unbedacht,
adj. adv. ,
im allgemeinen gegentheil des part.-adj. bedacht, wohlbedacht.
mhd. unbedâht
mhd. wb. 1, 346
a; Lexer 2, 1752;
mnd. unbedacht Schiller-Lübben 5, 16
a; Lübben-Walther 427
b;
mnl. onbedacht
mnl. wb. 5, 208;
nl. wb. 10, 925;
dän. ubetænkt
ordb. 7, 338
a;
schwed. obetänkt.
in den heutigen mundarten wenig bezeugt, z. b. onbeduecht
Luxemb. 313
b. umbedacht Hutten; mit onbedachtem sinn Knebel
chr. v. Kaisheim 348; unbedohte rede
städtechron. 8, 87, 13; Keisersberg
post. 4, 27
a u. o. mit wahrung der alten länge unbedǎcht Stainhöwel
de cl. mul. 266.
die heutige hauptbedeutung '
ohne gehörige aufmerksamkeit auf seine handlungen und deren folgen, und darin gegründet, wofür doch unbedachtsam
und unbedächtig
üblicher sind' (Adelung 4, 831),
gelangt erst etwa vom 17.
jh. ab zur herrschaft; gebrauch und bedeutung der älteren zeit sind bedeutend mannigfaltiger. unter den synonymen steht ihm heute unbesonnen
am nächsten, ferner schon unüberlegt, übereilt, voreilig, unabsichtlich, unbeabsichtigt, unversehens
u. a.; alle diese übertrifft unbedacht,
wie denken
und bedenken
die vorstellungen des besinnens, überlegens, übereilens, beabsichtigens, versehens u. s. w., durch umfang und allgemeinheit des begriffs Eberhard-Lyon
nr. 55. 233; Sanders (1894) 2, 293.
bei der bedeutungsentwicklung ist sowohl von bedenken
als von sich bedenken
ausgegangen. AA.
adj. A@II.
der ältere gebrauch. A@I@11)
erst allmählich löst sich unbedacht,
obwohl die grundsätzliche trennung im mhd. schon vollzogen ist, aus den verbalen verbindungen; verbale und nominale auffassung verflieszen in einander: ein unbedachtes uobel (
malum inopinatum), wenn
das kumpt, ist dester schwerer Albr. v. Eyb
d. schr. 1, 84, 4; der jüngst tag würt kummen unbedocht Keisersberg
post. 4, 26
b; das unbedacht (
ohne gute, verdienstliche meinung, gedankenlos gegebene) almosen Berth. v. Chiemsee 552; die unbedachten (
zufälligen, unbeabsichtigten) anblicke Ambach
vom zusauffen d ii
b.
verbal: der usz gantzer tieffe seines hertzen ... die passion durchsuocht, so werden im vil unbedachte (
neue, die früher nicht zum bewusztsein gekommen) stück zuofallen Keisersberg
pass. 15
c;
vgl. wer will die lebensläng und unbedachte zeiten Messiä mit gepräng des danckens ganz ausbreiten! Treuer
Däd. 1, 329.
von bedenken
prospicere (
th. 1, 1223, 2; Vondel
nl. wb. 10, 928): welchen ein wyb nit bendig macht, der ist doch worlich unbedacht
Schweiz. sp. 2, 279. 4210
Bächtold. verbale litotes: das babst und keyser ouch disz nit unbedocht haben Keisersberg 21
art. 7
Dacheux. A@I@22) sich bedenken
mit genitiv (
th. 1, 1223, 4)
wirkt in der verbindung eines dinges unbedacht
nach; die bedeutung ist: ich habe es mir noch nicht überlegt, nehme anstand, bedenken, bin nicht gewillt, es zu thun: ich bin der ding noch unbedacht H. Sachs 17, 71, 14
Keller-Götze u. ö.; ich bin sein noch gantz unbedacht Wickram 1, 299, 2;
buch der liebe 249, 1; dessen bin ich noch unbedacht Frey 46, 26.
auch immemor: solcher haylsamen leer unbedacht H. Sachs 22, 3, 19
Keller-Götze. ad rem non praeparatus: wie er ... der sachen unbedacht zugegen seie Fischart
ehzuchtb. 292, 6. A@I@33)
es folgt ein inf. oder ein abh. satz. non intentus: unbedacht kind zeperen Berth. v. Chiemsee 248.
