht in erster linie, sondern was wir jetzt gartengenusz nennen; denn in genusz hat sich der alte begriff erhalten, der gedanke dort wäre jetzt auszudrücken: der musz auch den genusz davon haben. ebenso von honig im folgenden: du biene .. bringest so herfür das honig, dessen dann wir menschen sehr genieszen. Opitz 2, 227, von dem wir so groszen nutzen und freude haben. 2@bb) wie weit der alte begriff von dem heutigen abstehen konnte, zeigt recht deutlich holzes genieszen, es verwenden, gebrauchen: eichens holz, was man des genieszen mag. Tucher Nürnb. baumeisterb. 70, 19, benutzen für städtische bauzwecke, aus dem gemeindewalde; man sol alles zimers (bauholzes) genieszen, so man sein allermeist genieszen mag. Nürnb. polizeiordn. 308, d. h. möglichst ausnutzen, nicht verhauen u. dgl., der begriff ist da aus dem einfachen haushalt auf den städtischen übernommen. dasz auch das alt ist, zeigt ahd. ginoʒan wart, teritur Graff 2, 1121, also abgenutzt, vernutzt, vergl. das. firnioʒan abnutzen, ginioʒan consumere, missinioʒan abuti; auch mhd. genieʒen abnutzen als var. für vernieʒen Greg. 3283; daher im bergbau abgenieselt, abgenutzt Frisch 2, 19b. ags. hiesz es z. b. wæpna neotan, die waffen wol gebrauchen, es mochte auch von allerlei werkzeug gebraucht sein, das, aus dem walde u. s. w. gewonnen (wie sonst jagdbeute), für das hauswesen diente. 2@cc) die andere seite des alten begriffes, das gemeinsame, tritt deutlich heraus im verhältnis zu genosse: genôʒe sind eigentlich die, welche eines gewinns, einer nutznieszung als gemeinschaft genieʒent, ausgegangen von dem begriff des gemeinschaftlichen unternehmens auf beute, wie es in goth. ganiutan noch erkennbar ist (1, a). noch um 1500 war das dem bewusztsein gegenwärtig und beide worte werden so auf einander bezogen, z. b. von hofgenoszen: wer der ist, der in hof ze Rorschach (d. h. in das gebiet des hofes) ziechen und darinn sitzen wil .. der sol geben ein pfund pfennig, wenn er in sin selbs cost ist (selbstständig) .. denn so hat derselb (das recht) ze nieszen des hofs gemainden, wunn und waid, als ander hofgnoszen. weisth. 1, 235, er tritt als genosse in den genusz des hofgemeinderechts ein. denn gemein ding heiszt des viel in gemein genieszen, als gemeine born, gemeine gassen, gemeiner acker, wiesen, holz, fewr u. s. w. Luther 3, 506b (s. gemein 3, a). man sehe dazu geniesz 1, geradezu für gemeinschaft, und geniesze m., theilhaber. 2@dd) diesz genieszen der gemeinde, d. h. alles gemeinderechtes, hauptsächlich des gemeinwaldes und der gemeinweide, des gemeindegebietes überhaupt (s. gemeinde 2. 3), bezeichnete neben gebrauchen den antheil am gemeinderecht, z. b.: waʒ man darnach (nach den eigentlichen frohnfahrten für den herrn noch) fronen musz, das heiszen vermoglich ferte, da sol yederman zu geben (geschirr) nach dem als er der gemeinde genüʒet. weisth. 1, 462, nach der grösze seines antheils, nach seinem vermögen. von einem herren, der den unterthanen gewisse leistungen auferlegte, deren sie sich als ungerecht zum theil geweigert hätten, wird angegeben: die hedde hei willen penden ind un (ihnen) verbieden, dat die der gemeinden niet genyszen en sülden. 4, 804. auch von einem fürsten als grundherrn: daruf der huber geweist, was der hepen (sichel) entwachsen ist, das hab mein gn. f. und h. in gemeinschaft zu gebrauchen und zu genieszen, was aber der hepen nit entwachsen, das stehe seiner fürstlichen gnaden allein zu. weisth. 5, 682, in gemeinschaft, d. h. mit der gemeinde; bemerkenswert vorher nieszen, wo von grund im dorfgebiet die rede ist, der dem herrn allein zusteht: die (huben) haben seine fürstliche gn. zu gebrauchen und zu nieszen. 681, also noch im einklang mit dem u. 1, c erwähnten ursprünglichen unterschied beider. 2@ee) von der nutznieszung, die ein herr von seinen gütern hat, nun auch abgesehen vom gemeindeverhältnis, mit dem doch auch das zuletzt zusammenhängt; es wird gern verbunden genieszen und gebrauchen (daher noch nieszbrauch, ususfructus): wann ich und myn obgen. vetter dieselben lehnguter allezeit bitzher in gemeinschaft besessen, genossen und herbracht hant. Haltaus 658, vom j. 1412; also dasz sie solche neun acker landes nach allem ihrem besten willen und gefallen zu genieszen, zu gebrauchen und sonsten damit zu handeln ... macht haben sollen. das., vom jahre 1553; als wir die (güter) bisher gehabt, besessen und der gebrucht haben, (wird nun dem dom zugeschrieben) ... der zugeniszen und zugebruchen. cod. dipl. Sax. II, 3, 79. später auch mit acc.: ärzte bauen ihre mühlen an die menschenflüsse. selten sind sonst wassermühlen, die man so geniesze. Logau 3, 8, 96. 2@ff) auch von den bestimmten einkünften heiszt es: dâ ist ouch ein walt, heiszet das Eichholz, der der herschaft eigen ist, von dem hât man genossen eines jâres bî dem meisten xl müt habern, bî dem minsten v müt habern. habsb. urbarb. 98, 16 (dazu nutze pl. 228, 25 u. o.); welcher dieses jahr alle schafe seiner bauren metzelt und schlachtet, der kan das künftige jahr weder wolle noch lämmer genieszen. Schuppius 559. 2@gg) da solcher genusz in wahrheit eben wesentlich in lieferungen und leistungen der unterthanen an den herrn bestand, so genosz auch der herr der unterthanen, wie man gewiss auch sagte. denn auch umgekehrt genossen die unterthanen des herren, wie ein sprichwort des 16. 17. jahrh. zeigt, das gewiss alt ist und das verhältnis beider lehrreich beleuchtet: der teutsch mann spricht: »man soll der herrn genieszen und sie auch bei brod laszen«, d. i. sie nicht zu kal berupfen, dasz sie herrn bleiben mögen (können). Kirchhof wendunm. 2, 12 Öst., mit bezug auf die 'milde', die man von herren verlangte, wie das weitere deutlich macht; man soll aber der herren genieszen das sie bei hab und gut bleiben. Schuppius 21. vergl. unter 6, a genieszen schlechtweg von eigennutz. 33) die anwendung auf andere verhältnisse, um allerlei nutzen, gewinn, vortheil zu bezeichnen, war unbegrenzt, schon mhd., und reicht in nachklängen bis in die gegenwart. 