bosse,
m. jocus, nugae, ineptiae, astutia, gestus. es ist schwer, die gestalt und abkunft dieses worts zu sichern, dessen anlaut zwischen B
und P
schwankt, dessen nom. oft in einsilbiges bosz, botz
gekürzt erscheint (
wie blicze
in blitz, bisse
in bisz, bitz, böse
in bösz),
zuletzt gar in possen (
wie viele schwache m.)
gedehnt. so häufig seit dem 16
jh. der ausdruck wird, nirgends erscheint er früher. 11)
denn ihm ahd. pôsi
in der bedeutung von ineptus, frivolus, pôsa, gipôsi, pôsheit
nugae, nenia, gipôsari
nugator (Graff 3, 216. 217)
unterzulegen zaudert man, weil mhd. aller faden abbräche, höchstens aus Wigal. 6191 bôsheit
sich für albernheit nehmen liesze. auszerdem weicht das ô
in pôsi
und der allmälich eintretende umlaut bœse
ab vom kurzen vocal und dem SS
in bosse,
noch ferner von böse
liegt nnl. poets (
früher boetse),
nd. putze, putse,
schw. puts,
dän. puds,
welche aber auf unser putzen, butzen
führten, putzen
könnte, wie schneuzen,
fallere, decipere, illudere ausdrücken. ebenwol waren roman. bauzar, boiser (
sp. 248)
und unser bosen
ein triegen, lügen. 22)
doch unsre ältesten wörterbücher lassen einen andern ursprung durchblicken. Dasypodius,
ohne das einfache bosse
selbst aufzustellen, gibt 86
b. 307
c bossentreiber
gesticulator, bossenübung
gesticulatio, bossig
gestuosus, bossenwerk
parergon. wie ist bosse
ein beiwerk? Maaler,
der 75
b angeführt hatte: ein guoten bossen oder list anrichten,
instituere astutiam, setzt 379
b: die possen, als die man an die brunnen macht, wasser auszeblasen, oder kindle an den rören, die wasser ausschraiend oder brünzelnd; possenreiszer, der die leut schier zuo narren machet, sannio; possentreiber, der einem ein gemein schauwspiel haltet und eines iede bärd an sich nimpt, gesticulator; possenwerk, näbendzierd, alles das man auszerthalb der rächten arbeit zethuon sich underwindet,
parergum. Henisch 466. 467: bosse, bewurf, adumbratio picturae; bossen, schwenk, facetiae, gesticulatio; bossieren fingere, delineare, bewerfen; bossenwerk, das laub, so man zur zier von stein oder holzwerk umb die thüren macht; ein trinkgeschirr mit allerlei bossenwerk von gold oder silber geziert, poculum auro et argento incrustatum.
wozu sich noch aus dem teutonista fügt: boits, scamplioen, form, leist, effigies,
und unter boetse
hat Kilian
ähnliches. das it. bozza,
franz. bosse
ist beule, schwulst, erhabenheit, abbozzare
entwerfen, bosseler,
travailler en bosse (
vgl.bause 1, 1199),
was wir bossieren
nennen. mit bozza, bosse
sind wir aber auf unser boszen,
mhd. bôʒen,
ahd. pôʒan,
goth. bautan
zurückgewiesen, dessen bedeutung caedere, tundere dem ausgehauenen werk so nahe tritt wie billen
dem bild.
wir haben also in bosse
unser altes eigenthum zurückgenommen, nur mit gekürztem vocal und verdünntem SS
statt SZ.
aus bosse,
dem relief, flieszt aber von selbst die vorstellung des beiwerks oder πάρεργον,
und wie dem hauptbild der zierrat, fügt der hauptfabel sich die lustige posse
und gebärde hinzu, der gesticulator ist ein παρεργάτης λόγων,
ein possenreiszer und schwätzer; auch zwischen gebärde
und beren,
drücken, kneten waltet zusammenhang ob, und gebärde
ist ausdruck. ob bei bossentreiber
nugator nachklang des ahd. gibôsari
möglich wäre? 33)
folgende beispiele der anwendung von bosse
auf ein bildwerk [] sind entscheidend: neben ieglichem wappen und ehrenzeichen waren zween bossen (
Bern hatte zwei bären, Zürich zwei löwen u. s. w.). Stumpf 669
b; eines ieden geschlechtes und der verordenten personen schilt, helm und zeichen in künstliche possen auf art der alten kleidung, waffen und wören gestellt.
bericht und anzeigen der loblichen statt Augspurg, aller herren geschlecht, von Paul Hector Mair. 1550
fol. bild 154; warum laszt ir euch also bewegen die bilder, die sich weder wegen noch regen mögen, ob sie schon im bossen stehn (
vom bildner entworfen, abgerissen sind), als wolten sie gehen, lachen, weinen?
