verwegen,
v. ,
mhd. wb. 3, 634; Lexer.
form. häufig verwägen,
z. b. Frisius 121
b; Maaler 436;
schweiz. schausp. d. 16.
jh. 3, 32
B.; v. Cronegk
schr. 1, 208; Gottsched
ged. (1751) 1, 201; 299; J. A. Cramer
nord. aufseher 2, 391;
sammlg. v. schauspielen (1764-69) 1, 32; Denis
lieder Sineds 72; 280; Ebert
epist. u. verm. ged. 28; verwegen,
besser verwägen Moritz
gramm. wb. 4, 286.
wohl dadurch veranlaszt, dasz unmittelbarer zusammenhang mit wagen
angenommen wurde: wagen,
das zeitwort, mit einem langen a,
daher wagehals
und verwägen Gueintz
deutsche rechtschreib. 151; verwägen,
ein mensch, der zuviel wagt Weitenauer
orth. wb. 152; v.
von wagen Adelung
umst. lehrgeb. 2, 758;
im wortspiel: verwegen ist in dem buche nichts so sehr, als dasz es sich an die liebe wagte A. W. Schlegel in:
Athenäum 2, 323.
neben der starken flexion zuweilen schwache formen, besonders im präs.: verweget
Pontus und Sidonia vorr.; Tob. Hübner
d. and. woche (1622) 1, 4,
v. 286; verwegt
Amadis 1, 280
lit. ver.; Abraham a
s. Clara
etwas für alle 2, 182; verwäget Wieland
bei Fischer
schwäb. wb. 2, 1405. verwigt,
im 16.
jh. noch gewöhnlich, ist später nicht mehr belegt. selten ist das schwache prät.: verwegete Gichtel
theos. sendschr. (1710) 1, 40; verwegten Spreng
Ilias 169
b;
part. prät.: verwägt Frisius 975
b; ein gottlosz und verwegt fornemen
hist. dr. Joh. Fausti 13
Milchsack. neben die ursprünglichen formen mhd. verwac, verwâgen, verwegen
treten neubildungen mit o:
sg. prät. verwog
Wilwolt v. Schaumburg 197
lit. v.; pl. prät. verwogen
chron. d. d. städte (
Magdeburg 1402) 7, 307; J. J. Schwabe
belustigungen 3, 161;
part. prät. verwogen
verbal gebraucht in älterer zeit vereinzelt unter reimzwang (H. Sachs 12, 355
K.-G., s. u. I 6 c, verwegen
häufig),
später bei Schiller 6, 129; 11, 399; 14, 383; 15
I, 60
G.; Hebbel 6, 61
W., adjectiviert viel häufiger: Menius
chron. Carionis 3, 240; Pape
bettel- u. garteteuffel v 3
a; Binhardus
thür. chronica 224; Warnecke
poet. vers. 275; Klopstock in:
briefe von u. an Kl. 40
L.; Göthe 13
II, 318
W.; 47, 359
W.; Schiller 11, 403
G.; Eichendorf
s. w. 3, 259; Immermann 13, 257
B.; Gaudy
s. w. 3, 116; Gutzkow
zauberer von Rom 5, 169; H. Laube
ges. schr. 3, 56; R. Wagner
mein leben 386; verwogen,
jetzt scherzhaft gebraucht Paul
gramm. 2, 231.
auch in maa. gewöhnlich: österr. Hügel 182;
schwäb. Fischer;
els. Martin-Lienhart 2, 804;
obersächs. Müller-Fraureuth; Spiesz
Henneberg. id. 270; Döring
Sondershausen 85; Hentrich
Eichsfeld 27; Lenz
[] Handschuhsheim 74;
Elberfelder ma. 169;
altmärk. Danneil 241;
schlesw.-holst. Mensing;
preusz. Frischbier
sprichw. 1, 273;
nordfries. Jensen 119;
mecklenb. verwagen Mi 103;
ganz vereinzelt verwigen Liliencron
hist. volkslieder 3, 9.
bedeutung und gebrauch. II.
verbale verwendung ist seit dem 17.
