waid,
m. die pflanze isatis tinctoria L., die früher zum färben verwendet und in Deutschland viel angebaut wurde. 11)
das wort lautet mhd. ahd. weit (
formen aus den ahd. glossen sind zeitschr. f. d. wortforschung 2, 230
verzeichnet),
dazu mnd. wet, wede Schiller - Lübben 5, 643,
ndl. weede (Kilian 658 weed, weedte),
ags. wád,
engl. woad.
auf dem deutschen beruht dän. vede, vejde,
norw. vajd,
schwed. vede, vejde,
ferner czech. vejt,
russ. vajda,
sowie ital. guado,
afranz. guaide. waid
ist verwandt mit dem gleichbedeutenden lat. vitrum,
das mit andrer ablautstufe gebildet ist. daneben zeigen sich formen mit inlautendem s:
als gotisch ist wizdils
oder wizdila
überliefert (isatis quam Gothi visdilem vocant, tinctores herbam vitrum. Rose
anecdota graeca et graecolatina 2, 117
aus der lat. übersetzung von Oribasius Sardianus, de virtute simplicium),
dazu stimmt in der ersten silbe afranz. guesde (
mlat. guesdium Du Cange - Henschel 3, 578 [
von 1171], wesdia, wesdum 6, 917, wisda
hanseat. urkundenb. 3, 157 [
von 1356]),
nfranz. guède; Franck
etym. woordenboek 1144
vergleicht auch den zweiten theil von mnd. wedewisle, wedewesle '
schierling'.
vereinzelt steht mlat. wasdus (isatis, wasdus unde tingunt persum,
corpus gloss. lat. 3, 583, 47, 10.
jahrh.).
ferner erscheint mit dem gleichen vocal wie waid
mlat. waisdo (
in dem capitular Karls d. gr. de villis 43), gaisdo (
Macer Floridus, de viribus herbarum c. 55
v. 1766
Choulant), waisda, waisdia, guaisdium Du Cange-Henschel 3, 578.
diese formen sind wol auf eine längere wurzelform zurückzuführen, schwerlich darf angenommen werden, dasz waid
ein inneres s (
got. z)
eingebüszt hat, doch vgl. ahd. mêta miata
gegenüber got. mizdô.
zu den formen mit innerem s
gehört wol gr. ἰσάτις aus Ϝισατις. —
die schreibung ist im nhd. anfangs sehr schwankend: sandix, weyde, weyden, weyd, weyt, wet, wehte, weuth, wid, waid, weidt, wyte Diefenbach
gl. 510
c, weyd, weyt
nov. gl. 326
a;
tinctura, weyt
gl. 584
b (
vgl. auch glastum, gewaid, gwaid
gl. 264
c); weidt,
fulla est herba quedam ex qua colorantur panni blavii. voc. inc. teut. E 4
a; weydkraut,
isatis Dasypodius 474
b; waid, ein kraut damit man auch färbt,
glastum, isatis. Maaler 483
a; endich, weid,
isatis herba glastum, tingendis lanis expetita. Henisch 892, 48; waid,
f. da man das tuch mit blau färbet,
glastum, isatis. Schottel 1439; wayd, weid,
f. guado, rubbia. Krämer 1214
a; waid,
m. glastum, isatis, dicitur etiam gewaid. Stieler 2417; wayd,
m. pastel, guède, garance. Rädlein 1034
b (
daneben weide,
f. 1040
a); wäid,
m., wäidkraut,
woad. Ludwig 2371 (weid 2422); wäid, wäide, weid,
wouwe. Kramer (1719) 258
b; weidkraut Kirsch 2, 384
b; waid,
m. guastum. Frisch 2, 417
a; weid,
m. glastum. Steinbach 2, 960; waid,
m. (
daneben weid,
n.)
glastum. Nieremberger; waid, weid,
n. (
auch als m. gebraucht)
garance, pastel, guêde. Rondeau; waid,
m. Adelung.
darnach erscheint die schreibung mit ai
bereits bei Maaler,
auch bei Bock (
Straszb. 1595) 98
a waidt,
im 17.
jahrh. bei Schottel
und Stieler,
doch ist selbst im 18.
