verbrechen,
verb. frangere, delinquere, ahd. farbrëchan, firprëhhan, ferbrëchen,
mhd. verbrëchen,
mnd. vorbreken,
nl. verbreken,
ags. forbrecan,
fries. urbreka.
verstärktes brechen,
früher in vielseitigerem gebrauche, im nhd. hauptsächlich auf geistige dinge beschränkt. das sinnliche verbrechen
durch zerbrechen
verdrängt und in den wörterbüchern nur bei Frisch 1, 131
b und Adelung
versuch 4, 1387,
doch als veraltet, aufgeführt, ist in kunstausdrücken und in den mundarten noch lebendig, welche letztere oft überhaupt keine zusammensetzungen mit zer
kennen. in manchen gegenden sogar nur in der sinnlichen bedeutung bekannt, so im Baselischen, vgl. Seiler Basler mundart 105. 11)
intransitiv, in stücke gehen: es ist in ihm (
dem körper) kein geist mehr nicht, das fleisch fällt weg, die haut verbricht. Opitz 2, 208;
anderes beispiel s. theil 5, 1163
unter kliebig.
in den mundarten sehr beliebt, z. b. im westlichen md.: das glas, die flasche verbricht, ist verbrochen,
vgl. Schm.
mundarten Bayerns 421 (1061), Schm. 842
Fromm.; eine verbrochene fensterscheibe. Kerner
reiseschatten 204. 22)
durch beschädigung unbrauchbar werden, im bergbau: ist es, dasz einer seinen stollen verliegen, seine wasserseige und lichtlöcher verbrechen läszt .. so hat der bergmeister das recht denselben erbstollen frei zu verleihen.
Schemnitzer bergw.-ordn. bei Veith
bergwb. 519. 33)
in ähnlicher bedeutungsentwickelung wie bei gebrechen,
mangeln, fehlen, ausbleiben; heute ungebräuchlich, dafür gebrechen: wem sind die augen nicht noch roth, seit (ach das wort verbricht!) dasz unser Rosa todt? Tscherning (1642) 89;
von menschen: itzt ist zeit zu eilen, dem wird alles feilen, der
sich wird verweilen und itzt verbricht. P. Fleming 300;
kaum mehr verständlich: doch ich nahm vom nachbar ein heiliges versprechen — an meinem vertrauen nicht zu verbrechen. Rückert
makamen 1, 148. 44)
transitiv, etwas durch brechen zerstücken, sei es in mehrere, sei es in zwei stücke (
wofür auch abbrechen):
ahd. erino portun ih furchnussu, iisnine grindila firbrihhu. Isidor III
b 3;
mhd. er wolde gar virbrëchen ir closter unde ir leben.
pass. 301, 52
Hahn; swâ daʒ lût vor gebeten hette an die abgote, daʒ wart gar von sîme gebote verbrant unde verbrochen. 383, 93;
nhd. selten in der schriftsprache, in sinnlicher bedeutung nur bei Frisch 1, 131
b,
doch als veraltet und zerbrechen
als das gebräuchliche aufgeführt; verbrechen,
praefringere Kirsch 2, 330
b,
während im lat.-deutschen theile praefringere mit zerbrechen
übersetzt wird. heute, wie bei 1,
nur noch mundartlich, so wetterauisch, z. b. mit wortspiel zwischen verbrechen
frangere und verbrechen
delinquere: richter. wääst de denn du sindeknoche, wääst de denn was de verbroche?