jh. selten, fast ausschlieszlich archaisierend und poetisch (
s. u. I 6);
auch mundartbelege sind selten, die meisten stammen aus älterer zeit: schweiz. id. 1, 907; Stalder 2, 439;
kärnt. Lexer 253;
bair. Schmeller-Fr. 2, 872;
oberhess. Crecelius 879. I@11)
ganz abseits steht v.,
bewegen, in bewegung setzen: wer heiszt euch himmel, luft und erdn, darzu die wasser mit beschwerdn also verwegen und betrüben? Spreng
Ilias 5
a. I@22)
ausschlieszlich in mhd. zeit begegnen I@2@aa)
einen v.,
aufwiegen, an gewicht übertreffen: mhd. wb. 3, 634; Lexer 3, 297; guot vriunt verwigt den zentenære der valsch ein quinti niht enwigt
minnesinger 2, 224
v. d. H. I@2@bb)
einen einer sache v.,
sie ihm absprechen: aber wenn du sollichs wellist pflegen, so hab ich dich des himelrichs verwegen, wan da macht nit wol komen in
teufels netz 2766
B. I@2@cc)
unpersönlicher gebrauch: vil lützel in des verwac
mhd. wb. 3, 634. I@33)
mhd. und im älteren nhd. sich v.
mit dem genitiv, von etwas ablassen, etwas unterlassen; nach dem 16.
jh. ganz vereinzelt (
ein beleg bei Abraham a
s. Clara
s. u.). I@3@aa)
seltene verwendungsarten sind: I@3@a@aα)
aufhören, auch ohne dasz es freiwillig geschieht: an ainem morgen gen dem tag, als ich schlauoffens mich verwag
Hätzlerin liederbuch 264. I@3@a@bβ)
sich nicht um etwas kümmern, sich über etwas hinwegsetzen: doch bleven vele guder lude to hus und vorwogen sik des bodes (
Magdeburg 1402)
chron. d. d. städte 7, 307; (
der abt) verwag sich ouch des gotzhus frommen und ward kostlich und unnütz J. v. Watt 1, 352. I@3@bb)
von etwas ablassen, auf etwas verzichten, etwas opfern: dô Erec fil del roi Lac ritterschefte sich verwac
Erec 2954; sîns guotes wolte er sich verwegen Konrad v. Würzburg
Engelhard 1396; wolhin, mein hord, vergisz mein nit, ich musz mich dein verwegen, mein hertz nye gröszern kummer litt
Hätzlerin liederbuch 22
H.; ob man solich gebot fürhielt eim heydnischen land, ee dann es annem diss gross joch, ob es schon sunst geneigt wer zum glouben, es verwege sich alles christenlichen wäsens Eberlin v. Günzburg 1, 17
ndr.; rock, hosen, mantel und auch dägen, der saltu dich hie gantz verwegen Gengenbach 125
G.; kein mensch solt mirs habn abgeschrecket, het mich ehs fürsten huld verwegen H. Sachs 2, 53
K.; wer sich aller ehr verwigt Kirchhof
wendunmuth 1, 14
Ö.; dazu ehrverwogen Sebiz
feldbau 560; sagt man einem, er soll sich verwegen seiner geilen buhlschaft und beyschlaffen oder den himmel lassen, er verwegt sich des himmels Abraham a
s. Clara
etwas für alle 2, 182. I@3@cc)
sich mit dem verlust abfinden, etwas verloren geben: des rosses het er sich verwegen, wan ez daz ungehiur unfuog dennoch in sinem giel truog Joh. v. Würzburg
Wilhelm v. Österreich 11 770; und do die am land sahen, die sich unser verwegen hetten, wie wir uns behulfen, do kamen sie uns zu hülf und kamen zu land Dürer
tagebuch 70; (
frau und kinder) sind in dem ellend umbgefahrn, der ich mich aller hett verwegen H. Sachs 16, 140
K.-G. [] besonders sich des lebens v.,
nicht '
periclitari de vita' (Aler 2, 2032),
sondern: sich auf den tod gefaszt machen, mit dem leben abschlieszen: (
es war ein sturm), dasz sich zu mer malen die schiffleute des lebens verwegen hetten Arigo
decamerone 106
lit. ver.; all schrien umb hilf auf zu gott, sich irs leben verwagen elsz H. Sachs 13, 381
K.-G.; Carbach
Livius 107; Kirchhof
wendunmuth 4, 332
Ö.; Spreng
Ilias 169
b; den guten gesellen, der sich seines lebens schon verwegen G. Maier
hist. lustgarten (1625) 1, 177. I@3@dd)
die hoffnung auf etwas aufgeben: welher sich mit menglichem zweyt und allweg hadert, der verwege sich hilf und bystands in synen nöten Steinhöwel
Äsop 104
lit. ver.; er sich alles gelückes und hoffnung verwegen het Arigo
decamerone 96
K.; er sich ... alles drostes verwegen hat Wickram 1, 4
B. I@44)
im älteren nhd. zuweilen auch ohne reflexivum in gleicher bedeutung: das ich auf den tag tantzens und klaynat gar verwag H. Sachs 5, 277
K.-G.; so musz der hofweisz ich verwegen 17, 261.