absolut: unbedacht, dasz
ähnlich wie unangesehen, dasz
quamvis: unangesehen und unbedacht, dasz sie selbs sagen Luther (1556) 6, 101
b; unbedacht, das sölcher fal nächsts tags auch an jm ist Schwarzenberg
Cic. 81
v; er (
Lavater) zerstört die zartesten seelenkräfte unbedacht, dasz dies eine art selbstmord des geistes ist Gervinus
gesch. d. d. dicht. 5, 261. 470. A@I@44)
unverdächtig Schiller-Lübben 5, 16
a. A@I@55)
wie im mnl. (
wb. 5, 209, 2)
die bedeutung bewusztlos, unbewuszt entwickelt ist, sagt Luther: ich byn itzt nicht truncken noch unbedacht, ich weis, was ich rede 26, 500
Weim. unbewuszt: dasz ich unbedacht meine pflicht erfüllt habe Keller 1, 346;
vgl. mhd. wb. 1, 346
a.
die bedeutung inopinus, inopinatus (Niger Abbas 2607
f., 51)
noch bei Opitz: unbedachte freude
Arg. 1, 725;
vgl. das adv. A@I@66)
wortspielend: ach wie bist du doch so blind und im däncken unbedacht! P. Gerhardt
bei Fischer-Tümpel 3, 318. A@IIII.
während früher unbedacht
oft, ohne einen tadel auszusprechen, noch in blosz occasioneller bedeutung stand, hat der in der neueren sprache herrschende gebrauch (
s. o. Adelung)
den mangel an bedacht, nachdenken, überlegung als dauernde üble eigenschaft zur voraussetzung. demens unbesinnt, unbedacht Frisius 385
a. A@II@11)
von personen: jer narren unbedacht Brant 6, 51
Zarncke; wir hettent yetz, das gott erbarm, pfaffen, münch und ouch die nunnen als unbedacht und unbesunnen Murner
narrenb. 45, 122
neudr.; unbedachte, unerfahrne bauwmeister Kirchhof
mil. disc. 12; ihr unbedachtes volk, was wolt ihr viel verreisen Fleming 1, 126; ein unbedachter liebhaber Göthe 9, 133
Weim.; er ist zu rasch, zu unbedacht, zu plötzlich
Shakespeare 1, 57 (
Romeo u. Jul. 2, 2); er war immer jäh und unbedacht Freytag 8, 284.
auch subst.: still doch, du unbedacht Fouqué
bilders. 4, 172. A@II@22)
von thieren: der unbedachte strausz pflegt in den sand zu nisten Opitz (1690) 3, 40.
comparativ: kein thyer .. ist im schrecken unbedachter (
als der mensch) H. v. Eppendorff
Plin. 4. A@II@33)
häufiger als von personen wird in der neueren sprache unbedacht
von sachen und begriffen aller art gebraucht: got will nit lassen gälten solich thorlich unbedacht ... gelübden Eberlin von Günzburg 1, 31
neudr.; unbedachte trewme Petrus de Cresc. 63
b; aus unbedachter hast Ringwald
lauter warh. 224; ausz unbedachtem muth Paracelsus
op. 1, 492 a;
vgl. unverdacht; ein unbedachtes wort Gryphius
trauersp. 31; mit unbedachten schritten Rachel 37
neudr.; weil ihr unbedachter fusz nie auf rechten weg will gehen
narrenspiegel bei Zarncke
narrensch. 2; die rasenden, mit ihrer unbedachten dienstfertigkeit Schiller 12, 304 (
Wallensteins tod 3, 16); der rückschlusz ... würde ein sehr unbedachter sein Mommsen
staatsr. 1, 417; in einem unbedachten augenblick Moltke 2, 221;
nl. wb. 10, 927
b; unbedachtes kritisieren Polenz
Grabenhäger 1, 234;
adverbial steigernd unbedacht freches wort Scherer
lit.-gesch. 56.
substantiviert: etwas unbedachts
Amadis 1, 19; das unbedachte, was Luther je that Gervinus
gesch. d. d. dicht. 3, 24.
den steigerungsformen steht nichts im wege. s. 2. BB.
adv. B@II.