3@aa) z. b. von rechten und freiheiten. wie vom gemeinderecht der landgemeinde (2, d), so dann vom stadtrecht: etliche (fremde) .. so sie mit freuden hatten angenomen und stadrecht mit genieszen lassen .. weisth. Sal. 19, 15; we der stat rechtes genût, de scal der stat rechtes gebrûken. Goslarer stat. 77, 39 (mnd. wb. 2, 59b), lehrreich zugleich für den alten begriff, denn gebrûken meint da was wir jetzt rechtsgenusz nennen, genêten aber den besitz des stadtrechtes überhaupt, wie im folg., wenn Joh. Rothe vom wachsen der städte spricht durch zuziehende bauernsöhne: so zihin er (der eigin lute) kindir dan in di stete .. und gebruchen der friheid darmede, der si von den forstin han genoʒʒin. ritterspiegel 420, die ihnen von den fürsten als vortheil verliehen ist, d. h. auch als leibeigene doch städter werden zu können, stadtrechts zu genieszen. von besonderen freiheiten, rechten, vorrechten u. ä.: daʒ alle kaufleut .. der (jahrmarktsfreiheiten) gebrauchen und genieszen sollen .. die solichs alles bisher gebraucht und genossen haben. Leipz. urk. 1, 327, von den meszfreiheiten der stadt; daʒ die .. bei unsern keiserlichen gnaden und freiheiten bleiben, die haben, nieszen und gebrauchen sollen. 365. noch jetzt spricht man von rechten, vorrechten, privilegien u. ä., die z. b. der adel, eine kaufmannsgilde genieszt, in ihrem genusse steht. 3@bb) recht alt sieht aus eines preises genieszen, ihn 'davon tragen': welchem dann von ihnen der preis gegeben wird, sol sein genieszen. Galmy 102, d. h. ihn von rechtswegen zu eigen haben als gewinn und freude; es kann noch auf den ursprünglichen gebrauch von beute zurückgehen, die der einzelne bei der vertheilung empfieng (1, b). auch folg. 'es genieszen' kann diesen ursprung haben: unverdrossen hat es dick (oft) genossen. S. Frank spr. 2, 68a, das glück gehabt, das ziel errungen, es steht unter dem stichwort saepius sagittando scopus attingitur; vergl. franz. l'emporter (eigentlich le prix). allgemeiner gefaszt: wers thut und ihn nicht (nichts) verdreuszt, es kompt die zeit dasz ers geneuszt. Henisch 1495, 62. ganz deutlich aber von den preisen beim schieszen nach dem ziel: wer will genieszen, musz auch mit schieszen. 1495, 63. 3@cc) ähnlich genieszen im rechtsgebrauch. 3@c@aα) da galt genieszen vom gewinner, der durch den rechtsspruch den streitigen gegenstand gewinnt und davon trägt, während der verlierer entgelten muszte, eigentlich den schaden erstatten, büszen. genieszen und entgelten sind lange ein vielgebrauchter gegensatz aus dem rechtsleben, auch in das leben überhaupt übernommen. auch als zusammenfassung des ganzen gerichtswesens: allen denen, die vor recht kommen wollen, und der rechten genieszen und entgelten wollen, wie oft es noth und behuef werde. Haltaus 658, vom jahre 1513; als wir hüt bi tag (vor gericht) hoffend des ze genieszen und nit ze entgelten. das. vom jahre 1447; is he recht an sînen saken, he genêtes, is he ôk unrecht, he untgeldes. mnd. wb. 2, 59a, 38; der richter noch dy scheppin sint nymande pflichtig zu beiten (zu warten über die rechte gerichtszeit hinaus) .. sunder wer do gewest ist, der genyse syn, wer nicht do gewest ist, der entgelde syn. Behrend Magdeb. fragen s. 51, 'die anwesende partei hat den vortheil, die abwesende den schaden' s. 254b. in einem elsässischen weisthum wird bestimmt, wie die masze des müllers, wenn klage darüber kommt, 'geseigt', geprüft werden sollen: ist es recht, der mühlherr soll sein genieszen, ist es unrecht, der mühlherr soll sein entgelten. weisth. 5, 479. 3@c@bβ) allgemeiner z. b. (vergl. unter entgelten 1 und die mhd. wbb.): aber sein (Christi) genieszen wir, wo wir unser entgelten. Luther 6, 74a, schaden und übel kommen von unsrer schuld, von ihm gutes und hülfe (vergl. unter geniesz 2, b); mancher musz entgelten, des er nicht genossen hat. Henisch 1495; des ich nicht genossen hab, das entgelt ich billich auch nicht. das.; Wolfdieterich, da er sein reich neu ordnet, erklärt, er wolle ein jeden seiner treu ergötzen, die er mir bisher hat bewisen. dann der gutthat soll man geniesen, dargegn der missethat entgelten. Ayrer 238d (1188, 24). in wahrheit ist es freilich oft umgekehrt: ach gott, wie mancher pöser knab oft posheit (gen.) durch gewalt geneuszt. Schwarzenberg 157b, statt dasz er ihrer zu entgelten hätte. 3@c@gγ) auch überhaupt rechtes genieszen, zu seinem rechte kommen, nd.: Reinke sprak: gnedige here, ik danke ju ser juwer ere, dat gi .. willen mi rechtes laten geneten. Reinke vos 5544; jeden hört ihr und jeder genieszt die wohlthat des rechtes. Göthe 40, 186. 3@dd) dazu das part. genossen, mhd. genoʒʒen activisch, von dem der aus einem kampfe, einer gefahr überhaupt als gewinner oder ohne schaden davon kommt, gewiss auch im rechtsleben; z. b. (s. die mhd. wbb.) in einer ansprache an die streiter vor dem kampfe: der tôt nâhet iu vil palde zuo .. swer genoʒʒen hine vare, der habe die êre gare. Rol. 188, 11. auch für ungestraft, d. h. eigentlich vor dem richter: noch gêt er under in genoʒʒen, der got selbe ane vihtet. Servat. 1022. davon nhd. nachklänge noch spät, doch mit einer begreiflichen verschiebung der anwendung, nun vielmehr von der sache oder schuld und passivisch verstanden. so ungenossen, mit ungestraft wechselnd: doch wird nicht ungenossen der spot dir (Mars) angethan.es hat sein blut vergossen das himmelstürmerpar und ward genug gelehrt, wie keiner ungestraft die götter je versehrt. Opitz 1, 97 (lob des kriegsg. 365). einem etwas für genossen hingehen lassen, ungestraft, bei Adelung als sonderbare redensart des gemeinen lebens: der professor Wolf hat sich seit 1739 ihrer (der Hamburger bibliothek) so bemächtigt und sich so unerlaubte dinge mit ihr herausgenommen, dasz es unbegreiflich ist, wie man ihm alles so für genossen hat ausgehen lassen. Lessing 11, 303; ich kann es zufrieden sein, dasz man ihm auch jenes nicht für genossen ausgehn lässet. 7, 152. die wendungen sind ja nur begreiflich aus jenem alten activischen genossen, wenn sich darin auch genieszen allenfalls ironisch verstehen liesz. übrigens begreift sich daraus die oben unter dem stichwort belegte vermischung mit genesen, wie denn jenes mhd. genoʒʒen sachlich oft geradezu mit genesen zusammenfällt, heil davongekommen, sodasz Adelung auf grund von mhd. belegen es geradezu zu genesen ziehen wollte. s. übrigens auch unter ausgehen 2 und ungenossen. 3@ee) vielseitig gebraucht war es von günstigen umständen aller art, die einen im bestimmten falle fördern, ihm zum zwecke helfen, zu gute kommen, ihn vor gefahr und schaden sichern u. ä. 3@e@aα) z. b. vor gericht: mac aber er in (der verklagte den kläger) überkomen mit drin geziugen, daʒ eʒ anders sî, des sol er genieʒen. Schwabensp. 262, 2, das soll ihm zu gute kommen; sollich obgemelt und ander dergleichen fürgeben soll der ankläger, wo er des genieszen will .. beweisen. Carolina 142, wenn es ihm beim urtheilsspruch nützen soll; mag der klager solche klag war machen, wie recht ist, des soll er genieszen. bair. landrecht von 1616 bei Schm. 2, 709. vergl. vorhin rechtes genieszen im allgemeinen. 