mit inf. statt mit gen.: du wöllest unwiderbringlichs verlusts dich mit weinen, truren und quelen ze pinigen gedulticlich verwegen Riederer
spiegel d. waren rhet. iv
b. I@55)
frühnhd. sich v.,
sich auf etwas gefaszt machen, sich damit abfinden, dasz etwas geschehen wird; mit dem genitiv sich sterbens v.,
gleichbedeutend mit sich des lebens v.: da er einmal so kranck lag, das er sich hette sterbens verwegen Luther 16, 399
W.; ähnlich Frey
gartengesellschaft 84
B. mit dem infinitiv: dasz ich gäntzlich mich verwegen hat zu sterben Wickram 1, 17
B.; ähnlich H. Sachs 13, 285
K.-G.; Amadis 1, 40
lit. ver.; Weckherlin
ged. 1, 53; dasz si sich all verwegen hattend ärmklich ze ertrincken Tschudi
chron. helv. 1, 239; sich stätigs besorgen und verwegen, die statt ... zu verlieren Stumpf
Schweizerchronik 603
a.
mit abhängigem satz: qui ergo praedicare vult, der verwegs sichs, quod mundus non ferat eum Luther 17, 1, 497
W.; ich muoesz mich verwegen, daz ich ... durch die widerwAertigen werde geschendt, gelesstert, verspott, verworffen und verdambt Berthold v. Chiemsee 6; Etter Thell, wir hattend uns verwägen, wir gsähend dich nimmermer by läben
schweiz. schausp. d. 16. jh. 3, 32
B.; also hat er sich verwegen, er muesz übernacht im veldt bleiben
Zimm. chron. 24, 224
B. I@66) sich v.,
einen entschlusz fassen, etwas wagen, unternehmen; der gesprochenen sprache fremd geworden, aber literarisch zuweilen noch in neuester zeit: I@6@aa)
ohne nähere ergänzung; mhd.: do es anders nicht mocht gesein, do verwag sich di kunigein Heinr. v. Neustadt
Apollonius 4732
S.; nhd.: es geht eben hie als in einem streit, da tzwey her wider ein ander ligen; die vorwegen sich auff beyder partey, itzlicher bewart sich auf dasz best und wagtz da hin Luther 10, 3, 354
W. I@6@bb)
mit dem genitiv: des einen si sich gar verwac, gelebetes morne den tac, daz si benamen ir leben umb ir herren wolte geben Hartmann v. Aue
a. Heinrich 525
G.; ob ir iuch verweget der vart
Lohengrin 91, 1
R.; als si sich aber kriegs verwegen Tschudi
chron. helv. 1, 296; eins abends nach eym mayenregn het ich spacierens mich verwegn H. Sachs 3, 565
K.; hat sich der landmann solcher that verwogen, aus eignem mittel, ohne hülf der edeln Schiller 14, 383
G. (
Tell 4, 2); groszmächtigster — wie hätt ichs mich verwogen — Hebbel 6, 61
W. (
Demetr. 2, 8).
