wehmuth,
f. älter auch m. ursprung, verbreitung, form. wehmuth
ist nur scheinbar aus den subst. weh
und muth
zusammengesetzt, thatsächlich aus dem adj. wehmüthig
rückgebildet. auch ags. wéamétto
f. '
anger, wrath, passion, irascibility' Bosworth-Toller 1176 (
aus wéamédðu Sievers
ags. gramm. § 201, 4)
ist secundär gegenüber dem adj. wéamód (
s. u.wehmüte),
mengl. liegt neben wâmêde
adj. '
angry'
gar nur das abgeleitete wêmôdnesse
f. '
anger, ira'
vor Stratman 661.
mhd. ist ein subst. wêmüete
nicht belegt, freilich auch wêmüetic
nicht unmittelbar, aber doch aus dem allein belegten wêmüetecheit
zu entnehmen. eine ganz entsprechende chronologie zeigen grosz-, klein-, sanft-
und schwermuth: groszmuth
ist jünger als groszmüthig (
s. o. 5, 93);
dem mhd. kleinmuotikeit
und dem adj. kleinmüete
folgt kleinmüthig
im 15.
jahrh., kleinmuth
nicht vor Fischart; sanftmüthig
ist im 15.
jahrh. vorhanden, sanftmuth
erst bei Weckherlin,
während mnd. sachtmod, sachtmodich
und sachtmodicheit
gleichmäszig vorhanden sind; schwermuth
lebt recht auf erst zu ende des 16.
jahrh., während swærmüetic, swârmôdig
schon mhd. und mnd., schwermüthigkeit
seit Sachs
und Maaler
vorliegen. im gegensatz zum hd. sind mnd. neben wêmôdicheit
auch wêmôd
m. und wêmôdich
adj. gleich gut und gleich früh entwickelt (Schiller - Lübben 5, 668; Lübben-Walther 571),
vom nd. aus sind beide im 15.
jahrh. ins md. und obd. gelangt und fortan parallel entfaltet. im 15.
jahrh. wiegen unter den glossarien, die wehmuth
buchen, die nd. noch durchaus vor: die bei Diefenbach
gloss. 608
b unter vecordia angeführten haben alle nd. einschlag oder buchen geradezu wemot
mit nd. vocalismus. in nhd. wörterbüchern erscheint wehmuth
erst seit Stieler 1299
und seitdem regelmäszig: Pomey (1709) 3, 338
b; Ludwig (1716) 2413; Hederich 2616; Steinbach 2, 90; Frisch 2, 429
b; Nieremberger (1753); Adelung (1801) 4, 1437; Campe 5, 628.
nhd. geht im litterarischen gebrauch des wortes Luther im 16.
jahrh. fast als einziger voran, die ostmd. schriftsteller stehen noch im 17.
jahrh. durchaus im vordergrund: Fleming, Gerhardt, Zesen
und vor allem die Schlesier: Butschky, A.
und C. Gryphius, Günther, Hoffmannswaldau, Lohenstein, Mühlpfordt, Opitz, Schweinichen, Stoppe.
ihnen gebührt der entscheidende antheil an der einbürgerung des wortes, indesz der md. westen (Happel, Schupp)
und auch Niederdeutschland (Dach, Kantzow)
auffallend zurückstehen, die Oberdeutschen kaum vor Abraham a S. Clara,
die Schweizer nicht vor Bodmer, Breitinger
und Haller
theilnehmen. im gegensatz zu wehmüthig
wurzelt das wort nirgends in deutschen mundarten, von nachbardialekten kennen es nur das nl. und fries.: weemoed.
luctus, pusillanimitas Kilian (1777) 792; wêmôd Doornkaat Koolman 3, 534.
durch sein geschlecht ist wehmuth
im sprachbewusztsein der neuen zeit von muth
geschieden, es wird vielmehr mit demuth
zusammengefaszt, wenn es auch kaum je ausdrücklich neben diesem erscheint. auch in einzelentfaltungen stellt es sich nahe zu demuth:
wie dieses oben 2, 921
als eigenname nachgewiesen ist, z. b. als name der magd im märchen vom spiegel mit dem pech, so tritt fraw Wehmuot
als mutter des verlorenen sohnes auf bei Wickram
werke 6, 246
Bolte; wie demuth
das. als name von thymian und bohnenkraut belegt wird, so erscheint wêmuet
als name eines blümchens mit krausem kraut in Dänikon bei Zürich, schweiz. id. 4, 585.
in alter zeit hat die anlehnung an muth
dialektisch wehmuth
zum masc. gemacht: mnd. wêmôd
ist regelmäszig m.: item in desseme iare (1470) markgreve Frederik ... quam in wemud unde melancolyen,
[] also dat he unstede ward in allen dingen ... des reden em syn rad, dat he toge in Vranken, uppe dat he synen wemud vorghete unde queme wedder to sik sulven
chronik des (
Lübecker)
lesemeisters Detmar 2, 331
Grautoff. bei Luther
gilt m. neben häufigerem f.: wie gar kan der teuffel seynen wehmutt nicht bergen
Weim. 10 II 250, 27,
nur m. begegnet obersächsisch im 17.
jahrh. wirff nun den wehmuth weg, du edler hauffe du Fleming
teutsche poemata (1660) 592; setzt mir des wehmuths schmertzen zu, so find ich bey dir meine ruh als auf dem bett ein kranker Gerhardt
bei Fischer-Tümpel 3, 308; mit groszem wehmuht Zesen
Ibrahim 1, 98; und wolte uns fast selbst seinen wehmuth zuverstehen geben
polit. maulaffe (1679) 170.
von den Schlesiern kennen nur wenige das m.: habe ich mit smerzlichem wehmut erfahren Butschky
kanzlei 861; da sah er nichts als leid, das seinen geist bestrickte, und wehmuht, unter dem die seele fast verschmacht Mühlpforth
hochzeitged. (1686) 3.
gerade die Schlesier sind es, die im nhd. den sieg des f. durchgesetzt haben. die form wehemuth
hat von haus aus nur graphische bedeutung. sie begegnet früh als kanzleimäszige schreibung: dasz uns fast in wehemute schwerlich zu herzen ist gegangen
codex dipl. Sil. (1433) 12, 105
und unter einflusz der kanzlei bei Luther: solche innerliche wehemut und hertzengeschrey Mosi höret gott leise und bald
Weim. 16, 183,
sonst nur bei schriftstellern, denen der lebendige gebrauch des wortes fernliegt: wie ... Jesus ... zwölff jahr alt war, hat er sich ... nacher Jerusalem begeben, woselbst er von Maria und Joseph nit ohne sondern hertzenwehemuth verloren Abraham a S. Clara
Judas (1690) 2, 16; es ist die welt ein garten, in welchem ... nichts ... wachset, als wehrmuth und wehemuth
etwas für alle (1711) 1, 460; die frau, als sie solches mit höchster wehemuth erfahren, lieff vor den amtmann Happel
akad. roman (1690) 52; so entfält mir hertz und muth, dasz ich darüber für wehemuth und traurigkeit beynahe versincken möchte Schupp
schriften (1663) 445.
