unfug,
m. ,
gegentheil von fug (
th. 4, 1, 1, 372),
selbständiger ausgebildet und weniger in festen verbindungen haftend als dieses. mhd. unvuoc;
mnd. unvôch,
m. n.; mnl. nl. onvoechlijk, onvoegelijk,
kein onvoech (
nur gelegentlich ist onvoeg
unserm unfug
nachgebildet);
schwed. ofog,
n. Staub - Tobler 1, 700; Fischer 2, 1818; Crecelius 843.
zur ergänzung vgl. unfuge,
unfug,
f., und ungefug,
das seit alter zeit (
z. b. Walther v.
d. Vogelweide 4, 31
hs. c;
vgl. th. 4, 1, 2, 2164)
mit unfug
wechselt. plur. in der neueren schriftspr. unentwickelt (
in der umgangsspr. sich an allen unfugen betheiligen; zu allen
seinen unfugen Wieland
Cic. br. 5, 457),
in der älteren selten (unfuoc Jansen Enikels
weltchron. 76803. 89248;
hist. volksl. 2, 19, 524
Liliencron; solch untregliche
unfuge Luther 6, 257, 23
Weim.; alle die schaden und unfüge Thomasius
kl. d. schr. 189). nichtfug
th. 7, 714. AA.
von der sinnlichen vorstellung des fügens oder passens hat sich kaum etwas in unserm wort erhalten. ans sinnliche grenzt unfug
übergrosze menge (
vgl.ungefug und gegenfug
proportio): silbers einen unfug
aus der hs. eines schachbuches Scherz-Oberlin 1829;
Alexander 2864
Guth; wohl auch väterbuch 13816
Reissenberger; verunfugen
wird aus den fugen, in unfug oder unordnung bringen
erklärt Sanders
erg. 214
c. BB.
sonst durchweg vergeistigt, und zwar B@11)
mit rücksicht auf sittlichkeit, sitte und practischen verstand. B@1@aa)
unrichtigkeit, unrecht, ungelegenheit, ungeeignetheit: was unzeitig kompt und mit onfuog (
vgl.fug gelegenheit), kompt nit wol Franck
sprüchw. 1, 8
b; mit unfug
unrichtiger weise Teuerdank 121, 22;
im wahnsinn griech. dram. 2, 66
Dähnhardt; vgl. 2, 106, 3532; nicht mit ohnfug Gryphius
gespenst 282
Palm; Abr. a St. Clara
Jud. 2, 167; mit grossem u. Mattheson
generalb. 228; wenn die rede zu lang wirt, offenbaret sie den unfug und die narrheit Lehman
flor. 3, 493; den u. derselben (
d. italiän. sprache) Morhof 1, 184;
vgl. fügligkeit
th. 4, 1, 1, 399, 4
u. unfügsamkeit; sie mag zum wenigsten dienen, die Franzosen ihres unfugs zu überführen, wenn sie der teutschen sprache .. härtigkeit vorwerfen Heräus 66; das ist ein formeller unfug, wie wenn man sagt, die pflanze ist kohlenstoffpol, das thier stickstoffpol Hegel 7, 1, 34.
vgl. d. B@1@bb)
wie 2 b
verbrechen, roheit, frevel, unheil, unglück. mhd. wb. 3, 437
a: o lieben herren, das ist alles nicht gegen der frävelichen geschicht und umb den grossen unfueg
passionssp. 8
Wackernell; üben Albr. v. Eybe
d. schr. 2, 100; es ist auch sonst noch den Byzantern ein unfug zuo gestanden Xylander
Pol. 231; mit weibern und knaben aber wurde der schändlichste unfug getrieben Schmidt
gesch. d. Deutschen 1, 132;
vgl.e
γ; von dem bezaubernden gesange dieser meerjungfern und dem unfug, den sie an so vielen schiffen verübt hatten Voss
antisymb. 1, 298; aus der eroberer schmachvollem unfug
ged. 3, 32.
ist das unheil unverdient, so grenzt der begriff an unglück: unfug, unschick, kumber Frisius 911
a;
infortunium Stieler 579; unfug, unglück Rädlein 976
b; kurz, eine bessre auswahl kühner herzen ... hat nie gewogt auf der geschwollnen flut, zu harm und unfug in der christenheit A. W. Schlegel
Shak. 5, 24;
unfall, unglück Campe.