[] I@6@cc)
mit dem infinitiv: yeder so ze reden sich verwigt Riederer
spiegel d. waren rhet. a III
a; sie drummetteten zu baiden tailen und hett man sich gantz verwegen ze streiten
chron. d. d. städte 5, 266; Thelemachus und der sey hin gen Pilum und Sparta gezogen, sein vatter zu suchen verwogen und den bringen herhaim zu landt H. Sachs 12, 355
K.; ein iedtweder ein ubriges zu thun sich verwegen muss
acta publ. 1, 57
Palm. I@6@dd)
ähnlich im sinn von sich erkühnen, sich erdreisten: und sol erstan von im ain man, der über siget was herren sich gen in verwiget, und wirt diu welt sin aigen gar Mone
schauspiele d. ma. 1, 165; dann so verwygt sich flaisch und blut und spricht, eya, ich will den leyb zum gut wagen Eberlin v. Günzburg 3, 270
ndr.; diejenigen, welche sich verwogen, die ansprüche dieser erleuchteten kunstrichter nicht als ganz unfehlbar gehorsamst zu verehren Schwabe
belustigungen 3, 161; wo aber ist der trotzige, der gegen die stadt so kühner drohung sich verwogen? Schiller 6, 129
G. (
Phönizierinnen 1, 2); nachdem sich deine frevelhafte glut bis zu des vaters bette selbst verwogen, zeigst du mir frech noch dein verhasztes haupt? 15
1, 60 (
Phädra 4, 2); an eltern darf kein kind die hände legen, es folgt der fluch, wer also sich verwegen Tieck 13, 146. IIII.
lebendig geblieben ist das part. prät., das ganz zum adjectivum geworden ist. II@AA.
zu verwegen I 3
gehörig: jemand, der auf alles verzichtet, sich von allem losgesagt hat. II@A@11)
in gutem sinne in der sprache der mystik: wan nam hie vor die aller verwegenstun zuo sölichen emptern, und nit die daz ire suochten Seuse
d. schr. 383
B.; do got dise grosse verwegene gelossenheit in in vant
schr. a. d. gottesfreundlit. 1, 13
Strauch. II@A@22)
profan: desperat, verzweifelt, v. Wächtler 143; Spanutius 220; ein menschen, der viel jare ist in grossen hauptsünden gelegen, auch ganz verzweyfelt und verwegen H. Sachs 1, 299
K. die paarung verzweifelt und verwegen
auch noch in späterer zeit: die gelegenheit zum bösen brünstig zu suchen ... und verwegen, ja verzweifelt durchzudrucken Harsdörfer
frauenzimmergesprächspiele I, m v
a; ein verzweifeltes übel will eine verwegene arznei Schiller 3, 114
G. (
Fiesko 4, 6).
die bedeutung frevelhaft, ruchlos mag von hier beeinfluszt sein, s. u. B 3 a. II@BB.
gewöhnlich zu I 6.
dabei mischen sich verschiedene vorstellungen: entschlossenheit, muth, todesverachtung und die übertreibung dieser eigenschaften, die vielfach nicht nur als unbesonnenheit, tollkühnheit, unvorsichtigkeit, leichtsinn, sondern auch als sittlicher mangel, als frevelhaftes überschreiten sozialer, ethischer und religiöser schranken gewertet wird. ähnlich wie bei keck
und kühn,
in älterer zeit auch bei frech, frevel
und vermessen.
zwischen anerkennung der kühnheit und miszbilligung der überkühnheit ist oft schwer zu scheiden. im allgemeinen ist der tadelnde sinn stärker ausgeprägt als bei kühn,
aber nicht so ausschlieszlich zur herrschaft gelangt wie bei frech, frevel
und vermessen. II@B@11)
kühn, entschlossen, wagemutig, furchtlos ohne tadelnde nebenbedeutung, aber im vergleich zu kühn
gesteigert: den einsichtigen, kühnen, ja verwegenen mann Göthe IV 42, 215
W. von personen: kühne, verwegene und behertzte leute J. G. Schmidt
rockenphilosophia 1, 249.
besonders auf das kriegerische bezogen: wer nit förcht die wolf umb liechtmesz, die baurn umb fasenacht und die pfaffen in der fasten, der ist ein verwegener kriegsmann
schöne [] weise klugreden (1548) 40
b; Petri
d. Teutschen weiszheit 2, o 2
b; Körte
sprichwörter 499; verwegner kriegerischer Tydeussohn! Bürger 1, 161
B.; in schlachten so verwegen, so treu im krankenpflegen, ein ritter vom spital Schenkendorf
ged. 53.
metonymisch: auf den spitzen des gebirges, wohin sich der verwegenste fusz von menschen und thieren nicht wagt G. Forster
s. schr. 3, 412; seit jahren berg ichs still in tiefster seele und zwinge grollend mein verwegnes herz G. Freytag
ges. w. 3, 166; als nämlich ein verwegener kopf anfing, aus freier hand den thon zu formen Peschel
völkerkunde 173.
