gnaden,
vb. ,
zu gnade,
f., ahd. obdt. ginādēn,
fränk., Weiszenburger katech., Otfrid -nâdôn,
s. Schatz in:
Germanica f. Sievers 1925, 359;
as. ginathô
n. die formen gnadist, gnadit
des Wiener Notker (11.
jh.) 3, 364, 6
und bei Steinmeyer
kl. ahd. sprachdenkmäler 156, 5
sind ohne beweiskraft, s. Heinzel wortschatz u. sprachformen der Wiener Notkerhs. 2, 129.
der imperativ hat auszer ginâde
und ginâdo
auch gnâda,
und zwar dreimal bei Notker (
nur in den psalmen neben weit überwiegendem gnâde,
s. Kelle untersuchungen zur ... gr. d. psalmen Notkers [1889] 91)
und einmal in Otlohs
gebet. Jac. Grimm
möchte knada
bei Notker
als konjunktivische ellipse zu kinada,
f., auffassen (
gramm. 4, 159)
und irgangê, werdê
etc. ergänzen (
vgl. auch unter gnade,
f., IV 1,
sp. 553).
es bleibt aber zu beachten, dasz bei Notker
sowohl knâda mir
wie auch knâde mir
miserere mei übersetzt; ferner, dasz -a
als imperativendung (
aus e)
auch sonst begegnet, vgl. Schatz
ahd. gr. 312. —
die nach dem material von Aumann
denominative ē-
verben im altgerm. (1935) 22
ff. bedeutungsmäszig isolierte ē-
bildung erklärt sich durch nachbildung nach dem älteren irbarmē
n. 11)
vereinzelt von der sonne gesagt, '
untergehen'
; zu gnade,
f., I 2;
danach auf das vergehen der jahreszeit bezogen: der uns tAeglich
die sonn, die zu nacht genadt und von uns weicht, gibt er morgens wider: den sommer, der uns im herbst genadt, gibt er im glentzen wider Paracelsus
opera (1616) 1, 592
c Huser. 22)
von gott gesagt, '
gnade schenken', '
gnädig sein', '
sich erbarmen' (
oft, indem er dem sünder verzeiht), '
helfen',
auf das heil der seele und auf das ganze des menschlichen lebens bezogen (
s.gnade,
f., II B
und C).
häufig im imperativ, ahd. ginâde, -da, -do mir, uns;
zunächst als übersetzung des kirchlichen bittrufes kyrie eleison, miserere nobis.
im allgemeinen intransitiv, mit dativ der person, seltener der sache (der seele, den sünden):
kirieleison truhtin kinade uns
Benediktinerregel bei Steinmeyer
kl. ahd. sprachd. 220, 21; truhtin got, cuning himilisger ... lamp gotes, suno fateres, ther nimis sunta weruldi, ginadho uns
miserere nobis Weiszenb. katechism. 115
ebda; so er (
Christus) thaz tho wolta werkon,ginadon sinen er unsih heilti thuruh not scalkon, Otfrid IV 5, 19;
et tu domine ... respice in me et miserere mei tuo min wara unde genada mir Notker
ps. 85, 16
P.; miserere mei deus secundum magnam misericordiam tuam gnade mir got after dinen michelen gnadon
ps. 50, 3
P.; gnada in, trohtin, unta gihugi, daz ... Otlohs
gebet 54
bei Steinmeyer; duo îlten si sich alle munechen, von êwen zuo den êwen got gnâde ir aller sêle
Ezzos gesang 12
bei Waag
kl. ged. d. 11. u. 12. jh.; 'nu müez uns got genâden',sprach der küene man
Nibelungen 2129, 1
L.; (
gott) gnad mir an dem leben Oswald v. Wolkenstein 85, 40
Sch.; sihe mich an und gnade mir, nach dem gericht der liebhaber deynsz namensz
ps. 119, 132; o gott genad den sünden mein Schwarzenberg
d. teutsch Cicero (1535) 111
b; darnach spricht der schultheisz und bricht den stab entzwey. genad gott der armen seel Fronsperger
kriegsbuch (1578) 1, b 5
b; du sihest, das dir got nicht genadet czu helffen
Hedwigslegende (1504) b b 5
b; erbarm dich unser, o herre gott, und gnade uns in aller noht Kehrein
kirchenlied 1, 575; ein wohlgeschick hat euch dem Zeus gegeben, der euch zween von geburt an schon gegnadet Herder 26, 202
