streicher,
m. 11)
wer streicht; nomen agentis zum verbum in verschiedenen bedeutungen. 1@aa)
zu streichen A 2 a;
pejorativ; wer sich ohne beschäftigung herumtreibt (
vgl. landstreicher teil 6,
sp. 144);
landstreicher, vagabund Fischer
schwäb. 5, 1848: das man nicht den faulen streichern rawm lasse
die leute zubeschweeren Luther 32, 397
W.; zum teuffel myt den streychern und umbleuffern
ebda 34, 1, 144
W.; recht geistlichen personenn war er günstig, aber den bettelmünch vnd streichern war er seer vngünstig Seb. Franck
chron. Germ. (1538) 257
b; zu solchen streichern und landtleuffern, gehöret gute scharffe landseiffen Edelman
hochzeitpred. (1580) R 1
b; ja, sagt er, bisz der bauch ist vol, so lang wiltu dich halten wol. ich hab der streicher mehr gehabt, die sehr bald seind daruongetrabt Frischlin
dt. dichtg. 184
lit. ver.; ausz dieser zunfft der armen gottlosen seind etliche faule streicher und landfahrer Kirchhof
wendunmuth 2, 216
lit. ver.; vaganten und streicher Artomedes
christl. auszlegung (1609) 1, 707; die menge der Deutschen wird immerfort über die welt hinlaufen, und die meisten weltläufer müssen ihrer natur nach bedrängte und blöde leute seyn. diese vorstellung wird
auch dadurch noch vermehrt, dasz unter diesen armen läufern und streichern eine menge schlechter zugvögel,
d. h. abentheurer und gauner, durch die welt hinfliegen E.
M. Arndt
schr. f. u. an s. lb. Deutschen (1845) 4, 117; bist du der schleicher, der manchen armen streicher gebracht um hof und haus? A. v. Arnim
s. w. (1853) 13, 243.
in neuerer sprache selten, vereinzelt mundartlich, s. Kleemann
nordthür. id. (1882) 22; Hertel
Thür. 237;
sonst allgemein landstreicher.
in seiner anwendung auf vagierende personen wie wanderprediger ohne amt und auftrag oder quacksalber usw. (
vgl. die belege unter landstreicher
teil 6, 144)
bezeichnet das wort im abschätzigen nebensinn einen glatten, durch seine unrichtigen worte aber verderblichen schwätzer (
vgl. dazu die bedeutung unter d,
deren einflusz wahrscheinlich ist): solchen schleichern und streichern zu weren, solt man schlecht nicht zulassen jemand zu predigen dem es nicht befolen und das ampt auffgelegt ist Luther 32, 303
W.; denn man mus nicht allen streichern glewben, die sich des heiligen geists rhumen und sich damit hin und her jnn die heusser drehen
ebda; damit sich die gemeinen vor solchen streichern hüten, die selber gedrollt kommen, vnd geben sich selber an, bitten das man sie predigen lasse Mathesius
hist. uns. lb. herrn Jesu Christi (1568) 2, 118
a; wir dörffen solchen selbsterwehlten und auffgeworffenen propheten, schleicher und streicher gantz nicht Mengering
d. schedl. ungerechte quartiermeister (1639) ):( 4
c.
ganz im sinne von '
aufschneider': o ihr junger streicher! Chr. Weise
freym. redner (1693) 786. 1@bb)
zu streichen A 1 b
γ,
für zugvogel, bzw. strichvogel: die weindrossel ... ist unter den flügeln mit etwas gelblechten federn geziehret, und ist der erste streicher unter denn halbvögeln mit der ambsel Aitinger
jagd- u. weidb. (1681) 300. 1@cc)
zu streichen A 2 e,
fisch während der laichzeit: hierzu nimmt man 2, 3 bis 4 mutterforellen, und 1, 2, 3 streicher, ... setzet solche zusammen, und versorget sie mit hinlänglicher nahrung
allg. haush.-lex. (1749) 3, 65;
s. auch Sanders 2, 2 (1865) 1237
c. 1@dd)
zu streichen B 4 c;
schmeichler; streicher, pflaumenstreicher ...
