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schüchtern

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DWB
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Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)

schüchtern adj.

Bd. 15, Sp. 1824
schüchtern, adj. timidus, pavidus, zuerst auf nd. und md. sprachgebiet bezeugt, schuchteren Schiller-Lübben 4, 144a, schuchtern, stupidus (vom pferde) Trochus G 6b (von 1517), schüchter bei Luther (s. die belege), der auch die form schochter gebraucht (s. dies oben sp. 1430), schuochter, schüchter, trepidus Alberus dict. bei Weigand4 2, 646. die form ohne n, die nach den belegen im hd. des 16. jh. die häufigere zu sein scheint, hält sich bis in den anfang des 18. jh.; schüchteren, schüchter hat noch Kramer deutsch - ital. dict. 2 (1702), 672a, schuchter, schüchter Wachter 1740. Corvinus fons lat. (1660) bietet exsternare, scheuch oder schüchtern machen 1, 632a, Schottel hat schuchtern, exsternatus 1410 (so noch heute landschaftlich Frischbier 2, 319b), Stieler schüchtern 1766, ebenso Steinbach 2, 518, Frisch 2, 175b, Adelung und Campe. am nächsten stehen dem worte der bildung nach wahrscheinlich formen wie nd. arbeidern, laboriosus, früchtern, timidus (für fürchtern), merkern, attentus, schemern, verecundus, schlüchtern, unordentlich (vereinzelt auch hochd., s. oben sp. 796), delgern, verthuend u. ähnl. gramm. 2, 975 neudruck und das von Luther in die schriftsprache eingeführte lüstern (s. dies oben theil 6, 1332). es liegt nahe, das n dieser bildungen für unorganisch zu halten und aus den obliquen casus zu erklären (vgl. oben lüstern a. a. o.), so dasz die veraltete form schüchter als die historisch berechtigte zu gelten hätte. es würden sich dann diesen bildungen neben verben stehende adjectiva wie lecker, schwanger, wacker, mhd. kleber, klebrig, slipfer, slupfer, schlüpfrig und weiter auch hager, heiser, locker u. ähnl. vergleichen lassen. s. die zusammenstellung dieser wörter bei Wilmanns gr. 2, § 322. auffällig bliebe aber, dasz solche adj., auch soweit sie nd. bezeugt sind, kein unorganisches n entwickeln, weshalb schuchtern, lüstern u. s. w. gramm. 2, 338 u. 1003 (321 u. 975 neudruck) als ableitungen mit -rn aufgeführt sind. dort wird für die nd. bildungen vermutet, dasz sie aus compositis mit -gërn (begierig) entstellt seien, was selbstverständlich nur für einige zutrifft wie arbeidern, die dann aber die muster für andere abgegeben haben könnten. denkbar wäre auch eine auffassung einiger als part. präs. zu verben auf -ern, zu denen die andern analogiebildungen wären. so stehen neben lüstern, schlüchtern und schüchtern gleichlautende verben. das verb. schüchtern müszte dann wol intransitiv gefaszt werden (s. dies 1, b). das part. präs. verliert im niederd. häufig das d Lübben mnd. gramm. § 33. die form schüchter wäre in diesem falle spätere analogiebildung zu lecker u. s. w. wie geluster, m. neben lüstern (s. dies oben a. a. o.), so erscheint neben schüchtern auch ein sinnentsprechendes substantiv schüchter, m. (s. dies). der stamm schucht- tritt wie lust- in lustbar, lustig, lüstig (s. diese oben theil 6, 1327. 1339) hervor in schüchtbar, schüchtig, mit dem trotz des auffallend verschiedenen vocals vielleicht das mhd. scihtîg zusammengestellt werden darf (s. diese). dem subst. lust, das nach dem oben theil 6, 1314 ausgeführten als ableitung mit t anzusehen ist, entspricht hier anscheinend keine substantivische form. eng verwandt in der bildung ist ihm aber wol das westf. adj. schücht, scheu Woeste 233a. durch diese entsprechungen wird die schon von Stieler 1766 versuchte zusammenstellung des worts mit scheu (alter stamm skiuh) gestützt, vgl. dazu noch scheuchter oben theil 8, 2613. nominale bildungen auf -t und -ter stehen auch sonst neben einander, so mittelengl. last neben laster, wert, wört neben werder Wilmanns gr. 2, 219, 2 anm. 3. nd. verben auf -tern zeigen auch in andern fällen verwandtschaft mit stämmen ohne t, so jachtern mit jach oder jagen, daneben juchtern (ablautsbildung oder mit juch! interjection verwandt? s. diese oben theil 4, 2, 2199. 