S.; gar willkomm auf unserm pfade, schwester mein, dasz gott dir gnade, deiner schuld verzeihung sende, der barmherzig ist ohn ende Cl. Brentano
ges. schr. (1852) 1, 171; (
der ehebund des königspaares) der ausgewährt ein menschenalter, er währ in lieb ein zweites aus, geschirmt vom ewigen erhalter, der gnadet unserm königshaus Fr. Rückert
w. (1867) 1, 266. —
ohne dativ (
s. auch gnade,
f., als bittruf IV 1
sp. 552): des suoch ich, herre, dine genade. herre, genade! herre Christ, genade! herre got, genade! vater unser, der du bist in dem himele Schönbach
altdt. pred. 1, 47, 35; es ist eine böse, giftige art menschliches herzen, dasz es durch göttliche wohlthat, durch glück und gute tage ärger wird, und je mehr gott gnadet, und je gröszer, trefflicher gaben ihm gott gibt, sie sind leiblich oder geistlich, je weniger es sich gegen gott demüthiget Justus Jonas
bei Luther 52, 414
Erl. ausg. —
seltener transitiv, wie begnaden
und begnadigen (
s. auch unter 4): so kumpstu nun ins hymelrych, das gott, der herr, hatt gnadet dich Th. Murner
narrenbeschwörung 233
ndr.; drum will ich, bei ja und nein vor dem zapfen sterben, ... engelchöre weihen dann mich zum nektarerben: diesen trinker gnade gott! lasz ihn nicht verderben Bürger 50
b Bohtz; bisz hieher dachtest dus zu sparen? mamsell, gott genade dich! Schiller 1, 187
G.; (
die göttliche fürsicht, die) das verworfenste königlich gnadet über nacht H. S.
Waldeck d. milde stunde (1933) 46. 33)
daraus entwickelt sich der ruf gnade dir (mir, uns) gott.
zunächst auf die seele eines sterbenden oder verstorbenen bezogen: '
möge gott deiner seele gnädig sein, ihr verzeihung, aufnahme in die seligkeit gewähren' (
vgl. unter 2: got gnade seiner seele);
von da auf andere, besondere fälle des lebens übertragen: '
möge gott mir helfen, wenn ...'
; erst in der vorahnung schwerer schicksalsschläge, dann immer mehr als ankündigung von etwas schwerem, wenn du dies oder das tust, wenn dies oder jenes geschieht, dann gnade dir gott,
d. h. dann entsteht eine solche lage, dasz nur gott dir helfen kann; sogar als drohung: '
tu dies, oder es geht dir schlecht',
d. h. ich bestrafe dich; wenn du dies tust, geht es dir schlecht. die wendung zum formelhaften zeigt sich besonders an unpersönlichen objekten wie brief, schlusz, tugend
u. ähnl. (
s. auch unter gnädig,
adj., A 2 b): ich Berthe von Byrgeln, wyddewe for wylen Zornez, dem gad gnade, bekennin (
v. j. 1351)
hess. urkundenbuch 2, 579
Wyss; da Mosi predigt ein ende hat und Pharao visitieret ist, da gnade denn gott, dem er gnaden sol, denn balde drauff werden alle erste geburt in Egypten erschlagen Luther 16, 155, 32
W.; er ist dahin; genad im got! Hans Sachs 2, 34, 27
K.; neuntzig jar der kinder spott, hundert jar gnad dir gott
sprichw., schöne weise klugreden (1548) 76
a; du armer churfürst, gnad dir got! du wirst komen in groze not Schade
sat. u. pasquille 1, 84; die regentin ist weg. nun gnad uns gott! die hielt uns noch Göthe 8, 246
W.; den mythologischen briefen gnade gott J. H. Voss
antisymb. (1824) 2, 60; der gröszeste theil des Klotzischen buches ist auf diesen schlusz gebauet, und gnade gott dem schlusse Herder 3, 438
S.; gnade gott dem gefühl derer, die hier (
bei Kain) trotz, pochende vermessenheit und verzweiflung allein fanden
ebda 7, 143; gnade gott eurer (
der aufklärer) neuen, freiwilligen tugend!