auf sächliches übertragen: mich wird der kühne wind und ein verwognes schiff weit führen über see P. Fleming
ged. 1, 525
L. von menschlichen thaten, handlungen und eigenschaften: in kriegen und dapfern, verwegnen thaten Seb. Franck
chron. Germ. (1538) 5; die fridericianischen traditionen des heeres sprachen für die verwegene offensive Treitschke
d. gesch. im 19.
jh. 1, 244; der verwegene flug unsers denkens Schiller
briefe 1, 245; seine (
Molières) verwegene sinnigkeit Morhof
unterricht 1, 172; liebschaften sing ich und verwegnen muth Gries
Ariosto 1, 5; herrliche, verwegne phantasei Göthe 15, 81
W. (
Faust II); mit dem ausdruck von entschiedenheit und verwegenem willen Ranke
s. w. 9, 326.
adverbial: den jungen mutig und verwegen stürzt er vom wagen grimmiglich Spreng
Äneis 13
a; da ... zog (
Fridigern) das schwert ..., und verwegen und schnell eilte er seinen gesellen zur hülfe
deutsche sagen (1891) 2, 14. II@B@22)
viel häufiger allzu kühn, allzu furchtlos, tollkühn, unbesonnen; in den umschreibungen neben audax, das selbst schon diesen sinn haben kann, noch: protervus Alberus (1540) I i 1
a;
temerarius Frisius, Dentzler,
temerarius, inconsultus, confidens Steinbach; v., vermessen, frech, keck
oder tollkühn Ludwig 2189; unbesonnen, v. Kinderling
reinigkeit 336; wer sich weniger fürchtet als er solte und nach keiner gefahr etwas fraget, (
ist)
v. Chr. Wolf
ged. v. d. menschen thun u. lassen 433; wer sich unnöthigerweise in gefahr begiebt, ist v. Stosch 1, 83; Voigtel 3, 545; H. Braun (1793) 287; Hübner
zeitungslexikon (1824) 4, 806.
von personen: die tollkühnheit eines verwegenen schwartzkünstlers Grimmelshausen 4, 683
Keller; Phaëton, verwegener jüngling, sich durch übermuth den tod zuziehend Göthe 49, 69
W.; diese unvorsichtigkeit wurde aber bestraft, indem die verwogenen reiter ... durch ein mörderisches feuer empfangen wurden Moltke
schr. u. denkw. 1, 57. v.
im spiel: meine brüder aber sind verwegen, der in spiel, der in trunckenheyt H. Sachs 3, 47
K.; niedriger spielt man billard, da fehlen jene verwegenen spieler Ranke 30, 11.
mit sinnverwandten adjectiven verbunden: du solt mit keim tolkühnen wandern von einem lande zu dem andern, welcher verwegen ist und frech H. Sachs 6, 354
K.; einen verwegnen, dollen, vollen kriegszmann Seb. Franck
chron. Germ. (1538) 18; unbändig, wild, verwegen — kurz, ein satan Bauernfeld
ges. schr. 4, 205.
im gegensatz zu adjectiven lobenden sinnes: einem kecken, doch nit verwegnen, ehrlichen, erfahrnen mann Fronsperger
kriegsbuch 1, l 5
b; unerschrocken, aber doch nicht verwegen Thurneysser
magna alchymia, vorrede 3.
im gegensatz zu ausdrücken für vorsicht, mangel an muth [] und entschlossenheit: die sorgfältigen werden (
durch wein) verwegen Schwarzenberg
teutsch Cicero 91; die jugend ist zu schüchtern allzuoft, das alter dann gewöhnlich zu verwegen Tieck
schr. 2, 97.
von handlungen: kein verwegen oder gefahrlich that Xylander
Polybius (1574) 48; ein verwegenes wagstucke Hohberg
georg. cur. 1, 28; einer gar verwegenen wette Hahn
staats-, reichs- u. kayserhist. 4, 110; ein angriff würde das verwegenste unternehmen von der welt sein Göthe 33, 77
W.; diesem ... kinde war kein baum zu hoch, kein sprung zu verwegen Storm 1, 239.
adverbial: wer ganz verwegen spielt Grob
dicht. versuchg. 96; bald feige, bald verwegen läufst du vorbei dem ziel E.
