ungewaschen,
part.-adj. adv. ;
in ä. spr. und mundartlich auch ungewäschen (ungewäsche, ungewäsch),
gegenstück zu gewaschen;
ahd. ungiwasgan;
ags. unwæscen;
mhd. ungewaschen, ungeweschen;
mnd. ungewaschen;
mnl. nl. ongewasschen.
in der bei gewaschen 1 c, 2
und waschen II 2 b
ε erwähnten erweiterten und übertragenen bed. scheint u.
seinem gth. gewaschen
in der ausbildung vorangegangen zu sein. für die seit dem 15.
jh. verfolgbare begriffsgeschichte sind 4
hauptausgangspunkte deutlich: das einfache waschen und seine wirkungen (
vgl. unflätig),
das rituelle waschen der cultgebräuche (
vgl. bibelspr.),
das waschen als hauswirtschaftliche thätigkeit (
vgl.ungehechelt,
ungekämmt und bes. ungeschwungen);
auch lat. illotus (
s. Keisersberg
sünden d. m. 61
c unten)
kann, wie lautus bei gewaschen,
eingewirkt haben. im einzelnen falle schneiden sich nicht selten die entwicklungslinien. der reichtum der stilistischen verbindungen kann hier aus raummangel nicht entfaltet werden. aa)
von der einfachen thätigkeit des waschens und ihrem ergebnis: ungewäschne wull Frisius 1261
b;
nicht entfettete Muspratt 1, 1860; rohbenzole 8, 28
u. s. f.; in ungewaschenem zustande Krünitz 240, 48; kinder Petri C c c IV
a,
gth. frischgewaschen.
oft nicht ohne gefühlswirkung und ästhetisch-sittlichen beisinn: ein böses weib beschreibt Simonides also: das jr gemüt sei erstlich gemacht aus einer sau, die anheyms alles unordenlich im kat laset ligen, sie
aber sizt inn geschmirten kleyderen ungewaschen und wird feyszt Fischart
ehzb. 192, 34
H.; ein ungewaschener
indignus, incultus, immundus, inhabilis, quasi sordidus, impurus, inquinatus, illaudatus, proprie illotus Stieler 2446, er hat sich nicht gewaschen
ausdeutend (waschen II 6 a; Falk-Torp 1358);
vgl.unflat B 3 b;
bes. in schelte (Pansner 73
b)
und rüge: von den juden zu Regensburg (1519): man nennt si pillich ungewäschen Liliencron
hist. volksl. 3, 337, 45 ('
nichtswürdig, gewissenlos'
; vgl. aber auch '
ekelhaft' unflätig II 3 c);
als gs. zu lautus: '
unflätig, roh, grob, unmanierlich, persönlicher cultur ermangelnd, ungepflegt'
u. dgl.: ist dann der himel des allein? allers ungewaschen pengels nein Hayneccius
Hans Pfriem 1986
ndr.; allein man schlug diesem ungewaschenen ambassadeure sein begehren rund ab Chr. Kelch
Liefl. hist. 529; Gottsched
d. neueste 1, 371; leute Göthe 16, 68
W. (
pater Brey 222); handwerksmann 37, 95.
W. (der krieg ist ein ungewaschenes metier und bringt die seife aus der mode
sagt der seifensieder Eichendorff 4, 253); diese schmutzige ungewaschene welt maler Müller 3, 148; die ganze person kam mir u. vor Laube 8, 44; wenn diese (
Polacken) u. und strotzig bleiben Freytag 11, 339;
verallgemeinert: grauen vor den ungewaschenen, lärmenden erscheinungen der wirklichkeit Raabe
schüdderump 1, 98; der ungewaschene Buchholtz
Herk. 339;
zugleich nach b
weisend: ich bin .. zu stolz, um jeden ungewaschnen an mir selbst theil nehmen zu lassen Herder 31, 380;
bei der nicht alten ra. ungewaschenes zeug
ist aus dem ursprünglich hauswirtschaftlichen sinne unter einwirkung der ra. dummes zeug
eine allgemeinere bed. entstanden ('
ungereimt, thöricht' Brendicke 187
a; '
unklug' Bernd
Posen 331;
vgl.b): es kommt .. zu viel ungewaschenes zeug hervor Herder 10, 257; bänkelsängerzeug
allg. d. bibl. 79, 422; Ölsner
br. a. Stägemann 70; Fr. L. Jahn 2, 397; Eichendorff
tagebuchbl. 68; was reden sie für ungewaschenes zeug Freytag 5, 78; 17, 339; T. brachte das ungewaschenste zeug auf Varnhagen
tageb. 2, 210; sich in das ungewaschene vertiefen Tieck
Vittoria Accorombona 1, 185. bb)
ursprünglich mit bezug auf aberglauben, ritus und cultus: das man nicht durffe auff ein fastetag .. ungewaschen gehen Luther 32, 429, 12
W.; ir seit nich wirdig, das ir ungewaschn mit den, die inn dem heiligen prunn der tauff gewaschn sint, gemainschafft habt mit essen und trinckn Unrest
chr. Carinth. 487; kein jude isset iemals u. Lohenstein
Arm. 2, 194
b; 1, 660
a; dasz sie (
hexen) diejenigen personen, welche sie u. angetroffen, vieleher hätten bezaubern können J. G. Schmidt
rockenphil. 1, 364; sie errötheten oft über fragen und scherze der Europäer, die sie dann für ungewaschene (
subst.), ungebadete, für unreine thiere hielten Herder 22, 33;
vgl. Bettine
unter ungekämmt;
bes. ungewaschene hände: nach Matth. 15, 20 mit ungeweschnen henden Mone
schausp. (1846) 2, 209, 639;
nach Marc. 7, 2 mitt gemeynen oder ungeweschnen henden Keisersberg
post. 3, 72
b; Tauler
serm. (1508) 31
a; D.