Petr. 38
b; auf dem gesimbs sach ich viel possen aus glockenspeis künstlich gegossen. H. Sachs I, 399
b; die römisch kirch stellt die h. schrift erst in bossen (
in die rechte form, gestaltet sie erst).
bienenk. 33
a; dasz aber nicht wenig an diesen bossen (
formen, entwürfen) zu verwundern ist, dasz der maler also mit groszem verstand diese figur (
eines geharnischten mannes bildete), dasz man meinte, er setzte den rechten fusz fort um zu schreiten, gleich als ob er lebendig were.
Ismenius 55
a; daneben war er (
ein nackter vor der badstube, auf einem gemählde) also geschicklich in bossen gestellt (
bossiert), dasz sich schier das werk der natur vergleicht hette. 60
a; zur stund fragt ich, was die eil und begird dieses bossens (
entwurfs) bedeutet? antwortet, diese figur bedeut die zeit des jenners. 64
b; und wann der maler die gnad gehabt im den geist zu geben, wie er die gnad gehabt, sie (
die figuren) in den bossen zu stellen. 64
b. die bossen,
wie sie am brunnen, neben dem wapen, auf dem gesims stehn, sind deutlich parerga, erheiternde zierraten. das wort muste aber der mhd. sprache darum noch fehlen, weil es unsre bildner erst gegen das 16
jh. aus dem franz. bosse
oder it. bozza
wieder lernten. doch s. unten unter bosz =
mhd. bôʒe. 44)
hieraus ergibt sich der übergang in die vorstellung des scherzes und spaszes leicht. wie ein bildwerk gerissen, abgerissen, getrieben
wurde, gerade so heiszt es bossen reiszen, treiben,
scherze, witze, zoten reiszen, scherz und spott treiben; die bosse
wird gebärde, spiel, gestus, ludus, larve und fratze. auch einen bossen anstellen
vergleicht sich jenem in bossen stellen. die bossen wellen sich nit schicken, sie wellen im nit abgon. Keisersb.
s. d. m. 52
b; solche weise die schrift zu füren heiszt catachresis, abusivus modus loquendi, ein misverstand, das man der schrift zuweilen einen spruch abborget, und reiszet damit einen bossen, wie wirs nennen, doch on schaden dem text und dem rechten verstand, welcher den ernst on alle bossen (=
parerga) haben sol. wiewol es besser wer, man liesze mit solchen bossen die heilige schrift unverworren. Luther 5, 167
a; die heiden reiszen einen guten bossen und sagen von einem seltzamen gott, der heiszt Momus, der könne nichts ungetaddelt lassen, daher auch sein name Momus, das ist ein taddeler, heiszt. 6, 158
a; denn diese grobe welsche und römische lame bossen, das ich so rede, sind nu auch kinden bewust, das sie davon singen und sagen. 1, 131
b; oder füret sonst desgleichen einen frembden bossen herein. 3, 69
b; solche, lose, lame bossen. 3, 104
b; es sind königliche und fürstliche bossen. 3, 331
b; aber dis ist ein lecherlicher bosz, das verba de futuro nicht binden sollen. 3, 436; da musz ich ein starken possen reiszen, bis ich mich heraus reisze.
tischr. 221
a; und erzelt einen schimpflichen bossen. 308
b; einen kurzweiligen menschen, der vil weidelicher bossen gerissen hat. 339
b; kanst du dem weib nit ein guten bossen fürhalten, damit du sie zufrieden stellest? Alberus
Es. 4
b; Franciscus sang und reisz gute bossen und vil lamer zoten. Alberus
Eulensp. no 117; soll ich der schalkheit nicht lachen, dasz ir so gut bossen reiszt, und nennt sie (
die lutherischen) eigenwillisch (
für evangelisch), es ist ein guter bosz. Alberus
wider Witzel L 6
a; suppenfresser hat man etwan geladen, dasz sie die gäst frölich machten, bossen rissen, den leuten kläpperlin anhenkten.