3@e@bβ) einer fürbitte, gnade, gunst u. dgl. genieszen: sant Ursen ruof ich billich an, siner fürbit gnüszet menger man in statt und ouch uf lande u. s. w. Soltau 2, 142, Liliencron 4, 63; ist aber einer, der seine sünde bekent und an Jesum Christum gegleubt hat, wie der schecher am creutz, der wirts genieszen werden. Alberus wider Witzeln E 5a (eig. genieszend werden); lasz sie genieszen keiner gnaden. Weckherlin 39 (ps. 10, 18); seiner (des verstorbenen kaisers) gnaden hab wir vil genossen, des stand wir ietz in groszem laid, er was ain schutz der cristenhait u. s. w. Liliencron 2, 567b. der rabe preist den wölfen, die ein kalb gefangen haben, seine freundschaft und er gönne ihnen alles gute: darumb ich hoff des zu genieszen. Alberus Es. 105, d. h. von dem fang auch meinen theil zu bekommen. 3@e@gγ) für den alten begriff besonders bezeichnend ist, wenn im fastnachtspiel der herold am schlusse um nachsicht bittet für die vorgekommenen derbheiten: herr wirt, gebt uns eine gute nacht. das spil, das wir haben gemacht, das laszt euch nit verdrieszen und laszt uns damit der vasnacht genieszen, ob iemant darin zu grob het gesprochen u. s. w. fastn. sp. 592, 5, laszt uns die fasnacht und ihre freiheit zu gute kommen beim urtheil. 3@e@dδ) bezeichnend ist auch eines passes genieszen, in der formel eines kriegspasses (passierscheins) werden die kriegsbehörden ersucht: sie wolten ermeldten NN .. dieses ihm mitgetheilten paszbriefes und seines obvermeldten wolhaltens genieszen lassen. Kirchhof milit. disc. 211, ihn danach friedlich und freundlich behandeln. 3@e@eε) und sonst vielfältig, z. b.: einen lassen seines rats genieszen, copiam facere consilii sui. Maaler 168d; einer freundschaft genieszen, utilitatem capere ex amicita. das., also anders als jetzt; ich habe deiner treüwen hand nie nützid (in nichts) genossen, liberalitatis tuae expers factus sum. 169a. 3@ff) aber auch mit menschen als object, d. h. statt der freundschaft wird auch der freund, statt der gunst der gönner selbst gesetzt u. s. w. 3@f@aα) mhd. z. b., wenn Rüdiger den kampf gegen die Nibelungen mit den worten eröffnet: ir soldet mîn genieʒennu engeltet ir mîn. ê dô wâr wir vriunde:der triwe wil ich ledic sîn. Nib. 2112, 3, ich hätte euch dienen und helfen müssen, nun musz ich euch schaden. vor gericht: und hette wol ein merer gelt gegeben (eine höhere busze zu zahlen gehabt), dan he siner frunde genoisz, die sere vur in arbeiten. Limb. chron. 57, 23 W., aber die bemühungen der verwandtschaft kamen ihm zu gute, vergl. eben so 66, 9 und des (dabei) genossen si des keisers, kamen durch seine fürsprache besser weg bei der busze. nhd.: ist auch kein hoffertiger .. volk .. dazu .. nichts .. vertragen noch zu gut halten kan, das niemand ihr genieszen kan, und wöllen allein inen gedienet haben. Luther 6, 196b, dasz niemand etwas von ihnen hat; einen mann, dem guot und ehr zufleuszt und des kein armer nicht geneuszt. eins freiharts predig Frankf. 1563 L 8b; so lang bist du ein frommer mann, dieweil man dein genieszen kan. Henisch 1495, 46; darumb fleisz dich der dankbarkeit und hüt dich ja zu jeder zeit, das du nicht thust ein schlimmen possn dem, dessen du in noth genossn. Ringwaldt laut. warheit 30 (27); wolt einer fürn kayser komen, gab mir nicht golt und gelt .. so hat er mein nit genossen. Soltau 2, 337, in der selbstschilderung des gestürzten cardinals Klesel im spottliede; was bildest du dir ein, dasz du schiffer Jan also verachtest? wir hätten seiner noch oft genieszen können. Schuppius 483, er hatte ihnen oft holländischen käse und zwieback mitgebracht. 3@f@bβ) auch in andrer weise, von nur mittelbarem einflusz: liesz ich euch der frumen leut nit genieszen, ich wolts euch unter eur meuler (ins gesicht) gieszen. fastn. sp. 684, 16, ich unterlasse es nur aus rücksicht auf die anwesenden ehrenmänner, die euch dabei zu gute kommt; Murner, indem er die narren aufsucht und zeichnet, läszt sich von leuten, die dabei mit vorzukommen fürchten, vorbittend einreden: Mariam solt ir sehen an und ir (gen.) uns laszen gnossen han. narrenbeschw. 39, 8, verschont uns der Maria zu gefallen; ob wir nit auch der lieben unmündigen genieszen, dasz gott mit seiner straf verzeucht. Hayneccius schulteufel vorr., dasz er uns die kinder und ihre unschuld zu gute kommen läszt. 3@f@gγ) bemerkenswert sein (selbst) genieszen, in des landvogts rede an Tell im alten Tellenspiel: bist du ein schütz, als man mir seit, so sag ich dir auf meinen eid, dasz du muszt diesem kinde dein .. ein apfel ab seim haupt thun schieszen. kannst das, so muszt du dein genieszen. weim jahrb. 5, 59, damit sollst du dich selbst retten, dir selbst zu gute kommen mit deiner kunst. 3@gg) in dem allgemein gehaltnen es genieszen hat es sich bis in neueste zeit gut erhalten. denn wenn es im 16. jahrh. z. b. heiszt (andere fälle schon oben verstreut): sprach sy alle zyt: Tömlin, thuo mir mim bätzlin das best, du muost sin gnieszen. Th. Platter 26, behandle meinen hund aufs beste, es soll dir zu gute kommen, oder in einem anschlag Neidelharts auf Teuerdanks leben: wo es dann wer immer müglich, das ewer einer einen stich oder schlag im möchte geben, dardurch er verlur sein leben, all ewr tag solt irs (gen.) genieszen. Teuerd. 99, 7, so klingt das noch im 18. jh. genau nach: Lisette. sorgen sie nicht, ich glaube gewiss, dasz unsre list gut ablaufen wird. Lelio. ich will es wünschen. gewiss, ich würde dich es genieszen lassen, und vielleicht heirathete ich dich gar. Lessing 2, 396 (die alte jungfer 2, 1); ich hoffe, sie wird es uns zu seiner zeit genieszen lassen, dasz wir so viel um ihrentwillen ausgestanden haben. Wieland 12, 26; auch noch mit gen.: dem herzog bekommts auch recht sehr (die Schweizer reise), ich hoffe ihr sollt desz alle genieszen. Göthe an frau v. Stein 1, 263 (21. oct. 1779), es wird euch allen zu gute kommen, zu gewinn und freude gereichen. 44) auch in anderen fällen stehen sich der heutige und der alte gebrauch noch nahe genug oder fallen zusammen, wesentlich in dem alten begriff der nutznieszung, obwol jetzt leichter mit überschlagen in den engeren begriff des genusses, als damals. 4@aa) z. b. seiner arbeit genieszen, von der arbeit auch die früchte ernden: es sol aber der ackermann, der den acker bawet, der früchte am ersten genieszen. 2 Tim. 2, 6, vergl. aus dem 17. jahrh. u. 2, a; sie genieszen doch irer erbeit wol. pred. Sal. 4, 9; er wird erbeiten und des nicht genieszen. Hiob 20, 18. und so eigentlich noch: deines wirkens zu genieszen, eile freudig zum verein. Göthe 22, 168 (wanderj. 