verwirrung,
f. ,
verbalabstraktum zu verwirren.
seit frühnhd. zeit literarisch (
s. u.)
und lexikalisch bezeugt: gwerra hadder
vel verwirrung (15.
jh.) Diefenbach
gl. 272
c;
confusio ein vermischung vnd verwirrung, miszordnung aller dingen Frisius
dict. (1556) 295
a;
chaos ein vermischung, verwirrung Calepinus
XI ling. (1598) 229
b; verwirrung
turbatio, perturbatio, mixtura, confusio, inversio, perversio Stieler (1691) 2514;
intricamento, intrico, confondimento, confusione, turbamento Kramer
teutsch-it. 2 (1702) 1364
b. 11)
von gegenständen, die durcheinander geraten oder in ihren bestandteilen ungeordnet sind oder scheinen. 1@aa)
allgemeinsprachlich: meine haar ... stunden in ihrer natürlichen verwirrung noch Grimmelshausen
Simpl. 53
Scholte; (
flüche), die oft bey oftmaliger zurreiszung des mürben zwirns oder wegen verwirrung sovieler hundert fäden ausgestossen werden Gottsched
vernünft. tadlerinnen (1725) 1, 247; bei diesem üppigen wuchse und der verwirrung rankender gewächse A. v. Humboldt
ansichten d. natur (1808) 1, 201; (
die einzelnen erzbuchstaben einer alten inschrift wurden) von der mauer abgerissen und in dieser verwirrung seiner majestät gezeiget Winckelmann
s. w. (1825) 2, 136; er trägt einen Caligula, welches bekanntlich die höchste geniale verwirrung im haarsystem ist Bettine
Günderode (1840) 2, 40; längs- und querspalten kreuzen sich hier (
an einem gletscherbruch) in wildester verwirrung Barth
Kalkalpen (1874) 629; sind die akten in verwirrung, gebt sie mir. jedwede irrung löst die mühlenstampfe bald Gaudy
s. w. (1844) 1, 96. 1@bb)
fachsprachlich; im bergbau: verwirrung
ein ort, da viel gänge und klüffte unter einander sind und man nicht wissen kan, wo einer herein setzet und der andere wieder hinstreicht, auch das gestein hin und wieder fället und seinen rechten fall nicht hat Herttwig
bergbuch (1734) 406
a; Schönberg
berginformation (1693) 2, 103; Hübner
cur. u. real. lex. (1714) 1651; Minerophilus
bergw.-lex. (1730) 692.
im maschinenbau: verwirrung
so nennt man diejenige einrichtung einer maschine, wenn mehrere ... hämmer von einer dammwelle getrieben ... werden Mothes
baulex. 4 (1884) 426. 22)
durch erregung und leidenschaften hervorgerufene verwirrtheit und unbestimmtheit der gefühle: dann was kan besser seyn, als weit von aller lust, die vnser fleisch gebiert, jhm gantz sein wol bewust, vnd den verwirrungen desz hertzens nicht verhengen Opitz
teutsche poemata 235
ndr.; fürwahr das hertz stehet in grosser verwirrung
ollapatrida 80
Wiener ndr.; was für verwirrungen von abscheu, hass und rache erfüllen deine brust
deutsche schaubühne (1740) 1, 105
Gottsched; Juno, in der äusersten verwirrung und wuth auf und ab rasend Schiller 1, 327
G.; keine besorgnisz, wie diese unsinnige ... verwirrung der gefühle ... sich endlich lösen soll Holtei
erz. schr. (1861) 2, 247; immer in zeiten von verwirrung der gefühle und groszer innerer bewegtheit flüchtete Christian sich an die Wolga Ponten im
Wolgaland (1933) 238. 33)
trübung des verstandes, auch im sinn einer dauernden störung, einer geistigen krankheit; verwirrung des verstandes
paraphrosyne Nemnich
lex. nos. polygl. (1801) 17
d: solche überflüssige melancholische feüchte ... erweckt ... verwürrung der vernunfft Ryff
anatomi (1541) f 5
a; (
suffocation der gebärmutter macht sich bemerkbar durch) klopffen des hertzens, schwären athem, verwirrung und abgang der vernunfft oder desz verstands Ruoff
hebammenbuch (1580) 190; ein armer mensch, welcher in verwirrung des haupts gerahten war und der dolle Johannes genandt wurde Schupp
freund i. d. not 12
ndr.; des sultans seele schwimmt in einer wüsten see, die flammen auf die brust strömmt (!), in die glieder schnee, verwirrung ins gehirn Lohenstein