2346), bluchtern, blugtern, traurige nachrichten lärmend ausbreiten und andere damit erschrecken. brem. wörterb. 1, 705, das dort wol mit recht zu blug, bleug timidus (s. dies oben theil 2, 113) gestellt wird, setzen aber wahrscheinlich nominale bildungen mit t voraus. die bedeutungsentfaltung ähnelt der von scheu adj. und subst. 11) furchtsam, zaghaft. 1@aa) in älterer sprache durchweg auf starke furcht vor gefahr bezogen, besonders sofern sie sich lebhaft äuszert, zunächst wol eine vorübergehende erregung, dann auch eine dauernde eigenschaft, neigung meinend. 1@a@aα) von thieren: on das so ist es (das schaf) von natur auch schüchter, flüchtig, und jrrsam. Luther 6, 338a; ja sie (die gluckhühner) lassen ihr leib und leben bei ihnen (den jungen) ob sie gleich sonsten ein schüchter (ausg. von 1620 schüchtig) flüchtig ding sein. Colerus hausbuch (1640) 374; schüchterne pferde, equi exsternati Stieler 1766; er macht das pferd schüchtern, equum consternat Steinbach 2, 518; ein schüchternes reh Adelung; (der bettler) rief gar laut so unbedacht: damit das wildt ward schüchtern gmacht, und lieff zu holtz in voller brunst. Waldis Esop 4, 80, 96 Kurz; in vergleichen: die sehnsucht jaget mich so wie ein schüchtern wild. Günther 267; mit beeinflussung durch die unter b erwähnte bedeutung: gleich schüchternen tauben am gange. Voss bei Campe. 1@a@bβ) so auch von bewegungen der thiere, die furchtsamkeit erkennen lassen: niemals kann auch ein vogel vorbei fliehn, nie auch die tauben schüchternen flugs, die dem Zeus ambrosia bringen, dem vater. Od. 12, 62. 1@a@gγ) von personen: wie die Sara Abraham gehorsam war, und hies jn herr, welcher töchter jr worden seid, so jr wolthut, und nicht so schüchter seid. 1 Petr. 3, 6 (lesart: euch nicht furcht, griech. μὴ φοβούμεναι μηδεμίαν πτόησιν); so bald er (der mensch) gott höret nennen, so wird er schew und schüchter. Luther 6, 183b; und wenn solches geschehen ist, werden wir für jhm (Christus) ja so forchtsam und schüchter, als für dem teufel selbst. tischr. (1568) 204a; meine eltern haben mich gar hart gehalten, das ich auch drüber gar schüchtern wurde. 325a; wenn jr dem wort glaubet, so werdt jr gewisz stehen, one zweifel sein, werdt nit wancken oder pampeln, jr werdt nit schüchter und flüchtig sein. Mathesius Sar. 52a; einen schüchtern machen, spaventare, schrecken Kramer deutsch - ital. dict. 2 (1702), 672a; allein der ganz unglückliche schnee, welcher seit einigen tagen hier gefallen, und der die wege so unpraktikabel macht, dasz verschiedene posten weder gekommen noch abgegangen sind, hat meinen reisegefährten schüchtern gemacht, und jedermann räth mir, mich nicht der gefahr auszusetzen, unter wegens liegen bleiben zu müssen. Lessing 12, 246. 1@a@dδ) ebenso vom menschlichen inneren, vom empfinden: mein seel ist schüchter, unnd voller schrecken unnd zittern, meiner grossen sünde halber. Mathesius 130. psalm (1565) B 4a (nach ps. 6, 4, bei Luther seer erschrocken); so man jhm (Cain), als einem der ein bösz und schüchter gewissen hatte, nach leib und leben trachten würde. Sar. 8. 1@a@eε) in adverbialer fügung: Hollant ginck mit den synen schuchteren uppe der strate unde drogen latten. d. städtechr. 16, 382, 30 (Braunschweig anfang des 16. jahrh.). 1@bb) neuerdings mehr in milderem sinne mit bezug auf zaghatfe unsicherheit, blöde befangenheit, furcht vor miszerfolg, miszachtung, miszdeutung. 