jahrh. die form weid
noch nicht ganz verdrängt. auffallend ist, dasz sich im nhd. d
im auslaut festsetzt (waid,
daneben früher auch waidt,
so noch bei Schreiber 1752
und Jacobsson,
dagegen wait
bei Bödiker
grundsätze der deutschen sprachen [1690] B 3
b),
während in den mhd. belegen, auch in denen aus Thüringen und Schlesien (
s. unten 4), weit
geschrieben wird (
auch bei Krumbholtz 1601 weite,
s. unten 4).
die form mit d
wird aus dem einflusz rheinisch-fränkischer mundarten zu erklären sein, wenn nicht an grammatischen wechsel zu denken ist. —
das wort hat sein masculines geschlecht bewahrt, doch fehlt es nicht an versuchen, es zum fem. oder neutr. überzuführen. das fem. (
wol unter einflusz andrer pflanzennamen)
tritt zuerst im nd. auf (
nach der form wede,
die indesz, wie gelegentlich vorkommendes weide,
auch masc. sein könnte),
auch ndl. weede
ist fem. (
s. auch unten 3
die stelle aus dem buch Weinsberg);
im hd. geben Schottel, Krämer, Rädlein (
neben dem masc.) das fem.
an. das neutr. (
unter dem einflusz von kraut)
kommt mehr gelegentlich vor, vgl. unten 2
die stelle aus Fuchs;
noch Nieremberger
und Rondeau
kennen das neutr. 22)
man unterscheidet den zahmen
und wilden waid,
nur der erstere wurde zum färben verwendet: des weydts findt man zweierley geschlecht. eins ist zam, welches man braucht zuo blawer farb, das ander wild, welches zuo dem ferben nit gebraucht würt. das zam weydt hat bletter auff der erden auszgebreyt wie wegerich, doch feyszter und schwertzer. der stengel ... ist zweyer elen hoch, thuot sich in der hOehe auff, mit vilen ästen und zincken, welche mit kleinen spitzigen blettlin geziert seind. am gipffel der stengeln wachsen seer kleine geele blmlin. Leonh. Fuchs
kreüterb. (
Basel 1543)
cap. 125; 1. der wilde waidt,
isatis sylvestris, vel spontanea, vel angustifolia, welcher von sich selbst ungebauet wächset; und 2. der gute, oder saamen- oder feldwaidt, welcher mit fleisz gebauet wird, und sich ... hauptsächlich durch die grösze unterscheidet. Schreber
der waidt (1752) 9.
der wilde waid
heiszt auch kühkraut, getreideseifenkraut,
saponaria vacaria L. Nemnich 4, 1224. Pritzel - Jessen 421
b.
daneben gibt es noch den falschen waid
mit rauhen blättern, der zur verfälschung des waides
benutzt wurde, franz. bourdaigne Schreber 16 (
bei Rondeau wilder waid,
bei Jacobsson 8, 126
b wilder falscher waid
genannt),
auch waidmutter (
s. d.).
es ist der natterkopf, wilde blaue ochsenzunge,
echium vulgare L. Nemnich 2, 1463. Pritzel-Jessen 138
a. 33)
der farbstoff wurde aus den blättern des waides
gewonnen, die, nachdem man sie von der wurzel abgestoszen hatte, einem complicirten verfahren unterworfen wurden: zuo sOelchem kraut hat man eygen mlen erfunden, auff welchen es dieweils noch grn ist gebreszt und zerknützt würt, darnach macht man kugel oder ballen darausz, und last sie auff hürten im heyssen summer ligen, zuo letzt brauchens die ferber zuo blawer farb der wollen und tcher. Leonh. Fuchs
kreüterb. (
Basel 1543)
cap. 125; nachdem die gewaschenen blätter getrocknet, so werden sie auf einer stampfmühle gemahlen, alsdenn das angefeuchtete zu ballen gebildet. ... in diesem zustande verkauft der landmann den waid den waidhändlern, welche ihn in grosze haufen schütten und mit wasser benetzen lassen, dasz er in eine gährung komme. ... zuletzt wird diese masse in grosze ballen geballet, und also an die färber verkauft. Jacobsson 4, 574
a.
