DROHEN vb. (1)
ahd. dreuuen, drouuen,
mhd. dröuwen, drouwen, drô
n. as. githrōōn,
mnd. drouwen;
mnl. druwen,
nnl. drouwen;
afrs. thrūwa;
ae. þrēagan, þrēawian, þrē
an. (2)
abl. von drohe
f. auf westgerm. stufe. (3)
schwache flexion, nur im 13./14. jh. gelegentlich die starke präteritalform triew (
in analogie zu verben wie houwen?). (4)
nhd. nbf. dräuen:
ahd. und mhd. stehen formen mit und ohne umlaut nebeneinander. die umlautform wird seit dem 16. jh. zunehmend verdrängt durch die auf kontraktion von mhd. drouwen
beruhende oder durch anlehnung an drohe
f. entstandene form drôn,
nhd. drohen. dräuen
wird im 19./20. jh. nur noch historisierend, poetisch oder mdal. (so etwa im bad.) verwendet. drauen
für mhd. drouwen
begegnet vereinzelt noch bis ins 18. jh. 1
eigentlicher gebrauch. von lebewesen, besonders von personen, die absicht zu erkennen geben, jmdm. übles zuzufügen die ergänzungen bezeichnen das bedrohte lebewesen, die angedrohten unangenehmen konsequenzen, das mit der drohung geforderte verhalten, eine warnend ausgesprochene äußerung. außer dem präpositionalobjekt (mit einer strafe)
ist auch ein freier instrumental (mit erhobenem zeigefinger, mit einer gebärde)
möglich. auch freie adverbiale angaben situationskontext u. ä. können den inhalt der ergänzungen ausdrücken. a
absolut. von personen (lebewesen),
auch von deren aktionen, verhaltens- oder ausdrucksweisen, häufig im part. präs., unangenehmes ankündigen: 790/802 dreuui pisuueri refsi
benediktinerregel 200,11 S. u1200 ir sî seht bî iu stân / unde drônde umbe iuch gân Hartmann
Iwein 71242 B./L. hs.1.h15.jh. wan wer do drot, der warnet sein veint
dt. facetus 110 Sch. 1913 der eine wimper dräuend zucken braucht .. aber er dräute nicht Handel-
M. Schwertner [1948]2,67. 1968 die übrigen gäste .. blieben angesichts der drohenden haltung des kellners sitzen Bieler
Roth 158. b jmdm.,
älter auch jmdn., an jmdn., auf jmdn. drohen
jmdn. bedrohen: 790/802 vnekihafteem indi vnstilleem scal hartor drauuen
benediktinerregel 200,21 S. v1022 ziu dreuuent ir mir? Notker
3,1,50 ATB. 1130/40 do div frowe uirnam. / daz ime der engel dron began
bücher Mosis 37 D. 1411 das si an ainander droen und schelten Vintler
8888 Z. 1600 er drawete auff den bundt Dilich
vngar. chr. 130b. 1656 die leinweber .. wolten den igel tod schlagen .. die leinwebers drewen dich sehre
venus-gärtlein 30 HND. 1744 darfst du mir drohen und böse worte geben?
Holberg, z. 2. male 6 lust-sp. 59. 1891 hebt sich des herren hand / dräuend dem volke Hofmannsthal
ged. 67 S. 1974 volle zehn schritte drohten wir einander, und mein zeigefinger war steif vor glück Muschg
Albisser 69. c
mit akkusativobjekt präpositionalobjekt oder objektsatz, die den inhalt der drohung bezeichnen. α etwas, mit etwas, auf etwas drohen
etwas (strafe u. ä.) androhen: hs.A11.jh. da uuir die racha nieth kileistin magen, da drô uuir si ava
ahd. sprachdenkm 173 S. v1022 so heuet ęcclesia iro ougen ad deum ipsum. flebiliter dreuuende. daz si diu ougen aba imo fillenten êr neneme Notker
3,3,950 ATB. u1285 der dritte drôiwede ûf den dôit bruder Hermann
3567 M. hs.M14.jh. swenne er ze jungesten wil mit gluenden scharfen swerten dröuwen
minnesinger 3,36a H. 1581 mit getroeter leibsstraf Fischart
teuffelsheer 84. 1791 wie er mit geladenen gewehr auf den dorfrichter gelaufen und ihn um geringe ursache gedräuet zu erschießen
qu. privatbauern Niederlausitz 206 L. 1970 amateure .., die in einer bewaffneten auseinandersetzung mit relativ primitiven atomwaffen drohen Grewe
spiel 347. –
zusätzlich mit ergänzung der bedrohten person; jmdm.,
älter auch jmdn., zu jmdm., an jmdn. etwas, mit etwas drohen
jmdn. mit etwas (strafe u. ä.) bedrohen: 1060/5 daz muͦse so sin, / want ir da zuͦ drote unser trehten
wiener genesis 1074 ATB. 2.h13.jh.? der capelan .. droet den juden ser, / es gieng in an all ïr er Havich
3093 DTM. 1625 dem nachrichter drawete er den todt G. Maier
