unflätig,
adj. adv. ,
gegentheil und verstärkung von flätig.
mhd. unvlætic;
mnd. unvlêdich; unfladig Schiller-Lübben 5, 85
b;
mnl. onvladich, onvledich
nur in wörterbüchern (
s. auch onverlaaten
nl. wb. 2113;
nl. unverlâtsch Schambach 244
b).
verbreitung und bezeugung entsprechen im allgemeinen der von unflat.
für die studentensprache Kluge 132
a;
studentensprache und -lied in Halle (1894) 111. unflätig (
häufiger als unflät) Staub-Tobler 1, 1228; Fischer 2, 1544; Martin-Lienhart 1, 174
a; Schmeller 1, 799; unflötig, unflätig
österr. weist. 6, 422, 21. 424, 2; unfléite
Tepler ma. (Nassl 11); onfleidech
lux. 314
b; unfliedig Hönig 185
b; unflädeh Bauer-Collitz 108
a; Bernd 330; Frischbier 2, 422; unflädsch Dähnert 506
a; unfläötsch Danneil 231
b;
vereinzelt unfläthisch
wunderhorn 1, 445.
selten unumgelautet unflatig (unflatigem sack Luther 28, 195, 11
Weim.; ei du unflatiger 32, 5, 10
Weim.; nichts mer unflatigs B. von Chiemsee 570),
wie flatig
neben flätig.
vgl. unflätiglich.
von den synonymen dreckig, kothig, mistig, schmutzig, unsauber, wüst
ist mistig
überhaupt selten, wüst,
wenn es unflätig II 1
entspricht, in der hauptsache mundartlich; dreckig
und kothig
werden nur ausnahmsweise übertragen verwendet; unsauber
und schmutzig (Weigand 3, 664)
erreichen heute, übertragen gebraucht (schmutzige, unsaubere gesinnung, verse
u. dgl.),
nur einigermaszen die stärke von unflätig,
das auch im eigentlichen sinne alle genannten wörter hinter sich läszt. Stosch 2, 408. 4, 106; Teller 2, 50. 80. 297.
im übrigen s. unflat. II.
der grundvorstellung von unflat
entsprechend, ungewaschen illotus Frisius 647
b; Maaler 461
a.
heute nicht mehr empfunden: so komen sie hin zu zum heiligthum des herrn mit unfletigen henden Luther 23, 240, 17
Weim.; solten alle mütter ire unfletigen, schebigten, unreinen kinder verwerffen, wo meinestu das wir weren? 10, 3, 7, 17
Weim.; wo sich freilich der begriff schon merklich erweitert; bald veraltet und nur noch verblaszt erkennbar: solche musz man ... nie mit groben und unflätigen händen berühren Zimmermann
einsamkeit 4, 104;
im bilde: darumb heb an, wasch unser unfletiges rein, begeus unser dürres, heil wo wir wund sein Bäumker
kath. kirchenl. 1, 653.
vgl. II 3 e. IIII.
nach unflat II B
ungeputzt, unschön; und zwar II@11)
vorwiegend auf den gesichtssinn bezogen; gegentheil des mhd. vlætec,
mnd. vlêdich,
mnl. vladich, vledich.
nd. einfaches fliedig (Schmeller 1, 788),
garstig, häsz lich; unflät
garstig Staub-Tobler 1, 1227; ungestalt und häszlich, unflätig Frisius 995
a. 1339
a; gesindelehe unflêtic und unwêhe (
nach unansehnlich hinüberspielend) Herbort v. Fritzlar 1577; gên des clâren schein die engel unflêtig sein
mönch von Heilsbronn sieben grade 1594; van den voten wente in de schetelen was nicht unvledighes in em
von Absalom quelle bei Schiller-Lübben 5, 85
b; der baum, da gottes wort nicht dran war, der unfletigst war, der war der schonste Luther 34, 1, 82
Weim.; vil schöner, auch unfletiger kinder
nachtbüchlein 199
Bolte; die jungen gänse sind noch voller stoppeln und unfletigen jungen federn, die noch in der haut stecken Colerus
öcon. 67; der pfaw, wan er seine unflätige füsz anschawet, läszt alsbald seine federn sincken Albertin
hirnschleiffer 240 (
also in ganz anderem sinne als unten 2 d
δ); wie unflätig wir auch auszsehen, so deucht sie doch ... als ob wir adonides wären Moscherosch 24; wenn das gold nit durch das feur gereiniget und verkläret wird, so wird es unfletig und verleuret seinen glantz Lehman
floril. 3, 330.
