geier,
m. vultur. 11)
die form. 1@aa)
ahd. kîr, gîr Graff 4, 236,
mhd. aber gîr
und gîre,
wie mnd. Sch.
u. L. 2, 113
fg. gleichfalls (raven unde gyer
pl. 114
a, 5);
auch nhd. im 16.
jahrh. noch schwach, geirn
acc. sing.: den wider, raben noch den geirn. Waldis
Es. IV, 94, 141.
im plur. sechs geyern, zwölf geyren H. Sachs 5, 253
d (
s. auch Fischart
u. 2,
a),
neben starkem geyre
pl. Luther
Jes. 34, 14,
wie mhd. gîre (
neben gîren),
ahd. gîri
vultures. nl. gier.
auch mlat. gira,
s. Frisch 1, 346
c,
der auch altfranz. goire, goiran
angibt. 1@bb)
die heutige zerdehnung (
wie in feuer
für feur, mauer
für maur)
schon im 15.
jahrh. md.: vultur ein geier. Diefenb.
wb. von 1470
sp. 288,
selbst gyher Dief. 632
c neben geyr,
auch noch gir, gier, gire
das.; auch im 16.
jh. schwankt noch z. b. Luther
mit geyr,
plur. geyre (
s. a), geyrflügel, geyrsnase
Dietz 2, 48
b neben geyer
3 Mos. 11, 14, geier
5 Mos. 14, 13;
oberd. bei Dasyp.
nur geir 338
a,
noch bei Maaler 181
b geyr, geyradler,
auch noch gyr 202
b,
ja noch im 18.
jahrh. geyer
und geyr Rädlein 385
b.
im 17.
jahrh. auch geiger (
s. 2,
a),
d. h. geier
weiter zu geijer
zerdehnt, vergl. bair. geiher (
mit gesprochnem h)
neben geir Schm. 2, 29. 1@cc)
das wort ist auf das gebiet des deutschen beschränkt (
hd., nd., nl.),
dem engl. und nord. fremd (
altn. gammr),
also von verhältnismäszig spätem ursprung; wenn Weigand
diesen bei dem folg. adj. geier,
gierig suchte, das gleichfalls einen beschränkten lebenskreis hat (
vgl. auch schon Frisch
a. a. o.),
so stimmt das zum wesen des vogels, der als gefräszig bekannt ist, besonders auf aase und leichname begierig. wie der name des raubvogels mit gier, gierig
im sprachgefühl verbunden war, zeigt sich besonders deutlich in mnd. ghyrmage des sulvers unde goldes Sch.
u. L. 2, 114
b,
ein habgieriger, der geld verschlingt wie ein geiermagen. 22) 2@aa)
eigentlich heiszt so der bekannte raubvogel, in mehreren arten (
vgl. schon Frisch 1, 346
c),
wie der gemeine,
auch braune, graue geier,
der aasgeier, keibgeier, rossgeier, geieradler,
der hasengeier, hühnergeier, vogelgeier,
der goldgeier, stoszgeier, bartgeier,
verwandte arten der lämmergeier, jochgeier, fischgeier, steingeier,
in vocc. des 15.
jahrh. murius vel murinus musgyre,
auch blosz geyer Dief. 372
c, geyr
nov. gl. 259
b (
in anderen musar, meusvogel
das.);
volksmäszig, z. b. bair. von jedem gröszeren raubvogel, er mag zum falken- oder habichtgeschlecht gehören Schm. 2, 29.
von seiner gefräszigkeit: hor, her hane, wat wultu spreken, dat sprek schyre. ik en kan dyner nicht langer viren (
feiern, entsagen), ik bin noch hungerger wan ein gyre. Haupt 5, 408,
worte des fuchses, der den hahnen verspeisen will, welcher ihn um frist zum beichten gebeten hat; die gîre vliegent gerne dar, dâ si des âses werdent gewar. Freid. 142, 19; swâ grôʒe herren varent über lant (
in kriegsfahrt), den volgent die gîre nâch sâ zehant ... alsam varent die tiufel gern (
dahin) swâ strît ist, tanz und tabern, wan sie der sêle wartent dâ.
Renner 19465
ff.; in diser not (
d. h. als geiszbub an einem felsen klebend, wohin er sich verstiegen hatte) was mir aller ängstest, das ich die groszen giren forcht, die under mir in den lüften flugen .. wie denn etzwenn in den alpen beschicht, do die giren kind oder junge schaf hinweg tragend. Th. Platter 9; es ist allda (
in Arabien) ein rechter gottsacker der cammel und ein stets hochzeitfest (
hochzeitschmaus) der geyren. Fischart
Garg. 222
b (
Sch. 415).
er lauert auf das geflügel im hofe (
vgl. das spiel unter e): der geyer hat uns die hüner geholet. Ludwig 777,
besonders auf die küchlein: wo der geier auf dem gatter sitzt, da drühen (
gedeihen) die küchlin selten. Liliencr. 1, 450
a,
ein sprichwort, in politischer anwendung auf die schädliche gewalt und habsucht (
vgl. 3,
a)
der Vitzthume im lande Thüringen im 15.
