verleihen,
verb. leihweise übertragen, abgeben. bei der besprechung des einfachen zeitwortes th. 6, 688
ist gezeigt worden, dasz aus der ursprünglichen form, die uns im goth. leihvan
δανείζειν am reinsten noch erhalten ist, sich zwei bildungen entwickeln: lîhan
und lîuuan.
erstere form zeigt sich in allen germanischen sprachen: im plur. prät. und part. prät. schwankt die erste und zweite form. gleiche doppelformen zeigen sich auch in der zusammensetzung (
vgl. Graff 2, 123):
im Heliand ist part. forliuuan;
in andern formen des zeitworts schwankt in den handschriften h
und uu.
bis ins mhd. pflanzt sich im part. prät. unter festhalten am h
u. ähnl. in den andern formen das schwanken fort, wenigstens sind verliuwen, verlûwen
weiterbildungen (Lexer
handwb. 3, 165).
das gewöhnlichste ist allerdings das ganz regelmäszig gebildete mhd. part. verlihen,
mit der schwächung verlehen.
dann aber geht h (ch)
in g
über, also verligen, verlegen,
ferner entwickelt sich mit verdumpfung des i
durch folgendes w
part. verlûen, verliuhen.
aus ihm entwickelt sich dann verlûwen,
das endlich zu verlauen
wird (
s. th. 6, 688):
sarta tecta ... gemein heuser, so verlawen werden denen, so sie inn baw und besserung halten. Alberus kk 4
a; dieweil dir gottes miltigkeit verluhen hat so grosz wiszheit. Birk
Sus. e
b.
obwohl die letztgenannte form a. a. o. aus einer quelle vom jahre 1655
nachgewiesen ist, hat sich doch in der nhd. literatursprache nur verleihen,
prät. verlieh, verliehen
erhalten. die bedeutung ist wenig von der des einfachen zeitwortes verschieden, jedoch wirkt ver
auf das zeitwort in der bedeutung '
hinaus, hinweg'. verleihen
ist nur etwas von sich aus einem andern übertragen, während leihen
auch entleihen einer sache an mich bedeuten kann (ich leihe mir ein buch). 11)
leihweise hingeben, zeitweise übertragen, mit vorbehalt der rückerstattung. verleyhen
annuere Dief. 36
b; ein hausz verleihen,
domum ablocare Maaler 423
d; verleyhen,
umb gält auszleyhen, locitare Dasyp. 120
a. Maaler 424
a; seine güter ze wercken verleyhen,
agros locare. 424
a; diese (
capitale) verleihe ich gegen acht und zehn procent und verrechne nach den landesgesetzen nur fünfe. Gellert 3, 222. bücher verleihen, kleider verleihen
u. a., auch von wohnungen und ähnlichem, wo heute vermiethen
üblich ist: ein hausz verlichen,
domum ablocare Maaler 423
d; weiter, so werden auch liegende güter, als häuser, scheuren, keller, gärten, wiesen verliehen und bestanden, doch nicht umbsonst.
Frankf. ref. 2, 14;
besonders in der sprache des lehenhofes: ein gut verleihen, zuo einem lehen gäben,
elocare fundum Maaler 424
a; wir reichen und verleihen
der kunstausdruck in unzähligen lehensbriefen bis in die neueste zeit: (
das fürstenthum) zu rechtem lehen gnädiglich mit ordnung, zierheit und solennität verleihen.
Weim. staatsarchiv 1702;
part. verlichen guot,
mutuum Dief. 230
b; sein lehen von einem nemmen und einem anderen verleyhen und zustellen,
transcribere Maaler 424
a; das der vorkeuffer odder handthierer, drauff behelt denn anfal und zuspruch, das, szo der besitzer stirbt, das lehen frey wider heym sterbe dem, der es vorhyn vorkaufft, vorlihen odder vorlassenn hat. Luther
adel 27
neudr.; ir verleihent ainem kint vil pfründen, der ir die minsten ainem armen frumen priester versagent. Schade
sat. u. pasqu. 2, 88, 31.