dann veraltet; wenn Voss
antisymb. 1, 296 in unflätiger harpyengestalt
sagt, bezieht sich das adj. eigentlich auf die harpyen. s. bed. 2 d
γ.
ursprünglich scheint unflätig,
vom wetter gebraucht, ebenfalls auf den gesichtssinn bezogen zu sein. vgl. schön th. 9, 1465;
aber auch kothig (
th. 5, 1893);
es kreuzen bedeutung 2 d
δ und 2 a: das wetter war gantz onfletig Hedio
Comines 54; Maaler 461
a; dieweil es aber
ein sehr unfletige und kalte nacht gewest Spangenberg
Mansfelder chron. 452
b; heut ziehen sie im ... unflätigem wetter Kirchhof
militaris disc. 116; ein unflätiger nasser tag Opitz
Arg. 1, 350; unflätiges wetter
noch Ettner
unwürdiger doctor (1697) 431.
auch das auge beleidigend, ungeordnet, ungepflegt, wüst schlieszt hier an: alle die äste solt auch abhauen, welche ... unflätig graglen, dann solche hindern das wachssen der bäume Sebiz 371; unflätigen (
wüsten) äckern
th. 2, 1408
u. driesch.
gegensatz ein fläter, flätiger acker, ein flätes landgut Staub-Tobler 1, 1227; unflätig
unordentlich 1, 1228.
zu 2
leiten ausdrücke über wie mit unfletigem part
städtechron. 3, 197;
zeitungslust (1697) 4. II@22)
wie das euphemistische unflat II B 2. II@2@aa)
von gegenständen der abneigung, eines natürlichen widerwillens (
nicht des ekels, s. 2 d),
von personen displicens, mucosus, ungeschickt. vgl. unflat II B 2 a. unflätig,
abstoszend Staub-Tobler 1, 1228.
dagegen flät, flätig
geschickt, geeignet ebd. 1227: nos edimus krebs und äll, sind wol so unfletig als ratten, halbfisch, mherspinnen Luther 29, 419, 15
Weim.; die perlen ausz den unflätigen austern herfür suchen Butschky
Pathmos 28; in eine so unflätige und langwirige dienstbarkeit (
der ehe) Sandrub
kurzweil 12
neudr.; und musz nun .. in so unflätiger arbeit (
erdarbeiten zur befestigung der stadt) meine zeit zubringen Olearius
rosenthal 38
a.
von personen und thieren. vgl. unflätig
mucosus Reyher
thes. O r
a. unflätig, ungeschickt Spanutius 316.
dagegen flät, flätig
brav, gewandt, rasch, hurtig Staub-Tobler 1. 1227: sie müssen uns christen für die aller thörichsten, unfletigsten leute halten, so unter der sonnen sind Luther 19, 608
Weim.; sagt myr, fraw Hulda (
die kluge vernunft) ... wie seyt yhr denn hie so unflettig und setzt so viel wort hynzu 18, 183, 9
Weim.; der freie wille hat an seinem gewissen einen getreuen, an seinem leib aber einen unflätigen ungetreuen, verderblichen diener Harsdörffer
gesprechsp. 2, 170; das nashorn ... nicht grausam, mehr dumm, hornstöszig, unflätig Lavater
fragmente 2, 280.
ebenso: vordrozzinheit ... machit eme ouch sinen mud unlustig und unfletig
ritterspiegel 3254
Bartsch. wie unflat
streit: die polnischen herren, so am unflätigsten waren (
sich am ärgsten bei dem streite hervorthaten), kannten mich wohl Schweinichen 54.