Ibrahim Sultan (1680) 22; bis zur verwirrung hats mich fast gebracht, dies sinnen über mich selbst
F. H. Jacobi
w. (1812) 1, 207; wie beneide ich deinen trübsinn, die verwirrung deiner sinne Göthe I 19, 136
W.; dann verschwinde ihm (
Hölderlin) wieder alles im dunkel und dann ermatte er in der verwirrung Bettine
Günderode (1840) 1, 416; wie wohl der wahnsinn entstehe — ob er eine verwirrung der geisteskräfte, ob er eine krankheit des leibes? Holtei
erz. schr. (1861) 6, 117. 44)
unklarheit, unsicherheit im bereiche des erkennens, denkens und urteilens: ich zürn itzt auff mich selbst. verwirrung der gedancken ist meine morgenkost Hoffmannswaldau
u. a. Deutschen ged. (1697) 1, 45
Neukirch; sie (
d. französ. gelehrsamkeit) suchet vielmehr durch eine neumodische verwirrung alles dessen, was die gelehrten des vorigen jahrhunderts sorgfältig von einander unterschieden, und getrennet, den wissenschaften eine neue gestalt zu geben
anmuth. gelehrsamk. (1758) 733
Gottsched; was für eine verwirrung von begriffen in diesen wenigen zeilen
briefe, d. neueste litt. betr. 11 (1761) 15
Nicolai; sonst würde er in dem gedächtnisse der zuschauer die äuszerste verwirrung zwischen den wahren und den erdichteten umständen anrichten J. E. Schlegel
w. (1761) 3, 287; eine scheinbare verwirrung meiner ideen S. v. Laroche
frl. v. Sternheim (1771) 1, 100; die nothwendigkeit des zusammenhaltens geprüfter freunde in einer zeit wo eine verwirrung aller begriffe die hohe cultur des vaterlandes zu vernichten drohe Göthe I 4, 77
W.; wir können uns nunmehr auf einen natürlichen vortrag sogleich beziehen, und so in die gröszte verwirrung und verwicklung ein heilsames licht verbreiten
ders., II 2, 4; dieser wasserläufer gehört unter die arten, über welche bei früheren schriftstellern grosse verwirrung herrschte Naumann
vögel (1822) 8, 124. 55) verwirrung der sprachen
u. ä.; in anlehnung an 1. Mos. 11, 7,
meist mit deutlich religiösem bezug: zu den zeiten Nymroths ... wie er vnd seine mitgenossen den hohen thurn zu Babylon auffbawen vnd liessen darvon. welchs auch ein gottes schickung dar durch verwirrung der sprachen war Eyering
proverb. copia (1601) 3, 496; verwirrung der sprach ist ein anzeig gottes straffen Lehmann
floril. polit. (1662) 2, 669; viel und mancherley gestalt der menschen seynd nach der verwirrung der zungen an manchen ende erschienen Prätorius
anthrop. pluton. (1666) 1, 391; da flosz über sie (
die völker) der taumel der verwirrung und der vielheit der sprachen Herder 5, 133
S.; vor allem aber beweist er, dasz die babylonische verwirrung nur verschiedene mundarten hervorgebracht
anmuth. gelehrsamk. (1756) 826
Gottsched. in allgemeinerem sinne: verwirrung der sprach ist ein merckzeichen der verwirrungen im regiment Lehmann
floril. polit. (1662) 2, 669; die römische sprache entstund aus einer verwirrung und vermischung aller möglichen mundarten Italiens
anmuth. gelehrsamk. (1751) 588
Gottsched; sie (
d. dogmatiker) legen durch eine solche verwirrung der sprachen die gänzliche verworrenheit ihrer begriffe nur deutlicher zu tage Fichte
s. w. (1845) 1, 500. 66)
unsicherheit, hilflosigkeit, ratlosigkeit infolge bestimmter eindrücke, ereignisse, situationen: Essex ist in der äussersten verwirrung: es schmerzt ihn, sich für einen verräter gehalten zu wissen Lessing 10, 43
L.-M.; Faust ... wuszte nicht, ob er wachte oder träumte. der teufel liesz ihn einige augenblicke in dieser verwirrung Klinger
w. 3 (1815) 218; du wendest diesem hause kaum den rücken, so wird dein herz zurück verlangen, wird dein eigensinn dich vorwärts treiben; schmerz, verwirrung, trübsinn harrt in Rom auf dich Göthe I 10, 216
W. (
Tasso); der englische gesandte kann die verwirrung und rathlosigkeit, welche bei diesen bewegungen am hofe eintraten, nicht stark genug schildern Ranke
s. w. (1867) 8, 148.