Camerarius 121. 1826 da Deutschland, England und Holland .. uns mit dem schlimmsten unheil dräuen Tieck
(1828)26,86. 1957 die behörden .. drohten käufern und verkäufern mit gerichtlicher verfolgung Grieder
Basel 38. β etwas drohen
mit einschüchternder gebärde zu etwas auffordern, erstaunen äußern: 1130/40 er drote harte. daz da niman / inne chôme
bücher Mosis 10 D. u1450 die in Sanganserland rettent und trowtent, das hus Sangans müsdi ouch herum Fründ
chr. 40 K. 1756 sie .. drohete, sie solten entweder das mädchen aus den garten schaffen, oder ihren dienst meiden
leipz. avanturieur 1,117. –
ähnlich: 1920 ‘was ist das, Ulrika!’ drohte Renate, ‘ich sehe dich mit völlig fremden männern umherlaufen!’ Schaeffer
Helianth (1924)1,587. –
zusätzlich mit ergänzung der bedrohten person; jmdm., jmdn. drohen, etwas zu tun
jmdn. unter androhung von konsequenzen zu etwas zu bewegen suchen: u1466 wir droen in das sy von des hin nichten reden in disem namen zuͦ keinem der mann
1. dt. bibel 2,294 LV. 1758 die kinder Israel wurden gedroht, zu schiff in dasselbe
(land) wieder zurückzukehren Hamann
1,77 N. 2
gegenüber 1
abgeblaßter gebrauch, ohne das merkmal ‘
absichtsvoll’.
besonders von abstrakta, aber auch von gegenständlichem und vereinzelt von personen. a
von etwas unangenehmem einer gefahr, (sich) ankündigen, möglicherweise bevorstehen. die davon betroffene person oder sache kann als dativ-, akkusativ- oder präpositionalobjekt erscheinen ebenso aber auch im situationskontext, oder ganz fehlen. α etwas droht jmdm., etwas, für jmdn.
oder etwas
etwas unangenehmes steht für jmdn., etwas offenbar bevor: 1362 ab uns landes not drawete
stadtrechte Eisenach 32 S./D. 1720/1 meiner brust .. / da ihr manches wetter droht Günther
1,279 LV. 1800 das seewesen der Franzosen
(stand) auf einer für England drohenden höhe Eichhorn
weltgesch. (1799)2,1,887. 1886 die menschheit .. stündlich dräut ihr das weltgericht Holz
1,48 F. 1973 uns drohen längst andere gefahren Walser
sturz 41. β etwas droht etwas, mit etwas
etwas kündigt etwas unangenehmes an: 1542 das .. das wasser .. grossen schaden troͤwet Herold
ee 29a. 1714 daß .. der himmel .. einen starcken regen dräuete Mel
schau-bühne (1732)1,36. 1964 wolken, die .. mit einem tintenhaften gewitter drohen Frisch
Gantenbein 64. γ
absolut, vor allem im part. präs.; von etwas unangenehmem, als gefahr dasein, wohl bevorstehen: 1526 das solche grewliche urteyle uber yhrem kopffe schweben und alle stunde drewen Luther
w. 19,605 W. 1787 die treue warnt vor drohenden verbrechen Schiller
4,140 H. 1903 es schweben und schreiten und wachsen bei Hauptmann dräuendere gewalten empor Kerr
ges. schr. (1917) I 1,107. 1961 desto leichter droht die irreführung und vergiftung der massen durch sie Groth
kulturmacht (1960)2,104. δ etwas droht jmdm. etwas, mit etwas
etwas kündigt etwas für jmdn. unangenehmes an: 1537 diß wunderzaichen drouet den werbern ain sunder groß übel Schaidenreiszer
odyssea 6b. 1640 hie drawet vns die pestilentz / mit vnverhofftem sterben
ged. königsb. dichterkreis 42 HND. 1906 die abendwolke dampft so rot / .. als ob sie uns blutschande droht Dehmel
ges. w. 2,32. b
übles erwarten lassen; das akkusativobjekt ist ein verbalsubst. u. ä.; nur älter: 1650 die mauren dräuen
(den) fall
(einsturz) Klaj
geburtstag 60. 1784 bring er die tochter weg – sie
(Luise Millerin) droht eine ohnmacht Schiller
5,42 nat. 1876
(dünne säulen) missfallen ihm desshalb, weil sie zerbrechen drohen Fechner
vorschule 1,100. c
wie ein modalverb, mit einem infinitiv mit zu;
befürchten lassen, daß übles geschieht. gegenüber b
häufiger bezeugt: 1497 so das baufellig zymer troet zefallen auff dein zymer
clag antwurt 51b. 1790 diese beschreibungen, womit der elende ein unschuldiges kind moralisch zu vergiften drohte Bahrdt
leben 1,49. 1970 eine armut, die sich immer wieder aus sich selbst zu erneuern und zu verewigen droht Baade
wohlstand 167. H. Rahnenführer