ebda 5, 556; ich fürchte, du gehst auf thorheiten aus, wodurch wir noch lächerlicher werden, als wir schon sind. dann gnade dir der himmel! Ayrenhoff
w. (1814) 5, 352; und wer nun mir kommt, dem gnade gott, dem zeig ich, wer ich bin Gaudy
s. w. (1844) 1, 158; 'wo ist der herr?' dasz gott ihm gnade, lade an seinem kammerfenster leckt die loh aus der geschlossnen A. v. Droste-Hülshoff
w. (1879) 2, 23; aber gott gnade dem, der sein leben mit ihnen hinbringen musz
briefe an L. Schücking (1893) 221; eins musz weichen, und das bist du — und so gnade dir gott, dir geschieht, wie du gewollt hast P. Heyse
romane u. novellen II 5, 210; (
das alte horn) wimmerte: 'gott genade!' ja, gnade dir gott, du ritterschaft! der bauer stund auf im lande Münchhausen
balladen u. ritterl. lieder 33;
elliptisch: mann, wenn ich aber ungelegenheiten durch euch bekomme, dann gnade euch ... Ina Seidel
Lennacker (1938) 162. 44)
schon ahd. auch vom erbarmen des menschen gesagt (
s.gnade,
f., III A), jemandem gnaden (
vereinzelt eines dinges), '
sich erbarmen', '
verzeihen'
; seltener mit acc. (
vgl. 2)
oder genetiv der person: iustus autem miseretur et tribuet ... aber der rehto gnadet unde gibet fergebeno also ouh imo got kab Notker
ps. 36, 21; die den wituwun nerihtent noh weisen negnadent, die irteilo ih selbo (
et pupillos non miserantes)
predigtsammlung a 1, 6
bei Steinmeyer
d. kl. ahd. sprachd. 156; (
Kriemhild zu Giselher:) ine mac iu niht genâden:ungenâde ich hân
Nibelungen 2103, 1
B.; Brangæne, sæligiu maget, nu helfet unde genadet ir iuwerre vrouwen unde mir Gottfried v. Straszburg
Tristan 12121
R.; do der (
ihr gatte) her kom, sie sprach: ich bit, her, du genad mich!
d. grosze Alexander 215
Guth; und dient zu willen ainer frauen, des ich hil, die wolt mein nie genaden ainer nussen vil Oswald v. Wolkenstein 64, 55
Schatz; des ward der rat gewar hie und verpant ir fünf, die andern gnadet man
städtechron. 22, 41 (
Augsburg, 15.
jh.); diser Tiberius irslueg all teutsch fürsten und genadet der kainem U. Füetrer
bayr. chron. 15
Spiller; (
nach dem aufstand der Römer) kam der bapst und der keyser zusammen zu St. Johan Lateran ... da gnadet (
verzieh) der keiser dem bapst Joh. Adelphus
Barbarossa (1535) c 1
a; o fraw, genad mir meines lebens Hans Sachs 1, 127
K.; gnade, herrin, mir! und zürne nicht meinen augen dasz sie haben dein göttliches bild gesehn E.
M. Arndt
w. 6, 100
R.-M. —
hiermit zusammen hängt gnaden
in der bedeutung '
segnen, glück wünschen': und sy gnadeten Rebeka und sprachend zu ir: du bist unser schwöster, du werdist zu vil tausend mal tausend, und dein sam besitze die thor seiner feinden
Züricher bibel (1530) 13
a (Luther: und sie segneten Rebeca
gen. 24, 60); Schmeller-Fr. 1, 1726
verzeichnet die redensart: einem etwas gnaden, '
es ihm segnen, ihm gedeihlich werden lassen', gnad dirs gott! gnad dir gott die suppen, du wirst auf ungnad geschlagen. 55) gnaden, etwas zu tun, '
gnädig sein, die huld haben, geruhen, etwas zu tun': die krämerin ... sagte: hochgelobte königin, gnadets anzuschauen, und kauft von mir Grimm
dt. sagen (1891) 2, 115. 66) jemandem gnaden, '
zum abschied grüszen'
; dann geradezu '
sich verabschieden'.
die erklärung dieses gebrauches bereitet schwierigkeiten. die sich zunächst anbietende deutung '
sich jemandem beim abschied gnädig, freundlich, huldvoll zeigen'
ist deswegen unwahrscheinlich, weil gnaden
im weltlichen bereich vor allem '
sich erbarmen, verzeihen'
bedeutet (
s. unter 4).
