scheitel,
m. wirbel des kopfes, und der strich von dort bis zur stirne, vertex, der ort, wo die haare sich ihrer richtung nach trennen; das wort ist seiner bildung nach mit scheit, scheiden
zusammenzustellen; mhd. scheitel, scheitele,
ahd. sceitila Graff 6, 439.
die bildung ist auf das deutsche beschränkt (
vielleicht der form nach entspricht mittelengl. schâdil
in gateschâdil,
wegscheidung, aus einer quelle des 15.
jahrh. bei Stratmann-Bradley 263
b,
vgl. nd. schedel
in schedelberch, -bom Schiller-Lübben 4, 58
a,
nld. scheel
in darmscheel;
altfries. sced
bezeichnet die grenze zwischen kopf und hals: halssloch twiscka wede and sced. Richthofen 457, 16;
im ags. ist ein feaxes scâdan,
verticem capilli bezeugt. ps. 67, 22
Thorpe, dem die gleiche vorstellung wie dem deutschen scheitel
zu grunde liegt, ebenso mnld. scheide, schede,
nnld. schei
in gleichem sinne);
altnd. scêthlo, sceithlo,
vertex (
kl. altnd. denkmäler),
mnd. schêdel Schiller-Lübben 4, 57
b.
mnld. scheele, scheyle, scheedel, scheydel,
vertex capitis, divisio comae. Kilian. im
ahd. und mhd. erscheint das wort durchaus mit femininem geschlecht, meist schwach flectierend; dagegen masc. im altnd.: sceithlon lockis,
verticem capilli ps. 67, 22.
gl. Lips. 797. 798;
ebenso mnd. Schiller-Lübben 4, 57
b.
im älteren nhd. ist das fem. das regelmäszige: die scheitel,
vertex capitis. Maaler 349
a;
von norden aus dringt das masc. vor. Schottel 1396
verzeichnet masculines geschlecht, Stieler 1749
dagegen feminines, ebenso Steinbach 2, 396;
bei Frisch
wieder als masc. 2, 169
c,
bei Adelung
als fem., Campe
bemerkt, dasz der scheitel
von guten schriftstellern ebenso häufig wenn nicht öfter gebraucht würde als das fem. (
vgl. die zusammenstellung bei Weigand
4 2, 560,
die allerdings, wie die unten gegebenen belege ergeben, nicht immer zutrifft).
die ausgebildete nhd. schriftsprache hat sich für das masc. entschieden. bewahrt ist das ursprüngliche geschlecht mundartlich in Oberdeutschland, s. Schm. 2, 483;
als masc. verzeichnet bei Hintner 213;
auch nd. als fem. bei Dähnert 402
a.
wie bei scheit (
s. oben scheit I)
begegnet auch hier eine schreibung mit d (Frisch 2, 169
c,
verworfen von Steinbach 2, 396),
die sich aber in der schriftsprache nicht festzusetzen vermag. Gebrauch. 11)
im eigentlichen sinne: 1@aa)
die höchste stelle des kopfes, der wirbel, wo die haare sich scheiden, dann die ganze mit haar bedeckte gegend des oberen kopfes, freier und als gewählter ausdruck für kopf überhaupt: vertex, scheidel, scheitel, scheittel, schedel Diefenbach 614
b, schetel,
vertex nov. gl. 380
a;
andern theilen des kopfes gegenüber gestellt: hinden von dem spâne, nâch der scheitel gegen dem schopfe, rehte enmitten ûf dem kopfe.
Helmbrecht 33.
es ist die höchste stelle des aufgerichteten menschlichen leibes: hebt er sich aufwärts (
der mensch), und berührt mit dem scheitel die sterne, nirgends haften dann die unsichern sohlen. Göthe 2, 84; hackten etlich mitten von einander als lang einer zwüslet war pis zu der schaitel. Aventinus
chron. 1, 853, 12.
besonders um den ganzen körper zu messen und zu bezeichnen: von dem scheitel bis zu den füszen, sohlen, fersen, zehen,
und zwar nicht nur im eigentlichen sinne, sondern auch auf das moralische und geistige gebiet übertretend, um den ganzen menschen in seiner inneren art zu bezeichnen, freier auch von unpersönlichem: ein schalck van dem schedell bet up den versenn.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 57
b; ach es ist liegen und triegen allisz was am bapst und bapstum ist von der scheytlen bisz auff die verszen. Luther 8, 164, 34
Weim. ausgabe; und sihet das eyttel sund an yhm ist von der scheyttel bisz auff den fusz. 12, 325, 11; das du nicht kanst geheilet werden, von den fussolen an, bis auff die scheitel.
