vorbrechen,
verb. ,
s.fürbrechen th. 4, 1, 1,
sp. 669;
mhd. vürbrechen
mhd. wb. 1, 240
a; Lexer 3, 585; 592;
prerumpere vorbrechen Diefenbach
gl. 456
b; vorbrechen,
praefringere Stieler 236; für-
et vorgebrochen, ich breche vor
procedo Steinbach 1, 203; Campe. 11)
das verbum hat seinen gebrauch allmählich mehr und mehr eingeschränkt. Campe
kennt es, wie es scheint, nur in enger intransitiver bedeutung: '
mit groszer gewalt und heftigkeit plötzlich zum vorschein kommen, wie auch, auf solche art vordringen'.
allerdings ist zu beobachten, dasz die ältere allgemeinere und gemilderte anwendung gelegentlich bis in die neuzeit nachwirkt (
s. unter c). 1@aa)
sehr häufig in neuerer zeit vom plötzlichen hervortreten und damit verbundenen lebhaften vordringen; von truppen, ihrem führer, von einer menge, doch auch von einem einzelnen: (
dasz) dem feinde doch nicht ursache gegeben werden möchte, ferner nach Schlesien vorzubrechen
verh. d. schles. fürsten u. stände 6, 91; der feldherr aber liesz den grafen von Hohenloh und Delmenhorst auf diese v. Lohenstein
Armin. 2, 1226
a; die reserveschwadron meines übereilt vorgebrochenen und zusammengehauenen regiments Fouqué
gefühle, bilder (1819) 2, 97; Sturmfeder, du bleibst mit deiner abteilung reiter, doch du bist jeden augenblick bereit, vorzubrechen Hauff
w. (1890) 1, 320; wie kein hinterhalt aus dem weidenumbuschten ufer vorbrach Scheffel
w. (1907) 1, 264; in ihrem centrum hatte marschall Canrobert den richtigen augenblick erkannt, um mit aller macht gegen Vionville vorzubrechen Moltke
schr. u. denkw. (1892) 3, 40. 1@bb)
in entsprechender anwendung überhaupt vom sinnlich wahrnehmbaren, wobei in neuerer zeit gewöhnlich das plötzliche hervortreten deutlicher ist als in der älteren; auch die überwindung eines widerstandes oder ein gegensatz kann dabei empfunden werden: ich beytet des liechtes, und die finster die fürbrachent
d. erste d. bibel 7, 209
K. (ich hoffte auffs liecht, und kompt finsternis
Hiob 30, 26); der mond war hinter dem zerfahrenen schneegewölk vorgebrochen W. Alexis
Roland v. Berlin (1840) 1, 292; die sonne brach soeben prächtig vor Eichendorff (1864) 3, 594; durch den aus einer seitenschlucht vorbrechenden nebel Laistner
nebelsagen (1879) 79; wie raast die Hekate! die flammen brechen vor A. Gryphius
trauersp. 96
P.; die zarte anemone, bricht sie aus der knospe vor Tiedge
w. (1823) 4, 9; da nahm der wind, vorbrechend aus den hügeln, sie scherzend meinen händen Immermann 15, 55
B.; zahllose ströme brechen vor Uhland
ged. 1, 245
Sch.-H.; häufig in neuerer sprache von thränen: eine fluth von thränen brach unaufhaltsam vor; die thränen brechen vor A. Gryphius
trauersp. 178
P.; ja trübte vorbrechender thränen thau mir dichtfallend den blick Droysen
Äschylos (1841) 1, 416; habe es versucht, aber die gedanken lassen den schweisz nicht v. Immermann 3, 49
B.; mein wundenmahl bricht vor Lohenstein
Agrippina (1685) 24; was? bricht das grause, höhnische getön durch deine lippen wieder vor? Fouqué
Sigurd (1808) 158. 1@cc)
der freiere und übertragene gebrauch gehört hauptsächlich der älteren sprache an, wobei der eigentliche sinn von -brechen
verblassen kann; im stärkeren sinne bedeutet es: sich hervordrängen, auch wohl sich durchsetzen, mit zurückdrängung von etwas anderm (
s. unter e),
gemildert dann in erscheinung treten, sich zeigen, hervortreten u. ä. Jac. Grimm
hat eine gewisse vorliebe für das wort: (
bauernkinder sind) zu groszen bistumben, hohen ambtern ... furgebrochen
Wilwolt v. Schaumburg 2