von theoretikern hat die schreibung wehemuth
nur der französische jesuit Pomey (1709) 3, 338
b und nach ihm Ludwig (1716) 2413.
metrisch ist sie ganz selten gesichert: an ihren wimpern bebte der thau der wehemuth Kosegarten
bei Campe; gegen die schreibung ist dreisilbig zu lesen: der glocken ... schlag lenkt meine wemuth auf den betrübten tag Stoppe
Parnasz (1735) 131.
bedeutung. II. '
zorn',
die alte bedeutung von muth,
ist oben 6, 2781
zu eng als ostgermanisch bezeichnet worden. sie zeigt ihre spuren nicht nur ags. und asächs., sondern greift auch ins deutsche hinüber. im mnd. wêmôd
ist sie durchaus fest: vordrete, troiss, vnwillen offte wemoedt gensliken moge hengelecht werden
monumenta Livoniae ant. 4, 244
u. ö. bei Schiller - Lübben.
die glosse vecordia. i. demencia vel furor we mut vel wemutigkeit
gemma gemm. (
Straszburg 1518)
rechtfertigt sich wahrscheinlich damit gegen Diefenbach
mlat.-hd.-böhm. wb. 280
und mhd. wb. 2 I 267),
dasz ihr eine nd. angabe zu grunde liegt. wie das nd. kennt Luther
die bedeutung '
zorn': hilff gott, wie zornig sind die helden, das sie ... fur groszem wehe mut und grym auch nicht sehen was odder warauff sie antworten sollen
Weim. 26, 261,
er variirt sie zu '
bornirter hasz': man sollt den Luther mehr mit fewer umbringen denn mit vornünfft ubirwinden: wer sollt doch nit hie lachen solches weybischesz unnd aller ding münchisches wehmütts? 9, 746, '
enge leidenschaft': seyn thun engstet sich altzeyt noch der hohe ... darumb hat mit diszem wort der prophet eygentlich seyne sorge und wehmut in solchem handel troffen 8, 713.
md. hält sich die bedeutung '
zorn'
bis ins 17.
jahrh.: i.
f. g. haben herzog Heinrich allemal als den sohn nicht lieb gehabt, hat oft übel auf ihn gescholten, wann die wehmuth i.
f. g. überlief Schweinichen
denkwürdigkeiten 16
Österley; [] solch einen abschäu und solch einen wemuht hab' ich, wan ich sehe, dasz einem menschen, den ich mehr lieb' als mich selbst, einige schmach zugefüget wird Zesen
Sofonisbe 54.
indem das bedeutungselement der feindseligkeit gegen einen bestimmten gegner verblaszt und sich der stumpfer gewordene affect gegen die auszenwelt allgemein richtet, wird der zorn zum verdrusz, so schon mnd.: so bidde wi ju, dat gi des (
störfangs in der Newa) vorbat nicht en steden ... groten schaden und wemod dar mede to vermidende
livländ. urkundenb. nr. 1793 (1409); so bevruchte wi uns, dat de kopman des vurder in vordret und wemod mochte komen
das. 1830 (1410);
später vereinzelt: bisz hieher bin ich wilde zu klagen ümb mein leid. hier wird mein wehmuth milde, der mich fast durch hat bracht, mein wehmuth ümb die zeit, die ich hier richte hin gantz ohne nutzbarkeit Fleming
geist- und weltl. poemata (1660) 200. IIII.
die alte enge bedeutung erscheint innerhalb des nd. verallgemeinert zu '
affect'
überhaupt: hette einer eim armen pauren seine tochter mit gewalt geschwecht. dasselbig klagte die dyrne mit grossem wehmot dem khonige Kantzow
chronik von Pommern 269
Gaebel. von da aus kann eine entwicklung nach verschiedenen richtungen eintreten: II@AA.
nahe liegt die bedeutung '
äuszerung eines affects',
die doch vereinzelt bleibt: diese rede beseelte sie mit einer so erbärmlichen geberdung und wehmuth, dasz sie dem Segesthes durch die seele ... drang Lohenstein
Arminius (1689) 1, 48
a.
umgekehrt wird wehmuth
zur '
ergriffenheit',
die die äuszerung hindert bei Stranitzkhy: die fernere wort, die ich heimlich in dem hertzen geführt, kan ich vor wehmuth nicht so ausdrücklich geben
Wiener neudr. 6, 29. II@BB.
der affect kehrt sich auf das leid des nächsten und wird zum '
mitleid': bei aller noht der deinen ob schon die augen nicht, so musz dein hertz doch weinen ausz wehmut Dach 565
Österley; ich fall ietzund als knecht zu deinen zarten füssen, ich ruff als göttin dich mit bleichen lippen an, lasz einen milden strahl auf meinen scheitel schüssen und zeige dasz bey dir auch wehmuth wohnen kan Hoffmannswaldau
heldenbriefe (1682) 6,
danach bei Steinbach 2, 90; mein hertze steht dir offen, komm schaue disz nur selbst mit frischen augen an: drum lasz ihm auch ein theil von deiner wehmuth hoffen Neukirch
in Hoffmannswaldaus u. a. gedichten 2, 94; fort, schreyt die schaar, nur fort mit ihm ans kreuze! ach ist denn nichts, das euch zu wehmuth reize? Neukirch
ged. (1744) 68.
gleichfalls auf den zustand des mitmenschen richtet sich wehmuth als '
zartgefühl': ein krüpel dient wohl sonst zur kurtzweil der gesunden, doch deine wehmuth ist mir allzuwohl. bekant Hoffmannswaldau
heldenbriefe (1682) 11,
bei Steinbach 2, 90
übersetzt: sed tuus animus mitis dudum mihi cognitus est. II@CC.
vom affect erscheint wehmuth
auf die ursache des affects übertragen, die wider sehr vielgestaltig sein kann. aus der trauer wird das '
unglück',
das die trauer verursacht, so mnd.: desses wemodes si geweset ein hovetman (
huius cladis auctor)
chronicon sclavicum parochi Suselensis 36, 6
Laspeyres; ferner '
kriegsleiden': ach! dasz ichs nun sol nennen das liebe vaterland, das kaum noch ist zu kennen von wehmuth' ungestalt, von wehmuth' aller noth, in der es ohne todt nun ist so lange todt, sein eigen schwerdt und graab Fleming 95; '
trübsal': als man mit myhrren-essig ihn in höchster wehmut tränckt A. Gryphius
freuden- u. trauerspiele (1663) 654; '
krankheit':
Fabricius. ja! wo mein herr nur kan von seinem bett auffstehen.
Flavia. wie lang ists, dasz er nun in dieser wehmut ligt?
lustspiele 248, 29
Palm; '
körperlicher schmerz': wenn ich bald aug und ohr, bald hand und fusz verliere, wenn ich im hospital mich kaum vor wehmuth rühre Chr. Gryphius
poet. wälder 2, 367.
