toppel,
m. und n., erscheint in mehreren verwendungsarten innerhalb bestimmter, zum theil ungleich begrenzter raum- und zeitabschnitte. die verschiedenen gebrauchsweisen entsprechen verschiedenen, als wortschöpfungen von einander unabhängigen substantivbildungen mit dem einfachen l-
suffix zu dem grundwort und dem von diesem abgeleiteten verb als ausdrücken für eine '
berührung'
von besonderer art; vgl. topp,
m. 1
und toppen 1.
die bildungen sind nach der lautverschiebung, aber schon im mittelalter, aus dem niederd. ins hochd. gelangt, und zum theil ist ihr gebrauch gerad in ihrer niederd. heimat selbst verdrängt und eben nur auf hochd. boden bewahrt worden. 11)
in denkmälern mhd. poesie und prosa begegnet toppel
als bezeichnung für das '
würfelspiel'
und auch den '
würfel'
selbst; vgl. mhd. wb. 3, 48; Lexer 2, 1461.
als entsprechung zu dieser liter. verwendung des subst. erscheint in den lebenden maa. nur die form dobbel
auf niederl., fries. und westf. boden; vgl. woordenb. der nederl. taal 3 ii 2670; Dijkstra 1, 280; Doornkaat-Koolman 1, 303; Molema 77; Woeste 53;
sie ist auch ins dän. und schwed. entlehnt worden Falk-Torp
norw.-dän. et. wb. 1, 145.
etwas weiter verbreitet gegen den niederd. osten hin sind die zusammensetzungen dobbelspil, dobbelsten
und die ableitungen dobbelen '
spielen', dobbeler '
spieler'
; vgl. die entsprechenden artikel im folg. nur die form mit weich anlautendem dental und weicher inlautender doppelconsonanz ist auch in den aus dem späteren mittelalter erhaltenen niederd. denkmälern überliefert. das einfache subst. selbst tritt nur im spätmnl. auf: dobbel Verwijs-Verdam 2, 218;
als lehnwort im spätaltisl. dubl Fritzner 1, 271.
die angeführten zusammensetzungen und ableitungen finden sich auch im afries. und mnd. somit ist in den lebenden hochd. maa. der ausdruck überhaupt nicht geläufig, und im niederd. erscheint der gebrauch des einfachen subst. seit alter zeit auf das westliche gebiet beschränkt. die bildung ist offenbar vom altniederfränk. ausgegangen. für ihre verwendung in hochd. aufzeichnungen des mittelalters sind aber anscheinend vor allem zwei literarische anregungen aus dem norden maszgebend gewesen. die eine hat Wolfram
empfangen und weitergegeben, dessen verse die überhaupt ältesten zeugnisse für toppel, toppelspil
und toppeln, ertoppeln
als spielerausdrücke enthalten. er hat sie wohl aus nicht erhaltenen, älteren niederl. literaturwerken geschöpft; unter dem einflusz Wolframscher diction steht unverkennbar die verwendung der ausdrücke in späteren mhd. dichtungen. gleichzeitig mit dieser literarischen entlehnung des niederl. wortes wird seine weiterverbreitung durch die höfische verkehrssprache der deutschen ritterschaft erfolgt sein. dann hat aber auch der gebrauch der zusammensetzung mit -spil
und der mit der vorsilbe ver-
zusammengesetzten verbalabl. in der niederd. prosa des Sachsenspiegels zur nachahmung bei hochd. rechtsaufzeichnungen angeregt, und durch die rechtssprache sind die bildungen wohl auch in weiteren kreisen auf hochd. gebiet bekannt geworden. —
die sprachliche herkunft der bezeichnung ist vielfach falsch beurtheilt worden. die annahme, dasz das subst. auf franz. doublet '
wurf mit zwei gleichen augen'
zurückgeht, ist gewisz ebenso unrichtig wie die theil 3, 1260
und 1268
ausgesprochene meinung, dasz das subst. erst secundär zu dem entsprechenden verb gebildet sei, dieses aber als doppeln = 'duplicare'
ursprünglich den begriff '
den einsatz beim spielen verdoppeln'
ausgedrückt habe; die verwendung des deutschen spielerwortes läszt keinerlei zusammenhang mit den durch doublet
oder duplicare
wiedergegebenen begriffen erkennen. dagegen ist aus dem gebrauch des wortes in bestimmten redensarten auf westniederd. gebiet erschlieszbar, dasz es ursprünglich als ausdruck für den '
aufschlag'