jh.; so von Kunz von Kaufungen als prinzenräuber: der adler hat uf den fels gebaut ein schönes nest mit jungen (
Altenburg), und wie er einst war geflogen aus, holete ein geier die jungen vogel raus ... wo der geir auf dem dache sitzt, da trugen die küchlein selten.
das. 483
a (
wunderh. 3, 234); put put, meine liebe kinderlein (
lockt die henne), kriecht hier
unter die flügel mein, dasz euch der
geiger nicht erhasch ... (
polit.)
vogelgesang o. o. 1634
bei Opel
u. Cohn
30 jähr. krieg 439; sucht a vögerl, a kleins, in der bruatzeit sein sitz, a kleins a kleins nösterl, mit asterln zuadeckt, dasz's der geyer nid findt, is's in mäuern versteckt. A. Schosser
naturbilder 96.
sprichwort wer einen geyer schindet, der hat einen magern vogel. Henisch 1441, 45. 2@bb)
daher in verwünschungen und ähnlichen redensarten, seit dem 15.
jh., wahrscheinlich älter: dasz dich der geier schende hie unter meinen henden!
schles. osterspiel bei Wack.
leseb. 1839 1021, 26,
fundgr. 2, 320,
wobei eigentlich an den galgen gedacht sein wird, wie im folg.; dos dich bots geyr, bots raabe! Gryphius
Dornr. 59, 19
P. (
lustsp. 268
P.),
geier und rabe, die auch sonst gesellt erscheinen (
z. b. mnd. wb. 2, 114
a),
als wolbekannte gesellen vom schlachtfeld oder vom galgen her (
vgl. botz todenbaum! II, 280),
hier aber wie in gottes auftrag als rächer gedacht. ähnlich dann der geier
als vertreter des teufels, mit dem er schon im Renner vorhin zusammengebracht ist: aber ich halt das mich der geyr gebunden hatt mit seinem fewr. Ringwald
tr. Eck. G 5
b; (
wer ist) den nicht der satan hat beschnellt? wen hat der schwarze geyer nicht hier oft gar übel zugericht? und ihm ... nicht manche feder ausgerauft.
laut. warh. in Brodkorbs
bearb. 188; dasz dich der geyer hole,
dewce take you! Ludwig 777; dasz du dem geier im schnabel wärst! versetzt der junker grimmiglich. Wieland 18, 328; pack dich, du lump, im augenblick, sonst hohle dich der geyer! Langbein
ged. (1800) 1, 165; so soll ihn ja der geyer! Fr. Müller 1, 290. 2@cc)
auch so dasz dabei eigentlich nur an den teufel gedacht werden kann und soll, dessen namen man doch damit zu nennen meidet: wen ober der geyer eme e water (
wetter) derzwischen macht, wie mir .. Gryphius
Dornr. 51, 5
P. (
lustsp. 257
P.); vor tausend geyer nein!
Fuchsmundi 66; wo geyer hastu die hände gehabt, dasz sie so fett und salzigt sein? Ettner
unwürd. doctor 335; der geyer! sie sind wol gar ein Franzose? Lessing 1, 321. 326; was geyer, soll man auch thun? 1, 328; dasz sie bei dem geyer wären, die verdammten ausleger! 3, 278; wer geyer heiszt ihnen ein falsches system haben! oder vielmehr: wer geyer heiszt ihrem verstande sich ein system nach seiner grille machen
u. s. w. 12, 59; ich möchte wol wissen, wie der geyer dich gerade auf einen roman hat führen müssen, dessen .. 12, 383; aber der geier und seine groszmutter! Wall
die beiden billets 23; die prinzessin! schrie Pedrillo, fort ist sie, zum geier ist sie! Wieland 12, 17.
auch kurz zum geier!
eigentlich geh zum geier (
wie zum kukuk! zum henker!): je, zum geier! was machen sie mit der eifersucht? 11, 224; zum geier! Lenz 1, 93.
auch des geiers,
eigentlich dasz du des geiers wärest
o. ä., aber auch blosz noch als bekräftigung: ich und mein Caschper nit feil (
faul) und treschn dir des geyers den balch so ab, dasz sie umgfalln ist wie ein alter strumpf (
stumpf). Schwabe
tintenf. A 7
b; aber des geyers ich trau dem landfriedn net. 30,
vergl.das ding reiszt in beudel wie all der geier. A 4
b.
noch jetzt hol dich der geier, pfui geier!
auch das weisz der geier (
wie der teufel)
u. ä.: und weisz der geier, sie war auch noch ganz hübsch und sauber. Gutzkow
ritter v. g. 2, 73,
hier freilich zugleich wie weisz gott! 2@dd)
nur mythologische, gelehrte geier,
nicht aus dem leben, sind folgende: mein Thyrsis, lasz dich nicht von gram und furcht besiegen. den geiern des gemüths! E. Chr. v. Kleist (1771) 1, 23,
die am gemüt nagen, fressen, wie in der griechischen sage an der leber des Tityos in der unterwelt: und zween geier saszen ihm links und rechts und zerhackten unter der haut ihm die leber. Voss
Odyss. 11, 578.
