schüchtern,
adj. timidus, pavidus, zuerst auf nd. und md. sprachgebiet bezeugt, schuchteren Schiller-Lübben 4, 144
a, schuchtern,
stupidus (
vom pferde) Trochus G 6
b (
von 1517), schüchter
bei Luther (
s. die belege), der auch die form schochter
gebraucht (
s. dies oben sp. 1430), schuochter, schüchter,
trepidus Alberus
dict. bei Weigand
4 2, 646.
die form ohne n,
die nach den belegen im hd. des 16.
jh. die häufigere zu sein scheint, hält sich bis in den anfang des 18.
jh.; schüchteren, schüchter
hat noch Kramer
deutsch - ital. dict. 2 (1702), 672
a, schuchter, schüchter Wachter 1740. Corvinus
fons lat. (1660)
bietet exsternare, scheuch oder schüchtern machen 1, 632
a, Schottel
hat schuchtern,
exsternatus 1410 (
so noch heute landschaftlich Frischbier 2, 319
b), Stieler schüchtern 1766,
ebenso Steinbach 2, 518, Frisch 2, 175
b, Adelung
und Campe.
am nächsten stehen dem worte der bildung nach wahrscheinlich formen wie nd. arbeidern,
laboriosus, früchtern,
timidus (
für fürchtern), merkern,
attentus, schemern,
verecundus, schlüchtern,
unordentlich (
vereinzelt auch hochd., s. oben sp. 796), delgern,
verthuend u. ähnl. gramm. 2, 975
neudruck und das von Luther
in die schriftsprache eingeführte lüstern (
s. dies oben theil 6, 1332).
es liegt nahe, das n
dieser bildungen für unorganisch zu halten und aus den obliquen casus zu erklären (
vgl. oben lüstern
a. a. o.),
so dasz die veraltete form schüchter
als die historisch berechtigte zu gelten hätte. es würden sich dann diesen bildungen neben verben stehende adjectiva wie lecker, schwanger, wacker,
mhd. kleber,
klebrig, slipfer, slupfer,
schlüpfrig und weiter auch hager, heiser, locker
u. ähnl. vergleichen lassen. s. die zusammenstellung dieser wörter bei Wilmanns
gr. 2, § 322.
auffällig bliebe aber, dasz solche adj., auch soweit sie nd. bezeugt sind, kein unorganisches n
entwickeln, weshalb schuchtern, lüstern
u. s. w. gramm. 2, 338
u. 1003 (321
u. 975
neudruck)
als ableitungen mit -rn
aufgeführt sind. dort wird für die nd. bildungen vermutet, dasz sie aus compositis mit -gërn (
begierig)
entstellt seien, was selbstverständlich nur für einige zutrifft wie arbeidern,
die dann aber die muster für andere abgegeben haben könnten. denkbar wäre auch eine auffassung einiger als part. präs. zu verben auf -ern,
zu denen die andern analogiebildungen wären. so stehen neben lüstern, schlüchtern
und schüchtern
gleichlautende verben. das verb. schüchtern
müszte dann wol intransitiv gefaszt werden (
s. dies 1,
b).
das part. präs. verliert im niederd. häufig das d Lübben
mnd. gramm. § 33.
die form schüchter
wäre in diesem falle spätere analogiebildung zu lecker
u. s. w. wie geluster,
m. neben lüstern (
s. dies oben a. a. o.),
so erscheint neben schüchtern
auch ein sinnentsprechendes substantiv schüchter,
m. (
s. dies).
der stamm schucht-
tritt wie lust-
in lustbar, lustig, lüstig (
s. diese oben theil 6, 1327. 1339)
hervor in schüchtbar, schüchtig,
mit dem trotz des auffallend verschiedenen vocals vielleicht das mhd. scihtîg
zusammengestellt werden darf (
s. diese).
dem subst. lust,
das nach dem oben theil 6, 1314
ausgeführten als ableitung mit t
anzusehen ist, entspricht hier anscheinend keine substantivische form. eng verwandt in der bildung ist ihm aber wol das westf. adj. schücht,
scheu Woeste 233
a.
durch diese entsprechungen wird die schon von Stieler 1766
versuchte zusammenstellung des worts mit scheu (
alter stamm skiuh)
gestützt, vgl. dazu noch scheuchter
oben theil 8, 2613.
nominale bildungen auf -t
und -ter
stehen auch sonst neben einander, so mittelengl. last
neben laster, wert, wört
neben werder Wilmanns
gr. 2, 219, 2
anm. 3.
