widder,
m. ,
schafbock, hammel; sternbild; belagerungswerkzeug; mhd. wider,
ahd. widar;
mnd. weder, wedder, wêr;
as. wethar;
mnl. weder,
nl. weder, weer;
wfries. wear;
ags. weþer,
nengl. wether;
anord. veðr,
norw. veder, ver,
schwed. vädur,
dän. væder;
gemeingerm. wort, das in seiner ursprüngl. form als u-
stamm in got. wiþrus '
lamm'
bezeugt ist. germ. *weþru-
in der anzunehmenden grundbedeutung '
einjähriges tier'
stellt sich zu idg. uet- '
jahr'.
zur auszergerm. verwandtschaft vgl. Walde-Pokorny 1, 251; Walde-Hofmann 2, 776; Pokorny 1175. —
vereinzelt begegnet wider
schwach flektiert: des widern Konrad v. Megenberg
buch d. natur 154, 24;
gelegentl. auch als neutrum: ein junges wider
leben d. hl. Elisabeth 3229
Rieger; neben dem gegenüber mhd. wider
üblichen nhd. widder
findet sich gelegentlich auch mit gedehntem vokal nhd. wieder,
etwa: farren, wieder, tauben Logau
sämtl. sinnged. 419
lit. ver.; wieder: lieder Paul Gerhardt (1647)
bei Fischer-Tümpel
ev. kirchenl. 3, 297;
über die verhältnisse in den mundarten s. u. 11)
schafbock, hammel. ahd. widar, wider (widir)
zur bezeichnung des männl. schafes übersetzt in glossen lat. aries, das überwiegend den unverschnittenen, lat. vervex, das vornehmlich, aber nicht ausschlieszlich den verschnittenen schafbock bezeichnet, sowie lat. multo '
hammel, schöps'
: aries ahd. gl. 2, 9, 60 (10.
jh.); 3, 443, 61 (12.
jh.);
vervex ebda 2, 371, 1. 21 (10.
jh.); 2, 375, 29 (10.
jh.); 2, 377, 50 (11.
jh.);
verbex ebda 2, 364, 9 (10.—12.
jh.); 2, 449, 3 (11.
jh.); 4, 107, 22 (11.—14.
jh.);
berbex, -ix ebda 2, 250, 55 (10.—11.
jh.); 2, 751, 38 (11.
jh.); 3, 200, 22 (
Heinr. summ.)
; pirpici ebda 3, 10, 27 (9.
jh.)
; berbix vel multo ebda 3, 76, 17 (
Heinr. summ.)
; multo ebda 3, 442, 26 (13.
jh.); 3, 442, 9 (10.—14.
jh.);
vgl. hierzu auch Palander
d. ahd. tiernamen (1899) 126
ff. ebenso wie in den ahd. glossen bezeichnet wider
auch in der seit dem 14.
jh. regelmäszigen und reichlichen lexik. bezeugung sowohl den unverschnittenen als auch den verschnittenen schafbock, vgl. Diefenbach
gl. 48
a s. v. aries; 373
a s. v. muscino; ders., nov. gl. 33
b s. v. aries; 260
b s. v. muto; 380
a s. v. veruex; ferner etwa aries, veruex wider
voc. opt. 43
b W.; ster, pock
oder wieder
aries, veruex, voc. theut. (1482) ff 2
b; schoff, wieder, hamel
oder fisel
muto ebda cc 6
b (
s. auch ebda ff 1
b; oo 1
b; oo 3
a);
aries ein sterr, widder Alberus
nov. dict. (1540) X 3
b;
veruex sectarius ein wider, der vor der schaar oder härd anhin gadt, Herman genannt Frisius
dict. (1556) 1203
b;
aries ... ein wider Calepinus XI
ling. (1598) 120
a;
vervex ein hammel, verschnittner widder
ebda 1531
b;
castrato ein hammel
oder widder Hulsius
dict. (1618) 2, 80
a; widder Stieler
stammb. (1691) 2515; widder ...
montone, lat. aries Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1341
b; widder
das männliche individuum des schafviehes, der schafbock, ... ein geschnittener widder
heiszt ein hammel
oder schöps Adelung 5 (1786) 199; Campe 5 (1811) 698
b.
auch mundartl. begegnet widder
sowohl für den unverschnittenen als auch für den verschnittenen schafbock; im nd. (
fries.)
ist das wort nur in der bedeutung '
hammel'
bezeugt: hoddenwidder
unverschnittenes männliches schaf; widder (
ohne beysatz)
verschn. männl. schaf Stalder
Schweiz 2, 49; widdar
männl. lamm, schaafbock Bühler
Davos 2, 8;
das männliche schaf ist der wider;
der uncastrierte ist ein ganzer wider
oder ein hodawider (
Vorarlberg) Frommann
d. dt. mundarten 5 (1858) 486; wîder, wîdo
widder, der gehörnte widder Schatz
Tirol 703; wider
wie hd. widder,
figürl. grober mensch Lexer
Kärnten 257; widel
vater in der schaffamilie, widder Unger-Khull
steir. 631
b; wider
widder, uncastrierter Fischer
schwäb. 6, 764; wider (widə') Schmeller-Fr. 2, 861.