[] IIIIII.
seit ausgang des 17.
jahrh. herrscht mit neuer usueller verengung ausschlieszlich die bedeutung '
tiefe, innere, gleichmäszige trauer'.
frühe belege schon im 16.
jahrh.: so offt ich ietzundt sein gedenck, vor wehmut ich ein seufftzen senck H. Sachs
werke 13, 469
Keller; dies alles gab mir nicht wenig herzbrechenden kummer und wehmuth Schweinichen
denkwürd. 171
Österley; zur begriffsbestimmung gut geeignet die abgrenzung gegen nachbarwörter: das trauren kan zu rechter zeit auch hohe seelen nicht beschämen: denn wehmuth ist nicht weichlichkeit, und treuer schmertz kein schimpfflich grämen Günther 145.
schwere, dauer und ausgeglichenheit der seelischen (
nie körperlichen)
depression sind damit dem worte mit nothwendigkeit vindicirt, die weitere entfaltung läszt sich von innen heraus darlegen, indem die in der begriffsbestimmung enthaltenen bedeutungselemente zergliedert werden. die definition enthält damit zugleich schon die disposition. III@AA. '
trauer',
das genus proximum der definition, ist schon in sich kein ganz einfacher begriff und in seinen einzelnen anwendungen höchst wandelbar. III@A@11)
früh verbreitet ist die anwendung auf liebesgram, zumal in gebundener rede: dein (
der Venus) wesen ist ein marck, da leyd wird feil getragen, ein winckel da verdrusz vnd wehmuth innen steht Opitz
poemata 148
neudr.; bist du denn harter stein und stahl, die mann doch zwingen kan? feld, wiesen, wälder, berg und thal sehn meinen wehmuth an Fleming
poemata (1660) 494; o abschied voller zärtlichkeit! o wehmuth heiszer liebesthränen! o dörft ich eurer nicht erwähnen! Gottsched
ged. (1751) 144; da wachte wehmuth auf, freud' und entzücken, die liebesgeister, die in ruhe schliefen, sie eilten über unsichtbare brücken Tieck
schriften (1828) 1, 394 (
Octavian 2, 5); dort seh' ich die liebste stehen, feuchte wehmut in den blicken Heine 1, 54
Elster; auch sie steht nun wohl in dem dämmerlichte, der wehmuth zug in dem gesichte, auf dem altan und denkt an mich Grabbe
werke 1, 176 (
herzog v. Gothland 3, 1).
in prosa bedarf wehmut
in diesem sinne der begrifflichen stütze: ach, sprach die gräfin oftmals mit zärtlicher wehmuth, wärs doch im rathe der wächter beschlossen, dasz wir beide zu gleicher stunde ins dunkle grab hinüber schlummerten Musäus
volksmärchen 3 (1805) 259; liebe und wehmut tönen in holden geisterstimmen E. Th. A. Hoffmann
werke 1, 38
Grisebach; vom prinz Johannes. von seinem wandeln in sehnen und wehmut ... bis ihm der einzigste anblick der schönen sonnenprinzessin gewährt wurde Grimms
märchen (1812) 1, 386. III@A@22)
die bedeutung '
trennungsschmerz'
tritt später auf, spielt aber eine gröszere rolle. sie geht deutlich vom abschied zwischen liebenden aus: wann ein vertrauter sinn den andern musz verlaszen, was pflegt sich dazumal vor wehmuth zu umbfaszen, ein tag, der ist ein jahr Treuer
d. Dädalus (1675) 1, 187; sein (
Wulfs) naher abschied erregte bey ihr eine wehmuht, die sie (
Alswitha) nicht bezwingen konte Haller
Alfred (1773) 270; ich sehe die örter, wo du saszest, und schliefest, und spaziertest, mit einer gewissen wehmuth an Lavater
verm. schriften (1774) 1, 58.
auch das gefühl beim abschied der mutter vom sohn kann wehmuth
heiszen: ich verliesz meiner eltern haus im november 1752, unterdessen meine selige mutter vor wehmuth schmelzte Hamann 1, 174,
öfter beim abschied zwischen freunden und freundinnen: er ritt weg und hinterliesz die beiden freunde in der gröszten wehmuth Göthe
Weim. I 23, 190; wir reiseten den 10 ten wieder ab, und, ich darf es bekennen, nicht ohne wehmuth von meiner seite Knigge
roman meines lebens (1781) 1, 217; er nahm mit so vollem herzen und einer so sichtbaren rührung von uns abschied, dasz es in jeder fühlenden seele wehmuth erregte Forster
sämtl. schriften 2, 78;
[] einsam in wehmut, dacht' ich vergänglichkeit und freundes trennung Voss
sämtl. ged. 3, 250; aber euch, schwestern grüsz' ich mit wehmuth, freudig scheidend aus eurer schaar Chamisso
werke 3, 13.
der abschied von den freunden grenzt nahe an den von der heimath: ich bin bange vor dem heimweh, oder mindestens davor, dasz ich meine fortwährende leise wehmuth im andenken an alle fernen freunde nicht wieder los werde Schücking
an A. v. Droste-Hülshoff in deren briefen 65.
schon vorher rückhaltlos für das gefühl bei trennung von der heimath: alle zeugen von menschlicher empfindung können die verzweifelnde wehmuth nicht ausdrücken, mit welcher ein erkaufter oder erstohlner negersklave die küste seines vaterlandes verläszt Herder 13, 262
Suphan; unverkennbar sah aus allen gesichtern die wehmut, den ort für immer verlassen zu sollen Ludwig
ges. schriften 2, 172.
damit ist der gebrauch bei trennung von leblosen gegenständen vermittelt, den Göthe
kennt: dieses gilt namentlich vom hofrath Stark, der seine pathologischen vorlesungen beständig auf diese sammlung gegründet und nur mit wehmut sich künftig solcher belehrenden beyspiele beraubt sehen würde
Weim. IV 33, 309; da ich sie (
die gulden) ihm hingezahlt hatte ... wollt mir vor wehmuth fast das herz brechen I 8, 78. III@A@33)
eine besondere form des trennungsschmerzes ist der beim abschied von einem sterbenden, so wird wehmuth
zur trauer in diesem eigensten sinne des worts. auch dieser gebrauch geht vom nd. aus: fil er in die schentliche kranckheit der Frantzosen, das er ... die lenge darin starb mit grossem wemut der gantzen lantschafft Kantzow
chronik von Pommern 369
Gaebel; sehnliche klage, welche bey ableiben des weitberühmten ... Heinrich Albert ... aus hertzlicher wehmut geführt ich Simon Dach Dach 130
Österley. von da greift er nach Mitteldeutschland über: weine, was du kanst vnd wilst. er (
der verstorbene sohn) wird wo er ist, wohl bleiben. willst denn du den wehmuth treiben bisz auch du die erde füllst? Fleming
poemata (1660) 334; Antonettens geist und tugend sint der zärtsten wehmuth werth Gottsched
ged. (1751) 224.