5 Mos. 28, 35; von seiner fuszsolen an bis auff seine scheitel, war nicht ein feil an jm. 2
Sam. 14, 25; (
Satan) schlug Hiob mit bösen schweren, von der fussolen an bis auff seine scheitel.
Hiob 2, 7; von der scheytel bisz auff den fusz. Franck
sprichw. 1, 1
a; von füszen auff bisz an die scheitel,
a capite usque ad calcem. Maaler 349
b; bei verlust leibes und lebens und zu straffen von der schittel bisz auf die solen. Reuter v. Speir
kriegsordn. 70; ich wil dich cleiden, ab ich mûʒ von der scheiteln ûf den vûʒ.
mitteld. ged. 13, 417
Bartsch; man sol der vrouwen minne ervlêhen, von ir scheitel ûf ir zêhen.
minnes. 3, 439
a Hagen; so wist, dasz ich euch grüsz von der schaitl pis auf die fües.
fastn. sp. 408, 35; junkfraw, ich solt euch grüszen von der scheitel bisz auf die füsze. Uhland
volksl.2 10; disz ist der unterscheid, dasz in dem leibe sich das zittern weit und breit und von der scheitel an bisz auff den fusz erstrecket. Opitz 1, 39; ja meiner lastern last (gantz unerträglich schwer) von meiner schaittel an, als ob es ein geschwär, bis an die solen mich beflöcket. Weckherlin 151; nur euch kleidet pur in kohlen, pur in lauter schwartzes wand, von der scheitel auff die sohlen. Spee
trutzn. (1649) 233; (
er) schildert ihn vom fersen bis zur scheitel den leuten vor. Wieland 23, 132 (
Oberon 9, 13).
der oberste theil des kopfes: (
beim messerwerfen) 'hüet dînes linken ougenwerder cristen man'. er huop die hant ze hôhe,er versûmte sich dar an, daʒ er im des hârs zwên löckevon der scheiteln nam.
Wolfdietrich D VI, 154; ihres (
der schlangen) halses schwanke säule nickt hoch über seiner scheitel in den lüften. Schiller 6, 357; den Engländer und mich .. ersuchte er, zwei blosze degen, .. einen zoll hoch, über seinem scheitel zu halten. 4, 215; dasz ich nun schiesz geschwind den apfel von dem scheitel meinem allerliebsten kind.
des knaben wunderhorn 1, 60
Boxberger. schlag und verwundung an dieser stelle sind gefährlich: er sprach 'nu schirm dich ebenezuo der scheiteln dîn'. er warf eʒ (
das messer) dar mit nîdeûf den heidenischen man da enmitten durch den bucklerund durch die scheiteln dan.
Wolfdietrich B 622; unde stach ein meʒʒir obene zuo der scheitelen in, daʒ iʒ ime undir deme kinne uʒgink.
d. chron. 2, 1, 310, 14.
die sonne steht einem im scheitel,
brennt einen auf den scheitel: die sonne flammt über seiner scheitel. Wieland 20, 145; wolken sammlen sich, unwetter zieht sich zusammen über dem scheitel,
dann auch bildlich und übertragen von unheil: da mich ein graulicher tag hinten im norden umfing, trübe der himmel und schwer auf meine scheitel sich senkte. Göthe 1, 269; warum dem schlafenden die wetterwolke zeigen, die über seinem scheitel hängt? Schiller
don Carlos 4, 6; todesschlummer sitzt auf seiner scheitel. Hölty 54
Halm; dasz blind ich rannte in das todesnetz, das nun zusammenschlägt ob meinem scheitel. Grillparzer 5, 136.
der tod fliegt nach der scheitel: wer für ruhm erhitzt, gefahr und tod besiegt, der von der feinde schwarm nach seiner scheitel fliegt. E. v. Kleist 1, 150.
in häufigem bilde: das schwert hängt über seinem scheitel,
von unmittelbar drohender gefahr; ein jeder glaubt, dasz ihm ein entblösztes schwerdt über der scheitel hange. E. v. Kleist 1, 162.
die verantwortung für begangene unthat fällt auf den scheitel: sein unglück wird auff seinen kopff komen, und sein frevel auff seine scheittel fallen.
ps. 7, 17.
andererseits wird der segen auf den scheitel
gelegt: die segen deines vaters .. sollen kommen auff das heubt Joseph, und auff die scheitel des Nasir unter seinen brüdern.