2, 9). im 16. jh. von einem deutschen buche: die ungelerten genieszen auch diser arbeit, das ichs zuo teütsch hab gemacht. S. Frank chronica 1536 vorr. a 3a. 4@bb) eines amtes genieszen, zum lebensunterhalt oder gewinn: da fragt man in, wie er doch .. des geringen ampts so viel genossen? er antwort, es ist kein ampt so klein .. es geht on nutze nicht ab, man geneuszet sein ja etwas. Agricola sprichw. 175a (nr. 290); die des altars pflegen, genieszen des altars. 1 Cor. 9, 13, haben ihren unterhalt davon. vgl. geniesz 3, a. 4@cc) von geld und gut: der ist reich, der da erbeitet und samlet geld und höret auf und geneuszt sein auch. Sir. 31, 3; güter haben und nicht genieszen, das möcht den teufel verdrieszen. Henisch 1495; manchen wird eine schuld angefordert, die er entweder nicht gemacht oder nicht genossen .. hat. Scriver seelensch. 2, 355; dasz er des silbers im geringsten nicht genossen hab. Schuppius 169; er könne dieses dings (eines stipendiums) nicht genieszen, wann er nicht in loco sei. 79. noch jetzt ein stipendium genieszen, die zinsen eines capitals u. dergl. ein actionär wird im 17. jahrh. so bezeichnet: der zur schiffhandlung mit einlegt und genieszt, partiarius. Henisch 1495, dividendengenusz hat, es ist aber zugleich das alte genieszen als rechtstheilnehmer einer gemeinschaft, s. 2, c. 4@dd) einer ehre genieszen u. ä.: sie genossen der ehre, dasz der könig selbst zu ihrer zunft gehörte. Wieland 7, 258. bei Adelung ich danke für genossene ehre, für genossene höflichkeit, als höfliche redensarten. auch titel: was unser feiner mann für tittel soll genieszen? er ist ein kleiderwurm u. s. w. Logau 3, 218. ganz im alten sinne von erziehung: Cyrus hätte nur der erziehung genossen haben sollen, welche Perikles und Sokrates an den ausschweifenden Alcibiades verschwendeten. Wieland 3, 338; von Racknitz, an dessen freundschaft und umgang ich der vergnüglichsten belehrung genosz. Göthe 51, 5, diesz doch zugleich schon im engeren sinne; aber er hat eine gute erziehung genossen ist nicht mehr, als wie es auch heiszt er hat den vortheil einer guten erziehung gehabt. auch wolthaten genieszen, z. b. er hat viele wolthaten, viel gutes von ihm genossen, behörden genieszen portofreiheit, ein minister genieszt das vertrauen des landes u. ä.; ein general ... des vollkommensten vertrauens der soldaten genieszend. Göthe 30, 181. 4@ee) auch wo sichs um glück, freude u. ä. handelt, kann der begriff noch mit einem fusze in dem alten weiten kreise stehen, z. b.: der tod macht sterbens hören auf. darumb des tods mich nit verdreuszt, der ewigs leben dort geneuszt. Schwarzenberg 151d, zum freudigen gewinn hat. H. Sachs erzählt von seinen gedanken aus einer schlaflosen nacht: eins nachts lag ich und munder wacht und mein ganz leben hinderdacht .. dacht, nun hab ich begert vor langst, das mich das glück auch thet begaben .. das ich mir selb möcht leben blosz frei aller gscheft, müh und arbeit, wie sollichs das glück manchem geit, der solchs doch selb nit kan genieszen. H. Sachs 1, 437 K., er hat diesz glück, aber die nutznieszung davon nicht; benutzen, ausnutzen auch von einer freude, die endlich kommt: und du, begird, geneusz der waid der so oft vor gewünschten frewd. Weckherlin 477. ähnlich auch noch: sie sind glücklich, sie werden glücklich sein, nur wünschte ich, dasz sie auch ihres glücks genössen. Göthe 14, 124 (Grosz-Cophta 1, 1). 55) genieszen von speise und trank, der begriff der uns jetzt als eigentlichster im vordergrunde steht. 5@aa) schon ahd. nioʒan auch für capere cibum u. ä., wie ja der ganze begriff vom fangen von wild und fischen ausgegangen ist (1, b); gerade von der jagd ist mhd. genieʒen so bezeugt von den jagdhunden (s. u. 8); ahd. auch brunnon nioʒan Otfr. II, 14, 39, wasser. mhd. z. b. galle nieʒen u. 7, a. nhd.: ain weib lidt marter über grosz, das si verpotten speis nit nosz. Schwarzenberg 158d; es wer schade, das solch toll vieh .. diese muscaten solten riechen, schweige denn essen und genieszen. Luther 5, 298a; die bawren (bei dem aufstand 1525) wusten nicht, wie köstlich ding es sei umb friede und sicherheit, das einer mag seinen bissen und trunk frölich und sicher genieszen. 3, 146a; so wil ich ein einsiedel wern, genieszen der wurzel aus der ern (erden) und des wassers aus kühlen brunnen. Ayrer 1610 30; und alle genossen der lieblichen frucht, die emsig der flinke Lenardo gesucht. Bürger 34a; genieszt jetzt aber auch der einfachen kost, am ländlichen herde zubereitet. Göthe 11, 283 (was wir br. 7); der kaffee .. besonders mit milch nach tische genossen, paralysirte meine eingeweide. 25, 182 (aus m. l. 8); nachdem sie mir zugesprochen hatte, ich möchte nicht weggehen, ohne etwas genossen zu haben. 355 (10). 5@bb) es ist von essen, trinken doch noch wesentlich unterschieden. denn einmal klingt darin noch oft der alte begriff der nutznieszung an, z. b.: andere singen des (herren) lied, des brot und wassers sie genieszen. Mathes. Luther 102a (s. mehr u. 2, a), anderseits bleibt es ein edlerer ausdruck, doch auch im leben gebraucht, z. b.: ich habe heute noch nichts genossen, ungefähr wie noch nichts zu mir genommen, oder: ich kann mein mittagsbrot selten in ruhe genieszen; dienlich ist es besonders auch, um essen und trinken zu umfassen oder unentschieden zu lassen. der edlere klang erlaubt denn auch anwendung auf das heilige abendmahl: das heilige abendmahl genieszen. Rädlein 355b; ach! ich fiel zu deinen füszen, und du lieszest mich genieszen, mittler, deine himmelsspeise. Klopstock 7, 297. 5@cc) grammatisch bemerkenswert das genieszende, was man genieszt, passivisch (wie der betreffende u. ä.), von medicin: dasz sie (die kranke) allezeit das genieszende ein wenig im munde halte, ehe und bevor sie es abschlinge. Ettner medic. maulaffe 443. 66) in dem heutigen genieszen herrscht der begriff der lust vor, wie in dem älteren der des nutzens, lust in verschiedenster abstufung, höher und niedriger; wir fühlen es nun als eine anwendung des vorigen gebrauches, in dem doch auch der alte begriff einer berechtigten nutznieszung eigentlich der kern ist. 6@aa) auch Adelung setzt diese bed. als erste an, in der zarten fassung 'mit anmuth empfinden, besonders von dem was man selbst hat oder besitzt' (z. b. ruhe, glückseligkeit, die freuden des lebens), während noch bei Henisch 1494 die alte zuerst erscheint: genieszen, usum alicujus rei habere etc., und dann erst: perfrui, genzlich genieszen, vollen lust an einem ding haben, mit frewd und lust etwas brauchen und nieszen, sich etwarinn frewen und belustigen, diesz übrigens aus Maaler 168d. eigenartig bestimmt Kant den begriff: genieszen ist das wort, womit man das innige des vergnügens bezeichnet. 