auch scherzhaft: dem bilde der schönen Aruja, welches allen diesen unfug in der phantasie sr. hoheit anrichtete Wieland 20, 207
Hempel. B@1@cc)
schaden, beschädigung, nachtheil, beeinträchtigung; übelstand, miszbrauch, miszwirthschaft; unannehmlichkeit, unbequemlichkeit, unbehagen: unfug an viech, getraid oder hausung
österr. weisth. 6, 230, 44 (Schönbach 656
erklärt '
elementares unglück, unordnung'); es ist nit zuo sagen ..., was ... unfuogs darausz folge, so man die schrifft nach dem todten buochstaben verstehet Franck
paradoxa 4
b; er ... ersetzt einigermaszen den unfug, den die sinnlichkeit .. angerichtet hat Mendelssohn 1, 153; bald ist es der unfug, den sie (
schwarzdrosseln) ihm (
dem jäger) im dohnenstege anrichten Naumann
vögel 2, 1, 339. schaffe diesen oder jenen kleinen unfug ab, und du hast (
zu einer allgemeinen reformation) gnug gethan Herder 16, 188;
nach e
γ übergreifend: durch clericalen unfug verkommen Justi
Winckelmann 2, 1, 172; den unfug der fremden fahrenden weiber Freytag 18, 450.
subjectiv empfunden: unangenehmer tadel Rudolf v. Ems
Willehalm 9733; mit ewrm unfug
Teuerdank 293, 59;
von körperlichen übeln: des unfugs in meinem unterleibe Bürger
briefe 887;
vgl. seinen gefug thun
th. 4, 1, 2, 2164; der nächtliche schlaf wird den unfug wohl heben, den der wein .. angerichtet hat Thümmel
reise 6, 394. blies uns .. ein so kalter sturmwind an, dasz pelz und mantel dem u. wehren muszten Görres
briefe 1, 349;
aber hier ist wohl ungestüm (
vgl. mhd. wb. 3, 440
b)
gemeint. B@1@dd)
unschicklichkeit, unanständigkeit, früher auch schande (
väterbuch 29502
Reissenberger),
ungebühr, unziemlichkeit, unangemessenheit: was mage mein herr geton haben, das man jn so schentlich mit groszem unfug tregt in die hOehe Albr. v. Eybe
spiegel Z 2
a; sie ihres unfugs erindern
acta publ. 4, 5
Palm; gugel an die kaue nageln, ist so viel, als unfug auff der zeche treiben Herttwig
bergbuch 195
b; wann einst der unfug dieser lügengeister jedwedes masz phantastisch überschritten Platen 1, 658;
umtriebe Mörike 3, 138;
ungezogenheit Keller 1, 40; unfug mit der religion Bismarck
gedanken 1, 200; ich halte es geradezu für ein unrecht, für einen unfug (
vgl.e
γ), ihrem sohn die pachtung zu übertragen Viebig
schlaf. heer 2, 327.
gelegentlich concret: enthaltet euch solchen unfug zu sagen Freytag 10, 15.
ungereimtheit, unnatürlichkeit, widersinn (
vgl. 2 a),
possen, albernheit u. dgl. (
vgl. mhd. unvuoge): der alles für unfug erklärt, was nicht in seinen kram taugt Lessing 13, 212; experimentalen unfug Göthe 36, 10
Weim.; u. der preszfreiheit
gespr. 8, 65; Claudius
th. 5, 579; der u. der legendenlectüre Gervinus
gesch. der d. dicht. 2, 236; lästerlichen u. Immermann 2, 156; jeder führte ihn (
den begriff) im munde, so dasz zuletzt ein wahrer unfug damit getrieben wurde Schopenhauer 1, 543. B@1@ee)
wenn auch die neuere sprache, wie sich zeigte, auf die lebensfülle der entwickelten, vielfach in einander greifenden bedeutungen nicht verzichten will, so hat doch das wort im wesentlichen, durch eine als steigerung gedachte veräuszerlichung des begriffs, starke einbusze erlitten. eine nebenvorstellung der verwirrung, des lärmes wurde (
wie bei skandal, spektakel)
so ausschlaggebend, dasz die sprachkritik des 18.
jhs. alle andern bedeutungen für abgethan erklären konnte: man gebraucht u. im hd. nur noch von einem unanständigen betragen, von unbefugten handlungen, besonders so fern sie mit geräusch verbunden sind Adelung 4, 849. B@1@e@aα) (
lärmender)
streit, verwirrung, miszhelligkeiten. anfug (
l. unfug) anrichten
lites movere Stieler 579; u. anfangen
turbas excitare Frisch 1, 303
b; leichfertige händel Adelung;
umgekehrt das th. 4, 1, 1, 380 b
offen gelassene in fuge fallen
nachgiebig, gefügig werden; mnd. in de voghe vallen (Schiller - Lübben 5, 293
b);
dän. falde til føie;
schwed. falla til föga: ir herrn, des schimpfs wer nu genug. last das gezenk und den unfug!
