mürbe,
adj. marcidus, mitis, mollis. 11)
das nur im ober- und niederdeutschen sprachgebiete vorhandene adjectiv, ahd. muruwi,
mhd. mürwe, müre, mür,
mnd. morwe, mor,
nnd. mör,
niederl. murwe, morwe (
mitis, mollis Kilian),
gehört zu einer reihe anderer, die alle auf den begriff des auseinandergehenden und bröckelnden zurückführen: märb
sp. 1618,
ahd. maru,
gen. marwes,
ags. mearu; morsch
sp. 2590;
mhd. murc,
faul (
vergl. unten das adj. und subst. murk), mürsen,
zerstoszen, murz,
brüchig, s. unten; und zu substantiven, wie das bair. fem. mur,
zerbröckeltes gestein, isländ. neutr. mor,
pulvis minutus, fragmenta glaciei Biörn Haldarson 2, 85
b,
denen auch im romanischen sprachgebiete entsprechendes zur seite steht (
vgl. unter dem fem. mur);
wahrscheinlich ist dasz auch das sp. 2091
unerklärt gelassene subst. mergel
als zerbröckelnde erdart in die sippe fällt, ebenso das verbum mergeln, abmergeln,
für das th. 1, 78
eine andere erklärung gegeben wird; die allen diesen bildungen zu grunde liegende wurzel mar
tritt auch im griech. μαραίνω aufreiben, welken machen, hervor. der bildungsconsonant des mhd. adj. mürwe
verhärtet sich bereits im 14.
jahrh. zu b: gnuog mürb oder mar. Megenberg 324, 21 (
aber mürwer flaisch 159, 22),
in dieser form hat es die schriftsprache aufgenommen; mundarten aber zeigen das ursprüngliche w
noch: bair. mürw Schm. 1, 1657
Fromm.; niederdeutsche haben den consonant abgeworfen: mör,
mürbe, morsch, weich. brem. wb. 3, 186. 22) mürbe
ist zunächst bezogen auf das was sich leicht beiszen läszt: morsilis, peiszper, mar, murb, mursch Dief. 368
c;
daher zart, von thieren, gewächsen, früchten, brot: ahd. mureuuerô fiscô (
tenerorum) Graff 2, 831; mit diu iu sîn (
des feigenbaums) zuelga muruuui uuirdit inti bletir giboraniu (
cum iam ramus ejus tener fuerit et folia nata).
Tat. 146, 1;
mhd. nhd. tener, murwe, morwe Dief. 577
c; nym dye pain ausz dem fleisch .. wo esz murb sei.
kuchenmeisterei b 7; bisz sie (
die früchte) die sonne und die reifen mürb und zeitig machen. Mathes.
Sar. 35
a; murb öpfel, milt, reif,
mitia poma Maaler 296
a; mürbe birn, apfel, obst,
mitia poma Stieler 1292; mürbes fleisch,
caro mollis Steinbach 2, 85; wie man den stockfisch mürb zum kochen und essen macht. Frisch 1, 675
c; laut platzte der königsapfel vom baum her, roth und mürb! Voss 2, 242;
und bildlich, aber mit beziehung auf unten 6: lasz mich, wie nachreifende frucht, im sand des trübsals mürbe werden, zeitigen für die schöne stunde des festes! Stolberg 2, 66;
schwäbisch bezeichnet das neutr. als subst. mürbs,
gut ausgebackenes, leicht zerfallendes backwerk. Schmid 395;
schweiz. murps,
hefenbackwerk. Seiler 213
b. 33) mürbe,
zart, fein, von wuchs und gestalt einer frau: wie kan got sîne vîent, die hie gein im schrîent, sô hovelîch vertrîben mit lîbes murwen wîben!
Martina 148, 94; wâfen der kestegunge, daʒ ein maget junge, sô zart und alsô murwe, âne sünde schimels hurwe, alsô grôʒen kumber dolt! 168, 105;
vom haar derselben: och enist hie ninder frouwen hâr weder sô mürwe noch sô clâr, eʒ enwære doch ein veste bant ze wern strîtes iwer hant.