7, 47, er meint wol mehr das völlige. 6@bb) bloszes genieszen meint besonders die freuden des lebens genieszen, wie man oft hört ich will mein leben genieszen, lust und freude davon haben, es zur lust ausnutzen; denke nun daran, wie du des lebens selbst genieszen wollest. Wieland 3, 115; geniesze, wer nicht glauben kann, die lehre ist ewig, wie die welt, wer glauben kann, entbehre. Schiller IV, 30 (resignation); dann erst geniesz ich meines lebens recht, wenn ich mirs jeden tag aufs neu erbeute. Tell 3, 1. tadelnd: ein mensch, der blosz lebt, um zu genieszen. Kant 7, 49; ganz scharf schon im 17. jahrh.: mit dem genieszen zur höll, mit dem gewissen zum himmel. Henisch 1495, doch wird da vielmehr eigennutz gemeint sein, dem das gewissen entgegensetzt ist, das thun eines menschen, der nur auf seinen eignen geniesz aus ist (s. geniesz 2, a). auch dichter reden lehrend und warnend davon, z. b.: was edle seelen wollust nennen, vermischt mit schnöden lüsten nicht ... zu altdeutsch trinken, taumelnd küssen ist höchstens nur der Wenden lust: wie kluge zu genieszen wissen, verbleibt dem pöbel unbewuszt u. s. w. Hagedorn 3, 95. 96, in einem gedichte an die heutigen encratiten (enthaltsamen). vergl. Göthes jugendgedicht der wahre genusz, worin er andere und sich selbst darüber zu belehren suchte: lasz dich die lehren nicht verdrieszen, sie hindern dich nicht am genusz, sie lehren dich, wie man genieszen und wollust würdig fühlen musz u. s. w. der junge Göthe 1, 95; die ehrfurcht wirft mich ihr zu füszen, die wollust mich an ihre brust. sieh jüngling, dieses heiszt genieszen! sei klug und suche diese lust u. s. w. 97. freilich heiszt es eben im Leipziger liederbuche auch schon zweifelsüchtig: was hilft es mir, dasz ich geniesze? wie träume fliehn die wärmsten küsse, und alle freude wie ein kuss. 1, 47 (d. j. Göthe 1, 99). 6@cc) so von liebesgenusz im besonderen: lieb haben und nit genieszen, möcht den teufel verdrieszen. S. Frank sprichw. 1, 88b; was wer es das du im (dem freunde) vil guots in dem herzen begertest und er sein uszen nit genüsz? die in nerrischer liebe die sprechen, lieb hon und nit genieszen daʒ möcht den teufel verdrieszen. Keisersberg emeis O 6c. und doch ist das, wie der vergleich mit der freundesliebe zeigt, die dem freunde nicht zu gute komme, noch ganz anders gemeint, als im 18. jh.: da trat ihn an die schönste maid, die je ein graf genosz. Bürger 85a (graf Walter); du hast sie im wilden rausche deiner sinne genossen. Klinger 3, 281; das ist die brust, die Gretchen mir geboten, das ist der süsze leib, den ich genosz. Göthe 12, 219. 6@dd) von allerlei anderm genusz. 6@d@aα) von freude, vergnügen, glück (vergl. schon u. 4, e): aber er und der unglückliche Isfandiar genossen diese freude nicht lange. Wieland 7, 92; er genosz des reinen und alle andre wollust übertreffenden vergnügens. 159; sie genosz des vergnügens, der gegenstand der liebe und anbetung einer ganzen nazion zu sein. 6, 73; das glück, ein mensch zu sein, genieszen. Gotter 1, 6; der freuden des augenblicks .. zu genieszen. Göthe 28, 209; der .. des reinsten unbeschreiblichsten glückes genosz. 18, 230. 6@d@bβ) von dingen aller art, die uns zu freude und glück werden: und sein mund genieszt der stunde, die ihm güt'ge götter senden. Göthe 1, 56; der freiheit dieser tage auf das beste zu genieszen. 29, 241; die glücklichen tage, deren sie genieszen. Wieland 1, 142; o geniesze, du liebenswürdigster unter den sterblichen, der ganzen unbegrenzten zärtlichkeit, die du mir einflöszest. 262; werde ich künftig der sonne und der welt, der gesellschaft oder irgend eines glücksgutes genieszen? Göthe 20, 242 (lehrj. 8, 7). das bild, das uns im hintergrunde steht, verrät sich, wenn früchte dabei genannt werden: genieszen sie von nun an der früchte, die in den schwülen stunden der krankheit gereift sind. Thümmel 5, 42; er genosz am abend seines lebens die früchte eines wackeren wirkens u. ähnl. 6@d@gγ) auch höher greifend, zum höchsten, des himmels seligkeit, unsterblichkeit u. ä.; z. b. die muse zum künstler: die gute that, das schöne wort, es strebt unsterblich, wie er (der gute mensch) sterblich strebte. so lebst du auch durch ungemeszne zeit. geniesze der unsterblichkeit! Göthe 13, 164 (künstlers apotheose). schon in alter zeit auch von des himmels seligkeit, z. b. niuʒit thâr sâlida thîn sêla Otfrid V, 23, 213 und ähnl. öfter, thes hebanrîkies neotan Heliand 1144. 6@ee) überhaupt steigert sich der begriff nach wert und weite, geht ins geistige und innere über (s. besonders unter h). 6@e@aα) daher wird nun auch das herz genannt als der genieszende sinn: sonderlich (wird der wahre sinn verfehlt) wenn man sich mit viel demonstrationen einläszt und dem verstande zu thun gibt, wo das herz nur fühlen und genieszen soll. Zinzendorf homilien 1 (Wackern. leseb. 31, 1061), 'fühlen und genieszen' geradezu vom erfassen der tieferen wahrheit. oder die seele: wenn wir eine schönheit fühlen wollen, so wünscht unsere seele gleichsam sie mit musze zu genieszen. Mendelssohn über die empfindungen 40. 6@e@bβ) so von kunst und dichtung, ein kunstwerk, ein gedicht, musik genieszen; auf einer reise kunst und natur genieszen; vielleicht aber auch, dasz ich für den ruhigen leser, der den verworrensten faden mit bedacht auseinander löst, mit fleisz anders dichten wollte, als für den hingerissenen hörer (im theater), der augenblicklich genieszen musz. Schiller III, 350, 27; lasz mich des gesangs (meiner lieder) genieszen und des blicks, der mich versteht. Göthe 4, 363 (2, 385 H.). auch 'schmecken und genieszen', das dahinter stehende bild verratend (vergl. übrigens geschmack bildlich), vom Straszburger münster: mit welcher unerwarteten empfindung überraschte mich der anblick, als ich davor trat. ein ganzer, groszer eindruck füllte meine seele, den, weil er aus tausend harmonirenden einzelnheiten bestand, ich wohl schmecken und genieszen, keineswegs aber erkennen und erklären konnte. Göthe 39, 345 (von d. baukunst), sachlich gleich Zinzendorfs fühlen und genieszen vorhin. braucht er es doch auch von gedanken, eigentlich gleich verstehen, genauer innigst erfassen, z. b. in dem brief an Herder juli 1772, dem er bericht gibt, welche wirkung dessen 'fragmente' auf ihn gemacht haben, am ende: so innig hab ich das genossen. d. j. Göthe 1, 309, d. h. in mich tief aufgenommen und verarbeitet, es war eben Herders eignes wort, s. h, α. 6@e@gγ) auch sonst vom geiste, gedanken genieszen u. ähnl., sich daran weiden: ein scharfsinniger verstand (es ist ein genialer geist gemeint) genieszet tausend reine wollüste, die gemeinen geistern verborgen sind, die wohl ausgearbeiteten gedanken eines guten dichters, die vernünftige bündigkeit eines gründlichen weltweisen, die reizende anmuht feuriger einfälle sind für ihn eine beständige quelle verschiedenen vergnügens. Haller 375 Hirzel; Vult genosz still den gedanken, dasz .. J. Paul flegelj. 