im sinne von bestürzung, scham, verlegenheit: diesen (
den Mars im netze des Vulkan) sieht man voll verwirrung und scham Winckelmann
s. w. (1825) 7, 350; wie würden sich ihre augen an meiner verwirrung weiden Lessing 2, 87
L.-M.; sie empfinden meine verwirrung, meine verlegenheit Göthe I 24, 164
W.; Anton, in sprachloser verwirrung, starrte Ottilien an Holtei
erz. schr. (1861) 10, 55; erröthend, zitternd, in tiefster verwirrung liesz sie sich von ihm zum tanze führen
M. Meyr
erz. a. d. Ries (1868) 1, 57.
verbunden mit gefühlen der furcht und des schreckens: verwirrung und die furcht musz hier verbannet werden Pietsch
schr. (1740) 17; voll angst und verwirrung fieng ich ein zettergeschrey an Bräker
s. schr. (1789) 1, 184; und wenn wir uns von der verwirrung unsers ersten schreckens erholt Schiller 13, 60
G.; in ... augenblicken des schreckens und der verwirrung Alexis
hosen (1846) 1, 111. 77)
wo es sich um gruppen von menschen handelt, tritt neben die vorstellung der inneren verwirrung
auch die der auflösung der äuszeren ordnung: schon war im hause des herrn von C. die gröszte verwirrung ausgebrochen A. v. Arnim
s. w. 1 (1853) 157; eine scene grauenhafter verwirrung entstand in dieser von beiden seiten zusammengequetschten menge Spielhagen
s. w. (1872) 2, 434.
häufig von truppen: dasz sie (
die geschlagenen Türken) sich in höchster verwirrung über die uberfuhr retirieren müssen S. v. Birken
verm. Donaustrand (1684) 202; zwar brechen die tapfersten durch, aber die verwirrung wächst Göthe I 33, 89
W.; wir wollen die verwirrung, worin das schwedische heer durch euren übergang versetzt ist, nutzen Grabbe
s. w. (1874) 1, 169; sie verfolgten den fliehenden feind. das latinische lager ward in der ersten verwirrung erobert Niebuhr
röm. gesch. (1811) 1, 366; die hopliten standen dem feinde, bis ein flankenangriff des römischen elitencorps auch in ihre reihen verwirrung brachte Mommsen
röm. gesch. 2 (1865) 47. 88)
aufregende ereignisse, ungeordnete unruhige verhältnisse, störungen im normalen ablauf der dinge: sie (
die welt) von ihrer verwirrten vngestalt und vngestalter verwirrung abzufüren Fischart
Garg. 4
ndr.; es lassen des gebirgs so rauhe höhen ein bild von irdischen verwirrungen uns sehen Brockes
ird. vergnügen in gott (1721) 4, 226. 8@aa)
im allgemeinen und öffentlichen leben: wann ein landregent gute räth nicht viel hat, so wird bald aus einer regierung eine grosse verwirrung Abr. a
s. Clara
etwas f. alle (1699) 1, 39; in der gröszesten verwirrung der welthändel Herder 17, 234
S.; geheul des todes, gräszlich tönende prophetenstimmen, die verkündiger entsetzlicher ereignisse, gewaltsamer verwirrungen des staats Schiller 13, 54
G.; in allen kriegen und verwirrungen Italiens Niebuhr
röm. gesch. (1811) 1, 108; das politische interesse ... so verschiedener nationen bewirkte so viele fehden und verwirrungen Ritter
erdkde (1822) 1, 303. 8@bb)
im privaten leben: damit nicht ... einer zu Lintz das geld (
für zinszahlung) erheben, der ander aber es zu Wien auszahlen will; dardurch nur widersinnigkeiten und verwirrungen erweckt werden Hohberg
georg. cur. (1682) 1, 29; meine auction und hundert andere verwirrungen haben mir es unmöglich gemacht, ihnen eher zu schreiben Lessing 17, 285
L.-M.; will ich dich bitten, dasz du in der verwirrung des aus- und umzugs die musicalische tabelle nicht lassest verloren gehen Göthe IV 42, 7
W. im sinn von '
streitigkeit': nun sich aber begeben hat zwischen euch beiden dise irrung, mit unverstand hädrisch verwirrung, da seit ir beide schuldig an Hans Sachs 21, 100
G.; man hat nur immer zu thun, um die verwirrungen, die mehr durch vorlaute als bösartige menschen eingeleitet werden, wieder in's gleiche zu bringen Göthe IV 37, 75
W. 99)
im 18.
jh. wird, vom stilgefühl des rokoko und der anakreontik ausgehend, verwirrung
als reizend und anziehend empfunden, verliert also den negativen beisinn (
abwesenheit der ordnung)
; als zeichen der empfindsamkeit: die schöne bemerket seine verborgenen flammen ..., und zärtliche holde verwirrung hebet jeglichen reiz Zachariä
poet. schr. (1763) 5, 23; sie erwiederte nichts, doch ihre schöne verwirrung sagte, was sie empfand, und nicht bekannte, nur stärker J.