seit der classischen zeit überall möglich, und zwar nicht so sehr von der frischen trauer um einen toten, als von der fernen erinnerung an ihn: aber ich werd' auch leiden gewahr im vergangnen, wehmuth! es geht mit den leichen der geliebten mir vorbey Klopstock
oden 2, 110 (
das gegenwärtige); zitternde wehmuth und ehrfurchtsvoller schauer müssen sie durchwandeln, wenn ihr fusz auf die schon tief eingefallene grabstätten tritt, unter welchen Epaminonden liegen Abbt
verm. werke 2, 53; machen das instrument zu einer schwarzen tinte, zu einem groszen gemählde, wo in jeder gruppe sich die wehmuth über einen entschlafenen freund legt Schubart
ästhetik der tonkunst 291; Oberlins hinterlassene zahlreiche, nicht geistreiche, aber fleiszige excerpte in vielen pappdeckeln habe ich vorgestern abend mit wehmuth betrachtet Jacob
an Wilh. Grimm 18.
mai 1814
briefwechsel 326.
durch die ferne ist die trauer gemildert, das tritt in den attributen gelegentlich hervor: die stille wehmuth Wilhelms (
um den tod der gattin) verwandelte sich nun vor und nach in eine gesprächige und vertrauliche traurigkeit Jung-Stilling 1, 61; die fromme wehmut, als ob man einen ... toten beweint Arndt
sämtl. werke 1, 108; in die sanfte wehmuth über den tod der verstorbenen ... mischte sich das entzücken beglückter leidenschaft Holtei
erz. schriften 5, 61.
anderseits kann durch attribute betont werden, dasz die trauer trotz der entfernung lebendig bleibt: mit lebhafter wehmuth erinnere ich mich der letzten stunden dieses edeln mannes S. v. Laroche
gesch. des frl. v. Sternheim (1771) 1, 75; mit der innigsten wehmuth erinnere ich mich noch an die letzten worte der liebevollen freundin Pückler
briefw. 3, 144; dem wittwer blieb eine namenlose wehmuth im herzen zurück Treitschke
deutsche geschichte 1, 365.
selten ist wehmuth
der frische schmerz um einen eben verstorbenen: [] da Thyest an seinem fleische sich gesättigt, eine wehmuth ihn ergreift ... wirft Atreus grinsend ihm haupt und füsze der erschlagnen hin Göthe
Weim. I 10, 18; aber ein Carlsschüler ... sah mit gefühlen kindlicher wehmuth, die der lebende herzog wohl nicht von ihm erwartete, seiner leiche nach Kerner
bilderbuch 12,
noch seltener die heisz ausbrechende trauer: der alte (
in Wilhelm Meister) ... ergreift uns mit wilder wehmuth Fr. Schlegel im
Athenäum 1, 12; Indianer sind's, die von der heimath scheiden ... nun feiern sie der todten angedenken ... da bricht die wehmuth plötzlich ihre hemmung, sie strömet laut und lauter in die lüfte, schon braust des schmerzes volle überschwemmung in wilden klagen um die stillen grüfte Lenau
ged. 1, 222. III@A@44) wehmuth
als religiöse trauer ist im erhabenen stil des 18.
jahrh. nicht selten: und also werff ich hier mein hertz zu deinen (
gottes) füszen, mit wehmuth ganz zerknirscht, doch glaubig und getrost Schmolcke
trost- u. geistreiche schriften (1740) 1, 326; (
wir) zerflossen in tönen der seel-erhebenden wehmuth. ehre Jehovah und heil uns glücklichen wesen! die wehmut ist vorüber, ihr letzter gesang zerflossen in freude Herder 12, 26
Suphan. III@A@55)
quillt die innere bewegung über jede bethätigung von verstand und willen hinweg, so wird die wehmuth
zur rührung, zunächst bei frauen: da sie aber langsam sich ihren frauen näherte, konnte sie sich der wehmuth nicht erwehren Haller
Usong 33; wehmuth unterbrach ihre rede und auch der minister fand sich erschüttert Arnim
werke 15, 97
Grimm; von männern gehemmt und verpönt: bezwinge die wehmuth, und gehorch! Ayrenhoff
werke 2, 171,
dagegen in der rührseligen zeit als beweis besonderen zartsinns gerühmt: nun kann kein edles herz die wehmuth mehr verschlieszen Ramler
lyr. ged. (1772) 347
und auch von männern oft berichtet: ich konnte mich der wehmuth kaum erwehren Gellert
bei Adelung; als ... mir das rührende buch ... vor wehmuth aus der hand fiel Gerstenberg
schlesw. lit.-briefe 105
neudr.; im gegenwärtigen fall aber ist es eine frage von einer solchen wichtigkeit, dasz ich mich kaum der wehmuth dabey enthalten kann Hippel
über die ehe 58; das leztemal predigte ich ... mit solcher rührung und wehmut Schubart
leben u. gesinn. 1, 112; ihre vier hinterlassenen kinder konnte ich nur mit wehmuth ansehn Göthe
Weim. I 22, 350; seine töchter ... konnte er vor wehmuth nicht mahlen 47, 134.
dem 19.
jahrh. ist der charakteristische ausdruck vergangener litteraturströmungen langsam abhanden gekommen, der begriff findet sich selten noch rein: kein mäuerchen, kein holz ist so geringe, dasz nicht mein blick voll wehmut an ihm hängt Mörike
werke 1, 46
Göschen. III@BB.
die drei notae specificae der definition, tiefe, innerlichkeit und ausgeglichenheit der trauer, treten mit wechselnder leuchtkraft zu tage: III@B@11)
die tiefe der trauer wird betont III@B@1@aa)
am liebsten durch attributives adj.: betrübtes Zion ... man ächzt ... aus tiefer wehmuth über dir Gottsched
ged. (1751) 157; in den sayten der brust weht tiefe wehmuth Novalis im
Athenäum 3, 189; der die frischen ruinen einer einsiedlerzelle mit tiefer wehmuth zu betrachten schien Pfeffel
pros. versuche (1810) 5, 10; er las auf seinem gesichte die innere unruhe, die tiefe wehmuth Klinger
werke 4, 17; mir schien, dasz ... seine seele ... mit einer tiefen wehmuth erfüllt war Holtei
erz. schriften 2, 33; dadurch erweckte ich freilich alle schmerzen meines preuszischen gemüthes nur in noch tieferer wehmuth, aber von einer milden rührung umflossen Fouqué
gefühle, bilder (1819) 1, 37; die alte dame sah mit einem blick der tiefsten wehmut herab zum steinernen herzen E. Th. A. Hoffmann
sämtl. werke 3, 261
Grisebach. für tief
treten wechselnde synonyma ein, zum theil älter zu belegen als tief
selbst: vor groszem wehmut und trauren Erasmus Francisci (1668)
[] 1384
a; ihr gestriger brief hat mich in die gröszte wehmuth gestürzt Kretschmann
sämtl. werke 5, 134; sei stille, sonst bringt mich deine aufrichtigkeit zu der äuszersten wehmuth Gellert
werke 3, 172.