das einfache flätig
kann laute, opipare (
th. 8, 1728)
bedeuten (Staub-Tobler 1, 1227),
aber auch schwäbisch flatig
mürrisch, übelgelaunt (Fischer 2, 1544).
nicht mehr schriftsprachlich. II@2@bb)
im sinne der krankheitsbezeichnung unflat II B 2 b: phlegmaticus, koderig, unflätig Golius
onomasticon 104;
th. 5, 1573; Höfler 151
a; Keisersberg
bei Frisch (1741) 2, 403
c; das der mensch, wenn er messig gessen hatt, das yhm seyn mund, haubt und athem reyner und geschickter ist, denn wenn er gantz nüchtern ist, so er vom schlaff beschwert und unflettig ist Luther 8, 509
Weim. gewebe und schleimhäute sind noch nicht durchgespült (
s. II A),
er ist verschleimt, koderig: kinder .. die nicht unflätig oder krätzig Sebiz 100; unvledighe dingk an deme magen
quelle bei Schiller-Lübben 5, 85
b;
die melancholiker sehen ... schwarz und unfläthig aus Zimmermann
einsamkeit 1, 359.
wieder entspricht einfaches flätig: flatiges blut
verderbtes, faules (
nicht durchgespültes?)
th. 3, 1728; Höfler
a. a. o. ungewöhnlich. II@2@cc)
von unheimlichen geschöpfen, s. unflat II B 2 c: diss ist ... die chymera, das monstrum oder unfletig thier, wölchem die syncretisanten ein schafkleid angezogen Nas
eins u. hundert 1, 181
a;
sie wurden in die wüstenei getrieben, allwo sie von denen bösen geistern kleine wilde und unflätige leute gebohren Amaranthes
frauenz.-lex. 51.
vielleicht noch bei Voss: ein unflätiges paar kreischender raubvögel mit frauengesicht habe durch liebreizenden gesang den Odysseus angelockt
antisymb. 2, 341.
doch s. d. II@2@dd)
ekel erregend. s. unflat II B 2
d. allgemein: was wider die guten sitten streitet, hat in ansehung unsers verstandes eben die wirkung, die das unfläthige in ansehung unserer sinnen hat J. E. Schlegel
ästhet. schr. 202, 12
neudr. insbesondere wie unflat (
s. d.): II@2@d@aα) cloaca ... dadurch das unfletig wasser ausz der stat fleust Alberus
A A ij
a; th. 7, 1204; ein wasser kotig und unfletig Sachs 17, 378, 26
Götze; das Oel, so da trb, wst und unflAetig, widerumb durchsichtig machen Herr
feldbau 117
b.
vgl. I. II@2@d@bβ) non invenies corpus, quod non rotzig und unfletig sei Luther 15, 609, 23
Weim.; den onfletigen uberlauffenden eiter Hedio
Tertullian v. d. geduld (1546) e iii
b; so ist denn sein (
des habichts) gewäl schleimig und unflätig Gessner (1557) 133
b; die schaden, nachdem und sie unflätig seind, sollen rein gehalten werden Paracelsus (1590) 7, 78;
das secret aus dem tintenbeutel des nautilos heiszt das u. wasser Eppendorff
Plin. 9, 117.
übertragen: die gärung in Europas innern, die ihren unflätigen schaum gern an jene entfernte küste (
Palästinas) spritzte, hatte sich grösztenteils nach absonderung des unrats gelegt Grillparzer 14, 76. II@2@d@gγ) wolt ich liber die erden unfletig machen, denn in sein stul hoffiren Luther 20, 475, 36
Weim.; der onfletig geruch Münster
cosm. vii; die eule ist ein wüster, unflätiger vogel, welcher die ort, da er sich haltet, mit seinem koth beschmeisset und beschmitzet Moscherosch 1, 254; der unflätigen guanos Bodmer
Noah 43 (2, 163); hyänen 65 (2, 755); Schönaich
neol. wb. 256, 2
f. Köster. II@2@d@dδ) wann kombst so unthetig, so kottig, bschissen und unfletig Sachs 7, 69, 27
Keller; die ... das blut Christi mit füszen treten, die seyn gleich ... den unfletigen schweinen, die sich nach der schwemme wieder in den koth wälzen
Reinicke Fuchs 1650, 134; die unflätigen sündenschuhe auszziehen Dannhawer
catechismusmilch 1, 48; u. gassen Noel Chomel
öcon.-physic. lex. 4, 1027; bis er (
der mensch) zuletzt an den schuhsohlen seines uhrenkels unflätig (
als unflat) anklebt Schiller 2, 441 (
räuber 2, 2); aus dem zertretensten und unflätigsten schlamme hervorgegangen H. v. Kleist 3, 275.