N. Götz
verm. ged. (1785) 3, 144; welch ein gemischtes gefühl von ungezählten gedanken, jeder ein himmel voll lust, bebte mit süsser verwirrung durch alle tieffen des hertzens? Wieland
ges. schr. I 1, 333
akad. ähnlich in anderem gebrauch: (
die töne) sprudelten in melodischer verwirrung, gleich einer silberquelle, ... aus dem beseelten rohre, mit dem der virtuose blos zu tändeln schien Pfeffel
pros. versuche (1810) 6, 25; (
blumen) jeglicher farb', und süszes geruchs, in holder verwirrung J. H. Voss
s. ged. (1802) 2, 5; schütte blumen nur her, ... welch ein chaotisches bild holder verwirrung du streust! Göthe I 1, 272
W. 1010)
von der handlungsführung in dichtungen, wie verwicklung 2 e: catastrophen, die einen vortrag, eine verwirrung und geschickte auswickelung von nöthen haben Chr. Weise
comödienprobe (1696)
vorrede b 7; ein roman ist eine erdichtete liebesbegebenheit mit vielen verwirrungen, um den leser zu belustigen und beyläufig auch wohl zu belehren Gottsched
beob. (1758) 258; der 'Philoktetes' hat, ohne im geringsten die liebe zu hülfe zu nehmen, die schönste verwirrung von der welt J. E. Schlegel
w. (1761) 3, 209; weil der dichter das resultat der verwirrungen, die die ersten vier acte interessant machten, in den fünften act concentrirt Gerstenberg
schlesw. lit.-br. 159
lit.-denkm. 1111)
häufiger begegnende verbalverbindungen: 11@aa) verwirrung anrichten, verursachen, erregen, hervorbringen, unter
oder in etwas bringen: wie der bapst ein grosze verwirrung in der einigen religion hat angerichtet Mathesius
Sarepta (1571) 102
b; ich fürchte, dasz ich in unsrer correspondenz etwas verwirrung angerichtet habe Bismarck
br. an s. braut u. gattin (1900) 493; die unordnung sowohl der sonn- als mondjahre hat unter den alten tausend verwirrungen verursacht Fleming
d. teutsche soldat (1726) 34; vor einem jahre erregte ich ... eine gewisse verwirrung in ihrem kreise Göthe IV 38, 118
W.; nun aber hat B. ... durch mittheilung einer andern nachricht ... neue verwirrung hervorgebracht J. Grimm
Reinhart Fuchs (1834)
vorr. 175; wie ... die catholische lugentenschmid offt ein aemptlin vnd eine kunst jrn zwen oder drei heiligen zugeschriben haben vnd also eine verwirrung vnd vnordnung vnter sie gebracht Fischart
binenkorb (1588) 203
a; als in Athen die gleichheit der gesetze regierte, brachte die übermüthige freyheit gar bald verwirrungen in den staat Ramler
einl. i. d. schönen wissensch. (1758) 1, 273. 11@bb) in verwirrung setzen, versetzen, bringen, stürzen: unser aller gemüter in so viel zweifelhafte verwirrungen zu setzen Birken
forts. d. Pegnitzschäferey (1646) 18; dasz die welt dadurch (
dasz ein atom verloren ginge) in verwirrung gesetzt werden würde Büchner
kraft u. stoff (1856) 11; die verwirrung, in welche sie sein anblick versetzte Hauff
w. (1890) 1, 47; ihre leidenschaft bringt ihre einbildungskraft in verwirrung Zimmermann
einsamkeit (1784) 1, 372; nicht einmal die erbfolge läszt sich auf eine plötzliche art ... in eine gleichförmigkeit bringen, ohne sehr viele familien ... in verwirrung zu stürzen J. Möser
s. w. (1842) 2, 24. 11@cc) verwirrung entsteht, bricht aus, herrscht: woraus keine verwirrung, sondern vielmehr grössere deutlichkeit entstehen kan Chr. Wolff
vernünft. ged. (1720) 162; da bricht verwirrung aus Scheffel
ges. w. (1907) 1, 116; diesen theil der alten geographie, über welchen viel verwirrung herrscht A. v. Humboldt
kosmos (1845) 1, 472. 11@dd) in verwirrung geraten, sich befinden: ist also dieser gestalt das mänschliche wesen in eine solche verwürrung und uppigkeit gerathen Moscherosch
gesichte (1650) 32; da die fülle der gedanken ... in verwirrung geräth Herder 1, 218
S.; als nun die alte nation sich gänzlich auflöste und alle begriffe in verwirrung geriethen Savigny
gesch. d. röm. rechts (1815) 1, 173; ich befand mich also in meiner äuszersten verwirrung Hafner
ges. lustspiele (1812) 1, 76.