F. Strausz 3, 267;
vgl.ungezwagen unter gezwagen 1 a
β, c und unflätig I,
unflat A 3;
ἄνιπτος Bürger
Il. 6, 348;
der ausgangspunkt der vorstellung ist später oft verdunkelt (
doch nicht vergessen: Triller
betr. 6, 249; Löwen 4, a 8
v)
und zur bed. '
unbefugt, plump, frech, ungeschickt'
u. ä. (
vgl. unflätig, II 2 a. '
zu dem zweck nicht geeignet' Bernd
Posen 331)
erweitert: wo du nit also mit ungeweschnen henden in dein ... glauben gegriffen hettest Murner
adel 8
ndr.; hinein plumpen Franck
sprw. (1541) 1, 50
b u. s. w.; G. Neumark
lustw. (1652) 96; Treuer
Däd. 1, 737;
vern. tadl. 1, 173; Wieland
Luc. 3, 233; Lessing 13, 101; A. W. Schlegel
Shak. 1, 39 (
Rom. u. Julia 1, 5 unwashed); Keller 9, 128; davon lasz deine ungewaschenen hände '
dazu gleichsam nicht gewaschenen, geweihten, geeigneten' Bernd
Posen 331; mit u. h. '
ohne reifliche vorbereitung' Aventin 4, 6, 26;
illotis manibus Tappius (1545) Na; '
ohne weiteres' Schumann
nachtb. 278
B.; Eyering 2, 334; '
leichtfertig' Sachs - Villatte 1833
c; ungewäschene hände '
diebshände' Schmidt
Westerw. 321; wo man also mit ungewaschenen händen (
ohne richtige kenntnis des bergwesens) zum bergwerck lauffet Agricola (1621)
vorr. 2; ins predigampt kommen Schupp
schr. 643 (
theatr. diab. 171
a);
sogar urtheilen Claudius 5, 104; mit unverschämtem maul und ungewaschnen händen Morhof
unterr. 2, 117;
persönlich: damit nicht eine ungewaschene hand darüber komme Gottsched
beob. 128; es ist eine ungewaschene hand darüber gekommen '
die arbeit ist verschlimmert worden'
obers. 2, 642
a; in u. hände kommen Sutor
bei Fresenius
bew. nachr. 1, 631; Gleim-Uz
br. 412; 441; fallen Laukhard
leb. 4, 2, 207; dieses unternehmen ungewaschener hände Winckelmann 2, 1, 71; das hat eine ungewaschene hand geschrieben Hebel 2, 291, 17.
Beh.; gewaschene oder ungewaschene hände Wieland 7, 169
Hempel. mit ungewaschenen
fäusten hier herzutappen
alam. technol. interim (1675) 100; szo thuen alle, die mit ungewaszchenen
fusszen, mit stiffeln in die bibel fahren Luther 14, 335, 20
W.; das er mitt ungeweschnen füssen darüber fall S. Franck
chronica 356
b; Triller
betr. 1, 699; mit ungewaschen henden, ja mit stieffeln und sporen in die h. schrifft faren Spangenberg
sieben (1562) i iii b; er felt mit stiffeln drein, mit ungewaschen henden, plump ins muosz,
illotis manibus pedibusque sprichw. (1548) 36
b; Körte 190; mit ungwaschner hand und hertz Eyering 2, 332.