1, 76, weidete sich darin. wieder verrät ein bild dabei die eigentliche vorstellung: diese prediger stumpften sich die zähne an den schalen (der dogmen) ab, indessen ich den kern genosz. Göthe 19, 325. auch ein buch, einen brief genieszen: den brief, den sie .. ohne innere und äuszere stürme ausgenieszen konnte. J. Paul mumien 3, 25; dasz sie nicht müde wurden, die werke unsers gröszten deutschen dichters, Göthe, zu genieszen, zu prüfen, sich anzueignen. Tieck zu Lenz 1, iii; aus den verschiedenen richtungen, den mannigfaltigen meinungen und gefühlen, in die sich ein meisterwerk den genieszenden auseinander legt. das. statt der schriften auch die schriftsteller selber: Göthe und Herder und Klopstock und Lessing können in keiner sprache als in der deutschen ganz genossen werden. J. Paul 44, 62. 6@ff) die natur, die weite schöne welt genieszen. 6@f@aα) z. b. von jahres- und tageszeit, landleben: den rest der schönen jahreszeit auf dem lande genieszen. Wieland 1, 226; zu einer zeit, wo man in Riga das landleben auf den höfchen genieszt. Hamann 1, 183; man pflegt hier den sommer über auf den benachbarten dörfern zu campiren und das land zu genieszen. Schiller an Schwan Leipzig 24. april 1785; ich wollte nur im haven ein paarmal auf und abfahren, um des kühlen und schönen abends zu genieszen. H. L. Wagner der wohlthätige unbekannte 38; ich wollte mich, indem ich der abendkühle geniesze, auch der einsamkeit überlassen. 41. 6@f@bβ) der luft, des himmels u. ä.: wenn du den wächter bereden könntest, mich (den gefangenen Götz) in sein klein gärtchen zu lassen auf eine halbe stunde, dasz ich der lieben sonne genösse, des heitern himmels und der reinen luft. Göthe 8, 163; sie genossen vergnüglich in einer höhern region der freien frischen luft. 17, 314. auch von pflanzen, wie menschlich gedacht: die vielen pflanzenzöglinge, die nun alle der freien luft genossen. 17, 315, zugleich nach dem alten sinn, zu ihrem nutzen und gedeihen. 6@f@gγ) natur, landschaft, aussichten u. ähnl.: gaul, mein arzt ... lasz uns genieszen, du in dem schatten, zu dem ich dich lenke, frisches, kühlendes gras .. ich schau genieszend den hellern, bläueren himmel, des sees ebnen kristall u. s. w. Klopstock oden 1798 2, 207 (die wiederkehr); und was erfreuliches an waldung, busch, an wiesen, bach und seen sich phantasie zusammendrängen mag, genieszen wir, zum theil als unser eignes, zum theil als allgemeines gut. Göthe 9, 280 (nat. t. 2, 1); ich sah auszer einem jungen manne, der der schönen aussicht genosz, nichts. Thümmel 2, 88; eine morgenstunde, wo er auf dem eden-eiland aussteigt und alles dieses mit dem auge und der erinnerung auf einmal genieszend umfängt und in die offne seele drückt. J. Paul Tit. 1, 15; zwar hatte ich diese königin der berge (den Rigi) schon vor dreiszig jahren besucht, aber mit der flüchtigkeit der jugend, wo man über dem groszen eindrucke das einzelne weniger beachtet als das ganze und mehr in schauerlicher rührung genieszen, als untersuchend erkennen will. Hegner berg- land- u. seereise 2. 6@gg) auch von menschen als gegenstand des genieszens. 6@g@aα) der gewöhnliche ausdruck spricht vom umgang, verkehr, freundschaft u. ä., deren man genieszt, z. b.: die unvergleichliche Danae wieder zu sehen .. unter ihren augen zu leben, ihres umgangs zu genieszen, vielleicht ihrer freundschaft gewürdiget zu werden ... Wieland 1, 225; wer die reinen edeln seelerweiternden freuden der wahren, uneigennützigen, genieszenden und genossenen freundschaft würdig zu beschreiben fähig wäre ... Lavater auss. 3, 131. dann auch, persönlicher: lasz mich deines lieben angesichts genieszen. Schiller. und tiefer: ich fühle, dasz ich in ihrer gesellschaft, in der seelenvereinigung, die ich geniesze, gleichsam mehr als ich selbst bin. Herder an seine braut, aus H.s nachlasz 3, 19, vgl. s. 18, wie er ihren kuss und ihre seele genossen. 6@g@bβ) aber auch kurz vom menschen selber: sein älterer bruder, den er nicht lange in Leipzig genosz. Gellert 10, 42, von J. E. Schlegel, aus ihrer studentenzeit; ich war der Lepidus in diesem triumvirate, die freundschaft aber wallte in uns dreyen gleich stark, wir brannten gegen einander uns zu sehn und zu genieszen. Hamann 1, 183; unter die vortheile, die ich mir von dem Warschauer antrage versprach, rechnete ich immer auch den, dasz ich sie einige wochen genieszen würde. Klotz an Lessing in dessen schriften 8, 192 (53. antiqu. br.); sie, sie fühlen es .. was es ist, menschen zu lieben und von ihnen geliebt zu sein? menschen zu genieszen und von ihnen genossen zu werden? Lavater auss. 3, 131; wenn jeden augenblick unsere seele andere seelen genieszt und von andern genossen wird. 130; man kann (in Leipzig) zu meszzeiten eigentlich niemand ganz genieszen. Schiller an Schwan 24. apr. 1785; ich habe Göthe diesmal noch mehr genossen als das vorige mal. seine aufnahme war so herzlich u. s. w. H. Voss mitth. über Göthe u. Schiller 7; er genosz zu seinen speisen immer einige gäste. J. Paul komet 1, 43; mein unglück führte mich grade nach Frankfurt, als frau von Staël durchkam, ich hatte sie schon in Mainz einen ganzen abend genossen. Bettine br. 1, 314, ironisch. da steht immer der acc., doch auch mit gen.: seid froh, genieszt euer. Forster briefw. 2, 653, an frau und kinder. im mhd. war gebrûchen ebenso in gebrauch (s.gebrauchen 4, b), auch gotes gebrûchen, mystisch, wie bei Adelung gott genieszen, freilich nur als 'eine anschauende erkenntnis des guten in ihm haben', vgl. Scriver unter genieszung. 