angekl. meiner frää zwää kaffedasse, ach ich hab se falle lasse. Stolze
ged. in Frankfurter mundart. 55)
sinnliches verbrechen
als kunstausdruck erhalten 5@aa)
in der waidmannssprache, mit verschwiegenem objecte, der jäger verbricht dem wilde: der jäger verpricht dem hirsch, wild und ander thier. Sebiz
feldbau (1580) 568,
zu ergänzen ist, wie aus folgendem erhellt, laub, äste;
das durch das abbrechen der zweige gekennzeichnete als object, die fährte verbrechen: mit kleinen zweigen verbricht ein jäger die ferten, die er bei dem besuche oder bei dem abäuglen gefunden, ingleichen die letzte ferte, die er von dem angeschossenen thiere verlassen, um solche desto sichrer wiederum finden zu können. den anschusz und schweisz auf der pürsch. Heppe
wohlredender jäger 306; das erlegte thier verbrechen,
mit zweigen zudecken, '
damit, wenn es bis zur abfuhr im walde liegen verbleiben musz, nicht so frei im gesicht liege': das wild wird mit starken brüchen verbrochen. Heppe
a. a. o.; den hirsch verbrechen, '
an dem orte, wo man ihn angeschossen hat, abgebrochene reiser legen'. Frisch 1, 131
b; 1748 hat mein gewehsener jägerpursch ein schmahlthier .. geschossen und selbiges auf der wiese verbrochen.
Eisenacher archiv 1769. 5@bb)
beim weinbaue: der winzer verbricht oder erbricht den wein, den weinstock,
bricht die unbrauchbaren schosse und enden der weinstöcke ab. Weber
term.-öcon. lex. 1, 77. 133. 2, 612.
suppl. 78. 5@cc)
bei handwerkern (
tischlern, maurern) die ecken (
an häusern), die ränder (
an gefäszen und geräten) verbrechen,
die schärfe abbrechen, abründen. 66) verbrechen
auf geistige thätigkeit übertragen, abbrechen. 6@aa)
beim bergbau: ein feld, einen stollen verbrechen,
die bebauung abbrechen, unterbrechen; verbrochen feld, verbrochene stollen und strecken,
die wieder eingegangen sind, circuli fodinarum non amplius pervii Frisch 1, 131
c; so glomm dieses feuer bereits zehn jahre durch alte verbrochene stollen und schächte. Göthe 25, 325; und seil und kübel wird in längrer ruh nicht am verbrochnen schachte stocken. 2, 152. 6@bb) wörter, die rede verbrechen,
wörter verstümmeln, verderben: denn Vulkan ist ein verbrochen wort vom Tubalkain, darinn die erste silbe verschlungen. Mathesius
Sar. (1562) 9
a; bergkleut heiszen den stein, darausz man zin macht zwitter und halten, das es den namen von zwintzern und gleiszen habe, aber es lest sich ansehen, das zwitter das verbrochen und verkürtzt greckisch wort cassiteron sei. 135
b; verbrochene worte,
abgebrochene worte, von unzusammenhängender rede: sie warff die asche dreimal übern kopff, sahe nicht hinter sich und hub wie erstlich mit verbrochenen worten an zu murmeln. Opitz 2, 281;
daher den gegenstand nur andeutende, unklar bezeichnende worte: das ist Habacucs gebet und gesang, zu trost den Jüden gemacht, aber mit seer verbrochenen worten, die uns Deudschen ungewöhnlich sind. Luther 3, 259. eine sache mit worten verbrechen,
mit abgebrochenen worten andeuten, eigentlich etwas durch worte zu einem bruchstück machen: das mag nu S. Paulus gemeinet und mit kurtzen worten also verbrochen haben. Luther 6, 270
b;
Sophonisbe. wo bleibt Hiempsal denn? ist ihm ein leid geschehen?
Himilkar. ach nein! das unglück ist unmöglich auszusprechen.
Amilk. sagts. ihr suchts ohne frucht mit worten zu verbrechen. Lohenstein
Sophon. 9, 260. 6@cc)
unterbrechen, durch abbrechen beenden, das schweigen verbrechen: 'hie', sprach der geist, 'so kann ich machen, das sie nicht singen, sonder lachen, und auch jr schweigen offt verbrechen. Fischart
dicht. 1, 220, 3487; dasz doch ein grimmes thier abhülffe meinem leben, so nun beflecket ist! ach dasz der hagel nicht herab fällt aus der lufft, und mir die zeit verbricht. Opitz 1, 436;
vgl. mhd. âne verbrechen,
ohne unterbrechung Lexer 3, 82. 77) verbrechen,
verstümmeln, verletzen, besonders in der rechtssprache heimisch, eine rechtlich festgesetzte satzung übertreten. 7@aa)
in älterer zeit wird verbrechen
mit dem gesetzlich verletzten gegenstande als object verbunden, heute unüblich, schon bei Frisch 1, 131
b als veraltet aufgeführt; nur in der bindung mit dem unbestimmten pronomen und gänzlich ohne object hat sich das wort in solcher bedeutung in der heutigen sprache erhalten. ohne begleitendes object: welcher verbricht, ist schuldig dem herrn die busz.