auch attribute, die jünger sind als tief,
arbeiten auf die gleiche wirkung hin: als das 1777ste jahr eintrat, so drükte ich meiner gattin mit dem schlage zwölfe mit unaussprechlicher wehmut die hand Schubart
leben u. gesinn. 2, 122; ich war so bestürzt über diesen anblick, und fühlte eine so innige wehmuth über das herbe schicksal dieses groszen märtyrers Pückler
briefwechsel (1873) 2, 392; inniger wehmuth voll suchte er den alten Wiesner auf Holtei
erz. schriften 7, 66;
entspr. 23, 37.
selten fügt das attribut zur gradbestimmung eine färbung des begriffs: fieberhaffte wehmuth Göthe
Weim. III 1, 29; ermattet sinkt er auf das faule stroh, und bittrer wehmuth weicht des zornes braus Lenau
ged. (1857) 1, 82. III@B@1@bb)
vereinzelt kann ein adverb dem gleichen zwecke dienen: zwahr vil verligen ietzt, die guts zuthun beginnen, und doch mit groszem schatz keins hällerswährt gewinnen, gehn, wie verschäuchte schaf, in wemuth gantz verirrt, dieweil das mort-gezänck hat statt und land verwirrt Rompler v. Löwenhalt 1.
gebüsch (1647) 34; an jeden baum, an jede quelle hängt liebend die erinn'rung sich ... und zwischen weinen zwischen lachen die wehmuth endlich mächtig siegt Arndt
ged. (1860) 325. III@B@1@cc)
poetisch kann die wirkung auch rein durch starke verbale ausdrücke neben wehmuth
erzielt werden: mit diesem dancke nehmt für willen (
fürlieb), und seht mir in den himmel nach, so wird sich alle wehmuth stillen, wormit ich euch das hertze brach Günther
ged. 233; du weiszt es nicht, wie mir das herz vor wehmuth bricht Becker
Mild. liederbuch (1799) 67; bald seh ich euch der wehmuth dolch im busen Mastalier
ged. (1774) 7, 7; verzeiht milords, es schneidet mir ins herz, wehmuth ergreift mich und die seele blutet, dasz irdisches nicht fester steht Schiller 12, 463 (
Maria Stuart 2, 4). III@B@22)
viel öfter wird die innerlichkeit des gefühls irgendwie gekennzeichnet. III@B@2@aa)
äuszerung in worten widerspricht im allgemeinen unserm begriff von wehmuth,
dem ausdrücke von der art: wie hört und sieht man nicht die wehmuth trostlosz wimmern König
ged. (1745) 115
und auch: bald sunk das flöten der wehmuth immer tiefer, und bald schien's zu verstummen, verstumte Klopstock
oden 2, 101, 43
fremd geworden sind. wo sich in neuerer zeit wehmuth
doch einmal in worten äuszert, musz das unserem sprachgefühl achtsam vermittelt werden. sehon in der dichtung ist das nöthig: und wie es nun ringsum so stille wird, beginnt aus den thälern ein heimlich singen, als wollt's mit wehmut die welt umschlingen Eichendorff
ged. 127
Strausz, vollends aber in prosa: jetzt von fern die küsten vorbei, da Fingals thaten geschahen und Ossians lieder wehmuth sangen Herder 5, 169
Suphan; wie sehr war ich ... verwundert, da ich ihn ... mit wehmut ausrufen hörte: schweigen wir von diesen dingen Göthe
Weim. I 33, 66; es erschallen nicht in der einsamen kammer die klagen der mutter, nicht die wehmuth des vaters Klinger
neues theater 1, 67 (
Aristodymos 3); da entsiegelte ihm zuletzt vertraulichkeit und wehmuth die lippen Fouqué
zauberring (1812) 1, 65; der Bismarck dieser verse stand über den dingen, die ihn umgaben. aber es ist ebenso gewisz: Bismarck stand zugleich mitten in ihnen drin; und ebenso echt sind in diesem verkehre die worte seiner wehmut und schwermut Marcks
Bismarck 1, 279.
im ganzen ist aber wehmuth
nicht hörbar. III@B@2@a@aα)
sie wird gesehen, aus den gesichtszügen oder den augen abgelesen: die wehmuth sah ihr aus den augen, doch blieb die bildung hold und nett Günther
bei Steinbach 2, 90;
[] von wehmut glänzt der augen licht Voss
sämtl. ged. 5, 256; wer unter uns ist in seinen freunden so glücklich, dasz er nicht mit wehmuth im gesichte einen darunter so anzureden ursache hätte Abbt
verm. werke 6 I 70; er ... bemerkt den lanzenstich in die seite des erblaszten mit sichtbarem gefühl der wehmuth Herder 19, 340
Suphan; ich kann es nicht sagen, welch' eine fülle von wehmuth und schmerz in diesem blick lag Holtei
erz. schriften 1, 22; ist es nicht dasselbe gesicht, das ihr jetzt nachsieht ... so ehrlich, so mild in seiner wehmut? Ludwig
ges. schriften 1, 213. III@B@2@a@bβ)
das normale ist aber, dasz wehmuth
empfunden wird. das ist der kern des neueren wortgebrauchs, für den in dichtung und prosa sehr mannigfaltige ausdrücke zu gebote stehen: das geschick ... hat noch diesz ruhge herz zur wehmuth nicht bewegt Cronegk
schriften 1, 209 (
Codrus 3, 8); unbezwingliche trauer befällt mich, entkräftender jammer, und ein moosiger fels stützet den sinkenden nur. wehmuth reiszt durch die saiten der brust; die nächtlichen thränen flieszen, und über den wald kündet der morgen sich an Göthe
Weim. I 1, 286; und es hat mein feuchter strahl wehmuth ihm in's herz gethaut Rückert
werke 1, 391; mir entbrannte mein herz von wehmut bitter Mörike
werke 1, 90
Göschen; die ... scene ... läszt eine wehmuth in der seele zurück Lichtenberg
nachlasz 164, 27; da fühlte er ein ungewohntes sehnen, und eine nie empfundene wehmuth in der seele Miller
Siegwart (1777) 1, 11; mit wehmuth fühlet der innerlich unzufriedene sich selbst in den augen solcher glücklichen schwerfällig und dumm Zimmermann
einsamkeit 3, 126; wer wollte die wehmuth nicht empfinden? J. v. Müller
sämtl. werke 11, 13; mir ist das herz aufgegangen in wehmuth Fouqué
gefühle, bilder (1819) 1, 14; füllt mit wehmuth unsre brust Arnim
werke 22, 77
Grimm; soll denn der nie unterbrochene anblick inniger treuer ... liebe nicht einmal ihr gemüt mit ungewohnter wehmut berühren? Pückler
briefwechsel (1873) 1, 457; welches deutsche gemüth ergreift nicht wehmuth beim anblick der langen züge unserer landsleute, welche mit weib und kind und habe eine neue heimat jenseits des weltmeeres suchen? Moltke
ges. schriften 2, 308; feierliche wehmuth ergriff ihre herzen Ebner-Eschenbach
ges. schriften 1, 169. III@B@2@a@gγ)
die so empfundene wehmuth
macht stumm: singen konnte ich es nicht, die wehmuth erstickte meine töne Pfeffel
pros. versuche 1, 3.