vgl. auch Rosenfeld
haustiere in Bayern (1947) 22—30; (bīdər '
widder') Tschinkel
Gottscheer ma. 63; widder (wîtər)
widder Martin-Lienhart
elsäss. 2, 794
a; widdər
wie hd. widder, schafbock Follmann
Lothr. 540; witər,
ma. v. Friedberg (
Hessen)
in: zs. f. dt. maa. (1907) 72; wer, -e
widder Tonnar
u. Evers
Eupen 228; wedder
wieder (!) Jecht
Mansfeld 122
b; weer-egge '
alter hammel'
brem.-nds. wb. 5, 237; wer, wr, wêr
hammel, verschnittener schafbock Doornkaat Koolman
ostfries. 3, 538
a; 541
b; weer (wäär, weerl, weerling, wierling)
hammel, verschnittener schafbock Stürenburg
ostfries. 327
b; wr
hammel Jensen
Nordfriesl. 728; wēələr, wēalər
hammel Schmidt-Petersen
nordfr. spr. 159
b;
ebenso wfries. wear '
gesneden ram, gesneden bok'
frysk wurdboek 1 (1956) 572.
in den literar. belegen bezeichnet widder,
sofern das wort nicht in sehr unspezifischem sinne gebraucht wird, regelmäszig den zuchtfähigen schafbock und wird gegebenenfalls dem hammel, schöpsen
usw. gegenübergestellt: disen psalmum ziêrrent misselîche zûspilunga, die allusiones heîzzent, also diû ist ad arietes (ze uuideren) unde diû ad ceruos (ze hirzen) unde ad unicornes (ze êinhurnon) (
ps. 28, 11) Notker 2, 91, 26
P.; Abraham blihte hintir sich, er sach einen widir
genesis u. exodus 40, 21
Diemer; er nam die geiz, er nam den boc, er nam die ou, er nam den wider
Meier Helmbrecht 675
Panzer; so offent man euch, das ir meiner frau ire schaff und ir zeitig widder dienen und geben sullet nach ires gotshaus puech sag (
Tirol 1462)
österr. weist. 2, 254; wenn si die wider abstechent an der pank, so süllen si die hoden daran lassen, das man sech, das es ain wider sei (1485)
ebda 5, 354; zwey hundert ziegen, zwenzig böcke, zweyhundert schafe, zwenzig wider
1. Mos. 32, 14 (
vulg.: capras ducentas, hircos viginti, oves ducentas, et arietes viginti); der wider hasszt von natur die jungen schaff Eppendorff
Plinius (1546) 8, 82; alte wider vnd schaf wann sie im früling hefftig geyl sint vnd springen Sebiz
feldbau (1580) 9; (
man soll) den widder unter die schafe lassen um Matthäi, so lämmern sie um liechtmessen Hohberg
georg. cur. (1682) 1, 131; munter eröfnet bereits der schäfer die hürden; von dem widder geführt, folgt ihm die blöckende heerde Zachariä
poet. schr. (1763) 4, 9; von vier mutterschafen und zwei böcken, ... hatten wir nur zwei stück, nämlich ein schaf und einen widder (
am leben) erhalten können J. G. Forster
s. schr. (1843) 1, 134; doch innerhalb der art, wird ganz von gleichem stamm, zum widder hier, und dort zum schöpsen nur, das lamm Rückert
ges. poet. w. (1867) 8, 400.
namentlich im biblischen sprachgebrauch steht widder
regelmäszig für den zu opfernden schafbock: daz si dem ûz erwelten gote zeim opfer alle bræhten sider kelber, ohsen unde wider, böck unde turteltûben gnuoc Konrad v. Würzburg
Silvester 4413
Gereke; (
der herr spricht:) ewer brandopffer von widder und das fett von mastvieh ... gelustet mich nicht (1525) Luther 17, 2, 10
W.; und ich will dir, mein herr und gott, herrliche feiste opffer than, von gebranten widern voran Hans Sachs 18, 262
lit. ver.; (
die Türken schlachten) in ihren ostern ... viel widder zum opfer Lohenstein
türk. trauerspiele 237
lit. ver.; (
Poseidon ging) dort der festhekatombe der stier' und widder zu nahen J. H. Voss
antisymb. (1824) 2, 454.
stets für den goldenen widder
der griechischen mythologie bzw. dessen '
goldenes vlies': mit disen knaben solte einer werden des Jasons schiffartgmeyner inn die insul zum gulden wjder, da wüszt er, das er käm herwider Fischart
w. 1, 142
Hauffen; da der grosse schatz war vnd der gülden wider, das Jason vor genannt gewunnen hett durch Medeam
buch d. liebe (1587) 268
b; das ... in ein widderfell eingehüllte gold ward für einen güldnen widder ... ausgeruffen Lohenstein
Arminius (1689) 1, 128; es ist Jason, der das goldwollige fell des widders zu erobern schifft Göthe I 49, 97
W.; die schwalbe holt ihr die flocke aus dem felle des goldenen widders H. Grimm
Michelangelo (1890) 1, 390.
