geniesz,
m. genusz, mhd. genieʒ
m., mnd. genêt
m. n., mnl. geniet
n.; es steht zu genieszen
neben genusz (
das doch sehr jung ist),
wie z. b. fliesz, verdriesz
zu flieszen, verdrieszen
neben flusz, verdrusz,
hat sich auch im gebrauch einzeln bis in späte zeit erhalten, landschaftlich noch jetzt, z. b. bair. Schm. 2, 709,
auch nd. geneet
z. b. bei Dähnert 149
a, Stürenburg 68
b.
früher auch einfach niesz (
s. d.),
wie nieszen
neben genieszen. 11)
die eigentliche bedeutung ist, dem ge-
entsprechend, gemeinsame nutznieszung, gemeinschaft, was uns noch in genosse
so nahe liegt, während es in genieszen
gleichfalls längst verdunkelt ist (
s. dort 2,
c).
ein mhd. beleg liegt zwar noch nicht vor, durch zufall, aber ein nhd., bildlich: denn was hat die gerechtigkeit für geniesz mit der ungerechtigkeit? was hat das liecht fur gemeinschaft mit dem finsternis? Luther
2 Cor. 6, 14 (
gr. μετοχή,
vulg. participatio),
d. h. beide haben nichts mit einander zu thun oder gemein, sind nicht genossen, eigentlich im gemeindeleben gedacht. vergl. geniesze
m., mitgenieszer, theilhaber. 22)
die bed. gieng dann aber auf den genusz des einzelnen über, eigentlich doch auch als theilhaber einer gemeinschaft. 2@aa)
die alte bed. wird nun auch verdeutlicht durch gemein geniesz
mit dem gegensatz eigen geniesz,
wie ursprünglich gemeiner nutz
und eigen nutz
unterschieden wurden (
s. u. gemein 3,
a, β.
ε);
jenes z. b.: (
das wort gottes) das er uns zuo guot, lieb und dienst hat aufgesetzt, welches zwar (
fürwahr) eitel gemein geniesz und wolthat ist. S.
Frank parad. 74
a (31
b),
nr. 50.
dagegen eigen geniesz: die andern falschen christen (
die sich dem streit entziehen) ... suchen gute tage oder eigen ehre und genies. Luther 5, 523
a; hat kein ander regel, dan .. ir eigen vortheil und geniesz. Fischart
bien. 50
a (1588 50
b eigen nutz und vortheil),
bei Marnix haer beste nut ende profijt 41
a; das thun sy von des aignen geniesz wegen. Schm.
2 1, 1762,
hs. vom j. 1579, geniesz
als gen., wie oft, d. h. das -s
im -sz
verschlungen. 2@bb)
die ursprüngliche bed. klingt auch sonst noch zuweilen nach, z. b.: im herbst ist die gröszte freude im jar, da man einschneit und einfret allerlei früchte und genies des lands. Luther 3, 175
b,
allgemeiner genusz; im bergbau: kauft ein bergherr frembde gewerken aus und wolte den geniesz gar allein haben. Schuppius 832.
bildlich von Christus: der verheiszung nach ist Christus alleine der jüden, aber des genieszes nach ist er der ganzen welt. Luther 3, 188
a. 2@cc)
dem gegenüber heiszt es seinen geniesz suchen
u. ä., seinen eignen allein: ein ieder luogt auf seinen geniesz. S. Frank
trunk. J 1; jederman wandlet seiner lust und genies nach. Luther 4, 108
b; dieweil nun aber die natur do herr ist, so ist der untreu art, dasz sie ihren geniesz seltsam sucht und ihr kundigkeit (
list) seltsam erzeigt. Paracelsus (1590) 9, 118; (
der roh natürliche mensch) laszt sich nicht nieszen (
von den andern), er begert aber geniesz von iederman. S. Frank
spr. 2, 31
a. 33)
ferner von nutzen, gewinn, vortheil aller art; im voc. th. 1482 gnysz,
nutz, utilitas, emolumentum k 7
b. 3@aa)
z. b. einkommen, auch amtseinkommen als unterhalt: denn gott kans ja nicht gefallen, das ein ander sol die pfarr versehen on genies und ein ander sol der güter (
pfarrgüter) gebrauchen on arbeit. Luther 3, 409
a; davon haben die schergen iren geniesz. Schm.