attributive adjectiva drücken das gern aus: der durch dein weites reich vergoszne thränen-bach, der unberedte schmertz, der stummen wehmut ach Heräus
gedichte (1721) 146; (
diese poetische wendung ist verfehlt, weil sie) die inwendige wehmuth des klagenden poeten weder unterstützet noch rechtfertiget Breitinger
crit. dichtkunst (1740) 1, 409; die musik hinter der scene geht in eine weiche schmelzende melodie über ... die flöten wiederholen, sie (
Johanna) versinkt in eine stille wehmuth Schiller 13, 285 (
jungfrau 4, 1); die ursprüngliche liebe erscheint ... als stille wehmuth Fr. Schlegel im
Athenäum 3, 22; ich schaue mit einer stillen wehmuth auf die reste der lebendigen Steffens
was ich erlebte 1, 13; wie er dennoch ... die verborgene wehmuht seines herzens aus der quelle der ehrerbietigkeit hervor brechen lässet Liscow
sammlung satir. und ernsth. schriften 158; das heimliche verlangen schrieb sich ihr indes, wie jedes starke empfinden seine spur in den zügen hinterläszt, immer mehr ins gesicht als ein ausdruck sinnenden ernstes und verborgener wehmut Zahn
die da kommen u. gehen (1909) 97; er lächelte froh, vielleicht manchmal mit einer kaum merkbaren wehmut 137. III@B@2@a@dδ)
so eignet sich, auch im scherze, zum symbol der wehmuth
nur ein stummer gegenstand, wie im Berliner '
tunnel',
dem Fontane, Lepel usw. als mitglieder, Heyse als gast angehörte, der stiefelknecht grenzboten jg. 69 (1910) II 56.
witzig symbolisirt er den schmerz, der entsteht, wenn sich scheidet, was für einander geschaffen ist. [] III@B@2@bb)
dagegen gehören thränen
und wehmuth
aufs engste zusammen, Kant 10, 282
nimmt sie geradezu in die beschreibung der wehmuth
auf: weinen begleitet die schmelzende empfindung eines ohnmächtigen zürnens mit dem schicksal, oder mit anderen menschen, gleich einer von ihnen erlittenen beleidigung; und diese empfindung ist wehmuth.
es sind, wie Pierers
anat.-physiol. realwb. (1829) 8, 641
hervorhebt, die entmuthigung des willens und das bewusztsein der kraftlosigkeit, die, wie sie das gefühl der wehmuth erregen, so auch die thränen hervorlocken. —
uns sitzen die thränen nicht mehr so locker, wie der rührseligen welt des 18.
jahrh.: man vergosz wonnezähren beim schauspiel der untergehenden sonne, löste sich in wehmuth auf, wenn der mond busch und thal still mit nebelglanz füllte Hehn
Italien 66.
um so vertrauter ist derartiges der zeit Klopstocks
und Gellerts: sehet, sanfter rührender schmerz deckt ihre (
der jünger) gesichte, doch entstellt er sie nicht.so zeigen edlere seelen ihre wehmuth.sie weinen vielleicht um einen geliebten und entschlafenen freund Klopstock
Messias 3, 109; einsam, von wehmuth voll, und bang und weinend, irr ich
oden 1, 22 (
auf m. freunde); schlafend sieht sie den jüngling, wie er in thränen zerflieszet, und mit bebender stimme die liebe endlich stammelnd ihr sagt, dann wieder in thränen zerflieszet, und mit stummer wehmuth ihr flehet 1, 34 (
Salem); hier bebte der, den man nie zittern sehn, und dem, der nie geweint, flosz wehmuth vom gesichte Gellert
fabeln (1767) 2, 51. III@B@2@b@aα)
die beiden begriffe werden von den dichtern in der weise des letzten belegs gern einander geradezu gleichgesetzt: liebste, wertheste, schönste princessin! ihre thränen sind meine wehmuth, und dero klage betrübet mich bisz in den tod Ziegler
Banise (1689) 319; die wange glüht, und hohe wehmuth thauet vom edleren auge nieder Denis
lieder Sineds (1772) 183; wie das bäumchen nach starkem sommerregen tröpfelt, so tropfte wehmuth von dem auge des knaben Schubart
sämtl. ged. 2, 34; wie die wehmuth aus den augen träufelt Hölty 36
Halm; mag die wehmuth sich verweinen, wenn die lust nicht mehr will blühn Rückert
ges. ged. 5, 11.
