verschüchtern,
verb. ,
das wort ist wie schüchtern (
th. 9,
sp. 1824)
aus dem nd. ins hochd. gedrungen; im mnd bedeutet vorschuchteren,
auseinander jagen, versprengen, zersprengen, oder in intransitiver anwendung scheu, flüchtig werden, auseinander gesprengt werden. Schiller-Lübben
mnd. wb. 5, 438
a. Stieler 1766
verzeichnet: dicitur etiam verschüchtern,
consternare, inde verschüchtert,
consternatus, pavidus, perculsus. ich bin ganz verschüchtert,
nullius consilii me esse confiteor; noch in der alten bedeutung: verschüchtern,
pavidum et fugacem reddere. Frisch 2, 175
b; Adelung
empfindet noch, dasz das wort sich erst einbürgert: verschüchtern, '
verb. regul. acr. et neutr., im letzteren falle mit dem hülfsworte seyn;
in beyden formen nur in einigen gegenden'. Adelung
kennt noch den intransitiven gebrauch des niederd. verbums. —
das wort ist in der ausgebildeten hochd. schriftsprache durchaus heimisch geworden, hat aber, wie die belege zeigen, allmählich eine einschränkung des sinnes erfahren, die vorstellung des scheuchens ist jetzt fast ganz verloren gegangen, in nd. mundart wird diese bedeutung besser festgehalten. 11)
im älteren niederd. in furcht, schrecken setzen und auseinander jagen, auf menschen und thiere bezogen: die bedeutung des zersprengens tritt dabei gewöhnlich stärker hervor: we den steen werpet mangh de voghele, de vorschuchteret ichte voriaghet se; (
die juden) sint also vorschuchteret also wyt als de werld is; also wart dat gantze heer vorschuchteret.
intransitiv, scheu, erschreckt werden, flüchtig werden: do de perde siner ansichtig worden, do voren se to rugge unde vorschuchterden.
belege bei Schiller-Lübben
mnd. wb. 5, 438
a; de anderen vorschuchterden, dat neymet wuste wur se bleven.
d. städtechron. 16, 402, 2; blift ok en vörste eder vlüt, dat her vorschüchtert, wan it schüt. G. v. Minden 115, 212
Leitzmann. (
ganz noch im alten sinn, der adler spricht:) je länger je feinder ich ihn werd, will sie vertilgen von der erd. wenn sie todt und verschüchtert sein, ein könig bleib ich denn allein. Opel-Cohn
der dreiszigj. krieg 439, 169;
beachtenswert ist die anlehnung an die alte bedeutung des wortes in folgendem späten beleg: also verschüchtert wichen sie nun, und ihnen im rücken brauste der feind, und häuft im felde die blutigen leichen. Pyrker
Tunisias 9, 162;
in der anwendung auf thiere, besonders vögel, bewahrt das verbum besser die alte bedeutung des scheuchens, zersprengens, doch ist auch hier die tendenz da, die wirkung auf das innere hervorzuheben und schlieszlich von dem auszeren vorgang des auseinanderfliehens, des flüchtig werdens ganz abzusehen: für seiner greulichen stimme möchten einem die haare zu berge stehen, und die vögel verschüchtert werden. Olearius
pers. rosenthal 2, 14; nach einem (
kibitz), oder einem paar, wenn mehrere dabey vorhanden sind, ist es nicht rathsam zu rücken, (denn man verschüchtert die andern). Döbei
jägerpract. 2, 232
b (1754). verchüchtern,
verscheuchen. Hupel
idioticon d. deutschen sprache in Lief- und Estland 249; '
die hühner etc. werden schüchtert,
wenn sie aus einem raume fortgescheucht werden, werden aber verschüchtert,
wenn sie sich verfliegen und ihre wohnung nicht wieder auffinden'. Danneil
wb. d. altmärkischplattd. mundart 239
b; de hoinere verschüchtern. Schambach
wb. d. nd. mundart von Göttingen-Grubenhagen 266
a; wie eine verzagte verschüchterte heerde, zusammen gerottet in dem innersten feuerfesten gewölb ihres tempels. B. v. Arnim
tageb. 46 (1835); Apollo im sprung, wie ein verschüchtert füllen blind nach. Arnim
kronenw. 1, 98. 22)
in der entwickelten nhd. schriftsprache ist in der anwendung auf menschen die bedeutung des wortes innerlicher und feiner gefaszt, entsprechend der entwicklung von schüchtern; einen verschüchtern
heiszt ihn scheu und befangen machen, der begriff des scheuchens ist fast stets aufgegeben (
doch vgl. z. b. unten die erste Fauststelle)
; das wirkt natürlich auf die anwendung bei thieren ein. ein früher beleg für diese entwicklung ist: bin verschuchtert wie die eulen, die keynem vogel vertrawt. B. Waldis
ps. 102, 3 (
s. 180
der ausgabe von 1553); hier gestand sie mir mit der liebenswürdigsten naivität, dass sie, durch ihre bisherigen erfahrungen verschüchtert, sehr schwer daran gegangen sey ein so grosses wagestück zu unternehmen. Wieland 8, 378 (
Danischmend 44); dass auch eine viel weniger bescheidene junge person, als Amanda, ein wenig verschüchtert hätte werden mö
gen. 38, 129 (
hexameron, die entzauberung); denn wo neigung und leidenschaft in ihrer eignen kühnen natur hervortreten, geben sie verschüchterten gemüthern muth. Göthe
dichtung u. wahrh. 4, 17 (29, 57
Weim. ausg.); dadurch war dieser, und Rosine noch mehr verschüchtert worden. Tieck 20, 7; leb' wohl, herrlicher, der mich blendet und mich verschüchtert. B. v. Arnim
Göthes briefw. mit einem kinde 1, 157; er quält seine seit jahren tief verschüchterte frau. Gutzkow
ritter vom geist 1, 334; ihr herzlieber gemahl ist ein christlicher mann, der gewisz ihr stets mit vernunft beiwohnt, nie bitter ist, noch sie verschüchtert. Voss
Luise 3, 770 (1795); welch sausen, plätschern wühlt im glatten spiegel? die mädchen fliehn verschüchtert. Göthe
Faust II, 2,
laboratorium (15, 1, 105
Weim. ausg.); es eignet sich, es zeigt sich an, es warnt. und so verschüchtert stehen wir allein.
Faust II, 5,
mitternacht (15, 1, 308); verschüchtert durch den blut'gen ruhm und durch der schlachten glück, flohn zu der seele heiligtum die künste scheu zurück. Körner 1, 54 (
Cotta).
frei: ihr verstummen verschüchtert mir das wort auf meinen lippen. Mörike
maler Nolten 379 (1832).