gutwillig,
adj. ,
auch adv.; schon in ahd. zeit aus der formelhaften verbindung guter wille
geschaffen und bis in heutige sprache durchstehend. 11)
zu gut V B 1 b (
sp. 1305)
gebildet. 1@aa)
die bedeutung '
einen tugendhaften, frommen willen habend'
bleibt auf ältere sprache beschränkt, vgl. gütig,
fromm, aufrächt, on boszheit, ungefelscht, guotwillig
candidus Frisius 180
a: sô thu ni wili, that thâr antgeldanguodwillige man wamscaðôno werek
as. genesis 198
Heyne; guotwillige mennisken (
sacratos) Notker
bei Graff 1, 829, guotwilligen (
piis)
ebda; unde (
dasz) sie (
die geistlichen) den unturen ires irretumes sturen mit yserinnen gerten, die gutwilligen zerten, daz honic bevorn in troufen Heinr. v. Hesler
apocal. 2290
H.; wie got einen iegelichen guotwilligen menschen suochet mit manigerleige widerwertikeit Tauler
pred. 131
V.; die guotwilligen menschen loufent irrende alse die scheffelin under den wolfen Nicolaus v. Basel 246
Schmidt; deszhalb het got aufgericht das gepot der gehorsam, darein sich guotwilliger mensch solt ergeben und gegen got underthänig machen Berth. v. Chiemsee
t. theol. 256
R. 1@bb)
in jüngerer sprache in abgeschwächter verwendung, die oft mit 2
verrinnt, einen '
rechtschaffenen redlichen, aufrichtigen, ehrlichen willen habend',
auch '
das gute wollend': kurzewîle und geselleschaft nement ê der zît den liuten ir kraft, die blœde und doch guotwillic sin Hugo v. Trimberg
renner 9873
Ehr.; der pabst war guetwillig und bekennet frei, es geschech kaiser Ludwig unrecht J. Turmair
w. 5, 485
Lexer; der englischen hartköpfe ziel zu verrükken und den guhtwilligen einen muht zu machen Zesen
gekr. majestät (1661) 149; die geduld ist in der that ein schönes weibesbild, welches nur diejenigen glücklich machet, die ihrer liebe guttwillig genieszen Warnecke
poet. vers. (1704) 252; die mitglieder waren meist erwekte und gutwillige leute, die sich herzlich darüber freuten, wenn was gutes geschah J. Risler
Spangenberg (1794) 178;
oft mit abschätzigem beiklang bei dem mehr oder minder betonten gegensatz zwischen wollen und handeln: ein zwar wohlmeinender und gutwilliger, aber doch sich übereilender ... junger mann Göthe IV 28, 314
W.; der andere (
arzt ist) zwar ein gutwilliger mensch, der aber nicht viel gelernt hat G. Forster
s. schr. 7, 297; dann gibt es aber auch noch ... eine menge blos gutwilliger seelen Jung-Stilling
s. schr. 5, 67. 22)
die ausgebreitetste verwendung schlieszt sich an gut IV B 2 (
sp. 1293
ff.)