eine eingehende beschreibung des verfahrens auch bei Coler
hausbuch 5.
buch cap. 83
ff. die färber lösten den waid
in kochendem wasser auf, setzten asche hinzu und lieszen die brühe stehen, bis sie zum färben tauglich war. diese masse wurde auch als waid
bezeichnet: dissen (
blaufärbern) ginge etliche vil malen die weit zu schanden.
buch Weinsberg 1, 53
Höhlbaum. die farbmasse ergab zunächst ein dunkles blau, später wurden die farben immer heller; durch zusatz von andren stoffen lieszen sich auch noch verschiedene andre farben herstellen (
vgl. ahd. weitîn,
das auszer durch '
caeruleus, glaucus, jacinctus'
auch durch '
aereus, luridus, purpureus, sardicinus'
glossirt wird).
die herstellung der waidfarbe stand unter strenger aufsicht: keynir sal nicht kouffen unvorsuochten weyt; welchir weyt vorsuocht, der sal nicht me dor us verbin, den czwey tuch geworcht.
cod. dipl. Silesiae 8, 16 (
Schweidnitz 1335).
obgleich noch andre färbemittel angewandt wurden, war doch waid
im mittelalter bei weitem der wichtigste farbstoff und war vielfach allein zugelassen: es soll auch kein schwartz werck oder tch one weyd geferbet werden, es wer dann sach, das ein inwoner oder ein uszmann ime selber und sinen kinden solliche farb on wayd anmachen wolte.
wollenweberordnung der markgrafschaft Baden von 1486
in der zeitschr. f. d. gesch. d. Oberrheins 9, 151. Frauenlob
gebraucht daher weit
allgemein als '
farbe': wer treit sunder weit (
ungefärbt, ungeschminkt) aller tugende ganzeʒ kleit? Heinrich v. Meiszen
minneleich 27, 4; got spranc ûʒ sînem vater in sîn êwikeit, dâ nâch so spranc er in daʒ wort, der dritte sprunc was in die meit ... der vünfte in endelôser triuwen varwen weit.
krewzesleich 13, 6. 44)
der waid
wurde im mittelalter an vielen orten Deutschlands, besonders in Thüringe (
Erfurt)
und am Niederrhein angebaut und bildete hier eine hauptquelle des bäuerlichen wohlstands. erst vom 16.
jahrh. an, als aus Ostindien und besonders der neuen welt neue billigere farbstoffe, vor allem indigo, eingeführt wurden, geriet die waidkultur in verfall und ging schlieszlich, trotzdem viele versuche (
zuletzt von Napoleon)
gemacht wurden die fremden farben fernzuhalten und den waid
durch bessere herstellung ihnen ebenbürtig zu machen, ganz ein. im mittelalter aber brachte der waid
nicht nur den bauern, die ihn anbauten, sondern auch den bürgern, die ihn zum färben fertig stellten und damit handelten (waidjunkern),
und der obrigkeit, die ihn besteuerte, reichen gewinn. der handel mit waid
war nur in den städten gestattet und wurde streng überwacht. in vielen städten befanden sich waidhäuser,
wo die von auszen eingeführte ware lagerte, untersucht und beim verkauf versteuert wurde. der waid
wurde nicht nur in Deutschland vertrieben, sondern auch viel ins ausland exportirt, namentlich nach den Niederlanden und nach England. zeugnisse: de qualibet mesa wede, cum quo panni colorantur, duos solidos dabunt.
hanseat. urkundenb. 1, 92
nr. 277 (
graf Adolf IV v. Holstein 1236); welch gast her kumt mit weyte, der sal nicht mit dem weyte bin sechs wochin von hynnen czyen.
cod. dipl. Silesiae 8, 17 (
Schweidnitz 1335); als von aldirs y unde y dy nedirloge des weytis unde des koufs in der egenanten unser stat Swydnicz gewest ist. 44 (1356); auch ensal nyman (
aus der zunft der gewandmacher) me nemen dan eyn gesecze weydes wan eyn kouff gemachet wird.
cod. dipl. Moenofrancofurtanus 637 (1355)
Böhmer; swer da vuert wait, der gibt von dem einczwagen czwen phenning und von dem deischelwagen vier.