1 Mos. 49, 26; so will ich meinen seegen auff deinen scheitel legen. Chr. Weise
comöd. 126; theile du denselben (
den segen des sterbenden vaters) mit deinen geschwistern, daferne sie in der gottesfurcht stehen, wo nicht, so bleibe derselbe allein auf deiner scheitel.
Felsenb. 2, 258.
lindernder balsam auf dem scheitel,
im bilde: weil so ein schmertzen linder thut, als balsam auf der scheitel. Günther 70.
der scheitel
der könige wird bei der krönung durch heiliges öl geweiht: die stirne meines herren ist noch nicht gekrönt, das heil'ge öl hat seine scheitel noch nicht benezt. Schiller
jungfr. von Orl. 3, 4.
der scheitel
als träger der krone: lasz die scheitel krönen, die mich verspottet hat. Rist
poet. lustg. F 2; sie (
Pallas) krönt die scheiteln ihrer söhne. Günther 168; der himmel und sein schutz bewahre deine krone, die itzt noch halb so schurr um deine scheitel lacht. 1044; mit dem krönchen, das ihr auf der scheitel sitzt. Wieland 21, 410.
Apollo schmückt eine strahlenkrone: goldne locken flossen um seine weiszen schultern, eine krone von strahlen schmückte seine scheitel. Wieland 2, 22.
kränze und gewinde um den scheitel: ihr (
der bacchanten) lustgeschrey zeigt, was der reben wirkung sey, die itzt um ihre scheiteln hangen. Hagedorn 3, 127; und schändet meine scheitel den heiligen eichenzweig nicht. Denis
Sineds klage über Gellerts tod; (
der) mit rosen ihren pfad bestreute, manchen kranz um ihre scheiteln wand. Hölty 45
Halm; itzt trinkt man, scherzt und lacht und salbt sein haar und kränzt mit rosen die scheitel. Wieland 5, 231.
das haar wallt, fällt, flieszt
vom scheitel
hernieder, umwallt, umkränzt
ihn, und ähnliche wendungen: die haare, welche von der scheitel herunter gehen. Winckelmann 3, 225; kleine anmuthsvolle locken fielen von der zarten scheitel. Gleim 1, 5; ihm fleuszt ein greises haar herab von seiner scheitel. Denis
lieder von Selma; mit heran in den tanz, wer den jugendlichen kranz ungefälscht auf der scheitel bewahret! Voss 5, 75; auch von der scheitel gosz sie geringeltes haar.
Odyssee 6, 230; ach! die scheitel umwallt reichlich die locke nicht mehr. Göthe 1, 330; schwarz, vom unbehelmten scheitel, wallt herab sein dunkles haar. Grillparzer 5, 157; ach wie ist der mensch so eitel, dessen scheitel locken trägt gleich unserm laub. Rückert 234.
bei der schilderung des Thersites: oben erhub sich spitz sein haupt, auf der scheitel mit dünnlicher wolle besäet. Voss
Ilias 2, 219.
von tartarischer haartracht: wozu soll der haarschopf da oben auf dem scheitel? Grillparzer 5, 23.
die haare sträuben
sich auf der scheitel: o jammer, da sträubten, wie stacheln des igels, ihm von der scheitel die haare sich auf. Pyrker
Tunisias 9, 631; brauner, blonder, lockiger, kahler scheitel:
glaba, glabella scheitel, glatze Dief. 264
a.
nov. gl. 193
b (
hier also prägnant); so wird der herr den scheitel der tochter Zion kal machen.
Jes. 3, 17; eure kahle scheitel gleichet sehr wol einem calotschen oder ledernen mützlein von fleischfarbe. Happel
acad. roman 34; sein kahler scheitel war von wenig grauen haaren umkränzt. Göthe 18, 203; er (
Apollo) girrte noch ein weilchen, pflückte nun jenen kranz, der seine blonde scheitel schmückte bei spiel und tanz. Hölty 4
Halm; dieses gesagt, entblöszte der redliche vater die scheitel, glänzend kahl, und umringt von schneeweisz prangendem haare. Voss 1, 12; neigungen haben die götter, sie lieben der grünenden jugend lockigte scheitel. Schiller 11, 269; auch so das glück tappt unter die menge, faszt bald des knaben lockige unschuld, bald auch den kahlen schuldigen scheitel. Göthe 2, 87.
in folgender stelle wird scheitel
als der obere theil des kopfes dem haar gegenüber gestellt: daʒ ime diu scheitel unt daʒ hâr von rôtem bluote wurden naʒ. Konr. v. Würzburg
Otte mit dem barte 86; er sluoc in daʒ diu scheitel ime zerklacte sam ein ei. 144.