glaubwürdiger ist die herleitung aus einem segenswunsch (
im anschlusz an den geistlichen gebrauch unter 2
und 3)
beim abschied gott gnade euch, '
sei euch gnädig, behüte euch'
; vgl. die in der mhd. epik gebräuchlichen abschiedsformeln (
s. dazu A. E. Schönbach
d. christentum in der altdtschen heldendichtung, 1897,
s. 3
f.; 111; 211
f.),
etwa: nû genâd dir Crist der rîche! ez mac niht anders gesîn
Alpharts tod 110, 4
Martin; dazu owe vatter und muoter und alles lieb mit einander, got gnad úch iemer und iemer, wan wir gesehen úch ze keinem liebe niemer me H. Seuse
dtsche schr. 238, 25 (
o vos omnes amici mei et socii dilecti, valete nunc viscera mea, quia adest hora illa separacionis amarissime horologium 93
Stange): da gnadet er also zichtikleich allen seinen undertan, si wären arm oder reich 16.
jh. bei Uhland
volkslieder (1844) 487; da man in (
den verurteilten) auszfiert ... begnadet (
er) alle menschen fraintlich ... er was alt bey 41 jaren, er hat mir auch gnadet, da man in auszfiert (16.
jh.) Sebastian Fischer
chron. v. Ulm 168
Veesenmeyer; als nun jederman auffgesessen was, da lieff ich umb und gnadet meinen, 4 lieben herren, ... das gnaden und scheiden was eben schwer und sawer
F. Fabri
eigentlich beschreib. (1557) 91
a; (
ich zog) mit zweien briedren wider usz dem land. als wier der muotter wolten gnaden, do weinet si Thomas Platter 33
Boos; Friderich ... urlob ... nam. dem gantzen frawenzymer gnadet Wickram
w. 1, 60, 21
Bolte; nach dem diser bischoff Johannes 30 jahr regieret, hat er der welt gnadet Stumpf
Schweizerchron. (1606) 707
b; und da gnadeten sie Lukrezien und gingen weg A. v. Arnim
w. 11, 25
Grimm. —
ohne dativ der person: doctor Schnepff hat zu Tübingen uff der cantzel genadet; dann man urlobt all prediger (1548) Ambrosius Blaurer
briefw. 2, 759
Schiesz. —
damit zusammenhängend jemanden einem gnaden '
ihn jemanden empfehlen': Fortunatus sprach zu den knechten und mägten: gnadent uns dem wirt unnd der würtin (
die bei dem frühen aufbruch noch schlafen) (
v. j. 1509)
Fortunatus 60
ndr. 77)
danken. mhd. und frühnhd. jemandem gnaden (eines dinges), '
danken, dank sagen',
wie aus manchen belegen erkennbar, indem man sich dabei verneigt. daraus folgt nicht, dasz in diesem gebrauch die für gnade,
f., angenommene grundbedeutung '
niederlassung', '
das sichneigen, herablassen'
noch wirksam ist; zudem lassen andere belege erkennen, dasz das gnaden
im aussprechen des dankes geschieht (
vgl. zu gnade,
f., V). gnaden, '
danken',
wird bereits spätmhd. als fremd empfunden und durch nîgen
oder danken
ersetzt, vgl. Prestel
beitr. z. wortersatz im mhd. in: Paul-Braunes beitr. 52, 321: mit manegem vuozvalle gnâdeten si ime sêre Hartmann v. Aue
Iwein 5441; nû gnâdet im ûf sînen vuoz
ebda 4780; des genâdet er im gnuoc, mit worten und mit muote 5686; daz gnâden wart vil manecvalt, daz er dâ hôrte von in zwein 5101; ich kan iu niht sô verre genâden mit dem munde
Gregorius 1387
P.; do das diu frouwe gesach (
dasz Daniel dem zwerg si neic tiefe ze gote
den kopf abschlug), und gnâdete sînem gebote mit herzen und mit worten Stricker
Daniel 1736
Rosenhagen; 'nein!', sprâchen si dô wider in, 'ir sult uns, herre, der geschiht genâden unde danken niht' Konrad v. Würzburg
Partonopier u. Meliur 21102; die driten inrun venje machet er vor der túre ... und tet daz mit einem genadene und bevelhene in ire miltekeit ... mit den andechtigen worten H. Seuse
dt. schr. 37
Bihlm.; do mit, ir frummen Baszler gmein, sy üch genadet, grosz und klein Thomas Murner
geuchmatt 237, 5411
Fuchs; und gnadetend also dem concilio mit groszen danksagen aller eeren, müe und sorgsame, so man von iren wegen ghabt J. v. Watt
dtsche histor. schr. 2, 26
Götzinger; (
sie) ritten in könig Marchsen hof. da ward herr Tristrant ehrlich empfangen. er gnadet dem könig, und begert, ob er sein bedörfft
buch d. liebe (1587) 79
b.