stillschweigen , still
schweigen, stille schweigen,
vb. (
s. auch unter still,
adj., sp. 2965).
mhd. stille swîgen,
wie stille dagen
deutlich als zwei wörter empfunden, vgl. etwa fälle, wo still
neben einem anderen adverb bei swîgen
steht: schweig stil und eben H. Folz
meisterl. 38, 110
Mayer; wie güetlich unde senftlich dû (
Christus) dînen vienden antwurtest; und wie güetlich unde wie stille dû swîge, dô man dich anlouc vor dem gerichte David v. Augsburg in:
dt. mystiker 1, 345
Pf. im nhd. wird die verbindung fester, aber nicht völlig; neben den seit dem 16.
jh. auftretenden zusammenschreibungen stillschweigen (stylschweigen
volks- u. gesellsch.-lieder 102, 48
Kopp; stillschweigen Lehman
floril. polit. (1662) 1, 208), stillzuschweigen,
infin. (stillzuschweigen Göthe IV 25, 27
W.), stillgeschwiegen,
part. perf. (stilgeschwigen Luther 34, 1, 501, 19
W.)
begegnen bis heute getrennte schreibungen, namentlich bei der vollen form stille: laszt uns stille schweigen Heinr. Albert in:
Königsb. dichterkreis 275
ndr.; nun ... muszten sie ja stille schweigen Gertr. v. le Fort
Magdeb. hochzeit (1938) 41; von denen ich bisher ... stille geschwiegen habe Göthe IV 1, 108
W. (stillgeschwiegen I 38, 54
W.); hätt ich
noch stille geschwiegen Schubart
s. ged. (1825) 1.
vorber. vi.
ungewöhnlich ist zusammenschreibung in fällen wie: das der pfaff stillschwige Val. Schumann
nachtbüchl. 262
Bolte; bei einem der gar stillschweigt Petri
d. Teutschen weiszh. (1604) 2, k 7
a; wan ... sich alle bischöff zuo todt stilschwigent Murner
an d. adel 51
ndr.; dein mund, der stillschweigt Gottsched
schaubühne 4, 59.
es heiszt: ich schweige still;
frühnhd. selten als untrennbares compositum: darzuo er aber stillsweigt Berthold v. Chiemsee
teutsch theol. 62
Reithm.; die junge frawe ... stille schweige Arigo
decam. 79, 11
Keller. über das nebeneinander von stille
und still
s. das zu still,
adj., sp. 2939
gesagte. 11) stillschweigen
hat im wesentlichen nur die bedeutung '
nicht reden, nicht sprechen' (
das schriftliche '
nicht reden'
eingeschlossen; s. auch unten 3
und 6 b,
und unter stillschweigen,
n., 1 c), '
nicht singen': drî tugende sint in dem lande, swer der eine kan begân der soll stille swîgen, und sol die merkære lân reden swaz in gevalle Meinloh v. Sevelingen
in: minnesangs frühl. 14, 15; do swigen si alle gemeine stille sam die steine
mhd. erz. III,
nr. 81, 54
Rosenh.; den podagramischen würd das dantzen erleiden, die stummen werden stillschweigen Fischart
praktik 28
ndr.; ach junger knab, dein bit las ab! du bist mir viel zu wilde. und wenn ich thet nach deiner beth ich fürcht, du schweigst nicht stille
bergreihen 60, 21
ndr.: (
wer) ein tüchtigs liedchen singen wil, der sey von ... hohen sinnen, wo nicht, so schweig er lieber still Neumark
fortgepfl. musik. poet. lustw. (1657) 1, 221; doch gleichwol will ich, weil ich noch hier trage dieses leibes joch, auch nicht gar stille schweigen: mein hertze soll sich fort und fort an diesem und an allem ort zu deinem lobe neigen Paul Gerhardt
bei Fischer-Tümpel 3, 399
b; aber das volk fühlt nur desto mehr, je tiefer es stillschweigt A. v. Haller
Alfred (1773) 139; nun habe ich so lange stille geschwiegen Lichtenberg
br. 1, 1
L.-Sch.; lernt, o menschen, die schwerste klugheit, stille zu schweigen Herder 26, 39
S.; wenn ich (
in den werken) nichts zu sagen hätte, als was den leuten gefiele, so schwiege ich gewisz ganz und gar stille Göthe IV 29, 198
W.; wir schwiegen still, die dieser trauerfall am nächsten trifft Schiller 8, 59
G.; was sollte er thun? sollte er warten und stillschweigen? dann kam vielleicht ein anderer und nahm sie weg
M. Meyr
erz. a. d. Ries (1868) 1, 201;
vom tier: eine gansz legt eyn grosz ey und schweigt stille, ein huhn kakelt viel bey dem kleinen Petri
d. Teutschen weiszh. (1604) 2, v 1
b. 22)