viel seltner ist das persönliche object mit der bedeutung '
einen (
aus seinem eignen dienste)
zeitweilig in den dienst eines andern geben': dasz sindher, als nach dem tag zu Frankfurt e. curf. gn. mich zum umzug in herzog Heinrichs zu S. landt und gegen Leipzig verliehen, ich in merkliche und gefährliche schwachheit gefallen. Myconius
in Melanchthon 3, 1039
Bretschneider. 22)
bildlich, einem das ohr, gehör, stimme verleihen: warumb ich aber mit dieser ungewöhnlichen wadt heut sei herfür getretten, werdet jr itzt hören, so jr anders nit beschwert werden, der redenden die ohren zuo verleihen. Frank
Erasmus lob d. th. 1
b; und wenn auch der grund der revolution im budget zu suchen ist, so wurde ihr doch zuerst wort und stimme verliehen von jenen geistreichen roturiers, die .. mit der hohen noblesse scheinbar auf einem fusze der gleichheit lebten. H. Heine 3, 7; als er mir sein gehör verliehen. Weckherlin 8; und kom o got mir zu verleyhen (barmhertzig) dein gehör und hand. 10; ach so verleyh, herr, mir dein ohr wan sich mein herz zu dir entpor erhöbend, dir mein leyd für leget. 120. 33)
ebenso häufig, wie das sinnliche verleihen
ist verleihen
als edlerer, feierlicherer ausdruck für '
eine sache gewähren'
aber als gnade, nicht mit hoffnung auf rückgabe: verleihen,
mutuare sed specialiter et usitatissime signat, concedere, tribuere, copiam facere alicujus rei Stieler 1124. 3@aa)
ohne dativ der person: wöllet sampt euerm volck gott .. anruffen, das er die gnade seines geists dazu verleihe. Luther 2, 105; sintemalen nun gott dem allmächtigen zuvorab und meinem gnedigen dieser zeit, wie gott mit glückseliger wohlfahrt erhalten, lang verleihen und perpetuiren wölle, regierenden lieben landesfürsten gross lob und danck gesagt, ich raum bekommen viel gutes zu lesen. Kirchhof
wendunm. 4, 5
Österley; ist etwas zu verkauffen oder zu verleihen, so wird es an theils orten an die kirchthüre geschlagen.
Simpl. 1, 421; unträglich ist dein zorn, den du den sündern dräuest, doch deine mildigkeit, die du hierbey verleihest ist mäszig ohne masz. Fleming 28; zum hängen und zum freyen musz niemand rath verleihen. Lessing 1, 19; gott verleiht gnade, die natur talente, der fürst ämter und orden. 3@bb)
mit dativ der person: so würde es (
das messe halten) doch niemand zugegeben oder nachgelassen, es werde jm denn von oben herab gegeben und verliehen. Luther 2, 7; denen der allmechtig gott warhafftige stercke und bestendigkait wider aller anfechtung .. verlihen (
inf.) und geben wolle. H. Schurff
bei Luther 2, 85; das sie es dafür halten, das wir nichts vergeblich von e. heil. mügen bitten, also, das e. heil. werden uns alles darumb wir bitten, gern verleihen. 2, 176; da sprachen die Chaldeer zum könig auff chaldeisch: herr könig, gott verleihe dir langes leben. Dan. 2, 4; du könig .. dem gott vom himmel königreich .. gegeben hat und alles da leute wonen .. und dir alles gewalt verliehen hat. 2, 38; so mir anders got das leben verleihet. Wickram
rollw. 87; verliehen die götter der jugend die vernunfft, dasz sie nicht allein gedächten, was jnen zu handen gieng, sondern was ihnen noch zu handen gehen möchte, so het glück nicht so viel gewalt auff erden. Kirchhof
wendunm. 4, 107
Österley; hub dann der pfarrherr an neben jhm auszspeyen, that er ausz lieb jhm hülff verleihen, hielt jhm dasz haupt und dient jhm wol bisz er macht ein kübel voll.
Garg. 42 (1590); ihr götter gebt und verleihet Martio ein gütig gemüht gegen seinem vatterland. Kirchhof
wendunm. 4, 75
Österley; darum, dasz die römische kirch diejenige seie, die dem päpstlichen rechten alle jre macht und authoritet lehnet und verleihet. Fischart
bien. 48
a; noch andere hatten den ihrigen (
ihren gott) im kopff, nemlich die jenige, denen der wahre gott ein gesund hirn verliehen.