adulator Diefenbach-Wülcker 868; warsager, plumenstricher, ... ein falwen hengst stricher Diefenbach
gl. 227
c s. v. faudicus; charitonius ... ein glättling oder hälstricher Frisius
dict. (1556) 216
b; fuchsschwäntzer, liebkoser, streicher, schmeicheler Calvisius (1666) 721;
adulator, assentor Stieler
stammb. (1691) 2197; striker
ein schmeichler, der einen streichelt, oder die gabe dazu hat brem.-ns. wb. 4 (1770) 1066;
noch bei Campe 4, 704,
nicht aber bei Adelung. 1@ee)
im bereiche des handwerks, wer eine streichende, handwerkliche tätigkeit ausübt; häufig als berufsbezeichnung. 1@e@aα)
zu streichen B 6 d,
tuchmesser; '
geschworene beamte, welchen es oblag, in der messe die tücher, welche in ganzen stücken verkauft wurden, mit der schnur zu messen. sie wurden aus dem weberhandwerk genommen' Bücher
berufe d. stadt Frankfurt (1914) 124
a; strîcher Lexer 2, 1236;
nach dem 16.
jh. nicht mehr belegt: die vurstender, die stricher in der hallen, richter, wiger ind underkeufer in der wolkuchen und martmeister up dem weitmart zo kiesen (1397)
Kölner zunfturk. 1, 204
Loesch; die stricher sullent mallich dat sin geven mit dem reifen up ire eide dem burger as dem gaste und dem koufman (
ca. 1400—1445)
ebda 2, 201; das sie eyn gantze duche ... mit der snore und nit anders von den wobern, die rechte stricher sint, streichen lassen sullen (1490)
Frankf. zunfturk. 1, 518
Schmidt; wo er sins strichsampds fertig und von den strichern gelert worden und probirt ist (1503)
Frankf. amtsurk. 253; und sol man dem stricher lohnen, wie von eim welschen tuch (1529)
bei Schmoller
Straszb. tucher- u. weberz. 139. 1@e@bβ)
zu streichen B 6 b; woll streicher
carminarius Dasypodius
dict. (1536) 433
a;
eine person, welche baumwolle krempelt oder kämmt Thiel
landwirthsch. konvers.-lex. 7 (1882) 247
a; Krünitz
öcon. encycl. 175 (1840) 564; Fischer
schwäb: 5, 1848: es sol auch ain iede persone diser unser brüderschaft und den handwerkern darzu gehörig verwandt, nemlich wullinweber liniweber schleierweber wollenschlaher kemmer und stricher, allen fronfasten der brüderschaft geben (1493)
urk.-buch d. st. Stuttgart 560. 1@e@gγ)
zu streichen D 3 c,
beamter, der getreide o. ä. miszt: dem streicher vor 16 malter roggen zumessen 32 kr.
bei Fischer
schwäb. 6, 3231. 1@e@dδ)
zu streichen C 1 a
δ,
maler, anstreicher; streicher ...
pingens, illinens Stieler
stammb. (1691) 2197; Krünitz
öcon. encycl. 175 (1840) 564: der farbetrog oder das chassis wird durch einen knaben besorgt, der ... die farbe — mittelst der bürste gleichförmig ausstreicht (daher sein nahme streicher oder streichjunge) Prechtl
technol. encycl. (1830) 8, 137; 265. 1@e@eε)
zu streichen D 3 b,
ziegelstreicher; jemand, welcher ziegel oder torf streicht Thiel
landwirthsch. konvers.-lex. 7 (1882) 247
a: der streicher drückt den thon mit den händen fest und streicht das überstehende gleichfalls mit den händen ab Muspratt
chemie (1888) 8, 628. 1@e@zζ)
zu streichen B 6 a,
spieler eines streichinstruments, streichinstrumentist: doch werden auch die uns schon bekannten 'basuner' Füllsack und Hildebrandt zum mindesten nebenamtlich streicher gewesen sein Moser
gesch. d. violinspiels (1923) 102; ein an jeder bogenstelle gut klingendes détaché hervorzubringen, gehört zu den wichtigsten aufgaben des streichers Becker-Rynar
mechanik u. ästhet. d. violoncellspiels (1929) 60.
im plural meist die gesamtheit der streichinstrumentisten eines orchesters, der streichkörper, im zusammenspiel, wobei musiker und instrument als einheit aufgefaszt werden: becken und grosze trommel übertönten zum glück den miszklang der streicher und bläser Lindau
in nord u. süd (1902) 301, 89; eine ... sinfonia ..., die 100 jahre vor Gabrielis orchestersonaten klanggruppen von streichern und bläsern ... in durchaus charakteristischer schreibweise gegeneinander kontrastiert Moser
gesch. d. violinspiels (1923) 17; wir fangen pianissimo
an. streicher Kluge
Kortüm (1938) 625; ein kleines orchester von streichern, holzbläsern und schlagzeug Th. Mann
Faustus (1948) 290; sobald der sänger (
in Bachs musikaufführungen) einsetzte, spielten nur mehr die konzertisten. das bezog sich hauptsächlich auf die streicher, da die bläser ohnehin in jeder stimme nur einfach besetzt waren Schweitzer
Bach (1948) 114. 1@ff)
in gelegenheitsbildungen. zu streichen B 7,
wer prügelt, schlägt; corrector et trix videlicet scholarium et discipulorum vocab. incip. teut. (1485) ee 6
a;
virgator ein streicher mit der ruten Calepinus (1598) 1549
a; streicher ...