an; in älterer sprache steht wohlwillig,
vgl. ahd. welawillig
benevolus, benignus Graff 1, 829,
als konkurrent für diesen bedeutungszweig neben gutwillig,
sodasz alte belege weniger häufig sind. 2@aa)
zu gut IV B 2 a
im sinne '
freundlichen, geneigten willen habend oder zeigend',
vgl. gutwillig
benivolus Diefenbach
gl. 71
c, gutwillic
clemens 126
c, gudwillig
mitis 364
a. 2@a@aα)
allgemein als eigenschaft aktiven strebens: endi friðu an erðufirihô barnun gôdwilligun gumun
Heliand 421
Heyne; mit kuotwilligemo muote (
benigna mente) Notker
ps. 61, 5; mit der rede machte ich dô die gebûr guotwillic unde frô Hugo v. Trimberg
renner 1458
Ehr.; (
sie sei) unfletic oder schœne, guotwillic alder hœne Hugo v. Langenstein
Martina 133, 104
K.; von fründen und erkanten guotwilligen lüten Niclas v. Wyle
transl. 119
K.; (
ich) hab in gutwillig geredt an H. Sachs 21, 98
K.-G.; die weyl got als eyn guotwilliger almechtiger artzt sich so gnedigklich erbeuttet eynen yetzlichen, der das begert, gesundt zuo machen H. v. Cronberg
schr. 136
ndr.; zuo dienst dem guotwilligen läser Herold - Forer
Gesners thierb. (1563) 116; die hand des herrn (
hat mich) zu solcher erkäntnus gebracht, damit ich vielen menschen gutwillig wiederumb gedienet habe Jac. Böhme
schr. (1620) 4, 220; viel andere mehr, die mir treuhertzig und gutwillig in vielem an die hand gestenden v. Hohberg
georg. cur. (1682) 1,
vorr. a 4; als sie in den völligen besitz aller heiligthümer der gutwilligen Sophia gesetzt wurden Schwabe
belust. (1741) 1, 314; indessen bettelt man von gutwilligen beyträge Göthe IV 12, 236
W.; sie ärgerte immer durch widerrede den gutwilligen mann A. v. Arnim
w. 9, 251
Gr.; '
freigebig': to gutwillig es half lidderlich Müller
rhein. 2, 1524;
adverbial '
in guter absicht': ir (
der ratsherren) aller unschuldt dagegen auszfüeren (
würde) guotwillig und bedechtlich underlassen
städtechron. 32, 281. 2@a@bβ)
von der mehr passiven willenshaltung, oft mit pejorativem einschlag; im sinne '
geduldig, nachsichtig': das sol und will ich für vätterlich warnung ... von uwer yedem guotwillig dulden und uffnemen Fr. Riederer
rhetor. (1493) a 2
b; man spricht, es geschehe die gerechtigkeit, wann die partheyen ... gutwillig und mit gedult gehört werden Nigrinus
v. zäuberern (1592) 287; allein allzu gutwillig seyn ist keine tugend Chr. Wolff
v. d. menschen thun u. lassen (1720) 681; wenn sie so einfältig seyn, und den schimpf so gutwillig verschlucken wollen, so will ich für sie denken
theat. d. Dtschen (1768) 12, 158; die deutsche welt ist gutwillig, sie hat sich schon sehr viel kompendienschreiber für schriftsteller aufdringen lassen Fr. Nicolai
Seb. Nothanker (1773) 1, 92;
als '
gutmütig': (
er) setzt seine stinkende faulheit noch im grabe fort, unter der nase des gutwilligen narren, dem er seine abgeschüttelte arbeit aufgehalst hat Thümmel
reise in d. mittl. prov. v. Frankr. (1791) 6, 204; das wird kaum ein gutwilliger narr glauben Fr. L. Jahn
w. 2, 222
E.; '
verträglich, nicht störrisch': dat is gaudwillig veih (
von den schafen) Schambach
Gött. 60
b. 2@a@gγ)
mit abhängiger präposition gegen,
entsprechend gut IV A 1 b
β: darumb, ihr discipuli ..., sollen von ewerm gantzen gemüt ihnen danckbar seyn und in allen euch gegen ihnen als moecenaten gutwillig erzeigen und dienstbar finden lassen Paracelsus
opera 1, 282
Huser; er gegen alle menschen und gegen alles ding gutwillig sey Joh. Arnd
Thomas a Kempis theol. (1661) 45; der tischler ist wohl sonst ein ganzer kerl, aber gegen das mädchen ist er zu gutwillig Storm
s. w. 2, 132. 2@bb)
an gut IV B 2 b
anschlieszend im sinne '