6@g@gγ) bemerkenswert sich (selbst) genieszen, wie gleichfalls mhd. sîn selbes gebrûchen von selbstgenusz (s. u.gebrauchen 4, a): der alte sagte: eine landläuferin ist sie nicht, sondern ein mädchen, das gute 15000 thl. hat. R. schlug eine laute lache auf: lassen sie sich doch so etwas von ihrem sohn nicht einbilden, sie hat gar nichts, kein mensch weisz, wem sie angehört. der alte, der sich bei diesem misverständnis genosz, sagte: das mädchen ist des herrn pastors hier einzige tochter, er hat in der letzten ziehung der lotterie 15000 thl. gewonnen. Nicolai Seb. Nothanker 3, 136; wenn wir, wie Rousseau, zeiten preisen, die nicht mehr sind und nicht gewesen sind .. und uns wegwerfen, um uns nicht selbst zu genieszen. Herder 4, 364 S.; so lange du sie (meine briefe aus Weimar) nur historisch und im geschmack der memoires findest, urtheile keck, dasz ich mich selbst noch nicht geniesze, dasz ich hier noch nicht zu hause bin. bin ich erst wieder mein eigen, so hast auch du mich wieder ganz. Schiller an Körner 8. aug. 1787, also auch gleich sich selbst besitzen, sein eigen sein (d. h. zu dem alten begriff von genieszen); hier genosz sich der soldat, die gefangenen und die beute vertrödelnd und das geld vergeudend. Niebuhr m. gesch. 3, 584; wir wünschen ihn zu bilden, dasz er mehr sich selbst geniesze, mehr sich zu genieszen den andern geben könne. Göthe 9, 189 (Tasso 3, 4). ganz innerlich im munde der Iphigenie: ganz unbefleckt genieszt sich nur das herz. 9, 75 (Iphigenie 4, 14). ein anderes sich genieszen, reflexiv für genieszen s. unter 9. 6@hh) die ausweitung des begriffes, zugleich mit vertiefung, gieng aber noch weiter, bis ins all der welt, als allumfassender begriff. 6@h@aα) so zuerst beim jungen Herder, in dessen gedankenwelt bei ihrer leidenschaftlichen abkehr vom blosz abstracten denken, das die menschheit führen und beherrschen sollte, diesz genieszen für voll und tief erfassen eine wichtige stelle einnimmt (vergl. Zinzendorf unter e, α): unsre deutliche vernunft regiert nur schwach den körper, der instinkt thuts lebender und besser. gewohnheiten, sitten, moralische instinkte sind in einem reich sein gesunder zustand (das gesunde daran). blosz den gesetzen folgen und keine sitten (feste überlieferung der lebensformen) haben heiszt der kalten vernunft allein folgen wollen und den ganzen fühlbaren (d. h. dem gefühlsleben angehörigen) theil der menschheit nicht genieszen. Herder 4, 468 S., d. h. mit dem erfassen bis zu ihm vordringen, ihn mit umfassen. denn so wollte er z. b. auch die culturvölker, die er in ihrem eigenwesen zu studieren vorhatte, genieszen, d. h. ihr wesen bis zum tiefsten grunde erfassen: französische sprache ist das medium, um zu zeigen, dasz man in Frankreich gelebt und es genossen hat .. wie viel habe ich zu lernen .. um nachher einer sein zu können, der Frankreich, England, Italien, Deutschland genossen hat. 366, vergl. vorher das bild seines menschenideals: der aufgeklärte, unterrichtete, feine, vernünftige, gebildete, tugendhafte, genieszende mensch, den gott auf der stufe unsrer cultur fodert. 365. in einem gedichte vom j. 1771, der nachhall der freundschaft, erscheint als letztes ziel des menschenwesens, durch liebe erreichbar: und, o liebe, konntest herzen binden, in einander ewigkeit zu finden ... reingeläutert in dir zu zerflieszen, alles, alles in dir zu genieszen. gedichte 1817 1, 31, deutlicher in der ursprünglichen fassung: alle welt in sich vereint genieszen. lebensbild 3, 372. 6@h@bβ) dann bei Göthe, gewiss auf Herders anregung in der Straszburger zeit (vergl. u. e, β), doch in seiner eignen art. Faust von der natur, im gegensatz zu dem gewöhnlichen bloszen verstehen oder erkennen: erhabner geist, du gabst mir, gabst mir alles .. gabst mir die herrliche natur zum königreich, kraft sie zu fühlen, zu genieszen. nicht kalt staunenden besuch (erkennen) erlaubst du nur, vergönnest mir in ihre tiefe brust, wie in den busen eines freunds zu schauen u. s. w. Göthe 12, 170. aber auch die menschheit will er genieszen, alles menschliche sich aufs tiefste zu eigen machen, an stelle des bloszen wissens und denkens: mein busen, der vom wissensdrang geheilt ist, soll keinen schmerzen (der menschen) künftig sich verschlieszen, und was der ganzen menschheit zugetheilt ist (an wohl und weh), will ich in meinem innern selbst genieszen u. s. w. 12, 89. es ist dasselbe, was bei Herder vorhin der ganze fühlbare theil der menschheit hiesz. nachdem er mit dem gewöhnlichen genieszen für sich fertig war (was hilft es mir, dasz ich geniesze? 6, b), wird nun schmerz und leid, dunkles und düstres ausdrücklich darein mit aufgenommen, wie es auch Faust meint: ach es (das herz) möchte gern gekannt sein, überflieszen in das mitempfinden einer creatur, und vertrauend zwiefach neu genieszen alles leid und freude der natur. 1, 85 (an Lottchen) selig, wer sich vor der welt ohne hasz verschlieszt, einen freund am busen hält und mit dem genieszt, was .. durchs labyrinth der brust wandelt in der nacht. 1, 112. 6@h@gγ) daher dann geradezu auch den schmerz genieszen, z. b. durch das mittel der musik: ihre melodien sind uns die sinnbilder unserer geistigen regsamkeit, unsere stummen gefühle, ahnungen, hoffnungen, unsere schmerzen und freuden, alles wird laut in unserer brust, wir fühlen doppelt stark, allein wir erheben uns über den schmerz und genieszen diesen nur als ton, der unser ohr entzückt, ohne im herzen einen stachel zurückzulassen. Wienbarg ästh. feldzüge 218, vergl. von der selbstentsagung, die das leben verlangt: nicht der entsagung wegen entsagten sie (die helden der kunst und moral), nein, des genusses wegen, sie brannten im feuer der begeisterung, das alles unreine verzehrt und selbst den schmerz in rauch und asche auflöset. 173, so hoch konnte der begriff steigen, ehe der sog. pessimismus in die geister einbrach mit seinem schlimmen gefolge. s. weiter unter genusz von diesem weg nach oben und seinen stufen. 77) wegen der grammatischen behandlung ist noch zu bemerken, wie im nhd. der ursprüngliche gen. des gegenstandes vom acc. bedrängt und immer mehr zurückgedrängt wird. 7@aa) im ahd. und mhd. war der gen. das herrschende, zur bezeichnung des antheils, den der einzelne erhielt, während dem einfachen nioʒan, nieʒen der acc. gebührte, weil es auf das ganze gieng (s. unter 1, c), und auch genieʒen mit acc. kann innerhalb der regel bleiben, z. b.: ein galle unsuoʒe, nieman chan si genieʒen. genesis 6, 13 D., da ist das ge- von dem chan herbeigezogen (s. unter ge II, 5, b), wie es im älteren texte heiszt sine wil daʒ man si nieʒe fundgr. 2, 14, 28. 7@bb) im nhd. tritt der acc. immer öfter auf, z. b. im 16. 17. jh., wo sonst der gen. noch das herrschende ist: wer dis gebrochen brod geneuszt. Luther vom abendmal 1528 E ija (Dietz 2, 77a), es ist eben ganzes genieszen gemeint; wassermühlen, die man so geniesze. Logau 3, 8, 96 (s. unter 2, e), ebenso; in manchen fällen ist der acc. blosz durch äuszere gründe herbeigeführt, z. b.: wir wissen nicht allweg, was wir genieszen oder entgelten. Henisch 1495, 70 (was für nutzen oder schaden wir von etwas haben, s. 3, c), wo beide verba eigentlich durchaus den gen. verlangen, aber was für wes, wie das für des, war ein längst eingerissener rein äuszerlicher grammatischer irrthum aus bequemlichkeit. 