fastnachtsp. 2, 539, 29
Keller; kan ich denn nicht den u. stillen? Lohenstein
Arm. 2, 1566
b; dasz ich nicht leicht mit jemanden bekannt gewesen bin, in dessen hause ich nicht u. gestiftet hätte J. E. Schlegel 5, 164; zumal freute es ihn, dasz sich seine gäste so wohlgezogen benahmen und dasz kein erheblicher unfug ausbrach Steub
drei sommer 1, 205. B@1@e@bβ)
lärmendes oder lärm verursachendes, tolles treiben, unfug
im engeren sinne der heutigen hauptbedeutung; oft harmlos; gern von gespenstern, lärmenden kindern, jungen leuten, äuszerungen des übermuthes, der lebensfreude; Krünitz 195, 655
ff. vielleicht schon Ottokar
reimchr. 354:
Manfreds fiedler triben solhen unfuoc, daʒ im die stete wurden gram;
zu Aachen steht ein thurm, darinne sich der teuffel mit vil wunders, geschrey, glocken klingen und anderm unfuog offtmals sehen und horen lest Agricola
sprichw. Z 3
b;
die studenten richten allen u. an, wo sie nur wissen und können Schoch
vom stud. leben Ev; hornüssen auslassen
i. e. unfug treiben Schönberg
berginform. 2, 50; vier abgefeimte jungen, des unfugs vorlauf, tantzten, sprungen in einem bauerhof Lichtwer
fab. 157; welch ein unfug! welch geschrei! Göthe
Faust 9789; tag und nacht wütete tollkühnheit in den straszen, vom graciösen scherze bis zum unfug, der mit blutvergieszen endete H. Grimm
Michelangelo 1, 134; grober, heilloser, schändlicher
u. s. w. unfug;
vgl. 2 d; straszenunfug Krünitz; wald- und heckenunfug Lichtenberg
briefe 1, 253; faschingsunfug
u. s. w. B@1@e@gγ)
die gefühlswirkung gibt den ausschlag, wenn u.
ärgernis, skandal heiszt: allerley schwermer und ketzer, die .. vil ergernusz, unfugs (
vgl.α) und trennung erregten Mathesius
Sar. 68
a; was vor boszheit, irrthum, unfug (
vgl.c) und verderben aus solchen wortkriegen erfolgt sey Arnold
ketzerhist. 14; diesen litterarischen unfug (
in der kritik; vgl. recensentenunfug
bei Adelung
und Krünitz) weiter zu treiben
allg. d. bibl. anh. 53—86, 2597; den unfug der kirchlichen politik Herder 17, 324; des nazarenischen unfugs Göthe IV 28, 170
Weim.; in der charité ist hier der häszliche unfug vorgekommen, dasz eine genesene kranke von einem der ärzte geschwängert worden Varnhagen
tagebücher 2, 43; unfug und zotten (
auf der bühne) Pichler
allerlei bilder aus Tirol 2, 206; ein wahrer, wirklicher, reiner
u. dgl. unfug. B@22)
im sinne des rechtslebens. B@2@aa)
unrecht: kein unfuoc weret drîʒec jâr Boner 55, 68
th. 2, 1393; J. Grimm
rechtsalterth. 1, 300; wer an dem markttage ein unfug (
objectiv) thet, desz unfug (
subj.) ist zwifeltig
stadtrecht von Hof 1436;
zeitschr. f. rechtsgesch. 32, 156; dasz derselbig der sachen hat onfug gehabt Knebel
chron. v. Kaisheim 282; wie sie desz nicht u. hätten Melanchthon 1, 537
Bretschneider; vgl. dar hedde he nene foge to Dähnert 129
a; wiewol .. genidert wurt, das sich erhebt, das recht messig durch unfug spert Forster
t. liedl. 17
neudr.; dasz .. dem beschwerten gegentheil grosz u. und wider recht geschehen Kirchhof
wend. 2, 409 (
vgl.fug und recht); unfueg beymessen
acta publ. 1, 376
Palm; die jura, so du zuvorhin gegn Mülheim allegieret, streitn wider dich in rechtem sinn, welchs dein unfug probieret Opel-Cohn 313.
im 18.
jh. veraltend: eben so wenig mag auch unter e. k.
m. gerechtesten regierung dem hiesigen unfuge (
ein pfarrer betreibt eine lotteriecollecte) nachgesehen werden Möser 3, 109; die gerechtigkeit ist eine feile dirne; für sold hilft sie den groszen unfug treiben Babo
schausp. 113; etwas mit unfug thun, behaupten
obd. Adelung; Kramer - Moerbeek.