ähnlich wie beim adj. A I
in mannigfaltiger bedeutung, wobei immer noch von einem tadel abgesehen wird, den der neuere gebrauch mehr oder weniger voraussetzt. B@I@11)
ohne überlegung, überlegtes handeln, ohne vorsatz, verdienst, ohne zuthun: wurt ainer solchen frowen umb ir schlechtes bitten zuogesagt so ringfertiglich unbedǎcht, als ob es ain hirtenküslin were Stainhöwel
de clar. mul. 266; unbedacht und unangeschlagen tugenden wirken Keisersberg
bilg. 99;
vgl. o. sp. 142; wie unbedacht yhr tale benefitium acciderit Luther 27, 354, 11
Weim.; ausz lautter gnaden unbedacht und unnvorsehens 10, 1, 348
Weim.; (
gott) schickt dem volck helf durch sein macht durch weg vor hin gar unbedacht H. Sachs 2, 143, 5
Keller; das jm (
dem pfaffen) zuohanden kompt unbedacht ein person, welche solicher ee fro ist als der pfaff selbs Eberlin v. Günzburg 2, 82
neudr.; also dasz dem menschen ohngefehrd und unbedacht in sein gemüth falt, was er thun soll Paracelsus
op. 2, 509. B@I@22)
bewusztlos, unbewuszt, sorglos: wer aber unbedacht stirbt, dem ist schwAer der todt Albr. v. Eyb
spiegel k vi
b (
oder hier unvorhergesehen? s. 3); unwettende offt thom minnesten unbedacht Rotmann
rest. 80
neudr.; als ich an eyner sambstag-nacht gieng durch den waldt gar unbedacht H. Sachs 3, 586, 3
Keller; diesem folgten andere lieder .., gefühlvoll und originell .. oder unbedacht nachahmerisch Keller 6, 69. B@I@33)
inopinanter, extemplo, extempore: so die feint unbedacht kumen Albr. v. Eyb
eheb. (1472) 44
a; umbedacht, wie dirs nur eyngefallen, davon geredt Hutten 2, 182, 25; und sagt mir alsdann herwider, wie jhrs befunden unbedacht, wie hoch man jetzt die artes acht Gilhusius
gramm. 18; ein blitz, der schnell und unbedacht herab schlägt Opitz
op. 2, 268. B@IIII.
in dem heute gewöhnlichen tadelnden sinne: aber uns beschicht recht, so wir unbedacht unsern groszen fynd haben ze schirmen genomen wider den klainern Stainhöwel
Äsop 112; der do unbedacht hinein plumpt wie ein blind pferd Luther 18, 612
Weim.; vgl. plumpsweise oder unbedacht Hohberg
georg. 1, 13; er alweg unbedacht gehandlet hat Hedio
chron. 184
a; dasz in ihren handlungen sie nicht unbedacht noch hitzig durchgehen Moscherosch
insomnis cura 34
neudr.; nur nicht so rasch und unbedacht gethan Göthe 4, 286
Weim.; obgleich man diese bezeichnung (
seekönige) .. viel zu unbedacht hinnimmt Dahlmann
gesch. v. Dänemark 1, 65. 12; als es kam an's ausbezahlen, masz der büttel unbedacht ... ihm der prügel vier statt acht Rückert 1, 89. unbedachter weise, sache: in einer schlehten unbedahten wise Suso 300, 8
Bihlmeyer; unbedachter weisz fast rühmet Kirchhof
wendunm. 2, 19; auf unbedachte weise Harsdörffer
secret. 1, f f vii
b; die unbedachterweise in eine falle gerathen waren J. Grimm
kl. schr. 1, 49. er wolte ... nichts ... schnell oder unbedachter sach glauben Xylander
Pol. 256.
sprichwörtlich: reden unbedacht hat bald schaden bracht Franck
sprichw. 2, 68
a; viel waschen unbedacht hat offt dem menschen schaden bracht Eyering 2, 351; wan in ain ding eiln unbedacht hat manchen in grosz schaden bracht 2, 313; Agyrtas
grillenvertr. 269
u. o. anderes Wander 4, 1419. —