Petr. 16
b; als vil ein pferd bossen (
capricen) an im hat, so vil hats auch gefahr dem reuter zu gewarten. 29
b; also spielte ich dem wirt wieder possen (
die hs. hat wol bossen). Schweinichen 1, 241; zu Poppenreut ein pfarrer sasz, risz an der predig selzam bossen. H. Sachs I, 498
c; es risz auch einer solche bossen, das hatt ein andern gast verdrossen. Scheit
grob. R 1
b; so komm gemächlich uber lank mit andren schalen bossen her. S 2
b;
[] das war warlich ein feiner bosse, ein närrisch ding uber alle stück. Gilhusius 45; nicht mehr der lahmen possen reisz! Ringwald
laut. warh. 129 (126); dasz die bauren des bossens nicht leichtlich gewar werden.
bienenk. 154
b; kein ärgern bossen reiszen können. 176
b; und da im diser bosz nicht angieng, versucht er ein ander practic. 212
b; ich bitt
s. Claus, das er euch 10000 gulden einkommens järlich wol bescheren, ohn ligend güter, das wer ein bosz, das wer gut leben!
groszm. 143; alle comedische scribenten, denen bossen zu reiszen angeboren.
Garg. 7; uber zwerch felds mit einem schalen bossen daher kommen. 13; wiszt ir nit von jenem philosopho, der sich ab eins affen bossen gesund lacht? 13; unter dem ernstlichen glasraumen und possenreiszen. 106
b; nachdem er sich also in den bossen geschickt. 144
b; ein krabatischen, verrenkten bossen reiszen. 224
a; welcher mann den wollüsten und dem mutwillen sich ergibt, machet, das sie (
seine frau) sich auch in denselben bossen schicket.
ehz. 21; damit der scherz nit zu grob wurde und man den bossen merket, zuckt ich meinen fusz ab dem iren.
Ismenius 49
a; es ist ein bosz, ein reiches weib (wie sie sunst sein mag) zu erdappen, und sich bei ihr in stetem keib bedecken mit der narrenkappen. Weckherlin 417; mit fluchen, zotten, bossen zieren. 416; es wär, antwortet sie, ein wunderlicher bosz. 834; er hat mir gemachet manchen possen. Soltau 519; er schwur und merkte nicht den noch verborgnen possen. Gryphius 1, 558; laszt uns dem Sigmund den possen spielen, den er den frembden erwiesen. 1, 895; ich reisz im wider possen.
froschm. K 6
b; Cupido kam gelacht. sind, sprach er, das nicht possen? Fleming 171; fleuch und treibe deine possen! 183; wer sich dessen, was da kümmt, schone hat versehn, diesem ist kein possen nie, glück, von dir geschehn. Logau 3,
zug. 188; springen und danzen und andere lustige späsz und fisigunkische bossen. Philand.
lugd. 5, 290; darauf befahl mein herr mich zu prügeln, weil ich ihm denselben tag schon mehr possen gerissen hatte.
Simpl. 1, 109; sein lebtag sei ihm kein solcher posse widerfahren. 1, 116; und widerfuhr mir ein posz um selbige zeit. 2, 70; sie treiben narrenbossen. Schuppius 742; es sind auch possen, was schämt man sich? Weise
kl. leute 204; zum scherz und possen. Günther 234; das glücke spielt mir tausend possen. 269; es thut mir nichts zum possen. 373; galante briefe, satanspossen. 429; blinde possen. 583; der beste macht uns possen. 467; bei solchen gaukelpossen. 509; ein angestellter possen. 624; der posse gieng endlich so weit. Lessing 7, ...; der posse thut seine wirkung. 8, 454; wir wollen es den verdammten Karabossen zum possen thun und lustig sein. Wieland 11, 250; dem freiheitssinn zum possen ward ich noch vor der nacht in das serail verschlossen. Bürger 109
b; ich fürchte er thut uns einen possen. Göthe 14, 275; ihm zum possen. J. P.
uns. loge 3, 129.
Die schlechteste form für bosse,
nemlich possen,
gen. possens,
findet sich seit Adelung
in allen wörterbüchern, wenigstens bildet man den gen. richtiger possen: ich muste des possen lachen.
aus dem m. wurde endlich ein f. gemacht. offenbar ist der anlaut P
im nnl. poets,
nd. putse,
schw. puts,
dän. puds
dem hd. posse
nachgeahmt, wie in plunderen, plundra
sp. 169
u. a. m. vgl. bosz
und boszen.