Parz. 299, 4;
aber es ist bei dieser bedeutung auf die vorige (2)
ausdrücklich bezug genommen: eia, lieber Götz, ich wil dir geben ein wolgestalte, fröliche, schimpfliche, züchtige, stille, schamhaftige, weise tugendhaftige jungfrau, die ist weisz als die milch und ist so mürb als ein junges hünlein, das du sie mit eim nagel möchtest schneiden. A. v. Eybe
Philogenia (1550) 111
b. 44) mürbe,
vom lockeren erdreich: ein murb ring erdtrich, dasz sich geleich wie pulfer zermalen laszt,
solum putre Maaler 296
a; das durch die winterkälte mürbe gewordene erdreich. Kant 9, 15. 55) mürbe,
von dem was durch alter und mangel an halt dem zerfallen nahe ist: mürb,
putris, mürb machen,
putrefacere, mürb werden,
fracere, fracescere Dasyp.; murb, teig und matt werden von elte,
fracescere Maaler 296
a;
von dingen: daʒ was bî der sumirzît, als daʒ wettir warmen pflît und di kelde wesit lîs, hîvon dô der Memlen îs was murwe unde dunne. Jeroschin 20174; die sehnsucht brennt in mir wie sommerglut, aufzehrend innerlich, wie mürbes eis, mein herz, in mitten von des winters frost. Rückert 259; des reiters koller, stück für stück, fiel ab, wie mürber zunder. Bürger 15
b; bis, wenn der grosze erdstosz nun geschieht, der treulos mürbe bau zusammenbricht. Schiller
Wallensteins tod 1, 3;
vom körper und seinen theilen: die haarlocke ist mürbe.
Fiesko 5, 14; nimm meinen alten mürben kopf.
kab. u. liebe 1, 3; ich stirb, mein herz das bricht, es ist sehr mürb. Heros
ird. pilg. (1562) 42
b; das herz der bürgerschaft, das einen staat beseelt, das mark des vaterlands ist mürb und ausgehöhlt. Haller
schweiz. ged. 114;
und vom menschen selbst: was kann sich zum genusz ein mürber schlemmer wählen, wann kitzel, schärf und saft der spröden zunge fehlen? Hagedorn 1, 23. 66) mürbe,
übertragen auf das menschliche innere und seine spannkraft, aufgerieben, nicht mehr widerstandsfähig: mürbe,
lassus, defessus, defatigatus Stieler 1292;
in den formeln mürbe sein, mürbe werden, mürbe machen: er ist ganz mürbe von vieler arbeit,
exhaustus est viribus, propter concatenatos labores. ebenda; durch lange reisen mürbe gemacht werden,
continuis itineribus defatigari. ebenda; Zibo. ich dächte, man fragte, was Genua beschliesze?
Fiesko. Genua? Genua? weg damit, es ist mürb, bricht, wie sie es anfassen. Schiller
Fiesko 2, 5; mein körperliches leiden musz mich mürber gemacht haben, als ich selbst glaubte. Göthe 20, 74; doch war er indessen selbst müde und so zu sagen mürbe geworden. 31, 240;
gern namentlich in bezug auf das aufgeben früherer widersetzlichkeit: gott hat den patriarchen hin und her geworfen wie ein ballen, auch wol zwischen die sporn gefasset und mürb gemacht. Luther 4, 146
b; wenn uns gott ... das gewissen erschreckt, und mit allerlei trübsal wol plaget, das wir mürb und gar werden. 5, 65
a; doch machten jn (
Friedrich den rotbart) die .. bäpste mit jrem bannen, fluchen und practiciren mürbe. Mathesius
Sar. 87
b; ich will ihn so mürbe machen, man soll ihn über einen finger wickeln,
subigam eum, ut instar olei liquefiat. Stieler 1292; mürb machen, einen sonst harten und widerspenstigen menschen. Frisch 1, 675
c; er (
mein gegner) macht gar kein geheimnis daraus, dasz er nicht eher ruhen will, bis er mich ganz mürbe gemacht. Rabener
sat. 3, 64; endlich wurden die wilden ausgerottet, oder doch so mürbe gemacht, dasz man von ihnen nichts weiter zu fürchten hatte. Möser
verm. schriften 2, 123; wer sich da (
bei den gastmahlen) einfand, wurde durch zuvorkommende freundschaftsversicherungen mürbe gemacht. Schiller
hist.-krit. ausg. 7, 186; die tausendfachen quälereien, welche durch alle die schnöden hülfsmittel, die man zu dem
s. g. mürbemachen gebraucht, auf den politischen gefangenen sich häufen. Varnhagen
in den bl. für litt. unterh. 1846
s. 275; und gib jr (
der frau) manchen schweren streich, dasz sie werd mürb, geschlacht und weich.
Grobian. P 4
b (
v. 3943); sol der feind so lang drauszen sitzn, so wird er mehr dann halb verschwitzn, und vil mürber werden, als wir. J. Ayrer 148
d (743, 36
Keller); was gelts? ich will jhn machen mürb. 213
a (1059, 11); hasz, unruh, ärgernis, gefahr, verlust und wachen, verstellter freunde spott und anverwandten list, vermochten sonst mein haupt so mürbe nicht zu machen, als ietzo, da die gluth ihr letzter beistand ist. Günther 570;
ungewöhnlich ist mürbe
in der bedeutung zart durch gesittung, gegensatz zu roh, vgl. dazu oben 2: wer etwas rechtes lernet, wird gediegen und mürb,
didicisse fideliter artes emollit mores nec sinit esse feros. Frisch 1, 675
c.