2 1, 1762; die heidnischen pfaffen aber, welchen ihr geniesz zerrann, lesterten und tobeten weidlich auf den bischof. Cramer
pomm. chron. 1, 55; andre länder geben steuer nach dem kopf und nach geniesz, wir, nach dem sich unbesonnen weiland einer schätzen liesz
u. s. w. Logau 3, 227, 52. geniesz
von capital: die vormünder sollen die parschaft nach bestem nutz der kinder anlegen, damit dieselben järlich zins oder andern zimlichen geniesz davon haben mö
gen. bair. landr. Schm.
2 1, 1762.
von grundrechten u. ä.: do antworten die zu Troppaw, das en die zwei hundirt mark und
gnys von der bleiche ganz und gar bezalt wern.
Magd. fragen s. 223.
auch im plur., einkünfte, nutzungen: alle die guot ... lehen, gulde, genieʒe und .. alle die recht, die Fritzcolt .. uf dem felde und in dem wikbilde des dorfes gehabt hat.
cod. dipl. Sax. II, 1, 410,
vom j. 1354; das gnante dorf .. mit allin renten, erbgerichten, zinsen, genysen, nuczbarkeiten
u. s. w. 3, 74,
vom jahre 1444. 3@bb)
es heiszt auch gern gehäuft nutz und geniesz,
stabreimend (
mnd. genête und genute
pl. wb. 2, 59
a, 25): ein scheppe adir radman ... dy ... des scheppmanenrecht keinen nucz noch genisz haben (
und deshalb zurücktreten wollen).
Magd. fr. s. 60; nicht angesehen unser fahr, ungemach, oder nutz und genies. Luther 5, 367
b; der achtet und hält freundschaft umb nutz und genieszes willen. Schuppius 405.
gegensätze sind geniesz
und verdriesz,
z. b.: wer will haben geniesz, der musz auch haben verdriesz. Henisch 1495;
besonders geniesz
und schaden,
wie jetzt gewinn
oder vortheil
und schaden,
z. b. im geschäftsleben: wo einer allein den genies, der ander allein den schaden hat. Luther 5, 271
b; ein jeder hat geniesz von anderer schaden. Wiedeman
mai 64.
verbunden auch gewinn und geniesz, geniesz und vortheil
u. ä.; das ablasz ist freilich für grosze gnad zu halten, denn es groszen gewinst und genies treget. Luther 1, 10
b (
wider Tetzel); etliche aber thätens ums genieszes und gewinnstes willen.
tischr. 1, 76; ob nicht zeug (
von seinem zeugnis) verhoffet gewinn und geniesz zu haben. Ayrer
proc. 2, 8;
von bestechung auch: der ergreift nicht leichtlich gunst, der da ist im seckel blind, weil die gunst trit meistens hin, wo geniesz und vorthel sind. Logau 2, 1, 45.
rechtsleistungen sollen sonder einigen aufschlag, geniesz, liebnus (
begünstigung) und vortheil geschehen.
Frankf. reform II, 11 § 3; sonder einigen geniesz, aufgelt und gewinn. § 9. 3@cc)
besonders gewinn in geschäftlichem sinne, was jetzt im leben profit
heiszt (
vergl. besonders genieszlein,
profitchen);
z. b. von dem gewinn, den landesherren vom schutz der juden bezogen: dasz sie (
die christen) umb ein wenig geniesz (
gen.) wegen den jüden nit allein schutz in iren landen geben
u. s. w. Ayrer
proc. 2, 5; der dritt gar selten erben thuot pös schnöd gewunnen wuocherguot. das merkt, ir herren, on verdriesz, dj jüden (
acc.) halten ümb geniesz und sünst geprauchen iren spiesz (
wucherei). Schwarzenberg 122
b.
von misbrauch der messe zu geldgewinn, in vergleich mit dem kaufmannswesen: sie bekennen, das die bischofliche messe keinen unterscheid habe von der voreltern messe, aber die sonderbaren nebenmessen haben sie bei inen abgethan von des genies und kaufmanschatz wegen, so daraus geschicht. Luther 6, 328
a; die abgötterei im misbrauch der messen ist offenbar, welche ... zum schendlichen genies und kremerei misbrauchet sind. 526
b. 3@dd)
so öfter schändlicher, unrechter geniesz
u. ä.: der teufel wird all die prediger haben, welche etwa (
zuweilen) einen grafen ... gott im himmel vorziehen ... umb schändliches genieszes willen verschweigen ... was gott ... zu reden befohlen hat. Schuppius 88; behüt uns, herr, für trug und list, für wucher, geitz, unrechtem gnies, für allem vorteil und für tand, für hader, zank, neid, spott und schand. Selneccer
christl. psalmen 134.