ähnlich ist wol die eigenthümliche stelle in den meisterl. d. Kolm. handschr. 173, 7
aufzufassen, wo scheitel
und vel
verbunden werden; scheitel
hat hier völlig die bedeutung von schädel,
vgl. oben schädel
sp. 1979
und die th. 4, 2,
sp. 1562
unter hirnscheitel
angeführten belege, denen auch noch hirnscheitel (
totenkopf)
für hirnschädel
bei Olearius
reisebeschr. 289
hinzugefügt werden kann. frei für haupt
in gewählter sprache: jeder von euch hat anspruch an diesen scheitel. Schiller
räuber 3, 2
schauspiel; sie (
die ehre) schmückt den hohen tritt und drückt enthirnte scheitel. Withof
acad. ged. 1, 46; eines weltgebieters stolze scheitel und ein zitternd haupt am pilgerstab deckt mit einer dunkelheit das grab. Matthisson (1794) 33. 1@bb)
die linie, welche die nach zwei seiten gekämmten haare auf dem kopfe scheidet: scheitel machen,
discerniculo crines dividere Stieler 1749; jemandem einen scheitel kämmen; grader, schiefer scheitel; Christusscheitel,
der genau von der mitte der stirn nach dem wirbel geht, bei langem haar: (
Christus) hate eine scheitelen en mitten ame houbete nach den sitten der Nazarenen.
zeitschrift für d. alterth. 4, 574;
discrimen schaitel Dief. 185
b;
auf die anordnung des scheitels
wird im mittelalter groszes gewicht gelegt, besonders bei der weiblichen haartracht, er musz gerade gezogen, schmal, glänzend weisz sein: (
die fraun sehn an ihrem gestorbenen manne) wie sîn schaitel sî gerichtet, wie sîn hâr sî geslichtet. H. v. Melk
erinn. 601; ir hâr strælen unde slihten unde ir scheiteln rihten.
Eraclius 1806; wît gele was her dat vas end die skeidel vele gerecht. H. v. Veldeke
Eneit 5157 (146, 11); ir scheitel wîʒ und niht ze breit.
Wigalois 870; nu gap der kerzen widerglast ir hermilwîʒe scheitel. H. v. Freiberg
Tristan 697; sô gar minneclîche schein ir scheitel sam ein krîde.
Reinfried von Braunschweig 2135; noch weiszer dann ain kreyd ist ir leib, ir schaittel schmal. Cl. Hätzlerin 2, 53, 57.
polizeiliches verbot für männer, scheitel
zu tragen: daʒ dehaine burger, er sei alte oder junk kaine schayteln mer tragen sol; si suln schöpfe tragen als man si von alter her getragen hat.
Nürnb. polizeiordn. 67. 22)
übertragen, vom gipfel eines berges, kamm eines gebirges: under den stunt her (
Christus) ûf der scheitelen des bergis.
mystiker 1, 141, 17; des Maiandros fluth und Mykale's luftige scheitel. Voss
Ilias 2, 869; wie er den silbernen teppich über die scheiteln der hügel wirft. Hölty 68
Halm; altar des lieblichsten danks wird ihm des gefürchteten gipfels schneebehangner scheitel. Göthe 2, 67.
kamm, gipfel der wogen: ha! sieh! am scheitel der wasserflut hangen einige noch, und andern drohet der unterste meergrund. Schiller 1, 123.
höchster punkt des himmelgewölbes, dann der bahn, welche ein gestirn beschreibt; in poetischer sprache: weit von Okeanos strom, wo die rosse Helios herführt, über den scheitel sie lenkend, bis hin wo er abends hinabsteigt. Göthe 40, 363; denn zwölf uhr mittag ist's, und grad' zum scheitel klomm am himmelspfad das tagsgestirn. Immermann 13, 189
Boxberger; die sonne steht noch nicht so hoch, sie brennt und blitzt, doch lange nicht im scheitel. Grillparzer 6, 41;
bildlich: doch, dasz nach durchfochtnem krieg, da mein stern zum scheitel stieg, ich, verklagt, soll antwort geben über ein so niedrig leben, dafür tröstet mich kein sieg. 173.