M. Arndt 5, 260
R.-M. II@B@33)
mit moralischer wertung: einer der etwas wagt, unternimmt, was nicht nur gefährlich, sondern vor allem auch unerlaubt ist oder ans unerlaubte streift. II@B@3@aa)
gottlos, ruchlos, frevelhaft: ain solche leichtvertige oder verwegen person von bösem gerüch oder unleümandt Tengler
neü laienspiegel(
Straszburg 1518) 134
a; verwegene ubelthetter
psalm 59, 6; zu solchen verwegenen verrchten Luther 19, 380
W.; o verwegener, schändlicher bube Bürger 1, 258
B.; es giebt noch verwegene, schlimme weiber genug G. Keller 4, 47; wollen wir doch nicht das rauchfasz mit verwägner faust entweihn Schönaich
Heinrich der vogler 4; mit verwegener hand hatte er die rechtlichen schranken zwischen den alten ständen niedergerissen Treitschke
d. gesch. im 19.
jh. 1, 287; ränke, cabalen und verwegene streiche
deutscher merkur 1, 13; verwegnen aufstand Göthe 10, 9
W.; einer verwegenen und gesetzwidrigen handlung 26, 335; mit verwegener ... dialektik Ranke 1, 158; das verwegenste, anmaszendste, gefährlichste buch in seiner art 38, 193; verwogene gedanken hatten sich vorgewagt, die unzweifelhaft abgesandte des höllischen dämons waren G. Hauptmann
Emanuel Quint 55.
adverbial: denen andern aber, so gottlos, verwegen ... anhin leben Luther 28, 578
W.; fleuch! elender, dir sag ich, dasz du die heilige stäte künftig nicht mehr, als priester des herrn, verwegen entheiligst Klopstock
Messias (1780) 94. II@B@3@bb)
anmaszend, keck, dreist, frech: arrogans stoltz, übermütig, vermässen, verwägen Frisius 121
b; v., boszhaftig
mauvais, méchant Frisch
nouv. dict. 602; kecke und verwogene leute Schütz
hist. rer. pruss. 3, z 1
a; weil dise (
junge menschen) weit unbescheidener und verwegener sind Butschky
Pathmos 609; das klingt groszsprecherisch und verwegen genung
vernünft. tadlerinnen 1, 4; ihr seid verwegen. — und ihr sehr breit Göthe 8, 39
W. (
Götz); sind wir (
die blumen) nicht dreist und gar verwegen? uneingeladen kommen wir und bitten nur, du wollst uns hegen, ein stündlein lasz uns blühn bei dir! Hoffmann v. Fallersleben 1, 227;
metaphorisch: ein verwegener kiel Lichtwer
äsopische fabeln 7; keine verwegene kunstlehrerhand Lenz
schr. 2, 340
T.; statt verwegner scherze Schwabe
belustigungen 1, 46; eine sehr verwegene bitte Schubart
bei D. Fr. Strausz 8, 160; kein verwegener blick irgend eines lauschers Musäus
volksmärchen 1, 9
H.; mit verwogener keckheit E. Th. A. Hoffmann 7, 73
Gr.; eine verwegene lebenslust G. Keller 6, 96; verwegene hoffnungen Treitschke
d. gesch. im 19.
jh. 3, 55.
oft in bezug auf erotisches verhalten: ist er dann so gar verwegen und greifft dir zu dem puosen ein
Hätzlerin liederbuch 307
H.; geh den weibern zart entgegen, du gewinnst sie auf mein wort! und wer rasch ist und verwegen, kommt vielleicht noch besser fort Göthe 1, 37
W.; [] als sie den fremden sah am haus sich regen, entfuhr ihr wie im schreck ein leiser schrei; ich grüszte reuig, schalt mich keck, verwegen, und bald war ihre mädchenangst vorbei Arent, Conradi, Henckell
mod. dichtercharaktere 292.
in bezug auf handlungen und leistungen, zu denen ihr vollbringer nicht recht befähigt oder befugt erscheint: es ist ohne zweifel verwegen gehandelt, dasz einer, der unter dem schutze des publiquen friedens ... auferzogen worden ..., die anordnung und die ausführung einer feldschlacht beschreibe
discourse d. mahlern 1, e
b; dies schien etwas verwegen: er solle heute lehren, was er gestern gelernt Justi
Winckelmann 1, 383.