weisthümer 2, 87; item weiset der scheffen eime abt .. zu ein freie fure zu Liesdorf und hat einer verbrochen und keme in die pfond, der sol frei sein, so lange er darein were. 2, 15 (
von 1428);
selten in neuerer zeit: er hielt sich ernstlich vor, dasz ihm und Klotilden die zu weit getriebene schonung eines eifersüchtigen bruders .. vereitelt werde, dasz also ihr absondern so wenig erleichtere, als ihr besuchen verbreche. J. Paul 9, 135; hab ich verbrochen, dasz ich leiden soll? Göthe 9, 193;
mit object: ahd. oba Karl then eid, then er sînemo bruodher Ludhuwîge gesuor, geleistit indi Ludhuwîg mîn hêrro, then er imo gesuor, forbrihchit. Müllenhoff-Scherer
denkm. 180;
mhd. ouch sullin wir den berkwerkin und ixlichem besundern, wo die sind odir fundin werden in den egnant herscheftin und gebiten, den die iz finden und den andirn, die uff berkwerkin sind, ir recht in cheine wis krenkin noch vorbrechin.
Arnstädter urkb. h. v. Burkhardt 107 (
von 1361); dacz sy alle dise rede, stucke und artikele .. unczubruchelichen halden und nommer hindern noch vorbrechen. 120 (
von 1369);
nhd. solchs alles, so wir durch unser heilige keiserliche gewalt und andere heilige gebot befolhen und bestetigt haben, wöllen wir .. unverwandelt gehalten haben. darumb so bezeugen wir .. das keiner solchs zu verbrechen oder zu verstören sich unterstehe. Luther 6, 488; wann ymandt den fridt verpricht. Melanchthon
Römer verdeutscht annot. 9, 63; ein solch bündtnusz, das eure väter verbrochen haben.
haupt. d. h. schr. verdeutscht 88; welcher (
artikel) nicht gehalten, sondern vergessen und verbrochen wird. Reuter v. Speir
kriegsordn. 19; der so offt gelobte bündtnisz verbrochen hette. Frank
chron. 288
b; den bund verbrechen: ihr habt den bund Levi verbrochen,
pactum Levi irritum fecistis. Frisch 1, 131
b; etwas mit einer sache verbrechen: das gesetz wird nicht verbrochen mit böser lust, so lange ich nicht bewillige der lust. Luther 3, 101
b.
part. praet. adjectivisch: wo nicht dazu gethan wird, dasz solcher mord und verbrochener landtfriede möglicher weise gestrafft und entschuldiget wird.
briefe 3, 196.
vom übertreten moralischer gesetze und göttlicher gebote: (
ich) sagt, das sichs in keinem fall ziemen wollt, sein weib zu verlassen und andere zu freien, on so eines dem andern den glauben (
eheliche treue) verbrochen. Luther 3, 412; der jungen widwen aber entschlahe dich, denn wenn sie geil worden sind wider Christum, so wollen sie freien und haben jr urteil, das sie den ersten glauben verbrochen haben.
1. Timoth. 5, 11. 12; hab ich schon dein gebot mit sünden oft verbrochen. J. Rompler
gebüsch d. reimged. 7. 7@bb)
mitunter wird die auf die rechtsverletzung gesetzte strafe object zu verbrechen: fraget der schultheis, so einer uf einem dinglichen tag ungehorsam wäre ausblieben, was derselbige verbrochen habe? darauff sie geantwortet, wann sin dinglicher tag ... welcher alsdann unter den schöffen oder den lehnleuten nicht vorhanden wäre, verbricht der scheffen 40 heller und der lehnmann 20 heller.
weisth. 2, 204 (
Hegweiler, von 1556); was jude schreist du viel: er hat den todt verbrochen! hat er doch noch kein wort darwieder ie gesprochen. P. Fleming 270;
part. praet. mit activer bedeutung: welches halss und handt verbrochne sachen sindt. Reuter v. Speir
kriegsordn. 58. 7@cc)
heute ist es nicht mehr üblich verbrechen
mit einem substantiv zu binden, nur die zusammenstellung von verbrechen
mit pronomina ist verblieben, so etwas verbrechen, nichts verbrechen:
Burrh. sie macht umsonst so fremd ihr ihre missethat.