nicht mehr in derartig engster verbindung, doch nahe angrenzend stehen die begriffe im folgenden: o meine augen rinnen in wehmuth ganz dahin
maler Müller
werke 2, 291; von meinen in wehmuth dämmernden augen Arndt
sämtl. werke 1, 10; eine hoheit des herzens und der gesinnungen, vor der ich oft in der stille meiner kammer mit beschämung, wehmuth und thränen niederfalle Zimmermann
einsamkeit 1, 118. III@B@2@b@bβ)
formelhaft geworden ist die thräne der wehmuth,
wobei die wehmuth etwa als der kelch zu denken ist, aus dem die thräne quillt, die beiden also nicht mehr identisch gedacht werden wie im vorigen, sondern im verhältnisz von behältnisz und inhalt, inhaber und besitz: läszt sie der thränen viel ihn weinen, thränen der wehmuth, und der unaussprechlichen liebe Klopstock
oden 1, 61; bald schwamm das auge in thränen tiefer wehmut E. Th. A. Hoffmann
sämtl. werke 1, 19
Grisebach; thränen der freude und der wehmuth Raumer
geschichte der Hohenstaufen (1823) 1, 197; so weint' ich leisen knabengefühlen schon, der wehmut thräne über dein traurig los Hölderlin
ges. dicht. 1, 79
Litzmann; und der wehmut thräne quillt Geibel
werke (1888) 1, 8; wie schwellten die zähren der süszesten wehmuth mein starrendes aug Denis
lieder Sineds (1772) 2, 20; er sähe die zähre der wehmuth flieszen, so oft ein edler mensch seinen zu frühen, von ganz Europa beklagten verlust erfährt G. Forster
sämtl. schriften 5, 172; in dem thränenstrom der wehmuth Tieck
schriften 1, 232. III@B@2@b@gγ)
in wechselnden verbindungen werden thränen
und [] wehmuth
gern vereinigt: die thräne, die in diesem trüben, erloschnen, nach trost schmachtenden auge schwimmt — wie rührend ist sie im ganzen gemälde des antlitzes der wehmuth Herder 5, 8
Suphan; weinen sie Walter. ihre wehmut wird gerechter gegen mich seyn, als ihre entrüstung Schiller 3, 500 (
cabale u. liebe 5, 7); ein künftiger jüngling voll zärtlicher wehmut weine mir nach Cronegk
schriften (1766) 2, 46; weinen wird er, küssen wird er mich, und vor bangigkeit und wehmuth schweigen Miller
ged. (1783) 58; hingerissen von wehmuth wagt dann der blöde verführte, seine tränenden augen zum trohne der gnaden zu richten Lenz
ged. 6
Weinhold; augen-nasz von wehmut und schmerz Arndt
sämtl. werke (1892) 1, 101; was nun die süszen thränen mir entlockt ist wehmuth nicht, ist hohe vaterfreude Collin
Regulus 100 (3, 5); es gewährt besitz uns nie dich, sanftere wehmut, selige thräne der huld Platen
werke 1, 211
Hempel; warum wird jetzt der blick von wehmut feucht? Mörike
werke 1, 24
Göschen. III@B@33)
die lehrreichste und eigenste entwicklung giebt sich aus der dritten nota specifica der wehmuth,
ihrer ausgeglichenheit. um ihretwillen wird wehmuth
oft stürmischen, schmerzlicheren affecten gegenübergestellt: das volk ist auszer sich, da dich die wehmuth reget Pietsch
schriften (1740) 121
Bock; da trat ein mann vor uns; mit blute nicht befleckt, und güte sprach in seinen zügen, die im augenblick mit zorn und trauer, wuth und wehmuth wechselten Herder 18, 229
Suphan; was zuletzt ein augenblick des zorns, was vielleicht meine wehmuth und ihr zureden errungen haben Iffland
dram. werke 1, 29 (
A. v. Thurneisen 2, 1); (
wie die einsamkeit) allein oft mir die herzstösze der traurigkeit verwandelt hat in süsze wehmuth Zimmermann
einsamkeit 3, 3; nicht in sanfter wehmut stimme, so wie die nachtigall ihr seufzendes lied singt: sondern in lautem wehgewinsel wird sie weinen Chr. Stolberg 14, 202 (
Soph. Aias 631); sehn sie noch einen augenblick auf seine qual, auf seine wehmuth Göthe
Weim. I 17, 237; so ward der wilde schmerz der seinigen zu sanfter wehmut gestimmt Klinger
werke 4, 158; den stummen starren schmerz zu mildern in heilende wehmuth Kosegarten
poesien (1798) 1, 21; doch wenn ich denken musz, dasz deine trauer mehr dem geliebten als dem bruder gilt, dann mischt sich wuth und neid in meinen schmerz, und mich verläszt der wehmut lezter trost Schiller 14, 116 (
braut von Messina 4, 6); beste Elise, du hättest meine briefe ganz miszverstanden, wenn du glauben könntest, dasz du deinen schmerz und deine wehmuth um dein kind nicht gegen mich ausströmen dürftest Hebbel
briefe 3, 78
Werner (12.
april 1844); von schmerz gebeugt und von wehmut tief ergriffen ... werde ich euch nicht mehr lange ... zur last fallen Pocci
lust. komödienbüchlein (1877) 6, 57; der boreaswind des zorns sprang in den lauen zephyr der wehmuth um Jean Paul
komet 1, 36; wehmut nicht, ein seltsam grauen faszte mich Müllner
dram. werke (1828) 2, 72 (
schuld 2, 5); eifersucht und wehmuth stritten in ihm um die herrschaft Holtei
erz. schriften 10, 113; mit einem gemisch von trotz und wehmuth hielt der kleine knabe den kleineren zurück 14, 34; reue empfand er nicht, wehmuth noch weniger 3, 107; der eindruck ... war um so überwältigender, da er ihn in einem augenblicke innerer wehrlosigkeit empfing; in einem augenblicke der wehmuth, der reue Ebner-Eschenbach
ges. schriften 4, 44. III@B@3@aa)
gegen wuth und zorn, qual und schmerz, wilde, starre, grausame und quälende gefühle erscheint die wehmuth
mild, wolthuend, begehrenswerth. sie bekommt dementsprechende [] attribute, die vom strengen begriff der trauer weit abstehen: empfangt mich, füllet die seele mit holder wehmuth und ruh E. v. Kleist
werke 1, 173
Sauer (
frühling, 1749); dieser schöne frühlingsabend ... hat mich in eine so angenehme wehmuth gebracht, dasz ich nicht widerstehen konnte, einige meiner empfindungen niederzuschreiben 2, 142 (1766); ein gegenstand ... der aller herzen mit dankbarer wehmuth erfüllt Kästner
verm. schriften 2, 42; die sanfte wehmuth kam zurück; mit ihr trost und vertraun Kretschmann
sämtl. werke 1, 147; doch kann euch sanfte wehmuth mehr erquicken Mastalier
ged. (1774) 8; süsz sind treuer wehmuth schmerzen Herder 25, 374
Suphan; dann sollen sie meiner seele sich nahn, in aller ihrer lieblichen wehmuth Bürger
werke 279
a Bohtz; hier ist der ausdruck selbstgelassener fester wehmuth um einen wink verfehlt Göthe
Weim. I 37, 333; ach ... mit welcher zärtlicher wehmuth, sieht auch darum das weisze haupt auf die zeiten zurück da die wange von gesundheit glühte Zimmermann
einsamkeit 3, 145; süszere wehmut lohnt auch dem lautener hier heiliger liebe gesang Voss
sämtl. ged. 2, 18; süszer wehmuth gefährtin, erinnerung Salis
ged. (
Stuttgart 1811) 34; dasz Orpheus sich umringt sah von den wilden thieren, die in süszer wehmuth aufstöhnten mit den seufzern seines gesangs B. v. Arnim
briefe 1, 286; denn endlos, süszer wehmut unersättigt, kehrt das immer gleiche wort zurück Mörike
werke 1, 210