des steines beim glücksspiel geltung hatte. im niederl. und im ostfries. platt sagt man nach v. Dale
groot woordenb. 435
und Doornkaat-Koolman 1, 303 eenen goeden (kwaden) dobbel hebben '
glücklich (
unglücklich)
spielen'
und man verwendet nach Doornkaat-Koolman
diese redensarten in ähnlichem sinne wie '
beim spielen einen guten (schlechten) wurf haben'. dobbel
ist zu dopp
wie würfel
zu wurf
gebildet; mit jenen wendungen ist zunächst wohl die vorstellung '
beim spielen den gewünschten (
nicht gewünschten)
aufschlag als erfolg (
miszerfolg)
haben'
wiedergegeben worden. die erweichung des inlautenden und zwischenvocalischen pp
zu bb
der erst seit dem späteren mittelalter nachweisbaren niederd. form dobbel
ist das resultat einer jüngeren, regelmäszigen sprachlichen entwicklung, das freilich sonst durch formangleichungen vielfach wieder beseitigt wurde und nur dann erhalten blieb, wenn, wie im gegebenen fall, die form durch ihre function isoliert worden war. die wortform toppel
der mhd. überlieferung aber, die aus einer älteren niederd. literar. tradition geschöpft ist, hat die ursprüngliche lautung mit pp
bewahrt, und auch ihr hartanlautendes t
wird nicht eine hochd. lautverschiebung wiedergeben, sondern den harten niederd. anlaut der l-
ableitung, der entsprechend der parallelform topp des grundwortes neben dem später allein geltenden weichen in älterer zeit bestanden hat. 1@aa)
im niederl. ist dobbel
das '
würfelspiel'
und das '
hazardspiel'
überhaupt; in spätmnl. prosa z. b. wird von dem unglück berichtet, das durch das würfelspiel verursacht wird, dat van den dobbel comen sal
nach Verwijs-Verdam 2, 218; liefhebbers van den dobbel
sind '
freunde des hazardspiels'
woordenb. 3 ii 2670;
auch z. b. im schwed. gilt die bildung in dieser bedeutung Falk-Torp.
mit anspielung auf die verwendung der bildung auch im sinne von '
kampfgetümmel' (
s. 2)
hat Wolfram
das spiel der ritterschaft mit dem würfelspiel verglichen: vil hôhes topels er doch spilt, der an ritterschaft nâch minnen zilt
Parz. 115, 19;
vgl. auch tôdis toppel H. v. Langenstein
Martina 231, 29
Keller. in mhd. denkmälern sind ferner die wendungen überliefert: nâch toppels reht (
Martina 757, 19); mit toppel an gewinnen (Reinmar v. Zweter 194, 12
Röthe); mit toppel verliesen (Rudolf v. Ems
Willehalm 9825
Junk); zuo dem toppel gên (Berthold v. Regensburg
nach Schmeller 1
2, 525); das toppel fliehen (Hartlieb
buch Ovidii 24
a). 1@bb)
in westniederd. maa. erscheint dobbel
auch als der '
würfelstein'
: z. b. in Groningen sagt man op dobbels speulen '
mit würfeln spielen',
aber auch vet, spek in dobbels snijden '
fett, speck in würfelförmige stücke zerschneiden',
und dobbelszwijt
ist hier der '
schweisz in dicken tropfen' Molema 78
; auch im westf. ist dǫbel '
der würfel als kubischer körper' Woeste 53.
im mhd. heiszt es z. b.: den viel dâ an den toppel für ein ses ein esse H. v. Langenstein
Martina 160, 4
Keller. 22)
in hochd. denkmälern aus dem mittelalter begegnet die form toppel
auch in der bedeutung '
kampfgetümmel',
dann '
mühsal, bedrängnis'
überhaupt, und auch dieser literar. verwendung des wortes steht als entsprechung in den lebenden maa. nur der gleiche gebrauch der form dobbel
im westniederd. zur seite. das verhältnis zwischen den beiden formen in dieser bedeutung wird ebenso zu beurtheilen sein wie ihr verhältnis in der bedeutung '
würfelspiel'. dobbel, toppel
als bezeichnung für das '
kampfgetümmel'
ist von dem grundwort in der bedeutung '
schlag'
abgeleitet worden und hat ursprünglich die '
schlägerei'
ausgedrückt. im niederl. wird een harden, een zwaren dobbel hebben
meist bildlich gebraucht im sinne von '
grosze mühe bei einer durchzuführenden unternehmung haben'
woordenb. 3 ii 2670;
ebenso heiszt im fries. hy scil in hirde dobbel ha '
er wird einen schweren stand haben',
und in hirde dobbel
ist auch noch '
ein harter streit' Dijkstra 1, 280.