s. dazu genieszlich (2),
eigennützig, gewinnsüchtig. 3@ee)
andere wendungen und redensarten auszer den schon mit angeführten: eine magd .. die hatte einen warsagergeist und trug iren herrn viel genies zu mit warsagen.
apost. gesch. 16, 16. 19; sie gehen den weg Kain .. umb genies willen.
brief Judä 11;
der schwäbische adel rückt dem herzog Ulrich vor im jahre 1529: het dir der adel hilf versagt, du werst von deinem volk verjagt im armen Cunrad, als er hiesz, des wir befunden keinen geniesʒ. Soltau 237, Liliencron 3, 256
a,
wovon wir doch keinen nutzen und gewinn gehabt haben, was du uns nicht hast genieszen, zu gute kommen lassen; so lang geniesz, so lang freunde.
hundert fabeln (1611) 109; unterdessen kan man jo noch einen oder den andern geniesz mitnehmen. Schoch
studentenleben D; was für zeiten schelmisch hiesz, heiszet (
nun) ehrlich, bringt geniesz. Logau 1, 4, 71; theils sucht man wissenschaft, damit man was verdiene, und dieses schlägt nur aus zu schändlichem gewiene (
so), theils sucht man wissenschaft dem nechsten zum geniesz, und dieses ist ein werk, das wahre lieb uns hiesz. 2, 1, 43,
also auch noch im besten sinne, zu allgemeinem nutzen und besten. 44)
auch im engeren sinne von genusz. 4@aa)
mhd. z. b. spîse (
gen.) genieʒ
wb. 2
1, 394
b,
es ist selten und nicht die erste bedeutung. auf lebensgenusz mit essen und trinken deutet im 16.
jahrh.: diese heiligen nichts thun denn ihren wanst und genies suchen. Luther
über das 1.
b. Mose 1527 Yy ij
a (Dietz 2, 76
a);
ähnlich: das arm aschenprodlin hat nichts denn eitel mangel und ungemach, sucht kein geniesz, leszit ihm benugen.
das magnificat 1520 c iij
a.
von beeren: nur dem geniesz etzlicher beeren damit zu wehren.
colica 126.
weidmännisch, den hunden den geniesz geben,
das eingeweide vom wildbret und den mit brot vermischten schweisz. Adelung, Frisch 2, 19
a,
der eigentliche begriff aber ist ihr antheil an der beute, man sehe auch genieszen 8, genieszjagen. 4@bb) geniesz
der liebe, der lust u. ä.: die liebe (
Amor) ist beflügelt, weil sie dem geniesz entfliehet.
polit. stockf. 134; bald schaffen die lieder der liebe geniesz. Rist
Parn. 666; denn dieses ist verbotner lust geniesz. Rottmann
lustiger poet 312; das urtheil weis ich schon, so mein geburtsstern spricht, dasz ich soll sein zur glut geboren, doch nicht zu dem geniesz der liebe zugericht. Hoffmannswaldau
getr. schäfer 12; die alte meisterin der menschligkeit, die zeit, bewies, dasz der geniesz mit eckel disz bestreut, was uns die hoffnungshand alleine hat versüszet.
begräbnisged. 31. 4@cc)
einzeln noch spät im 18.
jh. und länger, wie im 18.
jh. noch bei Rädlein, Ludwig, Aler genies
vor genusz
bevorzugt wird: nimmer, nimmermehr hienieden fänd ich süszeren geniesz. süszeres ist nur beschieden seligen im paradies. Bürger
ged. 1789 1, 81 (
minnesold); doch hätt' ich des genieszes, nie hätt' ich dennoch satt. 128 (
schwanenlied); der einzige schwarze Ham hatte von der vorigen und kommenden lust schlechten geniesz. J. Paul 35, 108 (
vergl.hoffnung zu gutem geniesz haben Olear.
ros. 1, 32); der fisch war nicht mehr zum geniesz. Immermann
Tristan 104,
nicht mehr zu genieszen, vermutlich noch landschaftlich.