entweichen ,
abscedere, decedere, discedere, ahd. intwîchan,
mhd. entwîchen,
nnl. ontwijken,
weichen, platz machen, räumen. 11)
von leuten: intwîch!
cede! Graff 1, 710 (
bei Frisius 9
a weich hinder sich, heb dich!); wara ist dîn wine intwichan? Williram 51, 10; nu gie si hër unde bat die geste entwîchen für die tür.
kindh. Jesu 995; dô entweich der kindische man.
Lanz. 590; entweich mir aus den augen!; Jotham floch und entweich.
richt. 9, 21; und er stund auf und nam das kindlin und seine mutter zu sich bei der nacht und entweich in Egyptenland (
ahd. fuor in Egyptum,
ags. fêrde on Egyptum).
Matth. 2, 14; aber Jesus entweich mit seinen jüngern an das meer (
goth. aflaiþ du marein).
Marc. 3, 7; er aber entweich in die wüsten (
goth. vas afleiþands ana auþidôs).
Luc. 5, 16; und entweich in eine wüsten (
goth. afiddja sundrô ana staþ auþjana). 9, 10; entweich er abermal auf den berg (afiddja aftra in fairguni).
Joh. 6, 15; entwichen beseits.
apost. gesch. 26, 31; da nu D. Martinus entweich, besprachen sich und beratschlugen die fürsten. Luther 1, 447
a; auf dise red entwichen alle umbstender.
Amadis 32; lieszen mich aber entweichen (
abtreten). Schweinichen 1, 370; gebeten, dasz wir was (
etwas) entweichen (
bei seite gehen) sollten. 1, 206; ein weng ihr uns entweichen solt, das wir uns drauf können erklern. Ayrer 393
a; item wo reisige und fuszknecht bei einander im läger ligen, so sollend ihr den reisigen zimlichermaszen entweichen, damit die reisigen ihre pferd underbringen mö
gen. Fronsperg
kriegsb. 1, 23
a; schützende götter des hauses entweichet, lasset die rächenden göttinnen ein! Schiller 511
b; mit ausgestrecktem arm entweichet die schöne luftgestalt. Gotter 2, 82; lasz uns aus dem gedräng entweichen! Göthe 12, 210;
oft auch mit dem dat. der sache: dem streich entweichen,
plagam effugere; der gelegten schlinge entweichen,
aus dem wege gehn. entweichen,
bankerott machen. Rädlein 243
b,
vgl. einem eines entweichen. Schm. 4, 11. 22)
von thieren, ausweichen: der (
esel) kund nit weichen aus dem weg, und nahm daher ein groszen schrecken, weil er beschwert mit zweien secken dem hengst nit wol entweichen kund. Alberus 91; der esel dorft nit sagen vil, entweich bei seit und schweig ganz still. 91
b. 33)
von sonne, mond, tag, nacht und see: wenn die sonn entwich (
untergieng). Gellert 1, 191; hinter die häuser entwich, nicht hinter den berg uns die sonne, ein halb stündchen noch währts bis zum geläute der nacht. Göthe 1, 280; die hell entweichende sonne. J. P.
Tit. 2, 46; aber alle schwiegen meinen klagen, von dem himmel konnt ich nicht erfragen, wo du mochtest hin entwichen sein, welches meer dich barg und welcher hain? Merk,
beim wiederscheinen des mondes. morgenbl. 1843
no 122;
mhd. diu naht entweich dem liehten tage.
Wigal. 150, 1;
ahd. thër sëlbo wâg thër was sîn, thër sëlbo sê, thaʒ ist wâr, bi thiu nintweih ërmo thâr. O. III. 9, 18,
das meer wich nicht unter den füszen des darauf wandelnden heilandes. 44)
lebendig steht 'nicht entweichen'
von dicht hinter einander folgenden dingen: die eine welle entwich nicht der andern; der eine fusztritt nicht dem andern; ein schlag konnte dem andern kaum entweichen; so sprich ich zuom fünften von begirigkeit zuo essen, da ein mensch zuo beiden orten (
winkeln des munds) inwirft und ein mundfol dem andern nit entweichen mag. Keisersberg
s. d. m. 7
b; redet so schnell lateinisch psalm, das ein wort dem andern kaum entweichen möcht. Luther 3, 418
b; so dasz blü und frucht einander allzeit nit entweichen kann und immer zuo frücht und blüet gefunden wird. Frank
weltb. 16
a. 55)
von vergehenden, schwindenden dingen, meist mit persönlichem dativ: die farbe, das blut, leben entweicht,
in den liedern oft: die farbe war ihr entwichen,
sie erbleicht; die sinne entweichen ihm,
er ist auszer sich, besinnungslos; der leib, die wangen entweichen,
fallen ein: daʒ ir der lîp vor leide entwichen was begarwe an kreften und an varwe.
Greg. 3678; wan im sîn zëswer arm was entwichen (
aus dem gelenk).
Lohengr. 6916; dës wâren im entwichen die brâten vor den goffen.
altd. bl. 2, 228; entweichet im die varb und erpleichet. Albr. von Eybe 10
a; do entweich im sîn gemüete und ouch sîn langiu klage. Haupt 2, 218; do begunde im müede entwîchen.
Wh. 59, 16,
vergieng ihm die müdigkeit; da war ihm alles leid entwichen; ihm entwich die jugend. Göthe 6, 148; die stunde, die zeit entweicht; wenn man sich der sprache entwichener (
vgl. verwichener) zeiten bedient. Bürger 136
b; die heiterkeit, die meinem geist entwich. Gotter 2, 270; entweichende töne,
musik die sich entfernt. das fieber, der schmerz entweicht,
schwindet; der dampf entweicht aus dem kessel
bei geöfnetem ventil; heil und glück sind mir entwichen; der nider stîget, dem wilʒ entwîchen, jener sitzet ûf, wer kondim gelîchen?
Renner 17241; zehant diu nôt ir entweich.
kindheit Jesu 992; doch als ihr frost und noth entwich, erholte, regt und hub sie sich. Hagedorn 2, 29.
mhd. al dër wërlte lob, diu dô enbor hôhe strichen und noch strîchent, diu entwichen und entwîchent im und lieʒenʒ vür, ëʒ vert in iemer vor.
MS. 1, 86
b. 66)
zurückweichen, recedere: der nast (
ast) ist mir entwichen, darauf ich ruhen sol. Uhland 46. 77)
man sagt von etwas entwichen: wer durch den tod in gnaden schlaft, entweicht von allem kummer weit. Schwarzenberg 151; immer fragten wir nach neuem, weil sich krieg bei uns enthalten, nun der krieg von uns entwichen, fragen wir stets nach dem alten. Logau 3, 48, 52; ich bin vom weg entwichen um diesen hain zu sehn und finde dich allhier. J. E. Schlegel 1, 324.