sagt man heute schon nicht mehr unflätige füsze, schuhe (Kramer 1700, 1, 385
c), gassen
u. dgl., so noch weniger unflätig
sein sordere teutsch.-lat. wblein. 170; dieweil die gassen nicht unflätig seind Dhuez
vray guidon (1646) 194;
werden Hulsius-Ravellus 374
b;
übertragen: alle gestlike dink wart unfledich
labefactae sunt quelle bei Schiller-Lübben 5, 85
b;
vgl. ein dreckiges ende;
machen Wiederhold 386
a; Frisch (1730) 620; Adelung; weil es abends und morgens frieret, dagegen mittagszeit tawet, wirt das zeug ... gantz unflätig gemacht Aitinger (1681) 131;
übertragen: macht ich mein erbe unfletig
contaminavi, entweihte Luther 19, 418, 12
Weim.; es ist unfletig gehen Kramer 1700, 1, 385
c;
sich an etwas u.
machen ebd.; sie haben übel gethan, dasz sie ihre virtuose füsze auf denen comödien-brettern unflätig gemacht haben
sammlung v. schauspielen (1764) 5, 67. II@2@d@eε)
vom brot: wan ez unvletic was ein teil
väterbuch 4699
Reissenberger; alle unser gerechtigkeit ist wie ein unfletig kleid
Jesaia 64, 6;
flugschriften 3, 317
Clemen; Bahrdt
gesch. s. lebens 1, 307; Stilling 3, 573;
vulg. pannus menstruatae justitiae, sept. ὡς ῥάκος ἀποκαθημένης; sich nicht unfletig, sondern reinlich kleiden Barth
weibersp. T vi
b; ein unfletig badt Fr. Wilhelm
spr. reg. e e ij
a. n. 213; unflätig berutzt Xylander
Plut. 355
b; ein solche wüste, unflätige, rostige rüstung
buch d. liebe 17
c; 14
a; das unfletige land G. Rollenhagen
ind. reis. 89; sie ist unflätig, sie hält das hausz und die gefäsz nicht rein Volckmar
dialogi 234; reinlichkeit ... darff man bey den .. Russen, bey welchen es unflätig zugehet, nicht suchen Olearius
verm. reisebeschr. 106; teller, better Hohberg 1, 51: überreste unfläthiger berührungen Forster 3, 49; auszer jenen schmutzigen buben und unfläthigen alten Bräker 1, 236;
auch nach β,
γ weist: dem unfläthigen schlupfwinkel eines wilden thieres Holtei
erz. schr. 6, 112.
übertragen wie sordidus: die kaufmanschaft ... für unflätig achten Alpin
Vergil 93
a; dasz sie den handel des bergwercks für ein schlecht, unachtbar ding, auch für ein unflätig werck halten Agricola-Bech
bergw. buch 1, 20; Frisius 1226
b. II@2@d@zζ) der, des korn unvletec was, vor der not vil baz genas
väterbuch 21 307
Reissenberger; so manch unfletigs krut Murner
mülle 29, 818; wenn man sibt mit der reiter thetig, so bleibet darinn das unfletig Sachs 19, 111, 10
Götze; mit viel saltz und etwas unfletigen schwefels vermischet Thurneysser
magna alchymia 134; die erden ist ... grob ... unflätig Paracelsus 2, 75
A. veraltet. II@2@d@hη)
wie unflat
θ: unsern unflätigen und stinckenden leib Lindenborn
Diogenes 1, 226; ein almanach ist der unflätige kanal, der die indigestionen der musen durch die nasen des publikums flösset Schiller 2, 376. II@2@d@thθ)
wie unflat
ι: sollen derohalben die mözger ... alles unflötige fleisch, wie der gebrauch, sauber weck schneiden (
vgl.η)
artikel des marktes Hermagor 1562
österr. weist. 6, 422, 21.