bereitwillig, willfährig, willig'
zu einem handeln, das nicht aus freundlicher gesinnung, sondern aus bloszer innerer tatbereitschaft hervorgeht, vgl. gutwillig, wilfertig
facilis, lubens Decimator
thes. (1615). 2@b@aα)
in allgemeiner verwendung: lasz dich iecz guetwillig finden, spar nit dein vergifft hefftig pheyll
altdt. pass.-spiele 282
Wackernell; es weren die burger guottwillig, ir mai(
estät) endtgegen zuo ziechen
städtechron. 25, 367; so bin ich guotwillig, offentlich zuo bekennen, das er ein besserer ritter sey dan ich Warbeck
Magelone 33
B.; (
sie) fügten sich darauf zu ihm, den betraffen sie gutwillig ihnen zu helffen Fischart
Garg. 361
ndr.; vereinzelt mit abhängiger präposition im sinne '
empfänglich': welher mensch gegen derselben gnad guotwillig, nit widerspänig ist, denselben macht got gerecht Berth. v. Chiemsee
t. theol. 284
R.; oft in bezug auf die willfährigkeit zur ausführung von befehlen und aufträgen: vor anfang miner befelch du wüssen solt zuo allen ziten guuotwillig bereit unser aller willige gehorsamkeit
N. Manuel
v. papst 888
Bächt.; sie ist brav, thätig, gehorsam, gutwillig
M. Meyr
erz. a. d. Ries 2, 460; sie waren gutwillig und gehorsam H. Steffens
was ich erlebte 7, 269; die (
kamele) wurden angesetzt und wiegten bei hängender unterlippe gutwillig und gleichmäszig schnell los Hans Grimm
volk ohne raum 2, 37. 2@b@bβ)
häufig passiv gewendet von jemand, der etwas willig, ohne widerstand mit sich geschehen läszt, vgl. gern oder guotwillig leyden
pati facile Frisius 958
a: will mich gantz gehorsam erzeigen und gib mich gutwillig darein H. Sachs 10, 18
K.-G.; ein geschlecht, das ich verachte, weil sie sich so gutwillig unter der niedrigsten knechtschaft der menschen bequemen Tieck
schr. 5, 206; (
sie) liesz sich gutwillig von ihm das blut stillen und die wunden verbinden Eichendorf
s. w. 2, 134;
in pejorativem sinne '
gefällig, willig'
in bezug auf erotische hingabe: (
er) verhiesz ire, wan sie im ein nacht zu willen wolt werden, ein pfund goldt zu geben. die gut fraw ... wolt gutwillig sein Luther 11, 280
W.; allwo er meistens auf dem land manche gutwillige schöne fand Kortum
Jobsiade (1799) 1, 48; bei den kaiserlichen schlosz sich eine menge gutwilliger frauenspersonen an den heereszug an Schiller 8, 273
G. 2@b@gγ)
namentlich in neuerer sprache adverbial im sinne '
mit innerer zustimmung, gern',
vgl. gutwillig und gern hören oder auflosen
aequo animo attendere Frisius 48
b: dieweil es die kay. mt. und ain ersamer rat also haben wolten, so wolten sie ... das underthenigist und guotwillig thuon
städtechron. 32, 39; versagt er es ihr nicht, sondern liesz sie dasselbig gern und gutwillig nemmen
Amadis 17
lit. ver.; der einige weg guttwillig zu sterben, bestehet in erkäntnus des todes Butschky
Pathmos (1677) 153; denn wär er (
der segen) einen häller werth, hochwürdger herr, sie gäben ihn gewisz nicht so gutwillig hin Ramler
fabellese (1783) 1, 28; so mögen wir uns gern dem zauber des dichters entreiszen, nachdem wir uns gutwillig haben von ihm fesseln lassen Fr. Schlegel in:
Athenäum 1, 2, 155; alle nachbarn werden sie (
die fremden) gutwillig als gäste empfangen G. Freytag
ges. w. 8, 81. 2@cc)
in weiterbildung aus b
bereits im älteren nhd. im sinne '
freiwillig, aus eigenem antrieb handelnd, unaufgefordert',
vgl. von im selbs, ungebätten, guotwillig, ausz eigner willkür
suapte Frisius 1251
a, gutwillig, selbswillig, unerfordert
ultro Decimator
thes. (1615): (
ob er daraus, dasz) ime die schlüssel zuo dem ainen thor ... guotwillig mitgetailt (
wären), ain gerechtigkait schöpfen (
wollte)?