ungewaschenes maul (Borchard-Wustmann 311, Murner
narrenb. 11, 48, Lefftz
volkst. stilelemente in Murners sat. 147, waschen II 2 b
α, II 7 m;
vgl.holde sin skidne kjœst Falk-Torp 518): er haut ein ungewesches mul H. v. Sachsenheim
mörin 1013; '
freche, schmutzige reden führen'
obers. 2, 642
a; Rädlein 982
b; Hügel
Wien 176; unjewaschenet maul '
böse zunge' Brendicke 187
a; Gryphius
lustsp. 287; Günther 1001; Wieland 11, 177; Grillparzer 3, 194; Schopenhauer 5, 576; Niebergall 304; Seiler
Basel 300;
persönlich: Mathesius
Sar. 108
a; Göthe 8, 249, 10
W.; alle solche ungewaschne lestermeuler Rabus
wider neun hauptlaster (1561) C 1
b; '
frech, unverschämt in redensarten' Leihener 87
b;
os infrene, petulans Franck
sprw. (1541) 2, 67
b;
klugreden (1548) 246; Petri t iv
b; y viii
a; ihre ungewaschne
goschen Guarinonius 234; Kreckwitz
lustw. 395; Gryphius
lustsp. 39; Meisl
quodl. 5, 10;
rüssel Freytag 9, 69;
mund Franck
moriae enc. 105, 22; Hoffmannswaldau - Neukirch 5, 2; Schiller 12, 37;
lux. 316
a;
zunge med. maulaffe 463; Petrasch 2, 499;
lippen H. L. Wagner
theaterst. 42.
ohr Luther 6, 19
a Jen. (waschen II 1 a);
auge Eschenburg
beisp. 2, 429 (waschen II 2 a);
physiognomie Raabe
Horacker 90.
wort, rede u. dgl. (
vgl. unflätig II 3 a): da macht der cantzler schentlich und ungeweschen lateinische wort und hiesz den babst ein thier S. Meisterlin (1488)
städtechr. 3, 123, 9; da ein mensch redet von wüsten sachen, als von unkeuscheit oder von den dingen, die die natur verborgen hatt, als da seint die gelider der geburt, das seint illota verba, ungewaschne und unsaubere oder unzüchtige wort Keisersberg
sünden d. munds 61
c; Barth
weibersp. f. 5
a; u. nennen Nas
antip. 4, 3
b; die warheit sagen Quad
herligk. (1609) 94; sich ausdrücken; eine zote, die den männern zu u. ist, findet bei den weibern immer noch eine gute statt W. H. Riehl
naturg. d. volkes 3, 27; ungewaschene reden
parole arroganti, ingiuriose Kramer (1702) 2, 1261
c; '
ungereimt, albern'
u. ä. (
vgl.a): sätze Francisci
lusthaus (1676) 923; das wäre mir so lieb als diese redensart: ein ungewaschner trieb Hoffmannswaldau-Neukirch 7, 53; vorsatz Stoppe
Parn. 41; urteile Wackenroder
an Tieck werke 2, 170; die ungewaschensten salbadereien Schleiermacher I 5, 135; wiederholungen Bismarck
br. a. s. br. 93.
im wortspiel: ungewaschenes wischiwaschi Börne 1, 172;
vom Wiener dialekt: jedes wort kann im tiefsten negligée, wie es eben in der kehle aufsteht, zum vorschein kommen, ungewaschen und ungekämmt Laube 9, 58. cc)
wie unflätig III, ungeschwungen 6 '
derb, tüchtig',
steigernd, schriftsprachlich veraltet: und ist nicht mein meinung, dasz es ohn eine gute, und als ich bedacht, ohn eine ungewaschene vorrede sollt ausgehen Luther
br. 5, 388; die ungewaschnen germanischen hände, sie schlugen so gründlich, das nahm kein ende Heine 2, 200; ungewäschene hände
grosze hände, 'n ungewäschener bou
groszer bube, ungewäsche fallen
sehr hart f. Schmidt
Westerw. 321; einen solchen ungewäschenen fall
grillenvertr. (1605) 2, 161; schlag (1670) 107; J. Grimm
märchen 2, 186; schlug ihn der andere gantz u. ins angesicht Happel
ak. rom. 113; u. prügelen Aler 2, 2088
a. (ungewaschene thaler Schweinichen 51
s.waschen II 4 a; u. davonkommen Krünitz 196, 329, u. lassen Auerbach 2, 110
s.waschen II 2 d; iemand ongewasschen iets zeggen
zonder het leelijke '
mooi te maken'
nl. wb. 10, 1678).
dazu ungewaschenheit, f.: Stinde
Buchholzens in Ital. 23;
s.ungewaschen a, b. —