Simpl. 1, 84, 6
Kurz; ein liedlein .., in welchem ich mein glück lobte weil es mir auf so manchen guten abend auch so freudenreiche täge verliehe. 1, 333, 20; und machte diesen vesten schlusz, dasz der grundgütige gott einem jeden menschen in seinem stand, zu welchem er ihn beruffen, soviel wîtz gebe und verleihe als er zu seiner selb erhaltung vonnöthen. 1, 137, 15; weder an reichthumb, jugend, schönheit noch andern stücken, die einer jungen damen vom glück in dieser zeitlichkeit verliehen werden mögen, gieng ihr das geringste nicht ab. 4, 75, 28; ... also wird sie (
die nymphe) doch zum wenigsten andern, denen bessere gaben und mehr zeit als mir verlichen sind, hoffentlich anlasz reichen, unsere sprache ... mit dieser ... art schrifften zu bereichern. Opitz 2, 245; bitte nur gott, dasz er dir verstand und gedult verleyhen wolle. Philander 2, 42; wenn es vergönnt war, das eine seiner geschenke für das andere zu setzen: so könnte gar wohl der sieg, den er einem dichter oder spieler verlieh, eine süsze traube heiszen. Lessing 8, 519; wie andere anstrengungen den leib ermüden, so verleiht ihm diese (
die anstrengung des schlittschuhlaufens) eine immer neue schwungkraft. Göthe 26, 122; ein solches übergefühl des daseins verleiht ein mildes klima auch der armuth. 27, 74; Lavaters physiognomik hatte dem sittlich geselligen interesse eine ganz andere wendung verliehen. 30, 213; die belehrung Blumenbachs, die mir so viel neue kenntnisz .. verlieh. 31, 109; (
die brücke) welche im ächten, guten sinne gebaut, dem ganzen eine edle würde verleiht. 43, 61; er erkannte, dasz erhitzung bis zum glühen und schnelles abkühlen den gläsern die entoptische eigenschaft verleihe. 55, 8; mord und tod! wer hat ihr (
der natur) die vollmacht gegeben, jenen dieses zu verleyhen und mir vorzuenthalten? Schiller 2, 24 (
räuber 1, 1); was ihr aber den köstlichsten reiz verlieh, das war die frisur, die gekräuselten locken, kreideweisz gepudert. H. Heine 2, 73; dieweil dir gottes miltigkeit verluchen hat so grosz wiszheit. Birk
Sus. e
b; du hymelkeyserinne, dar von unsz alles heyl bekam, verleych uns weyse sinne. Wackernagel
kirchenl. 2, 86 (
c. 1500); herr Jhesu Christ, verleich uns frist, lasz uns auf erd hie büessenn. 2, 865
b; den synen er gnad verlich. 2, 871
b; verley uns frieden gnediglich herr got zu unsern zeiten. 3, 21; so wird jr (
der stadt) lob grosz und breit, auch thut glück und heyl verleihen und gibst darzu sein gedeyen. H. Sachs 2, 3, 58 (8, 218
Keller); was uns gott hie verliehen umb seinetwillen alles wagt, leib, gut und ehr dran setzen. Kirchhof
wendunm. 4, 195
Österley; könig, gott verleih dir langes leben; H. Sachs 3, 1, 152 (11, 63, 11); und solch kraft basz ihm zu erwecken, sampt allen hütlein, die drin stecken, so wollen wir es nun einweihen und jhm solch unser kraft verleihen. Fischart
dicht. 2, 267, 982
Kurz; du verleihst uns, deinen zweigen, einen neuen leib und sinn, heissest uns zum himmel steigen, unser alter mensch ist hin. Opitz 3, 132; damit der herren herr uns möge rast verleihen zu büszen unsre schuld, so fastet allzumahl. 3, 63; was brunnen quelle gibt und vögeln ihre flügel, und alles uns verleyht was schönes an uns îst: dasselb' ist schön und gut. 1, 57; gottes güt ist immer new, immer alt ist unsre schuld, neue rew verleih uns, herr, und beweis uns alte huld. Logau 2, 35, 27 (253
Eitner); der himmel kan morgen vil gunsten verleihen dem schlechsten, den heute die groszen verspeyen. 1, (7.