wohl als nicht gebrauchsfertig verstanden. ungewöhnlich. II@2@d@iι)
wie unflat
κ: muszten sie im sitzen fein fleiszig bedecken ihre bein, das nichts unfläthigs gsehen werd
griech. dramen 2, 212
Dähnhardt. II@2@d@kκ)
wie unflat
μ: (
von Magdeburg) jetzt liegstu da gestrecket als ein ermordte braut ... geschwollen, stinckicht, schwarz, unflätig und zerschändt Opel-Cohn 221; unter einem unflätigen (
geringen) mantel steckt oft herrliche weisheit verborgen
Simpl. 2, 277, 15
Keller. veraltet. II@2@d@lλ)
wie unflat
ν: könde wir die fröude in himelrîch gewegen gein disem jâmertal, sô wêr der werlde wunne smal, valschaft, unflêtic unde blint Hugo von Trimberg
renner 23005; wir sullent gedenken, wie unflêtic unser anegenge gewesen ist
Alemannia 2, 210; ein armer sundiger, unfletiger und unreyner drecksack Luther 10, 2, 398, 21
Weim.; mancher, der einen gott gefangen zu haben glaubte, sah sich durch ein unflätiges tier genarrt Scherer
kl. schr. 1, 522. II@33)
ohne euphemismus aufs geistig-sittliche übertragen und zur bezeichnung persönlicher und sachlicher eigenschaften verwandt. s. unflat II B 3.
beispiele, die der sinnlichen bed. 2 d
noch näher stehen, sind oben schon berücksichtigt. II@3@aa)
schmählich, schändlich, gemein; aber mit hinblick auf den sinnlichen untergrund (2 d)
weit stärker als die genannten und andern ähnlichen wörter. vgl. dreckig,
veraltetes nl. onverlaten
snoed, zeer slecht, nl. wb. 10, 2113,
nd. unverlâtsch
böse, schlecht Schambach 244
b: unflêtige wort, tât Lexer 2, 1976;
mhd. wb. 3, 336
a; mit harter und unfladiger erforderunge
quelle bei Schiller-Lübben 5, 85
b; dewile averst de hoop ... sick so unfledich anstelleden
ebd.; was ist verachtlichers, was unflatigers, was schantlichers, dan eim in sein angesicht zu spüwen Keisersberg
passion (1514) 50
a; yhrer unfletigen gifftigen bücher Luther 15, 51, 6
Weim.; ein unfletigen bossen Boltz
Terenz 25
a; sitten Scheit
Grobianus 6
neudr.; unflätig gält
obscoena pecunia Frisius 964
a.
vgl. oben 2 d
ε; sprachet von ewer sünd und schand garstig, unfletig, unverschampt Rollenhagen
froschmeuseler F V
a; die ehe wäre ein unreines und unflätiges ding (
vgl.u.
