zweideutig,
adj. und adv. ,
seit der mitte des 17.
jh. als verdeutschung von lat. aequivocus bezeugt. 11)
zunächst von wörtern und sinnzusammenhängen gebraucht, die eine doppelte auslegung zulassen: Mercurius aber gebraucht sich zweydeutiger wörter (
aequivocorum) Harsdörffer
gesprächsp. (1641) 1, l 3
a; dieses wort (
wohlbedächtig) ist etwas zweideutig, denn wohlbedächtig und klüglich oder löblich sind nicht allezeit synonyma Chr. Thomasius
ernsth. ged. u. erinng. (1720) 2, 81; das wort gemeinschaft ist in unserer sprache zweideutig und kann so viel als communio aber auch als commercium bedeuten Kant 3, 182
akad.; diese zweideutige worte, so man sowohl auf des Galba und Piso todt als auf den verderb, den die Tyber angerichtet ziehen kunte A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 4, 457.
selten von der deutung eines sachzusammenhangs: der Diomedes des Dioskoridas ist eine figur, die entweder sizet, oder die sich von den size heben will; denn die action ... ist zweideutig Winckelmann
s. w. (1825) 1, 73.
häufig vom orakel u. ä.: daher auch Cato sagte: dasz sie (
die auguren) einander niemahls ohne lachen begegneten; weil die albern leute ... sich durch ihre zweydeutige worte betrügen lieszen Lohenstein
Arminius (1689) 2, 1365
a; die antworten der orakel, die doch ganz zweydeutig zu seyn pflegten Gottsched
crit. dichtkunst (1751) 35
anm.; der götter worte sind so zweideutig nicht, als der elende sie unmuthig wähnt Göthe 39, 345
W. 22)
von der bewuszt zweideutigen
rede, dem doppelsinnigen versprechen des betrügenden, der täuschen will: mit diesen und andern zweydeutigen reden ... versteckte Tiberius seine gemüthsmeinung Lohenstein
Arminius (1689) 2, 976
b; die hochgetriebne kunst, zweydeutig zu versprechen ... hat erst die folgezeit am gründlichsten gelehrt Chr. Weichmann
poesie der Niedersachs. (1721) 5, 315; die tugend ihrer tochter unter einer zweideutigen versicherung auf vermählung ... zu verkaufen Klinger
w. 3, 130.
auch von ton, miene und blick, die die wahre meinung des betreffenden absichtlich verhüllen: diesen ausruf spricht er mit einem geschwinden, zweideutigen tone aus Gellert
w. (1839) 7, 211; verwirre mich hier durch kein zweideutiges lächeln Schiller 4, 43
G.; sie werden ihr das hoff ich wenigstens nicht mit zweideutigen mienen und worten das vertraun zu mir benehmen Müllner
dram. w. (1828) 7, 249; unter zweideutigen blicken auf den kämmerer, dessen willfährigkeit er in diesem falle misztraute, antwortete der kurfürst nicht H. v. Kleist 3, 228
E. Schm.; er antwortete mit zweideutiger höflichkeit Eichendorff
s. w. (1864) 2, 168. 33)
dem sinn '
unverständlich, rätselhaft, unklar'
nahekommend in anwendung auf äuszerungen und vorstellungen, noch deutlich im zusammenhang mit dem ursprünglichen gebrauch: O. stichelte mit einigen worten ... wiewohl so zweydeutig, dasz man mühe hatte, seinen verstand, wie ers meinte, zu errathen A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 4, 477; weil viele von denen ... kätzern ... etwas unverständlich und zwaydeutig geredet und der geist gottes selber seine himmlische weisheit durch rätsel vorzulegen gewohnt ist G. Arnold
unpart. kirchen- u. ketzerhist. (1699) 7
a; ich weisz wohl, wie zweideutig, die begriffe sind, welche sich viele von der satyre machen Rabener
s. w. 1, 85; denn wem kann der sinn nun noch zweydeutig sein Lessing
s. schr. 8, 49
L.-W. allgemeiner: unsicher, vage, zweifelhaft: die zweideutige hoffnung einer erbschaft, die ohnehin hier so wenig wahrscheinlich gemacht worden J. J. Dusch
verm. krit. u. sat. schr. (1758) 74; die siege geben dem kriege den ausschlag, sehr zweideutige beweise der gerechten sache oder vielmehr sie sind gar keine Lessing
s. schr. 14, 154
L.-M.; indessen hatten wir doch noch ein andres, weniger zweideutiges merkmal, dasz es hier herum land geben könne, die see war nämlich ziemlich ruhig und eben J. G. Forster
s. schr. (1843) 1, 107; ist durchaus zweideutig, ob der ulan ... freund oder feind ist Göthe IV 28, 20
W.; mein glück war mir nicht zweideutig E. Th. A. Hoffmann
s. w. 9, 165
Gr. verschwommen: ihre umrisse sind mit absicht verschwommen, zweideutig gehalten Mörike
ges. schr. 3, 14
Göschen. 44)
stärker pejorativ: von verhältnissen und dingen, bei denen der verborgene nachteil den scheinbaren vorteil überwiegt: dasz du alle die sachen nicht leiden könntest, die nur in einem punkte gut und böse von mehreren seiten her wären ... da sie (
die erlernung der flöte) doch sicher unter die dinge von jener zweideutigen ... gattung gehört A. G. Meiszner
Alcibiades (1781) 1, 99; meine jahre auf dem lande in ruhe zuzubringen, ohne mich um das zweydeutige glück des hofes zu bemühen Rabener
s. w. 3, 259; gedenke mir dieses zweideutigen sieges nicht! Lessing
w. 2, 356
L.-M.; nur drang diesmal Wurmser mit einem theile des heeres nach Mantua ein, ein freilich zweideutiger gewinn L. Häusser
deutsche gesch. (1854) 2, 100; den Schönbrunner vertrag ... durch welchen Preuszen die allianz mit Napoleon und das zweideutige geschenk von Hannover annahm Döllinger
ak. vorträge (1888) 1, 52.