Agripp. solls der nicht frembde sein, die nichts verbrochen hat? Lohenstein
Agripp. 1, 356; aber dieser (
er winkt auf Jesus) hat nichts verbrochen. Klopstock
Mess. 8, 316; aber so sag denn, sprach der fremdling, was hat er, dasz sie ihn tödten, verbrochen? was er verbrach? sie tödten ihn, weil er den kranken genesung gab. 9, 68; blut kann versöhnen, was das blut verbrach. Schiller
hist.-krit. ausg. 12, 565; daraus ergibt sich klar, was sie, sein sohn thun sollen: gut machen, was der schändliche verbrach. 12, 317 (
Wallenstein 3, 21); doch in einigen minuten hat er das wohl nicht verbrochen. Platen 269; was auch leichter sinn und unbedacht verbrochen, sei bedeckt vom schleier zarter liebe! 345; was ists, o vater, was ich verbrach? Chamisso 3, 20;
der gegenstand des verbrechens durch mit
angefügt: womit haben wir es denn in aller welt verbrochen? Möser
patr. phantas. 1, 188. 88)
reflexiv, sich durch brechen beschädigen, einen bruch sich zuziehen: da sprach die fraw 'es ist zu thewr! umb ein (
matthier) hab ichs (
bocksblut) gekauft noch heur, da sich mein mann verbrochen het und ich jn damit heilen thet. Waldis 123, 75
Kurz; so noch in den heutigen mundarten, z. b. Ostpreuszen Sperber-Niborski
des volkes rede 33. Frischbier 2, 428.
allgemein, sich durch abmühen schaden thun, besonders von geistiger arbeit, vergl. sich (
dativ) den kopf zerbrechen: sie bringen fragen für .. so die sünde schon vergeben sein, was denn die gewalt der schlüssel von nöten sei? und da engsten sie sich und verbrechen sich erst uber und machen die gewalt der schlüssel gar zu nicht. Luther 6, 420
b; hie verbricht sich meisterlich dr. Carlstad und wolt gerne diesen spruch auch zuvor stumpf und matt machen. 3, 73; hie laszt sie antworten, hie laszt sehen, wie sie sich verbrechen wollen, aber sie thuns nicht. 3, 348
b; hieher gehört auch meine gleichnis vom fewrigen eisen aus S. Augustino genomen, an welcher sich die schwärmer fast verbrochen. 3, 487
b. 99)
im rechtsleben, durch rechtsbruch sich strafbar machen; der gegenstand oder die person, die man durch rechtsbruch schädigt, wird durch präposition beigefügt, in: gleich, wie hertzog Hans keinen strafft, in herzog Georgen land gesessen, an den gütern, so doch vom churfürsten zu lehen gehen, also wolt er auch die nicht straffen, so im churfürstenthum sitzen
etc. on so ferne sie in seinen lehen sich verbrechen. Luther 4, 314; (superattendens sol) jn gütlich unterweisen, warinnen er sich verbrochen, geirret, zu viel oder wenig, es sei in der lere oder leben, gethan habe. 4, 349; an etwas, an jemand: das recht lernen, und jedem sprechen, wie man straff, die sich dran verbrechen.
froschmeus. 2, 5, 5 (Kk 4
c);
auf seine verbrannte disputation '
de igne non elemento': weil an dem feuer ich mich, wie man schwermt, verbrochen, hat man mit feuer sich an meiner schrifft gerochen. A. Gryphius (1698) 2, 474; bedencke einmahl, dasz ein sclave, der sich offt an seinem herren verbrochen hat, und von ihm weggelauffen ist, mit demüthiger art und bekäntnis seines verbrechens zurück kehret.
pers. baumg. 9, 19.