caedens Stieler
stammb. (1691) 2197.
zu streichen E 3,
wer durchstreicht, tilgt: er kann aber auch zweitens durchstreichen, weil am buche mehr ist als an ihm, — weil er, der streicher, der himmel weisz, aus welcher despotie, furcht, rohheit und einfalt sich einbildet, seine ungedankenstriche seien taktstriche der sphärenmusik des alls Jean Paul
w. 33, 57
Hempel; mit der falschen correctur hat es richtigkeit. ich war selbst der streicher Schumann
br. 1, 52
Erler. 22)
wie häufig gilt auch hier das nomen agentis als bezeichnung für ein werkzeug (
nomen instrumenti) (
vgl. dazu Wilmanns
gramm. 2, 293; H. Paul
gramm. 5, 60; Henzen
dt. wortbildung 164). 2@aa)
zu streichen D 3 c,
gerät, um die überschüssige menge (
getreide o. ä.)
vom hohlmasz zu streichen; hostorium ... streichholz ... strijker Diefenbach
gloss. 281
b; streichholtz
oder streicher,
damit man von der mesten oder sümmern das korn vnnd andere frucht abstreichet Hulsius-Ravellus (1616) 312
b; Stieler
stammb. (1691) 2197; strieker Stürenburg
ostfr. wb. 268
a.
hierher auch: streicher
beim formen der ziegel zum abstreichen gebrauchtes stück ... hartes buchenholz Mothes
ill. baulex. 4 (1877) 216. 2@bb)
zu streichen B 6,
für mancherlei werkzeuge, mit denen eine gleitende bewegung ausgeführt wird. eine art falzbein zum glätten: nachdeme er aber einest den beynenen streicher, als ein signaculum in die bibel gesteckt, da hat er wahrgenommen, dasz jemand denselben vnsichtbaren herausz gezogen Abraham a
s. Clara
Judas (1695) 4, 320.
wetzstein, schärfstahl, s. Adelung 4 (1780) 816; Campe 4, 704; Krünitz
öcon. encycl. 175 (1840) 564; Thiel
landwirthsch. konvers.-lex. 7 (1882) 247
a; Unger-Khull
steir. wortsch. (1903) 583
a; Jakob
Wien 185
b; striker Röding
allg. wb. d. marine 2, 745; Möller
Sylt (1916) 255
a.
mundartlich vereinzelt für '
fiedelbogen',
s. Stürenburg
ostfries. 268
b;
mit erweitertem -er
suffix: striekert Schütze
holst. id. (1800) 4, 211.
netzartiges fanggerät; '
hamenartiges handgerät zum robbenfang' Stenzel
seemänn. wb. (1904) 408
a.
für streichende mechanismen an maschinen; an der papierpresse: neben dem gleichmäszigen auspressen des schlauches hat der streicher den zweck, das zum abspritzen des schlauches verwendete wasser daran zu hindern, dasz es am schlauche herunterläuft und auf der papierbahn ausschusz verursacht Muspratt
chemie 6 (1898) 1625.
bei der nadelfabrikation: ein werkzeug zum geraderichten der drähte für nähnadeln Karmarsch-Heeren
techn. wb. (1876) 8, 594; Hoyer-Kreuter
technol. wb. (1902) 1, 743; (
die drähte zur nadelfabrikation) rollt man auf der richtmaschine zwischen einer horizontalen festliegenden und einer darüber gelegten beweglichen platte, welche letztere (das streicheisen, der streicher) so ausgeschnitten ist, dasz sie nur auf die drähte ihren druck ausübt, nicht aber von den ringen gehindert wird Prechtl
techn. encycl. (1830) 10, 301. 2@cc)
zu streichen C,
bäckerpinsel zum auftragen von wasser oder flüssiger fettigkeit: aber manchmal konnte ich meine arbeit in der backstube thun, wenn ich etwa roggenstrohähren muszte zusammen reihen, und pinsel und streicher davon machen
denkw. u. erinn. eines arbeiters (1903) 8
Göhre. 33)
als '
produktionsobjekt' (Behaghel)
wie walzer, dreher
us w. (
vgl. Henzen
wortbild. 164); '
ein gewisser ernsthafter kunstmäsziger tanz, wobei mit den füszen viel über den boden hin- und ausgestrichen wird (
menuett)' Campe 4, 704.