s. auch unter geierpein. 2@ee)
ein spiel geier,
vulturius Frischlin
nom. 475;
noch jetzt weit verbreitet (
vgl. Zingerle
kinderspiel im mitt. 41),
ein pfänderspiel bei dem sich alle gegen den einen vereinigen, der als geier in den schwarm vögel stöszt Rochholz
alem. kinderl. 410,
der vom gyrenrupfen
aus dem 17.
jh. eine beschreibung von Amman
nach Cats
beibringt Zürich 1657: das frächest in der bursch (
schar) nimt an des geyren amt, das klgst die gluckhän ist, die übrigen gesamt an ihrem rugken stehn.der geyr setzt an den reyen und pflegt sich hin und her zu krümmen und zu treyen (
drehen), die hnlein ducken sich
u. s. w.; vgl. auch Conr. Meyers 26
kinderspiel Zürich o. j. (17.
jh.)
nr. 7,
mit kupferbild. im 16.
jh. in politischer anspielung in den schweiz. religionskämpfen: sie hand an mir (
dem pabst) nüt (
nichts) überhupft, und mir den gyren gnaw berupft.
N. Manuel 38
Bächt. (345
Gr.),
s. in der anmerkung von einer streitschrift der zeit das gyrenrupfen (Gödeke
grundr. 246, Utz Eckstein im
kloster 8, 733),
auch die gleichzeitige beschreibung als spiel, das junge gsellen mit einandren üebend (
bei Meyer
sind die hünlein mädchen), da einer in mitte sitzen muosz, einer im hüeten (
als hüter dienen), die andren all herzuo loufend, den sitzenden zuo roufen.
danach zeigt das spiel wesentliche verschiedenheiten. 33)
in noch anderer anwendung. 3@aa)
auch von menschen selber: geyer,
ein schmarotzer, parasitus. Frisch 1, 346
b,
luxemb. geier
m. der freszgierige Gangler 170,
vgl. nl. bei Kil. ghier-wolf,
heluo, un goulu (
auch werwolf),
fresser;
vgl. das adj. geier 2.
besonders auch von habgierigen, s. mnd. her gyre
von einem geizhals Sch.
u. L. 2, 114
a (
auch gyrhals
das.),
noch nd. de ole gyr,
der alte geizhals Richey 74,
vgl. auch das. gyrige Gerhard (
an geren
begehren angelehnt, vgl. Gebhart)
und gyren
gierig verlangen, s. dazu u. geirig 3.
bei Ludwig 776 ein geldgeyer,
eine geizige frau (
vgl. u. geierheit).
so von habsucht, geldgier (
vergl. dazu aus dem 15.
jahrh. aus Liliencron
unter 2,
a)
im Nathan 1, 3: es taugt nun freilich nichts, wenn fürsten geyer unter äsern sind. doch sind sie äser unter geyern (
lassen sich ausbeuten), taugts noch zehnmal weniger. Lessing 2, 208
fg.; vergl. lat. vultur, vulturius
so, z. b. Mart. 6, 62, 4 (
zusammen mit cadaver),
was Lessing
gewiss bekannt war, aber heimische wendungen auch, um die stärkste gier zu bezeichnen, z. b. er fuhr wie ein geier darauf los,
auch wie ein stoszgeier, er ist dahinter her wie ein geier.
auch du fauler geier! Ettner
unw. doct. 375.
s. auch geiersnase. 3@bb)
in der Oberpfalz heiszt so auch eine art fischmöwe oder wasserschwalbe (
vgl. geierschwalbe), '
vermutlich von ihrem geschrei gái gái!'
s. Schmeller 2, 63,
wo auch vom geyerschlag,
dem fang und todtschlag der jungen; vgl. Adelung unter geyerschlag,
der auch fischgeyer
dafür angibt. 3@cc)
aber auch ein fisch, haifisch: galeos, ein geyer, kleiner hundfisch. Kirsch 1, 496
a (Dief. 256
a)
mit berufung auf Gesner;
γαλεός ist eine haifischart. 3@dd) geier
heiszt auch die ebene oben auf dem hochofen oder schacht (
des ofens),
worauf man herum gehen kann und von wo aus kohlen und eisensteine in den ofen gestürzt werden Hertwig
bergb. 184.
thiernamen sind viel in bergmännischer verwendung, s. z. b. kuhkamm, kupfersau, hund,
im hochofen gans II, 4,
d, die zu dem geier
in ursprünglicher beziehung stehen könnte. 3@ee)
eigen sternengeier,
bei Fischart: wolher kauft ihr newzeitungschreyer, hie ist was newes vom sternengeier.
groszm. 140 (
Sch. 662);
es scheint nl. sterrenkijker
astrologus Kil.,
nrh. sternenkyker (
s. unter kiken 5)
in spielender umdeutung.