1@b@aα) von personen, vielleicht schon so in der folgenden stelle: dem vollen ist nicht wie dem nüchtern, ein trunckner jauchtzt, nüchtern ist schüchtern. Kirchhof wendunm. 3, 10 Österley; später allgemein: was freu ich mich nicht deiner, süszes mädchen! sey so beklemmt nur nicht! so angst! so schüchtern! Lessing 2, 345; in der burg des azeidischen Aktor stieg sie einst in den söller empor, die schüchterne jungfrau, hin zum gewaltigen Ares und sank in geheimer umarmung. Voss Il. 2, 514; aber ungern seh' ich den jüngling, der immer so thätig mir in dem hause sich regt, nach auszen langsam und schüchtern. Göthe 40, 243. selten so mit vor und dativ der person verbunden: ich hatt' mir im gestrigen sturm eine sclavin erbeutet, so schön, dasz ich schüchtern vor ihr ward, und sie nicht anzurühren wagte. Hebbel (1891) 1, 12. schüchtern sein in, bei etwas: wer daher in bestreitung aller arten von vorurtheilen niemals schüchtern, niemals lasz zu werden wünschet, der besiege ja dieses vorurtheil zuerst, dasz die eindrücke unserer kindheit nicht zu vernichten wären. Lessing 8, 336; das gewicht des zweckes, den ich beabsichtige, macht mich schüchtern bei der wahl. Kleist briefe an seine braut 6. 1@b@bβ) vom empfinden, benehmen, handeln: wie fängt man es an, dasz sich die vernunft hierüber selbst verstehe und aus dem schwankenden zustande eines schüchternen und immer wiederum zurückgenommenen beifalls zur ruhigen einsicht gelange? Kant 2, 472; mit der schüchternsten bescheidenheit nahm sie den trauring von meiner hand. Schiller räuber schauspiel 3, 2; zu einer guten kopie der natur gehört beides, eine edelmüthige kühnheit, ihr mark auszusaugen, und ihre schwungkraft zu erreichen, aber zugleich auch eine schüchterne blödigkeit, um die grassen züge, die sie sich in groszen wandstücken erlaubt, bei miniaturgemälden zu mindern. schriften 2, 344; Albano fand in diesem fremdlinge den ersten menschen, der sein ganzes herz mit gleichen tönen erwiderte, das erste auge, das seine schüchternen gefühle nicht flohen. J. Paul Tit. 2, 114. ähnlich von mienen, blicken: doch da sie sich, mit einigen schüchternen blicken auf sein antlitz, erholt. H. v. Kleist 3, 9 Hempel (Käthchen 1, 1). 1@b@gγ) auf persönlich gedachte dinge übertragen: (im bilde) wo die ros' (die geliebte) ist erschienen, neigt sich ein ganzes blumengefild. blick' mit huld auf jasminen, sprich mit schüchternen veilchen mild! Rückert (1841) 350. 1@b@dδ) in adverbialer fügung: Herrmann tritt schüchtern herein. Schiller räuber schauspiel 3, 1; seelenwort sey ihre rede; schüchtern blicke sie, nicht spröde, nicht mit falscher scham um sich, und ihr herz erkenne dich. Götting. musenatm. von 1774 162; geschieht's, dasz wir uns öffentlich begegnen, schüchtern, mit unterwerfung nahst du mir. Schiller don Carlos 2, 4; ach! was in tiefer brust uns da entsprungen, was sich die lippe schüchtern vorgelallt, miszrathen jetzt und jetzt vielleicht gelungen, verschlingt des wilden augenblicks gewalt. Göthe 12, 10. 1@cc) wie 'blöde' in anderem sinne, vom gesicht: mein gesicht ist etwas schüchter bey dem glantz so vieler lichter. Chr. Gryphius (1718) 1, 40. 22) furcht einflöszend, wild, erregt. 2@aa) am nächsten steht dem vorigen gebrauche der von wildgewordenen thieren, wie er in der folgenden gnomischen wendung hervortritt: es wird der hund so oft uber die nasen geschlagen, er wird einmal schuchtern. Luther briefe 1, 445. der heutigen schriftsprache ist diese anwendung fremd, mundarten kennen sie aber noch, so düringisch eine schüchterne kuh, eine wildgewordene oder zur wildheit neigende. 2@bb) in freierem gebrauch, wie 'fürchterlich': die unermeszlichen klüfte (der alpen) kommen denen, die sie nicht gewohnt sind, schüchter vor. Altmann bei Adelung.
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Lautwandel-Kette

