geistlos ,
ohne geist oder ohne den geist, mhd. geistelôs,
nl. geesteloos. 11)
ohne den geist,
d. h. das leben (
s. geist II, 2. 3),
mhd. geistelôs werden,
sterben, den geist verlieren Mones
anz. 6, 74,
mystisch, vergl. bei Eckhart 320, 25
von der seele, die, um gott recht zu minnen, sol stân geistelôs oder nihtgeistic sîn
und dazu unter geistig 1,
a. jenem entsprechend auch nhd., '
auf eine bildsäule des Amor': hier blieb, als Amor, sich noch mächtiger zu sehen, Eleonora ward, sein körper geistlos stehen. Lessing 1, 14. 22)
ohne gottes oder den heiligen geist, als gegensatz zu geistlich (
s. d. 3,
b). 2@aa)
so im 16.
jh.: warumb heiszt ir dann die geistlichen, so ir den geist gottes nicht hant? ir solt (
solltet) heiszen die geistlosen. H. Sachs
dial. 9, 29,
vom j. 1524,
der lutherisch gesinnte schuster zu einem chorherrn, vergl. bei N. Manuel 97 heiloser vater
für heiliger vater
v. j. 1522; auf erden nicht ist ein elender, dürftiger, geistloser volk denn ihr seit, nicht geistlich, sondern geistlos solt man euch billich heiszen. Luther
post. 1528 14
a (
Dietz 2, 57
a),
hier doch zugleich mit einschlusz der 1.
und auch der 3.
bedeutung, wie noch deutlicher in beiden folgenden stellen mit dem gegensatz zu fleisch: unkeuscheit hat keinen stand also sehr erseuft, als den geistlichen, sol ich ihn anders geistlich nennen, so er mehr denn fleisch selbs und ganz geistlos ist.
das. 33
a; Th. Münzer, hoch verursachte schutzrede und antwort wider das gaistlose sanftlebende fleisch zu Wittenberg
u. s. w. (
Luther)
o. o. 1524; so hat der bapst hinfurt kein zeugnis der heiligen schrift für sich, darauf er sich gründen und fuszen möcht, denn allein sein geistlos recht, aus menschlicher vernunft gesponnen. Luther 1, 59
a,
im gegensatz zum geistlichen recht (
s. geistlich 3,
g); weil gott .. die geistlose geisterei wil ausrotten, als er spricht ps. 10 'du bringst umb die gottlosen'. 3, 139
a; ein geistlos papistisch bischof, pfarherr, prediger, tumherr, vicarius sol ungelert und eines bösen lebens sein
u. s. w. der papisten handbüchlein vom j. 1559
bei Schade
sat. u. pasqu. 2, 264; wie dann solchs (solche?) gelehrt und geistlich, oder wie ichs recht bei irem namen nennen sol, ungelehrt und geistlos, uberal der geistlich poet könig David .. viros sanguinum, das ist bluthund nennt. Aventin.
chr. 78
a,
von den scholastischen theologen, auch zugleich oder mehr nach 3,
wie denn geistlich
umgekehrt gleich geistig
galt; nachtrab oder nebelkräh, von dem überaus jesuwidrischen geistlosen schreiben und leben des H. J. Gackels
u. s. w. Fischart 1, 1
Kz., vergl. auch seine geistlos mül Gödeke
grundr. 392,
als verkehrung der geistlichen mühle (
s. unter geistlich 1,
d, β). 2@bb)
daher dann geistlos
geradezu für geistlich,
so sehr war die satirische verkehrung geläufig und aus bitterm scherze bittrer ernst geworden, und zwar schon in der ersten zeit seines auftretens, wenn im j. 1525
in Rotenburg die schneiderzunft u. a. die zuziehung des geistlichen standes zu den gemeindelasten fordert: das die gaistlosen lewt, als pfaffen, nunnen, Henserherren sollen gleiche purden tragen wie ein mitburger. Baumann
qu. zur gesch. des bauernkriegs aus Rotenburg s. 132; 'wie sollen sich die geistlosen halten gegen weltlicher oberkeit?' die geistlosen sollen weltlicher oberkeit nicht gehorsam sein
u. s. w. der papisten handbüchlein a. a. o. 266; wie sollen sich die geistlosen halten gegen die köchinnen? 267
u. s. f. immer (
doch auch die römischen geistlichen 265, 17). weltlich und geistlos
statt weltlich und geistlich: also regirten Cain und seine kinder .. im weltlichen und geistlosen regiment mit groszem frevel und mutwillen. Mathes.
Sar. 82
a,
in einer schilderung des zustandes bis zur sündflut; ein thumherr, der um ein bauermädchen buhlt, wird von ihr abgewiesen: sie sprach, ihr seid ein geistlos man, (
so) bin ich ein weltlich weib.
Ambr. liederb. 220, 43. 2@cc)
noch am ende des 17.
jh. und bis ins 18.
klingt das nach: geistlos,
mundanus, geistloses leben,
vita carnalis. Stieler 1179; geistlos,
profanus, geistloses gesindlein
vulgus profanum Hor., weg mit den geistlosen leuten!
procul este profani Virg. Aler 875
a,
was denn zugleich der neueren bedeutung die hand reicht. vergl. geistreich in seinem übergang vom heil. geist zu der heutigen bedeutung. 33)
nach der heute vorwaltenden bedeutung von geist (
vergl. schon unter 2): ein ander (
läszt sich nennen) hochachtbar, da ihm doch kein hund aus dem wege gehet, ein ander geistreich, der doch geistlose gnung ist.
schelmhechel 1685
s. 80; ein unempfindsamer und geistloser mensch, ein geistloses gedicht. Adelung; nur durch den geist, den wir in die geschichte bringen und aus ihr ziehen, wird uns menschen- und völkergeschichte nützlich, geistlos zusammengestellte facta stehen unfruchtbar da. Herder XX, 340; wenn er ein heer von geistlosen geistern, in denselben dunst academischer weisheit gehüllt, auftreten sieht. Zimmermann
eins. 2, 19
aus Hiszmanns
leben von Leibnitz; das leidenschaftsbedürfnis, das der alltagspoet so geistlos und oft so schädlich befriedigt. Schiller VI, 318, 27; Fetonte ist unter den werken des Metastasio eins der seichtesten, geistlosesten. Schubarts
leben u. gesinn. 1, 109.
zugleich mit anklang der ersten bed.: viele einsame glaubten, sie haben den geist gottes ... wenn sie ganz geistlos waren, aller gefühle sich beraubten ... Zimmermann
eins. 2, 130.
wol auch geistloser wein
u. ä., wie er auch geistreich
heiszt (
s. d. 3,
b);
ähnlich nl. früher geesteloos bloed,
blut ohne lebensgeister, vgl. geisterreich adj.