städtechron. 32, 320; so will ich mich gutwillig für mein königreich ... aufopffern
M. C. Schütz
hist. rer. pruss. (1592) a 6
a; als nun dieser zu Wien wider einritte, zog hingegen Eitzinger gutwillig zum andern thor hinausz Zinkgref
apophthegm. (1628) 184; es ist nicht zu glauben, dasz ein jeder aus denen, welche dergleichen unterschiedene seiten haben, sich gutwillig selbst betriegen (
werde) Leibniz
dtsche schr. 2, 319; soll kein hammerherr einen arbeiter annehmen, es habe denn dieser zu vorhero einen schein produciret, dasz er gutwillig dimittiret sey und seinen vorigen herrn vergnüget habe Chr. Herttwig
bergbuch (1734) 198
a; (
es ist der) entschlusz eines autors, der dem reiche der schönen wissenschaften gutwillig entsagt, weil es ihn noch niemals aufgenommen hat
br. d. neueste litt. betr. 13, 33; (
ich) beachtete genau, was erfahrung einzeln, gutwillig hergab Göthe II 6, 16
W.; wir sind aus der stille, genügsamkeit und mittelmäszigkeit der früheren zeit herausgeworfen, und keiner will gutwillig dahin zurück E.
M. Arndt
schr. f. u. an s. l. Deutschen 3, 201;
besonders im betonten gegensatz zu zwang oder gewaltanwendung, meist adverbial: so ferr er nit wil guotwillig syn, so fürend in gefencklichen hyn
schweiz. schausp. d. 16. jhs. 3, 25
Bächt.; dieweil er der folter nicht gewohnt, hat er gutwillig bekannt, er habe es gethan Prätorius
wündschelruthen (1667) 80; ich will sehen, ob ich ihr das ... entweder gutwillig oder mit gewalt abnehmen kann Gottsched
dtsche schaub. 1, 160; und wenn sie (
die steuer) nicht gutwillig gezahlt wird, so schicken wir den executor Bismarck
polit. reden 4, 92; man konnte sich denken, dasz er nicht gutwillig davon lassen würde, sein vieh auf fremden weiden fett zu machen Will Vesper
d. harte geschlecht 34. 33)
auf abstracta bezogen im sinne '
aus gutem willen hervorgehend, guten willen beweisend'
in den unter 1
und 2
behandelten bedeutungen. 3@aa)
zu 1 a
vereinzelt, vgl. cuotwillig hohi (
pium culmen) Notker 3, 288
b Hattemer; guotwillig tugent tempfen pös natürlich untugent Berth. v. Chiemsee
t. theol. 474
R.; zuo kestigung des lybs in underthänig machen dem guotwilligen gaist Eberlin v. Günzburg
s. schr. 1, 19
ndr.; zu 1 b: wenn ich dran denke, dasz mein argloses, gutwilliges gemüth so gemiszhandelt wird Babo
schausp. (1793) 94; wie unvermögend ist doch der gutwilligste fleisz der menschen gegen die allmacht der ungetheilten begeisterung Hölderlin
ges. dicht. 2, 73
Litzm. 3@bb)
zu 2 a: das volck hatt ein guotwillig hertz gegen den künigen S. Münster
cosm. (1564) 1461; und hat di beywonung sölche guetwillige fraintschafft auch nit wenig gemert J. v. Schwarzenberg
d. teutsch Cicero (1535) 70; nachdem er meiner gutwilligen freundlichkeit genossen Grimmelshausen 2, 35
Keller; beyliegendes pro memoria ... habe ich mit gutwilliger meynung verfaszt Göthe IV 12, 146
W. 3@cc)
zu 2 b: wenn ich euch (
trost) beweisen kan, wil ich dasselbige mit gutwilligen treuwen vollbringen
Amadis 73
lit. ver.; gutwillige erlaubnusz und willfahrung seiner bitt Dannhauer
catechismusmilch (1657) 1, 346; gebt mir gutwilliges gehör, ich will euch die kunst reich zu werden lehren Schupp
schr. (1663) 748; durch gutwillige treue und fast blinden gehorsam gegen ihre landesherren Herder 18, 315
S.; nun will ich eure Rosalinde in einer gutwilligeren stimmung seyn, und bittet von mir, was ihr wollt, ich will es zugestehn
Shakespeare 4, 266. 3@dd)
zu 2 c: alleine meine gutwillige erniedrigung ihm zu dienen, hat er ... nicht für eine enteuserung meines standes anzunehmen Lohenstein
Arminius (1689) 2, 159
b; und musz man von ihnen lediglich ein gutwilliges geständnisz erwarten Scheibe
d. crit. musicus (1745) 202; werden neun zehntel der kosten von den hofgesessenen getragen und diese ... zur gutwilligen übernehmung dieser beschwerden bewogen J. Möser
s. w. 2, 16
Ab. —