stadtrechte von Brünn 375
Rössler; also hiesch man yme siebinzig gulden und me, odir die (
beschlagnahmten) wagen mit dem weyte enmochtin nit ledig werden.
urkundenbuch der stadt Erfurt 2, 546 (1375)
Beyer; wenne weyt zu Gorlicz geschaczzet wirdet und die von Gorlicz nicht kauffen wollen, so mugen die von der Sittaw ... eynen kauff machen ungehindert.
urkunde kaiser Karls IV. von 1378
im neuen Lausitzischen magazin 59, 151; so en sall geyn underkeuffer me zo underkouffe neymen dan van der maissen roes weydtz, dat is eyn mudde, 12
d., ind van eynre maissen gemuoyst weydtz 2
s. akten z. gesch. d. stadt Köln 2, 119, 38. 39 (1400)
Stein; vort so sal de here ind de martmeister dat gerichte upme weytmarte achterwaren as van weydtz weigen, id sy bereyt weyt of koychweyt. 2, 121, 10; von eim iglichen pferde das weide zewhet 3 dn.
d. reichstagsacten 7, 210, 34 (1414); as ... her Reinalt herzoge zu Guilche .. verleint hait der broderschaft des hiilgen cruze binnent Guilche, dat men gheinen hoif gebrantz weitz groiss noch cleine binnent deme ampt van Guilche ligende overmessen, liveren noch ewech vueren en sculde, dieselbe broderschaft des hiilgen cruz vurg. en sulde davain haben eine gude schuppe weitz.
beiträge z. gesch. des Niederrheins 10, 188 (
Jülich 1424); so wanne weyt, rode, scherte oder karten komen veile, da sullent id die meister eyn gebot machen.
urkunden u. akten z. gesch. d. stadt Koblenz 236, 11 (1432)
Bär; den dritten teil und allein Erfortischen weite zu brauchen betreffent, wissen wir zwar nit, aus was ursachen e. l. uns allein gehorten weit zu kaufen und zu verbrauchen auferlecht, sintemal wir bishero Thüringer und Guliker, auch sonsten anderen guten weite gebrauchet. Krumbholtz
die gewerbe der stadt Münster 517 (1601); doch soll demjenigen, der selbst wayde in frembde lande zu verführen pflegt, von seiner gesellschafft wayd zu kauffen hiermit unverboten ... seyn.
Erfurter ordnung (1612),
mitth. d. ver. f. d. gesch. v. Erfurt 18, 56. waid
wird auch im plur. gebraucht: es sollen aber gleichwohl den verkeuffern die waydt in billichem werth bezahlet .. werden.
abschied herzog Johann Casimirs von 1592
bei Schreber
der waidt (1752)
beylagen 15. 55)
herkömmliche verbindungen: waid zeugen, anbauen,
serere et colere glastum. Stieler 2417. Frisch 2, 417
a; waid in ballen schlagen,
isatidem in globos pressare. ebenda; waid welken,
siccare glastum. ebenda; man gibt von einem acker weydt (
auf der waidmühle) zustossen, als dick man stosst 4 pf., und man stoisset gemeinlich dreimal, brecht ein acker 12 pf. Michelsen
rechtsdenkm. aus Thüringen 332 (1498); nachdem wir vor einem jar ... das kein weidt, ehe er dann erwachsen, geballet, getruckenet, zu wagen und marcht gebracht, verkaufft ... werden soll, vorbieten lassen, und aber an uns itzt wiederumb glaubhafftig gelanget, wie sich etliche dem zuwider den weidt zuvor kübeln (wie mans nennet) unterstehen sollen.
Erfurter ordnung (1575),
mitth. d. ver. f. d. gesch. v. Erfurt 18, 56; wenn der waydt (
die blätter von der wurzel) abgestoszen, darf er nicht in haufen liegen bleiben .., sondern musz sofort zum wasser gebracht, gewaschen, ... getrocknet, und ... auf die waydtmühle gebracht werden. ... der waydt musz klar gemahlen werden. Jacobsson 8, 127
b; je stärker der waydt angegossen wird, desto schwerer wird er. 8, 128
a.