eine variation der bedeutung kann dadurch entstehen, dasz das nichtanfangen oder das aufhören des sprechens gemeint ist. — '
nicht antworten auf eine vorangehende anrede': der übermüete Hagne den vrouwen (
den meerfrauen) dô neic: er en reite niht mêre, wan daz er stille sweic
Nibelungen 1489, 2
L.; gegen ir gruze si stille swigen, si taten nicht wan daz si nigen schone und zuchtichliche Gundacker v. Judenburg
Christi hort 3539; gegen ir aller red si stille swigen wan daz si mit zuhten nigen 3515; (
Kaiphas zu Jesus) war umb nút antwurtest du umb das sú dich zihent nu? Jhesus swaig gar stille do schweizer Wernher
Marienleben 9055
P.; do Christus von seinen jungern gefragt wardt, schwig er still Chr. Scheurl
briefbuch 2, 169
v. Soden. — '
aufhören zu sprechen', '
im sprechen inne halten': darumb ... gebt in guetz genueg, das sy styl schweygen
altdt. passionssp. a. Tirol 249
Wackernell; darumb so schweigen jetzundt alle still, dasz argument der bringen will
Endinger Judenspiel 20
ndr.; dasz er auch ... mitten in seiner erzehlung stille schwieg Chr. Reuter
Schelmuffsky vollst. 19
ndr.; sie schwieg eine zeitlang stille, dann fuhr sie fort (
im erzählen) Göthe 22, 101
W.; nach diesen worten schwieg urgockel still Cl. Brentano
ges. schr. (1852) 5, 77.
besonders deutlich beim imperativ schweig(t) still, '
hör(
t)
auf zu reden': swich stille! ik wil dy nicht mer horen
mnd. imitatio Christi 62, 21
Hagen; nun hörend zuo und schwygend still
schweiz. schauspiele d. 16. jhs. 1, 17
Bächtold; schweig stille! du bist des todes Schiller 12, 39
G. —
vom aufhören der musik (
s. schweigen
teil 9,
sp. 2429): do hiesz Herodes swîgen mit tamburn, harpfen, gîgen die gernden all stille dur ainer tohter willen
d. sœlden hort 2815; die musik schwieg im augenblick stille H. A. v. Ziegler
d. asiat. Banise (1689) 259. 33)
eine andere variation besteht darin, dasz gelegentlich weniger das '
nicht sprechen'
gemeint ist als das '
sich nicht äuszern'
zu etwas, dasz jemand seine meinung über etwas nicht sagt (
auch schriftlich),
oder nicht richtig sagt, indem er etwas '
verschweigt'
oder '
übergeht' (
s. auch unter 6 b).
die ursache für diesen gebrauch liegt darin, dasz in der neuzeit die sprache immer stärker von einer gesprochenen zu einer geschriebenen und das hören vom lesen verdrängt wird (
vgl. stillschweigen,
n., 1 c): solang solche ignoranten still schweigen, helt man etwas von ihnen Äg. Albertinus
Lucifers königreich 103, 21
v. Liliencron; diesz freche landt ... wo man auf nichts mehr denkt, als wie man stehlen will, wo alles mich verdreuszt: wo — doch ich schweige still B. Neukirch
ged. (1744) 164; da die philosophen noch immer stille schwiegen und ein so nützlich und nöthig werck vollends zu stande zu bringen vieler ursachen wegen verweileten Chr. Thomasius
ernsth. ged. u. erinn. (1720) 2, 172; sie haben freilich ursach, die lex talionis jetzt auszuüben, da wir ehedem so unverantwortlich still schwiegen, als ob in Kassel keine tinte mehr zu haben wäre G. Forster
s. schr. (1843) 7, 200; (
es) theile sich der senat in drei klassen: solcher die dafür seien, solcher die dagegen seien und solcher die stillschwiegen Mommsen
röm. gesch. (1874) 2, 116. 44)
in religiöser sprache '
geduldig sein, nicht aufbegehren'
; vgl. etwa still sein zu gott,
u. s. w. oben sp. 2953: liebes kint, swig stille und nim von gotte das du dich do an bekennest. wan hettest du vil geduld bewiset, dir mOechte ein hoch gemte dar ab sin komen Tauler
pred. 219, 11
V.; nu lide dich und la dich und bucke und swig stille und sprich inwendig: lieber herre, du weist wol, ich enmeine nút denne dich 265, 22
V.; mit menschen führet gott sein spiel wie ers nur will, ich schweige still Abr. a
s. Clara
etwas für alle 2 (1711) 76; wenn sich mein feind erregt und mir viel dampfs anlegt, so wil ich stille schweigen Paul Gerhard