hundert) 69 (153
Eitner); ach, verleih und gib mir auch diesen edlen sinn und brauch, dasz ich freund und feinde liebe, keinen, den du liebst, betrübe. Gerhardt 77, 45
Gödeke; ich sterb und was mir gott verliehn will ich, mein freund, dir hinterlassen. Gellert
fabeln 144; seht brüder! gott hat sieg verliehn dem rechte, nicht der macht. Gleim 1, 25; schaffe ruhe der laut weinenden königin die von ohnmacht in ohnmacht sinkt, deiner mutter verleih thränen der linderung. Ramler
ged. (1801) 1, 108; ists wahr, ihr herrn, dasz eurer weisheit wage den streit noch nicht entschied, wen zur ökonomie mama natur berief, ihn oder sie? und ob sie nicht vielleicht uns schwächerem geschlechte den vorrang über euch, in diesem punkt verlieh? Gotter 1, 290; warum muszt er, dem die natur genie und gaben aller art, wie keinem noch verlieh .. warum muszt er sich durch die schmach entweihen, geschworner feind und giftiger verächter der weisesten religion zu seyn. 1, 372; lasz uns im kummer dir trost verleihn! 3, 524: was ein gott den menschen verleiht ist segnende gabe, nicht wie ein fremdes geschenk, das nur zum verderben bewahrt wird. Göthe 40, 345; ich aber künde dir, kraft der gewalt die mir verliehen ist zu lösen und zu binden, erlassung an von allen deinen sünden! Schiller
hist.-krit. ausg. 12, 566 (
M. Stuart 5, 7).
in der heutigen bedeutung '
gewähren': in dem batt des babsts nuntius um vorhore. die wartt yme des andern tages vorlihen (
bat um audienz, die ward ihm gewährt).
Ernest. ges.-arch. 1523.
mit folgendem infinitiv: (
bat) dasz mir gott in dieser zeitlichkeit also zu leben verleihen wolle, dasz ich würdig werden möchte, ihn in ewiger seligkeit zu loben.
Simpl. 1, 160.
mit folgendem abhängigem satze: so sie doch nicht die leute waren, denen gott verliehen hatte, das Israel (
dativ) durch sie geholfen würde. 1.
Macc. 5, 62; ach getreuer vater, deiner unaussprechlichen barmhertzigkeit wolle allergnädigst gefallen, uns zu verleihen, dasz wir diese deine gaben nicht anders gebrauchen, als ...
Simpl. 2, 228, 12; o wer verleiht auch mir, dasz ich mich nunmehr schwinge auff meinen vorsatz zu? Opitz 1, 26; .. der treue menschen hühter verleihe, dasz ihr ja gar langsahm werdet alt. Rist
Parnass 512.
ist angegeben, was durch die verleihung gefördert werden soll, so wird dies mit zu
beigefügt: wil ich .. versuchen, ob ich auch solchen brieff ... könde verteidingen, in frölicher hoffnung, gott werde mir gnade dazu verleihen. Luther 6, 6
b.
selten ist das object persönlich: mhd. dem künige und der künigîn verlêch got ein kindelîn, daʒ twang dar nâch alliu lant, Alexander was er genant.
gesammtabenth. 1, 21, 26
Hagen; nhd. wenn die Olympier ein mädchen dir verleihn (
wenn deine frau eine tochter gebiert), so wähl', um sie den grazien zu weihn, wähl' ihr Amalien zur pathe. Gotter 1, 366. 3@cc)
partic. prät.: ihn bestraften die bergelfen des Parnassus, die musen, die ... doppelt empört waren über den miszbrauch der verliehenen geistesschätze. Heine 3, 48; sie sterben mit dem bewusztsein, dasz sie die ihnen verliehenen organe zweckentsprechend benutzt haben. Gutzkow
ritt. v. geist 1, 189. 3@dd) einen verleihen mit etwas,
einen beleihen, sehr selten: die seele ist mit innerlichen und euszerlichen sinnen verliehen,
anima sensibus internis et externis ornata est. Stieler 1124
b.