Von der indoeuropäischen Wurzel bis zur Mundart

Pro Sprachstufe der prominenteste Beleg. Klick auf eine Form öffnet das Wörterbuch.

  1. 15.–20. Jh.
    Neuhochdeutsch
    Schüchtern

    Adelung (1793–1801) · +4 Parallelbelege

    Schüchtern , -er, -ste, adj. et adv. 1) * In thätigem Verstande, Scheu und Furcht erweckend, furchtbar, fürchterlich; ei…

  2. 18./19. Jh.
    Goethe-Zeit
    schüchtern

    Goethe-Wörterbuch

    schüchtern subst 4,191,51 a scheu, ängstlich, furchtsam; einmal in scherzh-oxymoronartiger Verwendung; vereinzelt als Ep…

  3. modern
    Dialekt
    schüchternAdj.

    Mecklenburgisches Wb. · +4 Parallelbelege

    schüchtern Adj. verschüchtert, ängstlich: ick wir ganz schüchtern worden Schw Zitt ; dor warden de Mähren schüchtern Wa …

  4. Sprichwörter
    Schüchtern

    Wander (Sprichwörter)

    Schüchtern 1. Schüchtern bleibt nüchtern. Engl. : His bashful mind hinders his good intent. ( Bohn II, 49. ) Holl. : Den…

  5. Spezial
    schüchtern

    Deutsch-Ladinisch (Mischí) · +1 Parallelbeleg

    schüch|tern adj. 1 (scheu) spau (spaui, spauia) 2 (verschämt) dodus (-sc, dodosa), che se doda. ▬ schüchtern er Mensch s…

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Wortbildung

Komposita & Ableitungen mit schuechtern

4 Bildungen · 1 Erstglied · 1 Zweitglied · 2 Ableitungen

Zerlegung von schuechtern 2 Komponenten

schuech+tern

schuechtern setzt sich aus 2 eigenständigen Lemmata zusammen. Die Klammerung zeigt die Hierarchie der Komposition; Klick auf einen Bestandteil öffnet seine Etymologie.

schuechtern‑ als Erstglied (1 von 1)

schüchternheit

DWB

schuech·ternheit

schüchternheit , f. das schüchtern sein Adelung, der veralteten nebenform entsprechend bei Stieler schüchterheit: schüchter, der, et schücht…

schuechtern als Zweitglied (1 von 1)

verschüchtern

DWB

ver·schuechtern

verschüchtern , verb. , das wort ist wie schüchtern ( th. 9, sp. 1824) aus dem nd. ins hochd. gedrungen; im mnd bedeutet vorschuchteren, aus…

Ableitungen von schuechtern (2 von 2)

entschüchtern

DWB

entschüchtern , timiditate absolvere: die junge, gute nach und nach entschüchterte frau. Göthe 30, 7 .

verschüchtern

DWB

verschüchtern , verb. , das wort ist wie schüchtern ( th. 9, sp. 1824) aus dem nd. ins hochd. gedrungen; im mnd bedeutet vorschuchteren, aus…