das wort erscheint im mhd. unverkennbar als bezeichnung für das '
kampfgetümmel': sper und schoz wirt vînden hertez toppel Albrecht
Titurel 3280
Hahn; Swiz hw und stach wol als ein kern, kein toppel sach ich nie als gern
hist. volkslieder nr. 138, 10
Liliencron; s. ferner 131, 2; 126, 276;
heldenbuch 182, 9
Keller. dann auch als bezeichnung für die '
mühsal der irdischen welt'
überhaupt: du wilt aus dem doppel und in ein einöd gon G. v. Keisersberg
sünden des munds 43
b; gib uns nit in den topel
M. Beheim
nach Karajan, 10
gedd. s. 52. 33)
in den lebenden schweiz. maa. und in älteren aufzeichnungen seit dem 15.
jh. nicht nur aus der Schweiz sondern auch aus Schwaben und aus Nürnberg erscheint toppel
als ausdruck beim wettschieszen zur bezeichnung besonders für den '
einsatz',
der in einem von den theilnehmern zu leistenden geldbetrag besteht, dann auch für das behältnis, in das der betrag einzulegen ist. die geläufige ansicht, dasz die bezeichnung aus dem gebrauch von lat. duplum
sich entwickelt und, wie etwa der doppel eines vertrages
die '
zweifache ausfertigung'
eines solchen ausdrückt, ursprünglich den '
zweifachen einsatz'
des schützen ausgedrückt habe, kann nicht zutreffend sein, denn beim wettschieszen wird nicht ein zweifacher, sondern ein einfacher, für alle theilnehmer in gleicher höhe festgesetzter betrag eingezahlt. der ausdruck ist offenbar im mittelalter mit den einrichtungen des städtischen schützenwesens aus dem norden nach dem süden gewandert und er hat dann gerad in der Schweiz dauernd feste geltung erlangt, während er sich sonst nirgends zu behaupten vermochte. seine heimat wird in den Niederlanden zu suchen sein, deren prunkvolle städtische schützenfeste schon im mittelalter berühmt und vorbildlich waren. man hat im niederl. mit toppel
ursprünglich wohl den '
aufschlag'
des eingelegten geldstückes auf den boden des zu seiner aufnahme bestimmten behältnisses, dann aber besonders das aufschlagende geldstück und das vom aufschlag getroffene behältnis selbst bezeichnet. als bezeichnung für den einsatz, der zu einem gültigen schusz auf die stichscheibe berechtigt, ist das wort in der Schweiz allgemein gebräuchlich: toppel Tobler
Appenz. 140; dopel Hunziker
Aargau 16; doppel Stalder 1, 290;
auch in Basel doppel Seiler 79;
einen bestimmten betrag zum toppel legen '
als einsatz erlegen'
in dem theil 2, 1260
citierten verspaar aus J. H. Grobs
lobspruch der schützen (
Zürich 1602); den doppel erlegen
in einer schwäb. aufzeichnung von 1618
nach Fischer 2, 266; vil des toppels gelten
in Lassbergs liedersaal 2, 677, 37; rückständige doppel
in einer schwäb. aufz. von 1602
nach Fischer; aus dem 15.
jh. der topel was 16
gr. chron. d. d. städte 22, 480;
in einer Nürnberger aufz. zum jahr 1457 was sich des topels auf einen schusz gepüret
chron. d. d. städte 10, 232.
dann bezeichnet das wort die büchse, in die der einsatz gelegt wird: es wirt auch ein ieglicher armprustschütz einen reinischen gulden in den toppel legen
chron. d. d. städte 10, 231;
s. ferner ebenda 22, 231; Tschudi
chron. helv. 2, 563; W. v. Rechberg
einladung an Ulm zu einem schieszen von 1463
nach Tobler. der einsatz ist zugleich der gewinnst, und auch das einzelne gewinnststück konnte mit dem wort bezeichnet werden: dem [
lies der!] topel zuo letz zuo schieszen kost 100 guldin '
der gewinnst, um den zuletzt geschossen werden sollte, hatte 100
fl. gekostet'
chron. d. d. städte 22, 232; in dem toppel und aventür nüt uffhebend Tschudi
chron. helv. 2, 563; der sitz zu solcher obenteur und topeln
chron. d. d. städte 10, 232.
nach dem gewinnst hat man dann auch das wettschieszen um einen gewinnst benannt: der Augsburger büchsenmeister aus dem 16
jh. S.
Zimmermann hat in seinem onomasticon doppel
in der bedeutung '
hauptschieszen'
verzeichnet (
zs. f. d. alterth. 43, 94).
nach dem gewinnst kann aber auch die '
gewinnst-'
oder '
glücksscheibe',
die '
stichscheibe', '
eine kleine ersatzscheibe, welche zunächst die centrumskreise enthält', toppel
heiszen Tobler. 44)
in der Schweiz ist toppel
auch noch der '
taktschlag'
beim tanzen; man sagt er schlod de toppel guet '
er schlägt mit den füszen beim tanzen gut den takt' Tobler
Appenz. 140.