Eintrag · Mittelhochdeutsches Wb. (MWB)
erge stF.
2 ‘Geiz, Habgier’
3 ‘Bösartigkeit (einer Krankheit); übler Geruch’
4 ‘Unheil, Elend’
1 allg. ‘Schlechtigkeit, Bosheit’, im Einzelnen je nach Kontext: ‘üble Gesinnung, Absicht, Missetat, Falsch, Makel’ u.ä., auch ‘Feindseligkeit, Hass’ daz er iene berente / in der herberge, / die durch ir erge / vmbe sin wip waren kvmen Herb 17777; erge und unfuoge und unfuore diu wilde gezimt niht dem helme unde touc niht dem schilde KLD:UvL 16: 4,1; der lantgrâve erzurnet hart, / niht von sîn selbes erge Kreuzf 7869; swenne nôthafte liute [...] bâten der herberge, / die enpfienc sî alle mit erge Sibote 68; nû hôrt die grôzen erge, / die der mordær ane vie Ottok 89604; der hât an vreisen dingin / erge vil begangin NvJer 22390. 1650; das recht lat ungerochen / nicht erge noch die sünde Mügeln 335,16; nach suntlicher erge Daniel 6754; an dir ich vinde / din rede niht valliret. / die rein clarificiret / ir helffe dir verbergen / [...] von der mann ergen. / sie tar dir noch gelauben niht Minneb 3528; da [auf dem Kampfplatz] wart groz gereizze, / gedense vnd gezerge, / allez mit erge / vnd mit vnmvte, vnminne, / zv vurlust vnde zv gwinne Herb 6862; dî brûdre [...] bûwitin eine burc gereit / [...] widir der heidin erge NvJer 10502. – der güete entgegengesetzt: dâ vuor manec sunder munt, / der niht wesse waz der ander sprach, / ob er erge oder güete jach Wh 399,30; ez gezimet vil baz / erge vnde manheit / den gute vnde zaugeheit Herb 3057; swaz man ie mit erge in traf, / des lonte er ie mit gute Pass I/II 184,37. – auf Teufel, Antichrist, Judas bezogen: Iacob gutlich im do gab / zv eime schirme sinen stab / gegen alles tuuels erge Pass I/II 216,12; wider den tvͦuel der von siner erge ist geheizin ein vuͦrste dirre werlde PrLpz (L) 131,8; daz geborn wirdet noch endecrist, / der gotes sun wirt unerende, / die cristenheit vorkerende / mit ergen, schatze, zouberlist HeslApk 1291; der valschen list ein scherge, / Judas, vol gyft und erge TvKulm 3746. – âne/ sunder ~ ‘makellos’ bî ir ze fleische wart ein wort / und bleip dannoch ân erge, / daz sie kein sünde nie begie: / alsô gebar si Krist KLD: Kzl 2: 14,8; ey frawe zart an erge Minneb 1477; godes tempel was sin brust, / wande er [Gott] gar sunder erge / an im vant sin herberge Pass I/II 364,33; in di formen des ewigin lichtes sal sich druckin di edele sele, also daz si sich stelle in eine suze guit zuphlichtikeit, di gar one erge sî Parad 22,16; fur den pischof si trat, / vrlovbes si bat [...]. / vber al daz gevilde / in englischem bilde / ze Josebes herberge / si [Maria und ihre Begleiterinnen] heten ane erge [Widrigkeit] / vil guͦt gevertte, / wan sei got gewerte / seines reiches vn̄ seiner ære, / da si wonent mit frevden immermere Wernh A 1932. – auf Tiere bezogen: di erste ist gedult, daz der mensche getwedic si undir der burdin des lidines, daz der mensche nicht du alse ein phert, daz sich for ergin mude machit undir der burdin und si doch tragin muz Parad 62,29; als Name eines Ochsen: den dritten [Ochsen] nenne ich iu noch: / der was geheizen Erge [zur anderen Deutung ‘Pflüger’ aus ern ‘ackern’ s. A. Birlinger, Zum Meier Helmbrecht, Germ. 18 (1873), S. 110] Helmbr 827 2 ‘Geiz, Habgier’ diu gîticheit, / diu bœsen muot und erge treit Wig 11684. – der milte entgegengesetzt (vgl. TPMA 8,327): seht wie daz mülrat gestêt / swenne ez niht snelles wazzers hât! / dem gelîche ich milter liute rât [Vorrat] : / als der dem herren entwîchet, / diu erge wider slîchet / aber zuo dem herzen. / dâ beginnet diu milte smerzen, / wan si dâ niht wesen sol Wig 10810; reiniu milte nie verdarp, / sô erge manege schande erwarp. / erge hât dicke erworben, / daz künege sint verdorben Freid 87,17.18; StrAmis 24; StrKD 6,282. – personif.: jârlanc sol er sîn gemeit swem ein meit / minne treit [...]. / seht sô dulde ich arebeit / unde leit: / sich entseit / bî rîcheit / Milte gebennes; underscheit / Erge vor ir heit [Komm.z.St.: „‘Milte sagt sich bei Reichtum los vom Geben; die Scheidung hat die Kargheit vor ihr (vor der Milte) voraus’: d.h. sie hat beim Abgrenzen zwischen ihr und der Milte den Vorteil”] . / Schande hât ûf mînen eit / wîte sich zespreit KLD:Kzl 13: 2,12. – als eine der Hauptsünden: siben laster hoͮbthafter sunden, da wir uns uone behoͮten sculen: der zorn, der nît, div ubermoͮt, unrehtiv uroͮde, div erge, div gierscheit, div hoͮrgelust, div untriwe Spec 149,16 u.ö.; diu erge daz ist schante, / diu ist lastir und sunte VRechte 309; wan unmæzzige erge / ist gruntveste aller ubele ebd. 319 3 ‘Bösartigkeit (einer Krankheit); übler Geruch’ er moht niht gerüeren / den fuoz, dâmit er gên solte: / kûme er daz verdolte / vor des siechtums erge, / daz man in brâht zder herberge Ottok 38182; doppeldeutig, wortspielend mit 1 und 2: wan [= man ] balsemt edellîche / für des argen ruches smac, / daz ein tôtez bilde deste langer wer. / waz suln wir dien tugendelôsen [...] strîchen an, / daz in diu erge entwîche? Marner 14,69 4 ‘Unheil, Elend’ daz er dî littousche dît [...] allintsamin des betwanc / mit urloigis erge [...], / daz sî gebundin mûstin sîn / vriddis der cristinheit NvJer 20386; mich hat din schoͤn geruret; / die hat mich auch gefuͤret / uz mines hertzen lande / in ellende, daz mir ande / tut gar in jamers erge. / nu gib mir herberge / in dines hertzen clusen! Minneb 2543
MWB 1 1872,54; Bearbeiter: Tao