der bedeutung '
gefährlich'
nahekommend: weit weniger beneid ich den, den hohe würden krönen. zweideutge zier! verrätherische hoheit! Schiller 6, 153
G.; das gebäude liegt an dem tiefsten punkte der stadt ... treppe so wie treppengebäude von gyps, als einer sehr kalten ... steinart machen den aufenthalt besonders im winter sehr zweideutig Göthe I 35, 88
W. 55)
seit dem 18.
jh. tritt zweideutig
in der bedeutung schlüpfrig, zotig auf, das wird mehr und mehr die hauptbedeutung des wortes: mithin müssen alle grobe, unflätige und zweydeutige worte aus den versen bleiben J. G. Neukirch
anfangsgründe (1724) 109; ihre niederträchtigen, ironisch zotigen und zweideutigen reden verstand er (
der knabe) nicht Jung-Stilling
s. schr. (1835) 1, 125; sie erröthet über jedes zweideutige wort Gellert
w. (1839) 6, 109; da hingegen die jezigen gedichte auf solche fälle selten mehr als zweideutige zoten ... enthalten Schubart
leb. u. gesinn. 1, 150; der schornsteinfeger war ein tanz im takt nach einem sehr zweideutigen liede
F. W. Böhme
gesch. d. tanzes (1886) 209; graf Drosselstein ..., der zweideutige anekdoten erzählte Fontane
ges. w. I 1, 172. 66)
in anwendung auf den menschen in mancherlei abwandlungen der bedeutung, stets mehr oder weniger pejorativ. gelegentlich von der zwiespältigkeit seiner natur: (
der mensch) ein zweideutig mittelding von engeln und von vieh Eschenburg
beispielsammlg. z. theorie (1788) 2, 362; es ist schon oft bemerkt worden, die menschheit sei eine zwitterhafte spielart, eine zweideutige mischung eines göttlichen elements und der thierwelt Fr. Schlegel
s. w. (1846) 5, 34.
häufiger der bedeutung wankelmütig, schwankend nahekommend: als sie (
die schatten) noch in fleisch und bein die früchte der erde aszen, waren sie von jener zweideutigen art, die aller menschen freund sind, ohne es von einem zu sein Klinger
w. (1809) 3, 17; wankelmüthige und zweideutige menschen erscheinen hier treu und wahr Justi
Winckelmann (1866) 1, 132; jetzt verurtheilten alle höfe mitleidslos sein schwankendes, zweideutiges verhalten Treitschke
dtsche gesch. im 19.
jh. (1897) 3, 184.
geradezu unzuverlässig: die hinter zweideutigen truppen aufgestellt sind, um die zu schrecken, welche unzeitig weichen wollten Fr. Schleiermacher
s. w. (1834) II 4, 50.
anders: verdächtig: ... fünf menschen (
räuber), die aus dem nahen walde auf uns zueilten.
F. machte mich zuerst auf ihr zweideutiges äuszere aufmerksam Tieck
schr. (1828) 6, 127;
so öfter prädikativ: V.'s republikanische gesinnungen waren ihnen ohnehin schon wegen seiner aristokratischen verhältnisse zweideutig Jean Paul
w. 7/10, 391
H.; dem Zürcher erschien des kapuziners keckes betragen, seine lustigkeit und selbstbeherrschung etwas zweideutig und verdächtig C.
F. Meyer
Jürg Jenatsch (1904) 75.
in den maa.: Überfelder
Kärnten 259; Loritza
Wien 149
b.
hauptgebrauch in jüngerer zeit: moralisch nicht einwandfrei, besonders von frauen: es wäre nicht zum ersten male ... dasz eine zweideutige person ... ihre tochter ... mehr in ehren hält als manche sittsame ... mutter, die von gefahren keine ahnung hat Holtei
erz. schr. 9, 46; L. hatte ein zweideutiges mädchen genannt K. Gutzkow
ritter v. geiste (1850) 3, 313.
in diesem sinne zweideutiger ruf: daselbst kommen sehr viel frauenzimmer von zweydeutigem rufe zusammen Nicolai
reise d. Deutschland (1783) 5, 53; sie ist eine frau von zweideutigem rufe Bauernfeld
ges. schr. 3, 183.
auch von einer handlung: aber nichts ist in den augen der welt zweydeutiger als die freygebigkeit eines jungen menschen gegen eine junge person Wieland
Agathon (1766) 1, 323; ein junger mann, der ... in solcher sache ein zweideutiger vormund erscheint Immermann 5, 19
H. 77)
in naturwissenschaftlicher terminologie: zweideutige citronenkresse Schlechtendahl
flora v. Dtschland (1880) 14, 67; zweideutige drossel Naumann
naturgesch. d. vögel (1822) 2, 1, 310; zweideutige krystalle Zappe
min. handlex. (1817) 2, 88.