verb.: fuog und unfuog in unverdingtem rechten erkennen
privatbr. 1, 370
Steinhausen; erlernen Reuchlin
augensp. 6
a; wir haben fugk und sie unfugk
Aimon E 4
b; fuog oder u. Fischer 2, 1818.
schwed. ofog
unrecht. B@2@bb)
verbrechen, frevel, in dessen beurtheilung sich leicht der rechtliche gesichtspunkt mit dem sittlichen (
vgl. 1)
kreuzt: wie kam dann Cain in unfug, das er Abel sein bruder schlug Wickram 4, 103, 171; Pallas .. welche durch einen einzigen unfug des Ajax gereitzet, die gantze flotte der Griechen jämmerlich zu grunde gerichtet hatte Breitinger
dichtk. 2, 375; je gröszer und prétieuser der forst ist, desto mehr nachtheil erwächst der herrschaft durch solchen unfug und bosheit Göchhausen
notabilia 312; strafe des unfugs (
κακοῖο) Voss
Od. 3, 152; man hat solche exempel von gräszlichen verbrechern, die sich zum scheiterhaufen verurtheilten, weil man ihnen ihren eignen unfug zum rechtsprechen vorlegte Fouqué
gefühle 1, 120.
veraltet. B@2@cc)
widerrechtliche beeinträchtigung, unbefugte, unrechtliche handlungsweise; schaden Diefenbach-Wülcker 885;
offensio Stieler: denen solher unfueg, eingriff, pfandung .. begegnete
österr. weisth. 6, 352, 45; zuo unfuog des nagsten B. v. Chiemsee 253; u. zuofgen Franck
chr. Germ. 10
a; angestatten Stumpf
chr. 252
b; Frisch 1, 303
b; ein solches generaldecret .. würde .. manchen unrichtigen debitor zu seinem unfug merklichen anlass geben
acta publ. 6, 228
Palm; euch gegen unfug der Guelphen zu schützen Klinger 1, 282;
nach 1 e
γ hinüberspielend: in welcher er .. dem unfuge räuberischer edelleute .. ein ende gemacht hat Ranke 25, 81; u. der brieferbrechung Treitschke
d. gesch. 3, 341. B@2@dd)
die heutige strafrechtliche bedeutung (
störung der äuszeren öffentlichen ordnung, ruhestörende belästigung des publicums)
ist durch 1 e
hindurchgegangen und knüpft nur theilweise (
vgl. 2 c,
belästigung)
an die alte rechtsentwicklung an. gelegentlich bedeutet das unerschöpflich vielseitige wort auch früher schon störung der äuszeren ordnung (das keyn unfuog .. auf diesem fest fürgenommen würd
Aymon k 4
a; Luther 15, 213
Weim.)
und belästigung (wie sie [
d. bettler] die armen leute auff dem lande plagen und allen unfug und bubenstück beweisen Pape
bettelteufel 2
b).
die ausschlieszlichkeit dieser bedeutungen wird hier maszgebend: mit geldstrafe bis zu 150 mk oder mit haft wird bestraft: .. wer ungebührlicherweise ruhestörenden lärm erregt oder wer groben unfug verübt
strafgesetzb. § 360, 11; Fontane I 1, 71; beschimpfender u.
strafgesetzb. § 166; an einem grabe § 168; an hoheitszeichen § 103
a. 135. B@33)
wie fug (
th. 4, 1, 1, 376. 377 des fugs)
zum modalbegriff sich auswächst, verflüchtigt sich auch in unfug
der inhalt oft merklich. ebenfalls in unfuoge,
f.: in must joch (
vom zudringen des volkes) geschehen we, di den leichnam trugen. mit fugen, mit unfugen (
wohl oder übel) wart er doch zu jungst pracht zu dem munster
väterbuch 40016
Reissenberger. unvûge (
mhd. wb. 3, 440
b)
heiszt allerdings auch selbst ungestümes gedränge; getrost anhalten, mit fug und unfug Luther 30, 2, 398
Weim.; es sey mitt fuog oder u., die selbig freyhait zuo bekommen
flugschr. 1, 107
Clemen; Mauricius
Hamann J 4; keinen einzigen erfolg mit fug oder unfug (
irgendwie) geschehener dinge kann die allmutter zeit ungeschehen machen Hamann 4, 214; Vischer
ästhet. 3, 1, 140; über deutsche sprache und den fug und unfug (
die verschiedenartigste behandlung), den sie sich jetzt musz gefallen lassen Göthe 41, 1, 110, 28
Weim.; erhalte dieses licht, auch wenn der höllen pforte durch ihren wiederstand den gröbsten unfug treibt (
sich noch so toll gebärdet) Schmolcke 1, 338.
vgl. sp. 26, 3. —