nd. verben auf -tern
zeigen auch in andern fällen verwandtschaft mit stämmen ohne t,
so jachtern
mit jach
oder jagen,
daneben juchtern (
ablautsbildung oder mit juch!
interjection verwandt? s. diese oben theil 4, 2, 2199. 2346), bluchtern, blugtern,
traurige nachrichten lärmend ausbreiten und andere damit erschrecken. brem. wörterb. 1, 705,
das dort wol mit recht zu blug, bleug
timidus (
s. dies oben theil 2, 113)
gestellt wird, setzen aber wahrscheinlich nominale bildungen mit t
voraus. die bedeutungsentfaltung ähnelt der von scheu
adj. und subst. 11)
furchtsam, zaghaft. 1@aa)
in älterer sprache durchweg auf starke furcht vor gefahr bezogen, besonders sofern sie sich lebhaft äuszert, zunächst wol eine vorübergehende erregung, dann auch eine dauernde eigenschaft, neigung meinend. 1@a@aα)
von thieren: on das so ist es (
das schaf) von natur auch schüchter, flüchtig, und jrrsam. Luther 6, 338
a; ja sie (
die gluckhühner) lassen ihr leib und leben bei ihnen (
den jungen) ob sie gleich sonsten ein schüchter (
ausg. von 1620 schüchtig) flüchtig ding sein. Colerus
hausbuch (1640) 374; schüchterne pferde,
equi exsternati Stieler 1766; er macht das pferd schüchtern,
equum consternat Steinbach 2, 518; ein schüchternes reh Adelung; (
der bettler) rief gar laut so unbedacht: damit das wildt ward schüchtern gmacht, und lieff zu holtz in voller brunst. Waldis
Esop 4, 80, 96
Kurz; in vergleichen: die sehnsucht jaget mich so wie ein schüchtern wild. Günther 267;
mit beeinflussung durch die unter b erwähnte bedeutung: gleich schüchternen tauben am gange. Voss
bei Campe. 1@a@bβ)
so auch von bewegungen der thiere, die furchtsamkeit erkennen lassen: niemals kann auch ein vogel vorbei fliehn, nie auch die tauben schüchternen flugs, die dem Zeus ambrosia bringen, dem vater.
Od. 12, 62. 1@a@gγ)
von personen: wie die Sara Abraham gehorsam war, und hies jn herr, welcher töchter jr worden seid, so jr wolthut, und nicht so schüchter seid. 1
Petr. 3, 6 (
lesart: euch nicht furcht,
griech. μὴ φοβούμεναι μηδεμίαν πτόησιν); so bald er (
der mensch) gott höret nennen, so wird er schew und schüchter. Luther 6, 183
b; und wenn solches geschehen ist, werden wir für jhm (
Christus) ja so forchtsam und schüchter, als für dem teufel selbst.
tischr. (1568) 204
a; meine eltern haben mich gar hart gehalten, das ich auch drüber gar schüchtern wurde. 325
a; wenn jr dem wort glaubet, so werdt jr gewisz stehen, one zweifel sein, werdt nit wancken oder pampeln, jr werdt nit schüchter und flüchtig sein. Mathesius
Sar. 52
a; einen schüchtern machen,
spaventare, schrecken Kramer
deutsch - ital. dict. 2 (1702), 672
a; allein der ganz unglückliche schnee, welcher seit einigen tagen hier gefallen, und der die wege so unpraktikabel macht, dasz verschiedene posten weder gekommen noch abgegangen sind, hat meinen reisegefährten schüchtern gemacht, und jedermann räth mir, mich nicht der gefahr auszusetzen, unter wegens liegen bleiben zu müssen. Lessing 12, 246. 1@a@dδ)
ebenso vom menschlichen inneren, vom empfinden: mein seel ist schüchter, unnd voller schrecken unnd zittern, meiner grossen sünde halber. Mathesius 130.
psalm (1565) B 4
a (
nach ps. 6, 4,
bei Luther seer erschrocken); so man jhm (
Cain), als einem der ein bösz und schüchter gewissen hatte, nach leib und leben trachten würde.