häufig in bescheidenheitsformeln: aber gewisz, sie halten mich für sehr verwegen, wenn sie mir zutrauen, an dergleichen ehre (
aufnahme in die deutsche gesellschaft) zu denken Gottschedin
briefe 1, 26
R.; darf ich mich erkühnen, sie zu fragen, wenn es nicht zu verwegen ist Miller
Siegwart 1, 250; ich bin verwegen genug, mir hierüber nähere nachricht von ihrer güte auszubitten J. G. Forster
schr. 7, 120. II@B@44)
ähnlich wie kühn
und gewagt
im sinne von auffallend, überraschend, ungewöhnlich, gegen norm und regel verstoszend, widerspruch, erstaunen, befremden erregend. II@B@4@aa)
von geistigem: ein ungereimbt und verwegenes buch Bastel v.
d. Sohle
Harnisch aus Fleckenland 69; der blöden wahrheit war man satt und strebte nach verwegnen bildern Gottsched
neueste ged. (1750) 10; sie (
die dichter) gebrauchen kühne wendungen, verwegene wortfügungen Ramler
einl. i. d. schönen wissensch. 3, 100; von ihrer, anfangs allzu verwegen scheinenden hypothese Göthe IV 10, 352
W.; von verwegnem stile G. Keller 10, 227; mit ausnahme des Schubertschen stückes mit seinen verwegenen rhythmen Böhme
gesch. d. tanzes 269; die verwegensten passagen R. Wagner
ges. schr. 9, 48.
hierher gehört auch die redensart in des worts verwegenster bedeutung Schiller 5, 62
G. (
dom Karlos 1, 9); Chamisso 5, 206. II@B@4@bb)
vom aussehen; in diesem sinne meist in der form verwogen: eine verwogene figur Göthe 47, 359
W.; von ... gebräunter gesichtsfarbe, welche ihnen etwas verwogenes, ... keckes giebt Böttiger
kl. schr. 1, 293.
gewöhnlich adverbial: ein Italiener ... von etwa 50 jahren, ... der sehr verwogen aussieht G. Hauptmann
ges. w. (1913) 4, 103 (
Pippa 1);
besonders von der kopfbedeckung: sie aber ... hatte sich ... einen strohhut verwegen auf das kecke häuptlein gesetzt Immermann 1, 80
B.; der ... den hut verwegen auf einem ohr trug G. Freytag
ges. w. 13, 255; er rückte ihm dabei auch die kappe auf dem kopfe zurecht, damit sie ihm etwas verwogen stehe R. Wagner
mein leben 386;
seltener von andern kleidungsstücken: ein herr, welcher einen dunkelblauen carbonarimantel ... recht verwogen über die schulter geschwenkt ... hatte Gaudy
s. w. 2, 40. II@B@4@cc)
auszerordentlich, ungewöhnlich: o du verwegene unwissenheit Guarinonius
greuel d. verwüstung 1050; mich hat das immer verdrossen, dasz man nur aus liebe den verwegensten unsinn begeht Nestroy
ges. w. 2, 216.
als steigerndes adverbium: ich war im neuen kleide auch verwegen hübsch Caroline 1, 269
W.; häufig in niederd. ma.: verwegen lenksem,
sehr langsam v. Klein 2, 219; een v. groot huus, he prekede (
predigte) v. schön Richey 324; en v. grooten keerl Schütze 4, 307; se is v. neuschierig (1756) Mensing; de kärl is verwägn grot Danneil 240
b. II@B@55)
sehr verbreitet ist substantivierte verwendung: bohrt und krallet den verwegnen, den verfluchten vogelstellern ungesäumt die augen aus! Göthe 17, 94
W.; gestern, hiesz es, man wolle der königin ... eine katzenmusik bringen; eine aufgestellte compagnie reichte hin, die verwegnen zum stillschweigenden abziehn zu bringen Bismarck
briefe an braut u. gattin 119.
besonders in anrede und anruf: [] genug, verwegner, halt! wohin verirrst du dich? Schwabe
belustigungen 1, 200; verwegner, keinen schritt! Göthe 16, 103
W. (
Satyros); verwegener, hauchte Serena entgegen Herm. Schmid
alte u. neue gesch. a. Bayern 94.