unkeusch) Widmann
Fausts leben 393
Keller; das angesicht .. mit schmincke anstreichen, ist unflätig und huhrisch Comenius
janua 174; ich habe einen überaus schändlichen und unflätigen namen Prätorius
katzenveit F 5
R; sprache Schottel 146; unflätige und schändliche örter Olearius
pers. rosenthal 25
a; alle pöbelhafte, unfläthige und unziemliche ausdrücke Gottsched
das neueste 9, 691; der ungezogene witz derer, welche nicht satyrisch seyn können, ohne unflätig zu seyn Rabener 1, 98; in einer unfläthigen fresserei Forster 5, 178; mit den unfläthigsten schimpfworten Bräker 1, 57; da sagt mein gemahl, das buch wäre, mit permission zu reden, unflätig Beck
kamäleon 78; H. war unfläthig genug, ihm .. die zunge nachzustrecken Gutzkow
ritter 8, 29; im königsschlosse der Hohenzollern schrieb er neue unfläthige schmähungen gegen die königin Luise Treitschke
d. gesch. 1, 250. ein unflätiger kerl;
s. unten f. c. II@3@bb)
insbesondere unkeusch, obscoenus Frisius 145
a. unflêtic, unkiusche
stellt Hugo v. Trimberg im
renner 9218
zusammen; das er unflätige unkeuschheit getriben Muglein
Valer. Maximus 78
b; hilff uns von der unfletigen lust der unkeuschheyt Luther 6, 13, 28
Weim. u. ö.; unfletige secke
huren 34, 1, 66, 27
Weim.; unflätige träume Prätorius
anthropodemus pluton. 1, 37; etliche, die sich mit jren ... erbaren männern nicht wol betragen, aber mit unflätigen, gailen und unzüchtigen kunden .. vil liber zuhalten Fischart
ehzuchtb. 13, 19
neudr.; ich habe mehr als hundert mannspersonen bedienet, da eine frau nur einem einzigen manne aufwarten kan. — du unflätige!
vern. tadlerinnen 1, 208; er verwandelte sich bald in ... den Cupido, bald einen unflätigen satyr Wieland I 2, 492; den unflätigen umgang mit frauenzimmern Laukhard
leben 2, 179.
so auch die unfletigen böck Herman
sonntagsevang. 107
neudr. II@3@cc)
ekelhaft (
vgl. 2 d),
auf urtheil und sittliches gefühl bezogen: der was ein unflettiger taufter jud
fastnachtspiele 350, 12
Keller; die was dienen dem allerunflätigsten fryhart (
lenoni impurissumo)
Terenz (1499) 124
a; dem sehr unflätigen frawenwürt Boltz 137
a; weil jr nu selbs bekennen müsset, welche ein unfletige kirche jr habt Luther
H. Worst 42; einen unlüstigen, unfletigen menschen heiszen wir ein saw Agricola
sprichw. 621; ein unfletiger und unreiner, geschwollener mensch
sieben weisen meister (1565) 91
a; die unflätigen Hottentotten Scheibe
crit. musicus 52; mönche Bettine
Günderode 2, 46; gesindel Holtei
erz. schr. 13, 215. II@3@dd)
wie unflat B 3 b
β unhöflich, unmanierlich, derb, grob, säuisch, viehisch; unflätiger mensch
Cyprius bos, Patroclo sordidior Dentzler 324
a,
wild Staub-Tobler 1, 1228: den unflätigen, groben und unhöflichen, seinen lieben schulern und angenommenen kinden wünschet
m. Grobian von Lourdemont vil unförmlicher sitten Scheit
Grob. 8
neudr.; knöllisch, unflätig sein
ebd. 2; sich .. unflätig bey jederman zu halten
ebd. 9; so viel aber jhr essen und trincken anbelangt, ist zuo mercken, dasz sie gantz unfletig darmit sein Höniger
hofhaltung des türk. keisers 28; Corvini
fons 105; das er ... ein in sitten unfletiger man war Forberger
Guicciardini 283
a; der wüste, unflätige Thersites Moscherosch
gesichte 148; manieren, maul Kramer (1700) 1, 385
c; Faber 575
a;
infame os Frisius 689
b; wenn manche unflätige säue die läuse und flöh auff dem tische schlachten Schmidt
rockenphilosophie 1, 74; der unflätige Eulenspiegel Scherer
lit. gesch. 244. II@3@ee)
eine auf die eigenschaft der sündhaftigkeit eingeschränkte bedeutung ist veraltet: dasz er also bleib in dem unflat seiner sünden und noch unfletiger werd Keisersberg
hellisch lew b II
a; wenn ich noch zehen mal so unfletig were, habe ich dennoch das blut, das mich reyne und heilig machet Luther 24, 485, 17
Weim.; solche unfletige heiligen (
ironisch) 32, 383, 14
Weim.; ich bin ein unfletige sel, er wil mich haben, so bekumpt er mich 11, 196, 36
Weim.; gott strafft jne (
den menschlichen geist) als ainn unflAetigen todlich hie mit ungnaden und dort mit ewigem tod B. v. Chiemsee 262; bis derselb geist ... nichts mer unflatigs an jm hab 570.