lit. ver.; wie dann yetz beschiecht in Teutschlande, dorinn irre lere fürbricht Berthold v. Chiemsee
teutsche theologey 65
R.; dasz aber der namen Underwalden fürgebrochen und der gemein namen des landts Stansz abgangen Tschudi
chron. helvet. (1734
ff.) 1, 72; dieselbigen bedeuten das himmelische gifft (
der sterne), so wirs lassen in uns fürbrechen Paracelsus
op. (1616) 1, 383 a; (
proviantmangel,) welcher überall v. wolte Chemnitz
schwed. krieg 2 (1653), 386; der vorbrechenden rückwirkung (
nach Napoleons flucht aus Ruszland) gesellte volk nach volk sich bei Görres
schr. (1854
ff.) 6, 301; aus der mutter reden und der tochter antworten bricht warme vaterlandsliebe vor Jac. Grimm
kl. schr. 2, 93; zunächst bricht nun dieses poetische element der gesetze in ihrer äuszersten form vor 6, 159; die allenthalben vorbrechenden consonanzen 3, 169; ohne dasz dd vorbräche 3, 144; dasz sie mit nicht ein ernstlich bet mit zuversicht zu gott im himel könden sprechen, dasz er unschuld lasz fürbrechen Liliencron
hist. volksl. 4, 317; wo dann mein ziel vorbricht, vor rechter sterbenszeit Opitz
ged. (1690) 178; dasz neues wesen vorbricht durch die runde George
d. stern des bundes 101. 1@dd)
besonders zu erwähnen ist das v.
mit der rede: Ananyas vorbrichet gnedeclich unde sprichet
Daniel 489; wollte aus rache mit der nachricht v. Jean Paul 1, 98
H. 1@ee) einem v.,
gewalt über jemanden gewinnen: (
hat) darwider ernstlich gebetet und gestritten, das ime die sünde nicht fürbreche Mathesius
w. (1897) 2, 102. —
besonders, sich vor jemanden drängen, ihn zurückdrängen, überwinden, übertreffen u. ä.: dann docter Eck in allen stucken ihm weyt vorbrach Nas
d. antipap. eins u. hundert (1567
ff.) 5, 158
a; das sie andern vorprechen und sie dempffen Mathesius
Sarepta (1571) 153
a; (
jeder) will dem andern v. und ihm zu haupt wachsen Dannhauer
catechismusmilch (1657
ff.) 2, 49. —
zuvorkommen: hertzog Melo konte sich nicht enthalten, anderer besorglichen beystimmungen hiermit vorzubrechen Lohenstein
Armin. 2, 378. 22)
transitiv: 2@aa)
mit dem reflexivpronomen, sich andern vordrängen: dieweil sie die alten vätter, so gefesz gottes h. geists waren, lästern und sich selbs inen fürbrechen Nas
d. antipap. eins und hundert (1567
ff.) 4, 184
b. —
in anderem sinne, sich vorwärts bringen vor anderen: stadt und land hat viel gestriten, wer im kriege mehr erlidten; aber nun liegt an der thür, wie sich städte brechen für Logau
sinnged. 345 (2, 6, 100)
E. 2@bb)
mit anderem objectsaccus.; dem lat. folgend: und sie fürbrachen den Jordan und übergiengen die furt vor dem künig (
et irrumpentes Jordanem)
d. erste d. bibel 5, 207
K. (und machten die furt, das sie das gesinde des königs hinüber füreten
2. Sam. 19, 18). —
technisch, zuvor brechen: die kohle wird ... vorgebrochen (
zur pulverbereitung) Muspratt
chemie (1900) 7, 790;
die käsmilch wird mit '
sauer' vorgebrochen,
auf der oberfläche bildet sich der vorbruch
schweiz. idiot. 5, 335; vorbrechen,
das einkreisen der schweine oder wölfe bei gefallenem schnee in einem dickicht Kehrein
waidmannsspr. (1871) 60;
s. verbrechen 5 a,
th. 12,
sp. 159. — vorbrechen (
wohl = verbrechen)
der münzen: gute, alte münze soll weder zum vorbrechen
noch ins ausland verführt werden verhandl. d. schles. fürsten u. stände 6, 4. 33)
hierzu: als ain gepeltzter pAem, der zwayerlay natur ist und wol oder ubel gerAett, nach
fürbrechung des zweils oder stocks (
je nachdem der stamm oder das pfropfreis das übergewicht nimmt und das wachsthum bestimmt) Berthold v. Chiemsee
teutsche theol. 222
R.