Sar. 8. 1@a@eε)
in adverbialer fügung: Hollant ginck mit den synen schuchteren uppe der strate unde drogen latten.
d. städtechr. 16, 382, 30 (
Braunschweig anfang des 16.
jahrh.). 1@bb)
neuerdings mehr in milderem sinne mit bezug auf zaghatfe unsicherheit, blöde befangenheit, furcht vor miszerfolg, miszachtung, miszdeutung. 1@b@aα)
von personen, vielleicht schon so in der folgenden stelle: dem vollen ist nicht wie dem nüchtern, ein trunckner jauchtzt, nüchtern ist schüchtern. Kirchhof
wendunm. 3, 10
Österley; später allgemein: was freu ich mich nicht deiner, süszes mädchen! sey so beklemmt nur nicht! so angst! so schüchtern! Lessing 2, 345; in der burg des azeidischen Aktor stieg sie einst in den söller empor, die schüchterne jungfrau, hin zum gewaltigen Ares und sank in geheimer umarmung. Voss
Il. 2, 514; aber ungern seh' ich den jüngling, der immer so thätig mir in dem hause sich regt, nach auszen langsam und schüchtern. Göthe 40, 243.
selten so mit vor
und dativ der person verbunden: ich hatt' mir im gestrigen sturm eine sclavin erbeutet, so schön, dasz ich schüchtern vor ihr ward, und sie nicht anzurühren wagte. Hebbel (1891) 1, 12. schüchtern sein in, bei etwas: wer daher in bestreitung aller arten von vorurtheilen niemals schüchtern, niemals lasz zu werden wünschet, der besiege ja dieses vorurtheil zuerst, dasz die eindrücke unserer kindheit nicht zu vernichten wären. Lessing 8, 336; das gewicht des zweckes, den ich beabsichtige, macht mich schüchtern bei der wahl. Kleist
briefe an seine braut 6. 1@b@bβ)
vom empfinden, benehmen, handeln: wie fängt man es an, dasz sich die vernunft hierüber selbst verstehe und aus dem schwankenden zustande eines schüchternen und immer wiederum zurückgenommenen beifalls zur ruhigen einsicht gelange? Kant 2, 472; mit der schüchternsten bescheidenheit nahm sie den trauring von meiner hand. Schiller
räuber schauspiel 3, 2; zu einer guten kopie der natur gehört beides, eine edelmüthige kühnheit, ihr mark auszusaugen, und ihre schwungkraft zu erreichen, aber zugleich auch eine schüchterne blödigkeit, um die grassen züge, die sie sich in groszen wandstücken erlaubt, bei miniaturgemälden zu mindern.
schriften 2, 344; Albano fand in diesem fremdlinge den ersten menschen, der sein ganzes herz mit gleichen tönen erwiderte, das erste auge, das seine schüchternen gefühle nicht flohen. J. Paul
Tit. 2, 114.
ähnlich von mienen, blicken: doch da sie sich, mit einigen schüchternen blicken auf sein antlitz, erholt. H. v. Kleist 3, 9
Hempel (
Käthchen 1, 1). 1@b@gγ)
auf persönlich gedachte dinge übertragen: (
im bilde) wo die ros' (
die geliebte) ist erschienen, neigt sich ein ganzes blumengefild. blick' mit huld auf jasminen, sprich mit schüchternen veilchen mild! Rückert (1841) 350. 1@b@dδ)
in adverbialer fügung: Herrmann tritt schüchtern herein. Schiller
räuber schauspiel 3, 1; seelenwort sey ihre rede; schüchtern blicke sie, nicht spröde, nicht mit falscher scham um sich, und ihr herz erkenne dich.
Götting. musenatm. von 1774 162; geschieht's, dasz wir uns öffentlich begegnen, schüchtern, mit unterwerfung nahst du mir. Schiller
don Carlos 2, 4; ach! was in tiefer brust uns da entsprungen, was sich die lippe schüchtern vorgelallt, miszrathen jetzt und jetzt vielleicht gelungen, verschlingt des wilden augenblicks gewalt. Göthe 12, 10. 1@cc)
wie '
blöde'
in anderem sinne, vom gesicht: mein gesicht ist etwas schüchter bey dem glantz so vieler lichter. Chr. Gryphius (1718) 1, 40. 22)
furcht einflöszend, wild, erregt. 2@aa)
am nächsten steht dem vorigen gebrauche der von wildgewordenen thieren, wie er in der folgenden gnomischen wendung hervortritt: es wird der hund so oft uber die nasen geschlagen, er wird einmal schuchtern. Luther
briefe 1, 445.
der heutigen schriftsprache ist diese anwendung fremd, mundarten kennen sie aber noch, so düringisch eine schüchterne kuh,
eine wildgewordene oder zur wildheit neigende. 2@bb)
in freierem gebrauch, wie '
fürchterlich': die unermeszlichen klüfte (
der alpen) kommen denen, die sie nicht gewohnt sind, schüchter vor. Altmann
bei Adelung.