schon nicht mehr bei Abraham a St. Clara: gott kann ... einen unflätigen (
groben) sünder in einen gerechten ... verkehren
etwas für alle 1, 200. II@3@ff)
allgemein in derber, gemeiner schelte (
vgl.unflat II B 3 b): tu bist ein unfletige sau, immiscens dei et hominum ordinationem Luther 27, 58, 2
Weim.; du garstige, unflätige sau Grimmelshausen 4, 561, 26
Keller; unangesehen der neidischen und unflätigen säurüssel Neumark
fortgepfl. lustw. zuschrift 15; schweig, unflätiger schelm
engl. comöd. 96, 35
Creizenach; o du Cyklopen art! unflätige gesellen! Rachel 91
neudr.; wer sich nicht in diese ordnung (
der kirche) fügt, wird vom hn. pastor für einen ... unflätigen kerl erklärt Laukhard
leben 5, 194.
so auch einfaches flätig: du flätiger bengel, kerl, flätangel
in nordd. volkssprache. IIIIII.
das adj. und besonders das adv. unflätig
als ausdruck der steigerung ist aus mundart, standes- und volkssprache langsam und sparsam in die schriftsprache eingedrungen. älteren beispielen eignet regelmäszig eine specifische, nicht die allgemein steigernde bedeutung; z. b. gleich wie der rab, der mammaluk, der so unfletig tob und schrey Fischart
nachtrab. 954
s. oben II 3
d. bei der erklärung dieses gebrauches sind nicht nur die ähnlich steigernd verwandten negativen begriffe wie schrecklich, unheimlich, schauderhaft
u. s. w. heranzuziehen, sondern auch einfaches flätig, flät, flätsch,
die ebenfalls schon eine formal-steigernde bedeutung herausgebildet haben. z. b. flätig nuod
gar nichts; flät nid
ganz und gar nichts Staub-Tobler 1, 1227; flätig reich, dick, ein flätiger regen
u. s. w. volkssprache; vlætsch grât
auszerordentlich grosz; vlætsch vêle
sehr viele Schambach 271
b.
auch das subst. unflat (
s. d. II B 3 b
β)
gelangt zu einer art steigernder bedeutung. von mundartenwörterbüchern bezeugen vornehmlich mittel- und niederdeutsche diesen gebrauch. unfle
idich
adj. ungeheuer, grosz lux. 314
b. 'unfläötsch, unflätig ...
als bezeichnung des superlativs im gebrauch' Danneil 231
b. 'unflätig
als ausdruck eines hohen grades und ein übermasz zu bezeichnen; auch schles. unflätig grosz. ein unflätiger kopf,
ein groszer, dicker' Bernd
Posen (1820) 330. 'unflätig, onflätig
von ungewöhnlicher länge, grösze, stärke' Frischbier 2, 422. Adelung
schreibt unflätig
als ausdruck der intension (unfläthig viel, grosz, sehr)
den niedrigsten sprecharten zu; Campe (unfläthiges glück haben)
brandmarkt es als verwerflich, für die büchersprache untauglich, landschaftlich. die studentensprache kennt den kraftausdruck am ausgang des 18.
jhs. unflätig durstig 1795. Kluge 132
a.
für die schriftsprache: herr je, so einer geht nicht mit dem tode ab, wenn er nicht durchaus musz. der ist unfläthig reich Holtei
erz. schr. 24, 66; da schimpften die beiden unfläthig Scheffel
gaudeamus 50; diese (
strümpfe) sind nämlich in vielen ringeln übereinandergelegt, geben den waden einen unflätig dicken, tonnenförmigen anschein Steub
drei sommer in Tirol 1, 105. —