bei Fischer Tümpel 3, 316. 55)
von inneren stimmen und regungen (
vgl. schweigen
teil 9, 2430): also mus auch der gute Abraham ynn seinen letzten tagen ein weib nemen, allein darümb, das er (
gott) uns zu narren mache, das die hur die vernunfft stillschweige Luther 24, 428
W.; und vor dem willen schweigt die willkür stille Göthe I 3, 96
W.; schweig stille, mein herze Mörike
w. 1, 62
Göschen. 66)
syntaktische fügungen. 6@aa)
mhd. einer mære, rede stille swîgen, '
aufhören mit einer erzählung': dirre mære swîget stille Wolfram
Willehalm 293, 9
L.; der reden swîget stille bruder Hermann
Jolande 16, 1270
J. Meier; damit er seiner red schweig still
Teuerdank 13, 73
Goedeke; lieber eydgnosz, der red schweig still Gengenbach 10
Goedeke. —
mit acc., mhd. und frühnhd. heute: von, zu etwas stillschweigen (
s. unter b): unvrôide beide und ôich den zorn sy dâden stille swîgen bruder Hermann
Jolande 49, 4117
J. Meier; dorumb wir ettlich zitt unt tag still schwigen disse grosse klag Th. Murner
entehrung Mariae 245
Klassert; was du wilt haben, dasz dein freund von dir verschweigen soll, das schweige zuvor still Lehman
floril. polit. (1662) 1, 220. —
mit gen. der sache: einer sache still schweigen (
s. schweigen
teil 9,
sp. 2426): der herr ... schweygt des tauffs stille Luther 10, 3, 142, 27
W. —
mit dativ: einem stillschweigen (
s. schweigen
sp. 2427): eines hündleins grabschrifft. den buhlern schwieg ich still, anbellend nur die dieb, darumb hatt herr und fraw mich lieb Weckherlin
ged. 2, 426
lit. ver. 6@bb)
präpositionale wendungen. zu etwas stillschweigen, '
zu einer sache, einem zustand, einer begebenheit sich nicht äuszern',
seine meinung darüber nicht sagen, eine sache übergehen, besonders in dem sinne '
etwas nicht rügen, tadeln' (
vgl. auch oben 3): dar zu (
zu den vergehungen einer frau) sweig er stille und wolte si nit gern melden H. Seuse
dt. schr. 119, 13
Bihlm.; er sprach: mueter, es ist mein will, das wir darzu sweygen still Seifrit
Alexander 749
Gereke; demselben fürsten ist solhes unverporgen. darzuo er aber stillsweigt, und wer sweigt, der bekent Berthold v. Chiemsee
t. theol. 62
Reithm.; geh hin! schweig zu den sachen still Hans Sachs 2, 45
Keller; alldieweyl die bischoff zuo sölchem mochten zusehen und stillschweygen Stumpf
Schweizerchron. (1606) 220
a; solche ungerechtigkeitten machen einem das leben satt, man musz dazu stillschweygen undt darff nichts sagen Elis.-Charlotte v. Orleans
briefe 203
Menzel; ich hab still geschwiegen zu allen schweren thaten, die ich sah Schiller 14, 362
G. — '
sich fügen', '
etwas schweigend dulden' (
s. oben 4): und sind wir gottes eigen, so laszt uns stille schweigen zu allem, was er thut H. Albert
bei Fischer Tümpel 3, 50; derweylen wil ich lieber still zu aller straffe schweigen Simon Dach 154
lit. ver. von etwas stillschweigen, '
etwas nicht erwähnen', '
sich über etwas nicht äuszern' (
mündlich oder schriftlich),
etwas beim reden, schreiben übergehen, auslassen (
s. oben 3): was im nicht dienet, das lest er auszen und schweigt stille darvon
theatr. diabol. (1569) 40
b; wer nur fremde strafft und von desz gemeinen mans sünd stillschweigt, der ist bey ihnen der beste prediger Petri
d. Teutschen weiszh. (1604) 1, g 4
a; (
ein ideal) wovon herr Warton nicht für gut gefunden hat, etwas zu erwähnen, so wie auch ... ihr Meinhard ganz davon stilleschweigt Gerstenberg
schlesw. litteraturbr. 4, 40
lit.-denkm.; ihr reichthum ist es nicht, von dem ich schreiben will, weil solcher oftermals vergüldten angeln gleichet, so schweig ich jetzund auch von ihrem stande still, obgleich des vaters ruhm auch ihr zum ruhm gereichet
bei Weichmann
poesie d. Niedersachsen (1721) 4, 223; denn Vitruw schweigt davon still A. G. Kästner
verm. schr. (1753) 1, 120.
vgl. noch: drob schwieg der jung frech kauffman stil Hans Sachs 21, 278
K.-G.