bildlich: welch reich nicht den güldenen wieder, nemlich kauffmannschafft besässe, wäre nicht für reich zu achten Lohenstein
Arminius (1689) 2, 825
b.
in der sprichwörtlichen verwendung von widder
begegnet seit dem 16.
jh. besonders häufig: bistu kal, so bock mit keinem widder S. Franck
sprüchw. (1545) 1, 18
b; Eyering
proverb. copia (1601) 1, 231; Schellhorn
sprichw. (1797) 84; Binder
sprichwörtersch. 103. 22)
zur bezeichnung eines sternbildes begegnet widder
als übersetzung von lat. aries
seit mhd. zeit: ein (
stern-) zeichin heizit aries. daz betiutet einen wider
Meinauer naturlehre 13
Wackernagel; de sunne was do in ariete in dem teiken, dat is in dem weder (1402)
städtechron. 7, 304; dise zeit hat drey zeichen, den wider, den stier vnd zwilling Dryander
d. ganzen arzenei gemeiner inhalt (1542) 42
a; der erste stern des wieders Thurneysser
magna alchymia (1583) 15; ist abermal ein comet im zeichen des wieders erschienen Binhardus
thür. chron. (1613) 52; die sonne steigt herabe, macht, dasz sich alles liebt. der widder und der stier, darinnen sie letzt läuft, die sind verbuhlte tier Fleming
dt. ged. 1, 62
lit. ver.; um den 22ten (
oktober) tritt die sonne aus dem zeichen der waage in den widder
allg. haush.-lex. (1749) 3, 703; doch bereit ich alles, um mit eintritt der sonne in den widder eine neue produktion zu beginnen, die auch ihren eignen ton haben soll Göthe IV 2, 220
W.; ich bin der märz und führ des widders bild, denn gleich dem widder aufspringt die natur und stösst mit jungen hörnern an das schild des eis'gen nords Brentano
ges. schr. (1852) 2, 578; die erde geht in gewohnter ordnung wieder aus dem widder in den stier Görres
ges. br. (1858) 3, 599.
sprichwörtlich: (
wenn) so manche dienstmagt ... verdächtige brieffel nit hin und her thäte tragen ihrer gestrengen frawen, so wurde mancher armer mann nicht in das zeichen des widders kommen Abr. a S. Clara
Judas (1687) 1, 316; wer ein schönes weib hat, fürchtet sich allemahl anstat des widers an das firmament gesezt zu werden Stranitzky
Nepomuk 159
Homeyer. 33)
bereits im klass. latein war aries
die bezeichnung einer antiken belagerungsmaschine, des an einem gerüst aufgehängten und oft mit einer widderkopfähnlichen eisenspitze versehenen sturmbalkens. als übersetzung von lat. aries
schon ahd. gl. 1, 48, 9: uuidar
aries, genus tormenti [
ad]
expugnationes (8.
jh.).
in freiem gebrauch erst spät: min turn ... der doch (so sich ain wider dar an stiesz) schnell wurd zerfallen Niclas v. Wyle
translat. 42
Keller; (
sie) lieffen mit einem widder ann die thür S. Franck
Germ. chron. (1538) 130
b; als nun der welph disen schimpff gehoert, hat er ... mit dem bock oder widdern ... die mawr erschut H. Gholtz
lebendige bilder (1557) Y 2
b; kein widder, keine macht ersteigt die festen städte, die zeit belagert, schwächt, stürmt und erobert sie J. Chr. Günther
s. w. 4, 50
Krämer; ein eintziges stück (
übertrifft) alle widder, grosse mauerbrecher, schleidern, scorpionen, katzen und dergleichen Fleming
d. vollk. teutsche soldat (1726) 89; der hintergrund überhaupt von hoch aufgethürmten wagengerüsten, ... angefüllt, zugleich ... widder und ballisten Göthe I 49, 1, 261
W.; dem stosz des widders bebt der morsche stein Platen
w. 2, 245
Hempel; nun aber ist in den deutschen quellen ... von ... wurfmaschinen, widdern, hölzernen belagerungstürmen, feuerangriffen usw. sehr wenig zu finden Dehio
gesch. d. dt. kunst 2 (1921) 299; (
der feldmarschall) führte widder und katapulte heran, begann die festung regelrecht zu belagern Feuchtwanger
d. falsche Nero (1947) 227. 44)
als bezeichnung einer wasserhebemaschine, hydraulischer widder: widder,
m., hydraulischer,
fr. bélier hydraulique, m., engl. Archimedes screw Beil
technol. wb. (1853) 1, 656; Krünitz
öcon. encycl. 238 (1856) 566; Mothes
ill. baulex. (1881) 4, 478; Karmarsch-Heeren
techn. wb. (1876) 1, 420; Hoyer-Kreuter
technol. wb. (1902) 1, 738. 55)
bezeichnung der schmetterlinge der familie der anthroceridae (
tygaenidae): widder Berger
schmetterlingsbuch (1851) 60;
vgl. widderchen
und widderlein.