Göschen; kein vorwurf soll dich kränken, keine laute noch stumme klage in das herz dir schneiden. in milder wehmuth wird der schmerz sich lösen Schiller 14, 121 (
braut von Messina 4, 9); eine wohltätige wehmuth erwärmte ihn Holtei
erz. schriften 24, 48; allein die schönheiten der natur sind nur für ein ruhiges gemüth. sie entzücken den glücklichen und erheben den betrübten zur wohlthätigen wehmuth Moltke
ges. schriften 1, 78; lächelnde, schalkhafte wehmut ... das ist so ihr wesen Schnitzler
Anatol (1901) 117; insbesondere zog eine korinthische marmorsäule meinen blick immer wieder auf sich, die, wie eine gefangene in den gewaltigen viereckigen turm eingeschlossen, mit reizender wehmuth aus den grauen steinen hervorsah R. Huch
triumphgasse (1902) 9. III@B@3@bb)
zum geraden gegensatz des ursprünglichen begriffs führen die adjectiva heiter, froh, freudig: band ... in welchem ... gelesen und bey den übrigen aufsätzen mit heiterer wehmuth vergangener jahre mich erinnert habe Göthe
Weim. IV 36, 266; dies alles stimmt mich wunderbar zu jener frohen wehmuth des frühlings Hnr. König
die klubbisten in Mainz (1847) 1, 319; fühlte er z. b. freudige wehmuth, so leuchtete die freude aus dem braunen auge Immermann
werke 1, 102
Hempel. III@B@3@cc)
das oxymoron führt zur formel wonne der wehmuth,
die, von Göthe
Weim. I 1, 97
als überschrift eines liedes verwendet, ihren classiker in Jung-Stilling
findet: nun begann die sonne unterzugehen, und Dortchen mit ihrem Wilhelm hatten recht die wonne der wehmuth gefühlt 1, 58; Rosine empfand grosze beruhigung bei Florentins rede, so dasz sich ihre schwermuth in eine gesprächige wonne der wehmuth verwandelte 9, 46; Stilling war zwar noch immer wehmüthig, allein es war die wonne der wehmuth
häusliches leben 193,
ohne doch weiterhin auf ihn beschränkt zu sein: nur die wonne der wehmut zeugt' in meiner seele von ihnen (
den träumen) Hölderlin
ges. dicht. 2, 125
Litzmann. anklingende ausdrücke bleiben das poetische eigenthum einzelner: dort pfleget sie der wehmut lust Denis
lieder Sineds (1772) 100; so glaube, dasz auch ihm das herz in allen seinen saiten bebet, und dasz der wehmuth süszer schmerz um seine rauhe rinde weich sich webet Arndt
werke 3, 29
Rösch u. Meisner; [] das dämmernde, träumerische gefühl der wehmuth, das uns nur einlullt zum süszen nichtsthun Gutzkow
ritter vom geist (1852) 2, 106. III@B@3@dd)
die umgebung des wortes im satze, namentlich der gefühlston des verbs, kann gleichfalls die wehmuth als erfreuliches, begehrenswerthes, beglückendes gut hinstellen: mit einer solchen tochter, sagte er mit wehmuth lächelnd, wer könnte söhne wünschen Haller
Usong (1783) 233; mitten unter meiner wehmuth erfreue ich mich Gellert
werke 10, 115; scene, welche vor mir lieget, giesze wehmuth mir zum busen Hölty
ged. 49
Halm; mit leisen harfentönen sei wehmut, mir gegrüszt Salis
ged. (1793) 14; und ich an mir selbst erfahre, dasz die wehmuth mich beglückt Rückert
werke 2, 566. III@B@3@ee)
damit sind ganz andere paarungen des wortes ermöglicht, als sie der grundbegriff '
trauer'
an die hand giebt, wehmuth
kann einen complex bilden mit sehnsucht, beschaulichkeit, theilnahme
und behagen,
ja mit heiterkeit, lächeln, wonne
und freude. III@B@3@e@aα)
zeitlich gehen die gegensätzlichen paarungen voraus: ein gemische von heiterkeit und wehmuth Pfeffel
poet. versuche 2, 166; ein paar geschöpfe, an die ich bald mit wehmuth, bald mit lächeln dencke Lichtenberg
briefe 2, 243; und du ... stätte meines grabes! die ich mir weihte; wo umher alle wehmuth, alle wonne meines lebens dämmert Göthe
Weim. I 11, 182; hier war es, wo sie zuerst ... im drang von wonne und wehmuth die seligsten stunden verweilet
maler Müller
werke 1, 31; ich hab' das gefühl noch ganz, aber wie wär's auszudrücken! auch die nacht, wo ich mit dem sohn des malers zusammen aufsasz und wir Bürgers Lenore miteinander lasen! wonne, wehmuth, leben, tod, alles auf einmal: ein urgefühl Hebbel
tagebücher 1, 306
Bamberg (6.
febr. 1843); und das weiblein, roth von freuden und von wehmut, sizt bescheiden Voss
sämtl. ged. 5, 207; neben der freude an der errungenen erkenntnisz liegt, wie mit wehmuth gemischt, in dem aufstrebenden, von der gegenwart unbefriedigten geiste die sehnsucht nach noch nicht aufgeschlossenen, unbekannten regionen des wissens Humboldt
kosmos 1, 81. III@B@3@e@bβ)
erst aus den grellen oxymoren wachsen kunst und wille zu milderer abtönung in minder schroffer gegensätzlichkeit; sie sind der besten kunstprosa des 19.
jahrh. eigen: ihre sehnsucht, ihre wehmuth überströmten sie grenzenlos Arnim
sämtl. werke 172
Grimm; ich fiel wieder mehr der natur anheim. damals aber legte sie ihre sehnsucht, ihre wehmuth in mich, und mit ihnen die poesie Kerner
bilderbuch 256; es verbreitete sich dadurch eine gewisse wehmut über den tisch, welche nach und nach in eine ernste beschaulichkeit überging, als wir drei sitzen blieben und uns unterhielten Keller
ges. werke 2, 39; eine lebhafte teilnahme, darin sich etwas von wehmut mischte Fontane
ges. werke I 4, 275; es war ein mit wehmut gemischtes gefühl des behagens, das Erich von Kriebow erfaszte, als er die altgewohnten räume wieder betrat W. v. Polenz
Grabenhäger 2, 5. III@CC.
das gefühl der wehmuth
haben deutsche menschen gekannt, längst ehe sie —
bezeichnend genug von der küste und tiefebene her —
ein wort dafür bekamen. gerade der wortgeschichtlichen darstellung musz sich aber diese vorgeschichte entziehen. seitdem haben stimmung und begriff überreiche poetische darstellung gefunden, wofür im vorstehenden zeugnisse vollauf enthalten sind. die wehmuth
als stimmung liegt oft nahe bei der zur dichterischen production und hat ganzen epochen unserer dichtung ihren stempel aufgedrückt, eine früh beachtete, gelegentlich beklagte erscheinung. dagegen haben sich auffallend spät versuche eingestellt, die wehmuth im bilde zu fassen und sie zu personificiren. in prosa hat sich dergleichen nie recht entfaltet: ich kann die wehmut nicht los werden, die wie ein trauerflor über meine gegenwart sich legt
[] B. v. Arnim
die Günderode 1, 6.
die dichter denken die wehmuth
als hauch oder duft: vom hauche der wehmuth trübt sich des himmels bläuliche wölbung Schubart
sämtl. ged. 2, 287; des weihers espen säuselten wehmut Salis
ged. (1793) 37; aus meinen blumen soll dir wehmuth sprieszen Rückert
werke 3, 196.
aber auch als flügelwesen: der wehmuth schwingen tragen das milde herz Körner
werke 1, 126
Hempel und als wandelnde frauengestalt: sie wandeln beide seit' an seite den weg dahin, doch keiner spricht, denn zwischen ihnen als geleite geht wehmut und verläszt sie nicht Wolff
der fahrende schüler (1900) 7.