7@cc) im 18. jahrh. gibt Frisch 2, 18c noch die unterscheidung: 'mit dem genitivo der sache, die man genieszt, ist die absicht mehr auf etwas davon, mit dem accusativo aber mehr auf das ganze', was dann Adelung als unrichtig behandelt, er gibt den acc. als regel, den gen. als eine oberdeutsche eigenheit, doch 'auch in der edlern und höhern schreibart der Hochdeutschen häufig nachgeahmet'. aber dasz die alte natürliche unterscheidung noch nicht ganz erstorben ist, auch ohne schulung, lassen wol uns noch folgende beispiele empfinden. Wieland, der vom gen. reichlichen gebrauch macht (s. oben), nimmt doch auch den acc., z. b.: wenn ich ein geringeres gut dem gröszern aufopfre, welches ich geniesze. 1, 169 (Agath. 4, 1), er meint eben ganzen genusz; du heilige, rufe dein kind zurück, ich habe genossen das irdische glück, ich habe gelebt und geliebet. Schiller XI, 290, ich kenne den genusz nun ganz; wenn dieser vollends ausdrücklich bezeichnet wird, ist der gen. nicht möglich, z. b.: ich weisz, dasz mir nichts angehört, als der gedanke, der ungestört aus meiner seele will flieszen, und jeder günstige augenblick, den mich ein liebendes geschick von grundaus läszt genieszen. Göthe 1, 114. ebenso wird uns der gen. besser zusagen in fällen, wie folgende (viele andere oben): die katholiken mögen die protestanten immer ketzer schelten .. die wenige geistesfreyheit, deren sie genieszen, verdanken sie ihnen doch. Klinger 11, 93, von dem antheil, genuszantheil, den sie an dem erworbenen allgemeinen gute haben, als wäre gesagt 'deren genusz sie mit haben'; gegen achte ritten wir ab, und um der sonne gleich zu genieszen, an der abendseite hin (in dem hochgebirgsthal). Göthe 16, 228, um den genusz der sonne zu haben. 7@dd) dasz freilich das sprachgefühl darin schon damals sehr gestört war, zeigen fälle, wo beide casus nah bei einander auftreten, ja von demselben gegenstande, z. b.: glauben wir eben des anblicks zu genieszen, den er genosz. Lessing 6, 499; ich geniesze meines reichthums, und andre genieszen ihn mit mir. Wieland 13, 117; wir müssen uns ja ohnehin bald genug gewöhnen, das gute stück- und theilweise zu genieszen. gewiss, versetzte der graf, sie haben beide sehr schöner zeiten genossen. Göthe 17, 115 (wahlv. 1, 10). 7@ee) dasz aber der gen. dabei dem unbewachten gefühl noch nahe lag, und nicht blosz oberdeutsch, zeigt sich in brieflicher anwendung: seit dienstag bin ich hier (in Hamburg) und geniesze der seligsten tage meines lebens. Voss br. 1, 158, d. h. bei Klopstock; wenn sie in einem halbfeindlichen lande (Holland) nicht immer zufrieden vor sich sehen, so genieszen sie wenigstens des gedankens, dasz sie éinen menschen, der ihnen nah angehört ... ganz glücklich machen. Göthe an herz. K. Aug. 1, 94; lassen sie mich an ihrer seite das ganze masz meiner existenz ausfüllen und des lebens genieszen. 115; leben sie recht wohl und genieszen der tage. 135; leben sie recht wohl ... und genieszen der schönen jahrszeit wenigstens aus dem fenster. an Schiller 12. juli 1796, gleich darauf mit acc.: ich komme sonnabends, und wir wollen ein paar frohe tage genieszen. 13. juli, man sieht aber den alten unterschied des sinnes durchblicken. 88) wenn die jäger vom hunde sagen, er genieszt die fährte, d. h. wittert sie Schmeller 2, 709, so musz dahinter geneusen, wittern (s. dort) stecken, eigentlich geneust, dann als geneuszt verstanden. das hat aber an genieszen auch seinen anhalt: bei den jägern sagt man den hund genossen machen, wenn man ihm einen gewissen theil von dem erlegten wilde zu fressen giebt, welches auch den geniesz oder genusz geben genannt wird. Adelung, s. unter geniesz 3, e, es ist ihr antheil an der beute, der dann sie zur jagd reizt, also genieszen im ältesten sinne (1, c): wann nun der hirsch gefangen und erwürget ist, so sollen die jäger, so die hunde genossen ... dreimal blasen. altd. wälder 3, 137; wann den leithunden davon (vom gehirn des hirsches) zu genieszen gegeben wird. 142; hunden, die nicht sehr hitzig sind, kann man durch das genieszen helfen. Heppe jagdlust 1, 47; ist es (das wild) verendet, so wird gleich auf der stelle dem hunde etwas schweisz und wildprät gegeben und er (der schweiszhund) so wie der leithund genossen gemacht. dadurch wird er immer begieriger, weil er weisz, dasz er für sich arbeitet. 61. vom mhd. gebrauch s. im wb. 21, 392b, dazu die weitere sammlung in Schmellers 2. ausgabe 1, 1761 fg.; z. b. in den bekannten worten Siegfrieds auf der verhängnisvollen jagd: dô sprach der herre Sîvrit:ich hân der hunde rât (brauche keine), wan einen bracken,der sô genoʒʒen hât, daʒ er die verte erkenneder tiere durch den tan. Nib. 875, 2; Fürst (jagdhund) was unverdroʒʒen, er het wol genoʒʒen, im was von der vert niht gâch. Helbl. 4, 412; alsô der hunt den hirʒ wil jagen, hât er iht wol genoʒʒen vor. Winsbekin 25, 6; man lât hunde gnieʒen, swenn man ein grôʒen eber jagt. Frauenlob spr. 104, 5. 99) bemerkenswert ein seltnes refl. sich genieszen, mit gen.: er sol sich seiner bürgerlichen und heuslichen nahrung und der euszerlichen weltlichen güter wol genieszen und sich ihrer genieten. Mathesius katech. 70, vielleicht in gedanken an lat. uti, frui.
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Lautwandel-Kette

Von der indoeuropäischen Wurzel bis zur Mundart

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  1. 15.–20. Jh.
    Neuhochdeutsch
    genieszen

    Grimm (DWB, 1854–1961)

    genieszen , frui, uti, vesci, mhd. genieʒen (genôʒ, plur. genuʒʒen, part. genoʒʒen), ahd. ginioʒan, goth. ganiutan; altn…

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Cotta, M. (2026). „genieszen". In lautwandel.de — Aggregat aus 53 historischen deutschen Wörterbüchern. Abgerufen am 15. May 2026, von https://lautwandel.de/lemma/genieszen/dwb?formid=G07972
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Cotta, Marcel. „genieszen". lautwandel.de, 2026, https://lautwandel.de/lemma/genieszen/dwb?formid=G07972. Abgerufen 15. May 2026.
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Cotta, Marcel. „genieszen". lautwandel.de. Zugegriffen 15. May 2026. https://lautwandel.de/lemma/genieszen/dwb?formid=G07972.
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